März 3rd, 2020 |
Published in
Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte
In Salzburg-Leopoldskron wurde ein Holocaust-Mahnmal schwer beschädigt. Die Metallskulptur erinnert seit zehn Jahren an die im NS-Lager Maxglan internierten und von dort deportierten Sinti und Roma.
Bislang unbekannte Täter haben das Salzburger Mahnmal geschändet, das unter dem Titel „Niemals vergessen“ im Stadtteil Leopoldskron-Moos an die während der NS-Herrschaft zwangsinternierten Roma und Sinti erinnert. Den Salzburger Nachrichten zufolge hatte eine Anrainerin bereits am 29. Februar gemeldet, dass die Skulptur am Schwarzgrabenweg (Kreuzung Kräutlerweg) gewaltsam und unter großer Kraftaufwendung vom Steinsockel gestoßen worden war. Am Montag wurde auf einer Polizeiinspektion in der Stadt Salzburg auch eine formelle Anzeige eingebracht. Laut Aussendung der Landespolizeidirektion fällt die Tat in die „Zeit zwischen 22. und 29. Februar 2020“. Die Schadenshöhe sei derzeit nicht bekannt. Der heftige Sturm, der letzte Woche in Salzburg für Sachschäden sorgte, kann jedenfalls nach einer Begehung als Ursache ausgeschlossen werden. Das Mahnmal wiegt mehrere Hundert Kilogramm, auch der sich daneben befindliche Baum ist intakt.
Das Denkmal wurde von der „Radiofabrik – das Freie Radio in Salzburg“ vor zehn Jahren im Rahmen eines EU-Projekts zur Aufarbeitung des NS-Anhaltelagers für Roma und Sinti auf einem Grundstück der Stadt Salzburg in der Nähe der Kendlersiedlung in Leopoldskron-Moos errichtet, um an die Internierten des „Anhalte“- bzw. „Zigeunerlagers“ Maxglan zu erinnern. Das Mahnmal wurde als „Hörmahnmal“ konzipiert, die Skulptur wurde vom Salzburger Künstler Zoltan Pap gestaltet. In Kooperation mit erinnern.at haben auch mehrere Schulen und der Verein Ketani an der Erinnerungsarbeit mitgewirkt.
Das „Zigeunerlager“ Maxglan
Das irreführenderweise nach dem unmittelbar angrenzenden Salzburger Stadtteil Maxglan benannte Zwangslager diente den Nationalsozialisten später als Ausgangspunkt für die Deportationen. Die meisten Lagerinsassen wurden in der Folge in Auschwitz-Birkenau ermordet. Read the rest of this entry »
Februar 21st, 2020 |
Published in
Rassismus & Menschenrechte
Trauer um die Opfer des Mordanschlags in Hanau. Rechtsterroristen verlieren jede Hemmung – Rassismus und Rechtsextremismus müssen jetzt entschlossen bekämpft werden
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ist tieferschüttert über den rassistischen Mord an neun Menschen in Hanau. Wie sich jetzt bestätigt, ist unter den Opfern des Mordanschlags in Hanau auch mindestens eine junge Romni, die als deutsche Staatsbürgerin Angehörige der nationalen Minderheit war. Möglicherweise befindet sich auch ein junger Sinto unter den Opfern. Auch unter den anderen Opfern und den Verletzten des Anschlags könnten sich weitere Angehörige der Minderheit befinden.
Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, erklärte : „Der Zentralrat und alle Sinti und Roma in Deutschland trauern mit den Angehörigen um die ermordete junge Frau, die Mutter von zwei Kindern. Wir trauern um sie und um alle Opfer dieses rechtsterroristischen Anschlags.“
„Dieser Anschlag zeigt, daß der Haß, den Rechtsextremisten und deren politische Vertreter seit langem gegen Minderheiten sähen und der in den rassistischen Internet-Foren sich immer mehr verstärkt, tödlich ist. Wie schon bei dem rechtsradikalen Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München im Juli 2016 sind auch in Hanau Angehörige unserer Minderheit unter den Opfern. Read the rest of this entry »
Februar 19th, 2020 |
Published in
Jugend & Bildung, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Zentralrat: Aussagen Orbáns zum Debrecener Segregationsurteil negieren den Rechtsstaat und sind eine Bedrohung für die Demokratie in Ungarn
Anlässlich der alljährlichen Pressekonferenz von Ministerpräsident Viktor Orbán am 9. Januar 2020 stellte Orbán offen ein Urteil des Debrecener Berufungsgerichts in Frage, welches den ungarischen Staat bereits im September 2019 zu Schadenersatzzahlungen für die rechtswidrige segregierte Beschulung von Roma-Kindern im ostungarischen Ort Gyöngyöspata verurteilt hatte. Gegen diese Entscheidung des Gerichts ist die Stadt Gyöngyöspata vor das Oberste Bundesgericht in Ungarn gezogen. Orbán will als Ministerpräsident jetzt direkt Einfluss auf die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes nehmen, indem er in der Frage eine „Nationale Konsultation“ ankündigte, da das Urteil „das Rechtsempfinden der Bürger“ verletzen würde. Dabei suggerierte er in zynischer Verkehrung der Tatsachen, dass nicht die Roma-Kinder die Geschädigten seien, sondern vielmehr die Bürger von Gyönygöspata, die nicht verstehen würden, „dass eine ethnische Minderheit (…) eine stattliche Summe bekommt, ohne irgendwie dafür gearbeitet zu haben“. Die „Nationalen Konsultationen“ der Regierung bestehen aus Fragebögen, die an alle Haushalte in Ungarn verschickt werden und suggestiv formulierte Fragen enthalten, die auf die Bestätigung der Regierungspolitik abzielen.
„Mit diesen Aussagen schürt Viktor Orbán nicht nur in unverantwortlicher Weise Ressentiments gegen die Minderheit. Der Regierungschef rechtfertigt gleichzeitig das staatliche Versagen bei der Durchsetzung einer gleichberechtigten Bildungsteilhabe für Roma in Ungarn“, so der Zentralratsvorsitzende Romani Rose heute. Trotz ihres gesetzlichen Verbots im Jahre 2003 ist die schulische Segregation von Roma-Kindern in Ungarn nach wie vor weit verbreitet. Wenngleich diese Praxis von ungarischen Gerichten mehrfach als verfassungswidrig verurteilt und auch von der Europäischen Kommission gerügt wurde, scheitert die gemeinsame Beschulung häufig am Widerstand der lokalen und nationalen staatlichen Behörden sowie der Lehrer und Eltern aus der Mehrheitsgesellschaft. „Indem Orbán sich jetzt offen gegen das Urteil des Debrecener Berufungsgerichts stellt, legitimiert er diese rechtswidrige Praxis“, so Rose weiter. „Wenn ein Regierungsoberhaupt Anweisung gibt, rechtskräftige Gerichtsentscheidungen nicht zu vollstrecken und gleichzeitig ankündigt, das Urteil der Obersten Gerichtshofes durch eine Volksbefragung ersetzen zu wollen, dann setzt er damit den Rechtsstaat außer Kraft. In einem Rechtsstaat fällen Gerichte ihre Urteile auf der Basis von Gesetzen und nicht auf der Grundlage eines von Rassisten aufgeputschten Volksempfindens“, so der Zentralratsvorsitzende. Read the rest of this entry »
Februar 15th, 2020 |
Published in
Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft
Neue Studie zur Darstellung von Roma in europäischen Lehrplänen und Schulbüchern
In einer ersten Sichtung von Lehrplänen und Schulbüchern für die Fächer Geschichte, Politik- und Sozialkunde sowie Geographie in 21 europäischen Ländern und Kosovo legen der Europarat, der Roma-Education Fonds und das Georg-Eckert-Institut/Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung die Ergebnisse einer gemeinsamen Studie vor. Dabei wurden 850 Bücher daraufhin untersucht, wie häufig Roma in ihnen erwähnt werden, in welchen thematischen Zusammenhängen sie vorkommen und welche Bilder dabei vermittelt werden.
Stereotype Darstellungen von Musikern, Tänzerinnen und ungewaschenen Kindern als Roma, bilden die Normalität. Auch wenn Schulbücher in den meisten europäischen Ländern Roma wenig und in stereotypisierender Form thematisieren, gibt es eine Reihe von Ansätzen, die sich davon abhebt. „Wenn Schulbücher einmal mehr als ein Wort oder einen Satz über Roma beinhalten, dann häufig in Passivkonstruktionen. Das es auch anders geht, zeigt ein ungarisches Geschichtsschulbuch, das nicht nur die Vernichtung von Roma im Zweiten Weltkrieg erwähnt, sondern dabei auch den Namen nennt, den der Völkermord in der Zeit des Nationalsozialismus in der Sprache der Roma, dem Romanes, hat: Porajmos“, erklärt die Bildungsforscherin Prof. Dr. Riem Spielhaus vom Georg-Eckert-Institut.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass Roma vor allem in Überblickskapiteln über die Bevölkerungszusammensetzung oder den Massenmord im Zweiten Weltkrieg erwähnt werden und dabei häufig namenlos bleiben. Nur sehr wenige Schulbücher gehen auf die aktuelle Lebenssituation von Roma ein. Read the rest of this entry »
Februar 4th, 2020 |
Published in
Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte
Der Oberwarter Bombenanschlag jährt sich heuer zum 25. Mal. Die Volksgruppe hat sich seit damals verändert, vieles ist besser geworden.
