3. Antiziganismusbericht präsentiert

Dezember 14th, 2017  |  Published in Dokumente & Berichte, Rassismus & Menschenrechte

Antiziganismusbericht 2017 Romano Centro (Hg.):
Antiziganismus in Österreich
Falldokumentation 2015–2017
Informationen für Betroffene und ZeugInnen
Wien, Dez. 2017, 32 S.

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Der Verein Romano Centro präsentierte heute den drit­ten Bericht zu Anti­ziga­nis­mus in Österreich. Er ent­hält 55 anti­ziga­nis­ti­sche Vor­fälle aus den Berei­chen Medien, Politik, Zu­gang zu Gütern und Dienst­leis­tun­gen, Polizei, öffent­li­cher Raum, Arbeits­welt und Bildung. Sie rei­chen von Belei­di­gun­gen bis zu gewalt­täti­gen Über­griffen.

„Antiziganismus ist ein weit verbreitetes Problem. In den letzten Jahren sehen wir europa­weit ein Zu­neh­men rassis­ti­scher Rhetorik von Politi­kern, die damit ihre Popu­la­rität beim Wahl­volk er­hö­hen und gleich­zei­tig Anti­ziga­nis­mus ver­brei­ten und legi­ti­mie­ren“, sagt Mirjam Karoly von Romano Centro, und er­läu­tert weiter: „Wir be­grüßen, dass die Republik Öster­reich die Be­kämpfung von An­ti­ziga­nis­mus als Schwer­punkt in die Roma-Stra­tegie auf­ge­nom­men hat und wol­len mit dem vor­liegen­den Bericht die Öffent­lich­keit sensi­bi­li­sie­ren und den Betrof­fe­nen Mög­lich­kei­ten auf­zei­gen, sich gegen Ras­sis­mus zu wehren.“

Antiziganistische Diskurse in Medien und Politik

Die Berichterstattung über Roma hat in den letzten beiden Jahren ab­ge­nom­men, da­durch gibt es auch weni­ger Berichte, die Vor­urteile ver­breiten. „Dies dürfte vor allem auf die Fokus­sie­rung der Bericht­erstat­tung auf Flücht­linge zurück­zu­füh­ren sein“, er­läu­tert Ferdinand Koller, Re­dak­teur des Berichts. „Trotz­dem kommt es vor allem in den Boulevard­medien häufig zu anti­ziga­nis­ti­schen Dar­stel­lun­gen beim Thema Betteln: Armuts­betrof­fene Fa­mi­lien werden pau­schal als ‚orga­ni­sierte Banden‘ be­zeich­net und in die Nähe der Krimi­na­lität gerückt. Poli­ti­kerIn­nen auf Landes- und Gemeinde­ebene ver­wenden die­selben anti­ziganis­ti­schen Bilder um Ver­trei­bungs­maß­nahmen und unter­las­sene Unter­stüt­zung zu legi­ti­mie­ren“, er­klärt Koller.

In Linz wurden im Februar und März 2016 Brandanschläge auf die Zelte von mehr als 50 obdach­losen Per­so­nen, darun­ter auch viele Kinder, ver­übt. Auch nach­dem deren Unter­künfte zum dritten Mal ab­ge­brannt wur­den, stellte die Stadt keine siche­re Unter­kunft bereit. „Die Anschläge wur­den zwar ver­urteilt, es wurde je­doch gleich­zeitig betont, dass es sich bei den Fa­milien um ‚orga­ni­sierte Banden‘ handle“ kri­ti­siert Koller. Von der Politik be­schlos­sene Maß­nahmen gegen Bettelei sind häufig grund­recht­lich proble­ma­tisch, das gilt beson­ders für die in Ober- und Nieder­österreich ein­geführ­ten Bettler-Datenbanken, in de­nen alle bet­teln­den Per­so­nen er­fasst werden, gleich­gültig ob sie gegen ein Gesetz ver­sto­ßen ha­ben oder nicht.

Hetze im Internet

In Sozialen Medien und Diskussionsforen fallen häufig rassistische und ver­hetzen­de Äuße­run­gen. Die Betrei­ber neh­men ihre Kontroll­funk­tion in vielen Fällen nur un­zu­rei­chend wahr, viele bleiben auch un­tätig, nach­dem rassisti­sche Inhalte gemeldet we­rden. Claudia Schäfer, Geschäfts­füh­re­rin von ZARA meint dazu: „Die große Anzahl an Fällen und die schnel­le und weite Ver­brei­tung von Bot­schaf­ten sind in diesem Bereich eine be­son­dere Heraus­forde­rung. Betrof­fene wis­sen oft nicht um die Mög­lich­keiten gegen diese Art der Hetze vor­zu­gehen. Genau hier setzt un­sere Beratungs­stel­le #GegenHassimNetz an: Wir in­for­mie­ren Betrof­fene über ihre Mög­lich­kei­ten und unter­stüt­zen sie in der wei­te­ren Vor­gehens­weise.“

„Roma Rauss“: antiziganistische Botschaften im öffentlichen Raum

Bedenklich ist der deutliche Anstieg antiziganisti­scher Hass­bot­schaf­ten im öffent­li­chen Raum in Wien. Der Schrift­zug „Roma Rauss“ (sic!) wurde dutzen­de Male auf Werbe­flächen, Wahl­plakate oder Flä­chen in Statio­nen der Wiener Linien ge­schmiert. Auch rot-weiß-ro­te Aufkleber mit ver­hetzen­dem Inhalt wur­den mehr­fach ge­meldet. Romano Centro mel­det diese Vo­rfälle, Magistrate, Wiener Linien oder die Polizei reagie­ren meist prompt und ver­an­las­sen die Entfernung.

Maßnahmen gegen Antiziganismus

Die VerfasserInnen des Berichtes fordern von der Politik ein klares Be­kennt­nis ge­gen Anti­ziganis­mus. „Es ist sehr schwie­rig, Auf­klärungs­arbeit gegen Anti­ziganis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung zu leisten, wenn eine anti­ziganis­tische Haltung von Po­liti­kerIn­nen oder den Medien pro­vo­ziert wird“, so Mirjam Karoly. Der Verein Ro­mano Centro sieht im Be­reich der Sensibilisierung viel Po­ten­zial, aber auch einen ho­hen Be­darf. Irina Spataru be­tont: „Wir brau­chen wesent­lich mehr Sen­sibili­sie­rungs­maß­nahmen in Schulen und für Berufs­grup­pen wie Medien­schaf­fende, Lehr­per­so­nen, Sozial­arbei­terInnen, Polizei­beamte oder An­gestellte der Ver­waltung. Von großer Wich­tig­keit ist auch die Auf­arbei­tung der Ver­folgungs­ge­schichte der Ro­ma/Romnja und Mög­lich­kei­ten für die Bev­öl­ke­rung, darüber Infor­ma­tio­nen zu er­halten.“

Siehe auch:
2. Antiziganismus-Bericht, 29.11.2015
Erster Österreich-Bericht zu Antiziganismus, 5.12.2013

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