Mauthausen-Überlebende klagen „Aula“

Juli 18th, 2016  |  Published in Geschichte & Gedenken, Recht & Gericht  |  1 Comment

Aula: Textauszug (Foto via H. Walser)In einem „Aula“-Artikel (7-8/2015) dif­fa­mier­te Stamm­autor Fred Duswald Befreite des KZ Maut­hau­sen als „Massen­mörder“, „Landplage“ und „Krimi­nelle“. Eine Tä­ter-Opfer-Um­kehr, wie sie sich die Nazi-Scher­gen von einst nicht per­fider hät­ten zurecht­lügen kön­nen. Der Histo­ri­ker und grüne Natio­nal­rats­ab­geord­nete Harald Walser zeig­te Dus­wald und den Chef­redak­teur Martin Pfeiffer darauf­hin an. Heraus­ge­ge­ben wird das Maga­zin vom Frei­heit­li­chen Aka­de­mi­ker­verband; der Autor, der Bur­schen­schaf­ter Fred Dus­wald, ist laut DÖW be­kannt für seine „NS-rela­ti­vie­ren­den“ Ar­ti­kel. Das Ver­fahren wurde von der Staats­an­walt­schaft Graz Ende 2015 je­doch mit einer vor histo­ri­scher Ignoranz und post­nazis­ti­schen Abwehr­refle­xen nur so trie­fen­den Be­grün­dung ein­ge­stellt – „ein Schlag ins Ge­sicht der Holocaust-Über­le­ben­den“, schrieb dazu der Standard. Der Zeithistoriker Bertrand Perz sah hierin sogar die „Fortsetzung der NS-Propaganda“. Selbst im Justiz­minis­te­rium war man fas­sungs­los: Straf­rechts­sek­tions­chef Christian Pilnacek hielt die Ent­schei­dung der Grazer Staats­an­walt­schaft für „un­fass­bar und menschen­ver­ach­tend“; und auch die Ober­staats­anwalt­schaft äußer­te „Be­fremden“. Doch alle recht­li­chen Mög­lich­kei­ten schie­nen aus­ge­schöpft.

Jetzt hat die Affäre, wie Harald Walser auf seiner Web­site mit­teilt, aber doch noch ein ein ju­ris­ti­sches Nachspiel. Acht Mauthausen-Überlebende sagen: „Es reicht!”

Nun haben jedoch acht ehemalige Häftlinge des Lager­komple­xes Mauthausen Klage gegen die Aula ein­ge­reicht. Dem haben sich Rudolf Gelbard (ehe­ma­li­ger Häft­ling There­sien­stadt) und Caroline Shklarek-Zelman, die Toch­ter des Maut­hausen-Über­leben­den Leon Zel­mann, an­geschlos­sen. Mög­lich war dies, weil auch in Folge­num­mern der Aula und in Briefen an ihre Abon­nen­ten die braune Dif­fa­mie­rungs­kam­pagne fort­ge­setzt wurde.

Da ist unter den Klägern beispielsweise Jan Topolewski: Ver­haftet 1944 wäh­rend des War­schauer Auf­standes, führ­te sein Marty­rium von Auschwitz über Mauthausen nach Gusen, wo er am 5. Mai 1945 be­freit wur­de. Seine Mut­ter wur­de in Auschwitz er­mor­det, sein Vater in Maut­hau­sen. Er konn­te nach einem län­ge­ren Kran­ken­haus­auf­ent­halt erst Ende 1946 nach Polen zurück­keh­ren. „Auf­grund meiner per­sön­li­chen Er­fah­rung bin ich ent­rüstet über den In­halt des Ar­ti­kels ‚Maut­hausen-Befreite als Mas­sen­mörder‘ von Fred Duswald. (…) Ich fühle mich per­sön­lich durch die Ver­all­ge­mei­ne­run­gen im Arti­kel be­trof­fen. In mei­nem Empfin­den ist das eine his­to­ri­sche Ver­dre­hung der Ge­schich­te und ver­letzt die Würde der unschul­dig Er­mor­de­ten.“

Oder Pavel Branko, dessen „Kriminalität“ darin be­stand, in der Slowakei po­li­ti­schen Wider­stand gegen das NS-Regime ge­leis­tet zu haben. Er ver­brachte „nur“ die letzten drei Mona­te in der Hölle von Maut­hau­sen und kehrte zehn Tage nach sei­ner Be­freiung von 65 auf 39 Kilo ab­ge­ma­gert nach Bratis­lava zurück: „Meine Em­pö­rung gilt der un­zu­mut­ba­ren Auf­bau­schung und Ver­all­ge­mei­ne­rung, die der Autor des Bei­trags ‚Maut­hausen-Befreite als Massen­mörder‘ Fred Dus­wald der Öf­fent­lich­keit bietet. (…) Massen­mord war die ge­zielte Ver­nichtungs­politik, die das KZ-Sys­tem des Dritten Reiches gegen die Mil­lio­nen von Häft­lin­gen betrieb, wodurch sie Massen­hass er­zeugte. Und noch größere Em­pö­rung er­weckt in mir die Ein­stel­lung des Er­mitt­lungs­ver­fah­rens durch die Staats­anwalt in Graz, die hier­mit der Neo­nazi­szene Vor­schub leistet.“

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Einstweilige Verfügung gegen „Aula“ says:

    August 12th, 2016 at 12:21 (#)

    [...] Harald Walser: Ist es ein juristischer Befreiungs­schlag? Das Landes­gericht für Zivil­rechts­sachen in Graz hat eine „Einst­wei­li­ge Ver­fü­gung“ er­las­sen: Die Zeit­schrift „Aula“ und ihr Au­tor Manfred Duswald dür­fen nicht mehr schrei­ben, im Jah­re 1945 be­freite ehe­ma­li­ge KZ-Häft­lin­ge seien „Massenmörder“ und von der Be­völ­ke­rung als „Landplage“ empfun­den worden. Auch ähn­li­che Aus­sa­gen sind ver­bo­ten. (Zur Vor­ge­schich­te: Maut­hau­sen-Über­le­ben­de kla­gen „Aula“) [...]