Roland Pittner, Kurier: „Wenn ich heute dort bei der Romasiedlung runter schaue, sehe ich noch den Gatsch, das Blut und die Hautfetzen“, sagt Tina Nardai. Sie war elf Jahre alt, als eine Rohrbombe vier Oberwarter Roma in der Nacht auf 5. Februar 1995 in den Tod riss. Josef Simon (40), Peter Sarközi (27), Karl Horvath (22) und Erwin Horvath (18) wurden tödlich verletzt. Die Bilder haben sich in Nardais Kopf gebrannt.
Und dieser Tag im Februar war ein Tag, der die Volksgruppe verändert hat. „Wir waren Kinder, es hat niemand mit uns darüber geredet. Es gab kein Kriseninterventionsteam, wir haben damit leben müssen und mit der Angst nach dem Anschlag“, sagt Nardai. Ihre Tochter Alysea ist heute so alt wie sie damals beim Attentat. Sie und ihre Schulkollegen bereiten gemeinsam mit Manuela Horvath vom Romapastoral der Diözese Eisenstadt die Gedenkfeier vor. „Es war totales Chaos in der Siedlung“, schildert Horvath. Sie war zehn Jahre alt, als ihr Onkel am 5. Februar 1995 in der Früh am Rande der Siedlung die vier Leichen entdeckte.
Angst
An die Angst können sich noch alle erinnern, keiner wusste damals, wer für die Bombe verantwortlich war und ob es weitere Anschläge geben würde. „Beim Begräbnis waren vermummte Polizisten mit Gewehren am Dach der katholischen Kirche. In der Zeit danach durften wir nicht mehr ohne Erwachsene draußen spielen“, erinnert sich Horvath. Das Geschehene ganz zu verarbeiten, sei unmöglich. „Es gehört zur jüngsten Zeitgeschichte, diese rassistischen Anschläge kann man nicht einfach streichen. Es war nicht nur die Rohrbombe in Oberwart“, sagt Horvath. Gemeinsam mit den Schülern hat sie die Biografien der Opfer erforscht. Mit einem Film haben die Jugendlichen das Geschehene aufgearbeitet. „Wir haben bei der Gedenkstätte gefilmt und Interviews mit Zeitzeugen des Attentats geführt. Der ehemalige Bischof Paul Iby schilderte uns, wie er diesen Tag erlebt hat“, sagt Alysea Nardai. Die Mädchen machen bei der Volksgruppenarbeit gerne mit.
Veränderung
Dass sie Roma sind, ist für die Jugendlichen ganz normal. „Ich stehe dazu“, sagt Alysea. Read the rest of this entry »
Januar 23rd, 2020 |
Published in
Facts & Figures, Film & Theater, Rassismus & Menschenrechte
Der alte antiziganistische Topos der „kinderstehlenden Zigeuner“ war auch ein beliebtes Motiv des frühen US-Kinos (1905 bis 1910).
(Quelle/PDF)
Januar 15th, 2020 |
Published in
Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisiert Diskriminierung in Strafverfahren in Schleswig-Holstein
Am Landgericht Itzehoe in Schleswig-Holstein wird gegenwärtig gegen mehrere deutsche und polnische Staatsbürger wegen des Vorwurfs bandenmäßigen Kfz-Versicherungsbetrugs verhandelt. Innenminister Herbert Reul soll rassistischen Sprachgebrauch bei den Itzehoer Ermittlungsbehörden untersuchen.
Von der Verteidigung der Angeklagten wurde der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma auf die pauschalierenden und rassistischen Aussagen eines Zeugen, des Kriminalhauptkommissars E. von der Kriminalinspektion Itzehoe aufmerksam gemacht. In seinen Ausführungen bezeichnete der Kriminalbeamte die Angeklagten als „Zigeuner“, deren Familien als „Stämme“, „Sippe“ und die Familienmitglieder als „Stammesangehörige“. Ein derartiger Sprachgebrauch nimmt die Sichtweise des Nationalsozialismus auf, wie sie in den bundesdeutschen Polizeibehörden auch nach 1945 noch über Jahrzehnte gepflegt wurde und mit der durch die Kriminalisierung der gesamten Minderheit die Rehabilitierung der Täter betrieben wurde.
