Messer-Angriff in der Ukraine

November 2nd, 2019  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Messerangriff auf ukrainische Roma-Aktivistin (Foto: Böttcher/GfbV)GfbV: Roma-Aktivistin schwer verletzt

Am Abend des 24. Oktober wurde die Roma-Ak­ti­vis­tin Anzhelika Bielova von einem Un­be­kann­ten at­ta­ckiert und schwer ver­letzt. Der Täter ist auf der Flucht. Bie­lova leitet die Or­ga­ni­sa­tion Lacho Drom, ein Zentrum für Roma-Rechte in der süd­ukrainischen Stadt Zaporizhia. „Wir sind scho­ckiert von diesem of­fen­bar ge­ziel­ten Angriff auf eine Akti­vis­tin für Min­der­heiten­rechte“, erklärt Jasna Causevic, Re­fe­ren­tin für Genozid-Prä­ven­tion und Schutz­ver­ant­wor­tung bei der Gesell­schaft für be­drohte Völker (GfbV). „Wir er­war­ten, dass die ukrai­ni­sche Justiz zügig und ent­schlos­sen reagiert. Die Regie­rung von Prä­si­dent Wolody­myr Selenskyj muss den Schutz von Minder­heiten, ins­be­son­dere der Roma ge­währ­leisten. Zivil­gesell­schaft­li­che Ak­teure müs­sen frei und sicher ar­bei­ten können.“

Die 24-jährige Romni war am Donnerstag­abend auf dem Rück­weg vom Super­markt verfolgt und vor ihrer Woh­nungs­tür nieder­gestochen wor­den. Nach einer Not­operation liegt sie nun auf der Inten­siv­station.

Bielova hat­te 2017 an einem Aus­tausch zwi­schen Minder­heiten aus der Ukraine und Deutschland teil­ge­nom­men, den die GfbV ge­mein­sam mit der krim­tatarischen Or­ga­ni­sa­tion DEVAM durch­geführt hatte. Das Pro­jekt „Brücken bauen zwi­schen Minder­hei­ten in Deutsch­land und der Ukraine“ wur­de vom Aus­wärtigen Amt ge­för­dert.

Bielovas Ehe­mann ist Anti-Kor­rup­tions-Ak­tivist. Mög­licher­weise soll­te sich die Tat gegen ihn rich­ten. Angriffe auf zivil­gesell­schaft­li­che Akteure gibt es in der Ukrai­ne immer wie­der. Nach An­gaben der Organi­sa­tion Silence Kills, einem Zu­sammen­schluss ukrai­nischer Ak­tivisten, gab es in den letzten zwei Jahren 55 An­griffe auf Jour­nalis­ten, Korrup­tions­be­kämpfer und Aktivisten, die nicht auf­geklärt wur­den. Fünf davon ver­lie­fen tödlich.

Es gibt auch immer wieder Angriffe auf Roma. Am 21. April 2018 ver­trieben Mit­glieder der rechts­extre­men Grup­pie­rung „C14“ 15 Roma-Fa­milien aus ihren behelfs­mäßigen Unter­künften in Lysa Hora, einem Natur­schutz­gebiet in der Nähe von Kiew. Die be­waff­ne­ten Neonazis jagten Eltern, die mit ihren Klein­kindern zu ent­kommen ver­suchten. Auf der Flucht wur­den sie mit Steinen be­worfen. Am 25. April tauch­te ein Video auf, das mas­kier­te Skinheads zeig­te, die Roma-Fa­mil­ien jagten. Sie brannten die Zelte nie­der, in de­nen die Familien not­dürf­tig lebten.

Trotz der Bemühungen der Roma, sich zu integrie­ren und mit Behörden zu ko­operie­ren, ver­lang­ten Nicht-Roma man­cher­orts, ihren Roma-Nach­barn die Nutzung des öf­fentli­chen Nah­verkehrs und den Auf­halten in loka­len Geschäften zu ver­bieten. Der Ver­wal­tung des Holosiyiv-Dist­rikts wur­de 2018 vor­gewor­fen, Roma Sozial­leistungen vor­zu­ent­halten und rechts­extreme Ein­schüch­terungs­taktiken an­zu­wenden. In der Ukraine leben viele ethnische und re­ligiöse Min­der­heiten. Obwohl das Land alle wich­tigen inter­natio­na­len Kon­ven­tionen zum Schutz und zu den Rechten von Min­der­heiten rati­fi­ziert hat, sind sie längst nicht für jede Gruppe an­ge­messen um­gesetzt.

(Text: Jasna Causevic/Gesellschaft für bedrohte Völker)

Siehe auch:
Ukraine: Gefälschter DNA-Beweis?, 11.4.2019
Roma-NGOs verklagen ukrainische Polizei, 30.8.2018
„Systematische Verfolgung“ in der Ukraine, 24.7.2018
Zentralrat: Ukraine muss handeln, 17.7.2018
Ukraine: Ein Toter bei bereits 5. Pogrom, 25.6.2018
Ukraine: Erneuter Angriff auf Roma, 16.5.2018
Presseaussendung zu Pogrom in Ukraine, 9.5.2018
„Viele versuchen, ihre Herkunft zu verschleiern“, 13.12.2017
Roma-Binnenflüchtlinge in der Ukraine, 21.8.2017
Angriff auf Roma-Siedlung in Kiew, 29.4.2017
Roma-Siedlung in Kiew niedergebrannt, 22.4.2017
Pogrom gegen Roma in der Ukraine, 29.8.2016
Ukraine: Gewalt gegen Roma eskaliert, 1.5.2014
Ukraine: Übergriffe auf Roma, 24.4.2014
Roma-Camp in Kiew niedergebrannt, 20.6.2012

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