„Viele versuchen, ihre Herkunft zu verschleiern“

Dezember 13th, 2017  |  Published in Interview, Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte

Tatjana Logwinjuk von Terne Roma (Foto: VolynNews.com)Ukrainische Roma werden von Behörden und Medien diskri­mi­niert – als Folge schot­ten sich Ge­mein­schaf­ten im­mer stär­ker ab. Frank Brendel (jW) sprach mit Tatjana Logwinjuk, der Lei­te­rin der Orga­ni­sa­tion »Terne Roma« (Junge Roma) in Lutsk, Ukraine.

Auch in der Ukraine gibt es eine Schulpflicht, die für alle gilt. Trotz­dem gibt es unter Roma in dem Land etli­che Analpha­be­ten. Wie kann es dazu kom­men?

Als die Ukraine unabhängig wurde, stieg der Anteil der Analpha­beten rapide. Bei den 30-jäh­rigen Roma liegt er bei rund 60 Pro­zent. Die Kinder gehen zur Schule, sitzen aber auf den hin­ters­ten Bänken und lernen kaum etwas. Die Lehrer ma­chen meis­tens die Eltern dafür ver­ant­wort­lich. Aber wie sollen die ihren Kindern hel­fen, die Schule zu bewäl­ti­gen, wenn sie selbst nicht lesen und schrei­ben können?
Als meine Tochter eingeschult werden sollte, wollte keine Leh­re­rin sie in der Klasse ha­ben, bis meine ukrai­ni­schen Bekann­ten dafür bürg­ten, dass man dieses Kind neh­men könne. Aber was soll einer machen, der keine sol­chen Be­kann­ten hat? Und wenn ein Kind aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen stammt und nicht so sauber ist wie an­dere, dann heißt es häufig, es soll lie­ber zu Hause bleiben.

Wie steuern Sie dagegen?

Vor ein paar Jahren gründeten wir eine Versuchsklasse spe­ziell für Roma-Kinder. Das ging nach hin­ten los: Andere Kinder spra­chen von der »Affen­klasse«. Das Min­der­wertig­keits­gefühl der Roma-Kin­der wurde noch ver­stärkt. Dann haben wir Klassen als Vor­berei­tung für den Schul­eintritt ge­grün­det. Aber auf der all­gemein­bilden­den Schule kapseln sich die Kinder weiter­hin ein. Uns fehlt ein Programm zur Aus­bil­dung von demo­kra­tisch gesinn­ten Lehr­kräften, die sich von Stereo­typen über Roma frei machen.

Werden Roma auch in anderen Bereichen schlech­ter be­han­delt?

Wir werden ständig damit konfrontiert. Da gibt es zum Bei­spiel in den Kranken­häu­sern separate Kranken­zimmer. Nur weni­ge wehren sich da­ge­gen, aus Angst, nicht auf­ge­nom­men zu werden. Auf dem Arbeits­markt sind Roma in erster Linie billige Arbeits­kräfte, die schwarz arbei­ten, für die man keine Ab­gaben zah­len muss. Auch Roma, die eine Aus­bildung haben, wer­den nicht ein­gestellt, wenn sich Ukrainer be­werben. Viele sehen des­we­gen gar keinen Sinn darin, über­haupt etwas zu lernen. Ich habe vor­geschlagen, Projekte ins Leben zu rufen, die den Roma helfen, kleine Ge­schäfte zu grün­den, etwa eine Auto­werkstatt, eine Schnei­de­rei usw. Aber dafür gibt es keine Unter­stützung.

Wie verhält sich die Polizei gegenüber Roma?

Es gibt häufig Razzien bei Roma-Familien. Da werden die Persona­lien er­fasst und Handys weg­ge­nom­men. Das ist eine Art Psychokrieg, um den Roma das Gefühl von Unter­­legen­heit ein­zu­impfen. Hö­he­re Polizei­beamte er­lau­ben sich öf­fent­li­che Aus­sagen, dass die Roma krimi­nelle Ele­mente seien.
Tatsächlich begehen Roma keineswegs mehr Straftaten als an­dere. Aber wenn ein Rom eines Ver­bre­chens be­schul­digt wird, sieht man in ihm nicht einen einzel­nen Straftäter, son­dern Medien und Be­hör­den ma­chen häufig ein »Zigeuner­problem« daraus. Dann kommt es schon mal vor, dass ein Dorf­vor­steher Unter­schriften für die Zwangs­aussiedlung der gan­zen Familie oder sogar aller Roma sam­melt. Und die Regie­rung lässt diese Beamten ge­währen, an­statt zu inter­ve­nieren.­

Wie reagieren Roma auf diese Probleme?

Viele versuchen, ihre Herkunft zu verschleiern. Wenn Lehrer, Beamte und Vor­ge­setzte nicht wissen, dass man Rom ist, ist es viel leich­ter, voran­zu­kom­men. Aber ob man mit einer sol­chen Ver­leug­nung mit sich selbst im Reinen bleiben kann?

Welche Alternativen sehen Sie?

Unsere ganze Gesellschaft hat ein Problem damit zu begrei­fen, dass es Minder­heiten gibt, die man zwar nicht lieben, aber respek­tie­ren muss. Dafür müs­sen sich auch die Roma ändern. Man darf nicht hoffen, dass je­­­mand kommt, hilft und tut. Roma schotten sich viel zu sehr ab, des­wegen kennen selbst gebil­dete Men­schen sie nur als barfüßige schwarze Kinder, als Verkäufer von Lutsch­bon­bons oder als Wahrsager und Bettler. Unsere Organi­sa­tion will Roma akti­vieren und der Gesell­schaft zeigen, dass diese Minder­heit viel­seitiger ist als die meis­ten denken. Aber dafür brau­chen wir staat­liche Förder­program­me. Denn im Unter­schied zu anderen Organi­sa­tio­nen natio­naler Minder­heiten, wie Polen oder Deutsche, die Unter­stützung von ihrem Ur­sprungs­land be­kom­men, haben wir nur unsere eige­nen Mittel.

(Text: Junge Welt, 9.12.2017)

Siehe auch:
Roma-Binnenflüchtlinge in der Ukraine, 21.8.2017
Angriff auf Roma-Siedlung in Kiew, 29.4.2017
Roma-Siedlung in Kiew niedergebrannt, 22.4.2017
Pogrom gegen Roma in der Ukraine, 29.8.2016
Ukraine: Gewalt gegen Roma eskaliert, 1.5.2014
Ukraine: Übergriffe auf Roma, 24.4.2014
Roma-Camp in Kiew niedergebrannt, 20.6.2012

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