Derart diskriminierende Aussagen eines Polizeibeamten sind in einem rechtsstaatlichen Verfahren nicht hinnehmbar. Es muss hier auch Aufgabe des Gerichts sein, sich gegen eine im Kern rassistische Sprache zu wenden, die von der Itzehoer Polizei ins Verfahren eingebracht wurde. Es besteht insbesondere nach Kenntnis des Zentralrates keinerlei sachlicher Bezug der von der Itzehoer Polizei vorgenommenen ethnischen Kennzeichnung der Angeklagten zu den vorgeworfenen Straftaten. Damit verstößt die Itzehoer Polizei bewusst und gezielt gegen das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes.
Nachdem die Verteidigung den rassistischen Diffamierungen der Angeklagten deutlich entgegengetreten war, sind nach Auffassung des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma jetzt Richter und Schöffen gefordert, eine klare Stellungnahme zu diesen Aussagen zu formulieren.
„Es ist Aufgabe der Polizei, Kriminalität zu verfolgen und zwar ohne Ansehen der Person. Die Gerichte müssen beim Nachweis von Kriminalität entsprechend unseren Gesetzen ihr Urteil sprechen. Die Abstammung von Beschuldigten darf weder von der Polizei noch von den Gerichten als Maßstab für ihr Handeln genommen werden, das ist die zentrale Lehre aus unserer deutschen Geschichte und deshalb grundlegendes Prinzip unserer Demokratie und unseres Rechtsstaates. Read the rest of this entry »
Dezember 13th, 2019 |
Published in
Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Innsbruck hebt Bettelverbot bei „Gelegenheitsmärkten“ auf. Bettellobby fordert Abschaffung weiterer Verbote: Für einen solidarischen Umgang mit Armutsbetroffenen und einen öffentlichen Raum, welcher für alle nutzbar und zugänglich ist
Die Bettellobby Tirol begrüßt die Aufhebung des Bettelverbots bei „Gelegenheitsmärkten“ in Innsbruck. Die Tiroler Landeshauptstadt setzt damit ein Zeichen für ein solidarisches Zusammenleben und einen öffentlichen Raum, in dem sich unterschiedliche Menschen und Gruppen mit- und nebeneinander aufhalten können. Innsbruck soll nicht länger eine Vorzeigestadt der Verbote sein. Mit Bettelverboten werden Menschen bestraft und aus dem öffentlichen Raum vertrieben, weil sie Armut sichtbar machen. Es ist an der Zeit, andere Wege zu gehen und sich von einer Politik der Verbote und einer Kriminalisierung Armutsbetroffener zu verabschieden. Verbote und Bestrafung verschlimmern die Notlagen der Betroffenen und führen zu weiterer Ausgrenzung. Stattdessen braucht es mehr Angebote, die den Betroffenen zugutekommen und Alternativen zum Betteln ermöglichen.
Für die Bekämpfung von Armut sowie eine Verbesserung der sozialen und ökonomischen Handlungsmöglichkeiten armutsbetroffener Menschen
Es gilt, gemeinsam Kräfte zu bündeln, um verstärkt an den Strukturen, die Armut bedingen, zu arbeiten und die Ursachen von Armut statt Armutsbetroffene zu bekämpfen. Dazu bedarf es der Aufhebung weiterer Verbotszonen in Innsbruck (Nächtigungs- und Alkoholverbot), die ebenfalls darauf abzielen, armutsbetroffene Menschen aus dem Blick der Öffentlichkeit zu verbannen. Gefragt ist jedoch auch der Tiroler Landtag, die gesetzlichen Bestimmungen auf Landesebene zu überdenken, welche die Grundlage für das Bettelverbot bei Gelegenheitsmärkten in Innsbruck boten und das vom Österreichischen Verfassungsgerichtshof eingeräumte Recht auf „stilles“ Betteln aushöhlen.
Für ein Ende der Kriminalisierung von Armutsbetroffenen und eine Politik, die sich gegen Verbote, Hetze, soziale Ausgrenzung und Diskriminierung richtet
Die aktuelle Debatte um das Bettelverbot bei „Gelegenheitsmärkten“ in Innsbruck zeigt, dass es Befürwortenden im Gemeinderat nicht um eine sachliche und differenzierte Auseinandersetzung geht. Man bedient sich rassistischer Vorurteile und Unterstellungen wie der Rede von „organsierten Bettlerbanden“, um Stimmung gegen Armutsbetroffene zu machen und Menschen gegeneinander auszuspielen. Read the rest of this entry »
Dezember 9th, 2019 |
Published in
Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
„Re: Die Bettler aus der Walachei. Bedürftige oder organisierte Bande?“
33 Min., BR, Deutschland, 2019
→ Online ansehen, verfügbar bis 22.1.2020
Sie kommen gemeinsam, jeder steuert seine Straßenecke an, legt eine Decke über die Beine und harrt aus – in der Hoffnung, dass Passanten Geld in den Pappbecher werfen. Genauso schnell wie sie gekommen sind, verschwinden sie gemeinsam wieder. Wo gehen diese Menschen hin, wer sind sie, steckt organisierte Kriminalität dahinter?
„Re:“ folgt einer Bettlerin in ihr Romadorf in Rumänien – und stößt auf bittere Armut und Ausgrenzung. Das Dorf ist Teil der EU – und dennoch ein vergessenes Stück Land, zu dem Journalisten kaum Zutritt haben.
Vor Ort stellt sich heraus, wer die junge Frau tatsächlich ist. Ihr Mann sitzt im Gefängnis, sie kann nicht lesen noch schreiben, braucht aber Geld, um ihre baufällige Hütte zu renovieren, ihre Kinder will sie in die Schule schicken, doch der einzige Weg zur Schule ist ein ausgetrocknetes Flussbett, das sich bei Regen in einen reißenden Fluss verwandelt. Und so scheint das Betteln im Ausland als der einzige Weg, sich buchstäblich über Wasser zu halten – und mündet doch nur in einen Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung.
Read the rest of this entry »
Dezember 3rd, 2019 |
Published in
Politik, Rassismus & Menschenrechte
Offener Brief der Bettellobby Wien an Sozialstadtrat Peter Hacker
Sehr geehrter Herr Stadtrat Hacker!
Eine Diskussion um eine härtere Vorgehensweise gegen bettelnde Menschen pünktlich zum ersten Advent überrascht wohl niemanden mehr. Diese Debatte kehrt beinahe alle Jahre wieder. Was uns jedoch überrascht, ist, dass gerade Sie diese Debatte anstoßen, normalerweise ist es der Boulevard oder die politische Konkurrenz. Als Geschäftsführer des Fonds Soziales Wien waren Sie bis vor kurzem noch auf der Seite jener, die um konstruktive Lösungen für soziale Probleme bemüht sind, und haben erfreulicherweise Angebote für armutsbetroffene EU-Bürger*innen geschaffen. Es scheint, dass die SPÖ – wie schon im Wahlkampf 2009/2010 – das Thema wieder einmal für sich entdeckt hat. Damals resultierte die Debatte in der Einführung des Verbotes des „gewerbsmäßigen“ Bettelns, eines Tatbestandes, von dem – trotz vieler Gerichtsverfahren – bis heute nicht geklärt ist, was er denn genau beinhaltet, und der der willkürlichen Bestrafung von bettelnden Menschen Tür und Tor geöffnet hat.
Diejenigen, die Sie als „organisierte Banden“ diffamieren, sind Menschen, die versuchen, ihrer Armut zu entkommen. Es sind Eltern und Großeltern, die ihren Kindern und Enkeln eine bessere Zukunft ermöglichen wollen. Es sind arbeitsunfähige Menschen, die in Wien einige Jahre betteln, bis sie alt genug sind, um in ihrem Herkunftsland eine Pension bekommen. Es sind Menschen, die nicht nur betteln, sondern bei jeder Gelegenheit andere Jobs annehmen, etwa als Erntehelfer*innen. Es sind Menschen mit Behinderungen, die durch Bettelei etwas zum Familieneinkommen beitragen können, anstatt sich nur als Last zu empfinden. Fragen Sie doch Ihre ehemaligen Mitarbeiter*innen in der Wohnungslosenhilfe des Fonds Soziales Wien oder sprechen Sie selbst mit bettelnden Menschen. Sie werden Informationen erhalten, die differenzierter sind als jene, die Sie in den letzten Tagen verbreitet haben. Und Sie werden beeindruckt sein von diesen Menschen und es wird Ihnen in der Folge schwer fallen, sie pauschal zu diffamieren.
Es ist unbestritten, dass manche dieser Personen Belästigungen verursachen. Doch die Vertreibungspolitik à la „Aktion scharf“ der Polizei erweist sich seit Jahren als ineffizient. Bettelnde Menschen werden – völlig unabhängig davon, wie sie sich verhalten – mit hohen Geldstrafen belegt. Werden diese Strafen beeinsprucht, werden sie in vielen Fällen vom Verwaltungsgericht aufgehoben oder reduziert. Doch viele Bettelnde bringen kein Rechtsmittel ein und müssen in der Folge häufig Ersatzfreiheitsstrafen von mehreren Tagen antreten. Read the rest of this entry »
November 29th, 2019 |
Published in
Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Die Bettellobby Tirol begrüßt, dass die getroffene Koalitionsvereinbarung der Innsbrucker Stadtregierung zur Abschaffung der Verbotszonen nun umgesetzt werden soll. Innsbruck soll nicht länger eine Vorzeigestadt der Verbote sein, sondern für ein solidarisches Miteinander stehen.
Anlässlich der heurigen Christkindlmärkte möge die Stadtregierung zuallererst das Bettelverbot bei Gelegenheitsmärkten abschaffen. Entgegen einer christlichen, sozialen und solidarischen Haltung wurden hier die wenigen in Innsbruck präsenten bettelnden Menschen zu einem „erheblichen Missstand“ erklärt und großräumig aus der Innenstadt verdrängt. (Sektorale) Bettelverbotsbestimmungen, Nächtigungs- und Alkoholverbotszonen sind Ausdruck einer Politik, bei der unliebsame, von Armut betroffene Personen im Namen „öffentlicher Sicherheit und Ordnung“ vertrieben, bestraft und letztendlich eingesperrt werden. Sie zeugen von einer Politik, die auf dem Rücken von wirtschaftlich Benachteiligten ausgetragen wird.
Sogenannte „Randgruppen“ werden als Problem für Tourismus, Stadtbild und Konsum dargestellt. Armut und ihre Ursachen bleiben hingegen weitgehend unberücksichtigt und bestehen. Dass derartige Maßnahmen in den letzten Jahren neu eingeführt und verstärkt wurden, ist nicht nur beschämend, sondern auch alarmierend: Menschen, die in massiver Armut leben, werden herabgewürdigt, kriminalisiert und aus dem Blickfeld verbannt. Read the rest of this entry »
November 27th, 2019 |
Published in
Facts & Figures, Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte
Laut deutschem BKA lassen sich 4 von 5 Hasskommentaren (77 %) im Internet dem rechtsextremen Spektrum zuordnen.
(Quelle)
November 25th, 2019 |
Published in
Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
„Ein rassistischer Reißer“: Gutachten über Spiegel-TV-Dokumentation auf Sat 1 sieht antiziganistische Darstellung von Sinti und Roma
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hatte die Produktion von Spiegel-TV schon kurz nach seiner Ausstrahlung bei SAT 1 am 7. August 2019 als „rassistische Diffamierung von Sinti und Roma in Europa“ kritisiert (wir berichteten). Diese Einschätzung bestätigt jetzt das Gutachten von Professor Hajo Funke, denn „dieser Film bedient das Arsenal der Vorurteile gegenüber Sinti und Roma, das in Deutschland auch nach jüngsten Untersuchungen außerordentlich verbreitet ist – in einer Zeit vermehrten Hasses, vermehrter Hetze und vermehrter Gewalt. Er widerspricht allen journalistischen Kriterien von Fairness, Ausgewogenheit und Aufklärung.“ Die Bilder „schüren Angst und potentiell die ohnehin bestehende Gewaltbereitschaft auf der Basis eines entsprechend entfesselten Sozialneids“.
Zu einer angemessenen Thematisierung des strukturellen Antiziganismus in Europa kommt es zu keiner Zeit. Stattdessen ergeht sich der Film in Darstellungen von Kriminalität, vermeintlich fehlender Anpassung und Sozialstaatsmissbrauch und verstärkt so Klischees und Vorurteile gegenüber Sinti und Roma.
Professor Funke bilanzierte, dass die Produktion „gegen eine Kultur der Achtung und Anerkennung von Minderheiten und ihren Schutz gerichtet [ist] und alle Kriterien der Volksverhetzung [erfüllt], und es sollte daher geprüft werden, ob man ein Verbot der Weiterverbreitung erreichen kann.“
Read the rest of this entry »
November 10th, 2019 |
Published in
Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Tatmotiv „Hass auf Roma“: Deutsche vom Kriminalgericht Moabit (Berlin) wegen versuchten Mordes und Körperverletzung verurteilt
RAN: Zu vier Jahren und neun Monaten wurde am 4. November eine deutsche Frau verurteilt. Sie hatte im März 2019 aus rassistischen Gründen eine Roma-Familie mit einem Messer angegriffen. Verurteilt wurde sie wegen versuchten Mordes und Körperverletzung.
Am 23. September begann der Prozess (wir berichteten) gegen die Frau, die in einer Berliner U-Bahn Maria, ihren schwer kranken Mann und ihren Schwager mit einem Messer angegriffen hatte. Maria und ihr Schwager trugen Stichwunden davon und mussten stationär behandelt werden. Bevor die Täterin Maria und ihre Verwandten angriff, hat sie einen Obdachlosen, auch er Rom, angespuckt und rassistisch beleidigt. Nach sechs Verhandlungstagen und der Vernehmung vieler Zeuginnen und Zeugen wurde der Prozess am 4. November mit der Urteilsverkündung abgeschlossen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre und sechs Monate gefordert und als Tatmotiv „Hass auf Roma“ genannt. Das Gericht hat vier Jahre und neun Monate geurteilt. [...]
Read the rest of this entry »
November 2nd, 2019 |
Published in
Rassismus & Menschenrechte
GfbV: Roma-Aktivistin schwer verletzt
Am Abend des 24. Oktober wurde die Roma-Aktivistin Anzhelika Bielova von einem Unbekannten attackiert und schwer verletzt. Der Täter ist auf der Flucht. Bielova leitet die Organisation Lacho Drom, ein Zentrum für Roma-Rechte in der südukrainischen Stadt Zaporizhia. „Wir sind schockiert von diesem offenbar gezielten Angriff auf eine Aktivistin für Minderheitenrechte“, erklärt Jasna Causevic, Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). „Wir erwarten, dass die ukrainische Justiz zügig und entschlossen reagiert. Die Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj muss den Schutz von Minderheiten, insbesondere der Roma gewährleisten. Zivilgesellschaftliche Akteure müssen frei und sicher arbeiten können.“
Die 24-jährige Romni war am Donnerstagabend auf dem Rückweg vom Supermarkt verfolgt und vor ihrer Wohnungstür niedergestochen worden. Nach einer Notoperation liegt sie nun auf der Intensivstation.
Bielova hatte 2017 an einem Austausch zwischen Minderheiten aus der Ukraine und Deutschland teilgenommen, den die GfbV gemeinsam mit der krimtatarischen Organisation DEVAM durchgeführt hatte. Read the rest of this entry »
Oktober 31st, 2019 |
Published in
Facts & Figures, Rassismus & Menschenrechte
EU-weit geben 49 Prozent der Befragten an, Roma würden wohlwollend akzeptiert, in Österreich nur 39 Prozent.
(Quelle)
Oktober 28th, 2019 |
Published in
Facts & Figures, Rassismus & Menschenrechte
Laut einer EU-Umfrage meinen 54 Prozent der Österreicher, dass Roma oft diskriminiert werden.
(Quelle)
Oktober 27th, 2019 |
Published in
Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Jock Palfreeman saß wegen Mordes elf Jahre in einem bulgarischen Gefängnis. Der Australier hatte stets beteuert, in Notwehr gehandelt zu haben, um zwei Roma vor einem rassistischen Angriff zu schützen.
Jungle World: Jock Palfreeman ist frei. Der australische Antifaschist (…) wurde am Dienstag vergangener Woche aus der Haft entlassen. (…) Etwa einen Monat zuvor hatte ein Berufungsgericht in Sofia der vorzeitigen Entlassung auf Bewährung zugestimmt. Der mittlerweile 32jährige war 2009 wegen Mordes und versuchten Mordes zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte nach eigener Aussage im Dezember 2007 in Sofias Innenstadt versucht, zwei Roma gegen eine Gruppe von mehr als einem Dutzend junger Männer zu verteidigen. Bei der darauffolgenden Auseinandersetzung war eine Person ums Leben gekommen. (…) Auf dem erst kürzlich veröffentlichten Videomaterial von Überwachungskameras ist zu sehen, wie eine Gruppe (…) zunächst zwei Menschen verfolgt; anschließend zeigen die Aufnahmen eine Gruppe, die Steine auf Palfreeman wirft und ihn niederschlägt.
Read the rest of this entry »
Oktober 20th, 2019 |
Published in
Geschichte & Gedenken, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Urteil in Straßburg: EGMR verurteilt die Republik Österreich und rehabilitiert die von der Aula diffamierten Mauthausen-Befreiten
Im Sommer 2015 diffamierte ein Artikel der später aufgrund politischen Drucks (aber offenbar nur vorübergehend) eingestellten Zeitschrift Aula Befreite des KZ Mauthausen als „Massenmörder“, „Landplage“ und „Kriminelle“. Herausgegeben wurde das Magazin vom Freiheitlichen Akademikerverband. Ein vom Grünen-Politiker und Zeithistoriker Harald Walser angestrengtes Ermittlungsverfahren gegen die Zeitschrift wurde von der Staatsanwaltschaft Graz Ende 2015 – mit einer von Historikern wie Juristen, und selbst von der Oberstaatsanwaltschaft, massiv kritisierten Begründung – eingestellt – „ein Schlag ins Gesicht der Holocaust-Überlebenden“, hieß es dazu im Standard. Daraufhin haben, unterstützt von Harald Walser, mehrere ehemalige Lager-Häftlinge Klage gegen die Aula eingereicht (wir berichteten).
Walser schrieb damals: „Nun haben jedoch acht ehemalige Häftlinge des Lagerkomplexes Mauthausen Klage gegen die Aula eingereicht. Dem haben sich Rudolf Gelbard (ehemaliger Häftling Theresienstadt) und Caroline Shklarek-Zelman, die Tochter des Mauthausen-Überlebenden Leon Zelmann, angeschlossen. Möglich war dies, weil auch in Folgenummern der Aula und in Briefen an ihre Abonnenten die braune Diffamierungskampagne fortgesetzt wurde.“
Es kam in der Folge zu zwei Verfahren in Österreich. Die Gerichte gelangten aber in dem zivil- und dem medienrechtlichen Verfahren zu unterschiedlichen Schlüssen: Zwar wurde das zivilrechtliche Verfahren zugunsten der Kläger entschieden, nicht jedoch das medienrechtliche. Read the rest of this entry »
Oktober 8th, 2019 |
Published in
Dokumente & Berichte, Einrichtungen, Rassismus & Menschenrechte
Am 1. Oktober stellte die Dokumentationsstelle Antiziganismus (DOSTA) von Amaro Foro e.V. ihren Jahresbericht 2018 vor.
Anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Dokumentationsstelle wird neben der Auswertung der antiziganistischen Vorfälle im Jahr 2018 gleichzeitig ein Blick zurück geworfen auf die Kontinuitäten und Veränderungen antiziganistischer Diskriminierung in Berlin seit 2014. Mit Artikeln zu den Besonderheiten von Antiziganismus als Form des Rassismus, einem umfassenden Rückblick auf die Projektlaufzeit, Chroniken, Interviews und Grafiken werden die konkreten dokumentierten Vorfälle in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext von historischen Kontinuitäten und gesetzlichen Verschärfungen gestellt.
Die Dokumentationsstelle Antiziganismus (DOSTA) von Amaro Foro e.V. hat in den letzten 5 Jahren (2014-2018) 699 antiziganistische und diskriminierende Vorfälle erfasst. Im letzten Jahr (2018) blieb die Zahl mit 161 Vorfällen auf dem beunruhigend hohen Niveau des Vorjahres (2017: 167). Die meisten Fälle werden in den Lebensbereichen „Kontakt zu Leistungsbehörden“ (2018: 77) und „Alltag und öffentlicher Raum“ (2018: 37) dokumentiert. Zu den Diskriminierungsfällen beim Kontakt mit Leistungsbehörden gehören unter anderem die Verweigerung von Dolmetscherdiensten, die Verweigerung von Antragsannahmen und Ausschlüsse von Lebenspartnerinnen aus der Bedarfsgemeinschaft.
Im öffentlichen Raum zeigt sich ein zugespitztes rassistisches Klima und eine Zunahme an Angriffen, Bedrohungen, Pöbeleien und Propagandadelikten, die auf eine Enthemmung und Enttabuisierung rassistischer Einstellungen und Gewalt hindeuten. Die Strafverfolgungsbehörden müssen daher die Erfassung und Dokumentation in Bezug auf rechte, rassistische und antisemitische Gewalt weiter verbessern.
Read the rest of this entry »