Ukraine: Gefälschter DNA-Beweis?

April 11th, 2019  |  Published in Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht

Ukraine VertreibungMassive Unregelmäßigkeiten im Mordprozess gegen Rom in der Ukraine

In der Oblast Odessa ist vor zwei­ein­halb Jah­ren ein klei­nes Mäd­chen ver­ge­wal­tigt und er­mor­det wor­den. Als mut­maß­li­cher Täter wurde ein junger Rom ver­haf­tet. An­schlie­ßend ver­wüs­tete ein auf­ge­brach­ter Mob die Häuser von Roma, wäh­rend die Polizei ta­ten­los zu­sah, und die ge­sam­te Roma-Com­mu­ni­ty wur­de ge­räumt (wir be­rich­te­ten, mehr le­sen). Nun sind berechtigte Zweifel an der Schuld des Mannes aufgekommen und ein Gericht hat geurteilt, dass die Räumung rechtswidrig war.

Anscheinend waren „Beweismittel“, die einen jungen Rom mit einem er­mor­deten Kind in Ver­bin­dung ge­bracht hat­ten, ge­fälscht. Seine Ver­haf­tung hatte zu gewalt­täti­gen An­grif­fen ge­gen Roma in der Oblast Odessa ge­führt.

Das ist nicht das erste Mal, dass Proble­me im Ver­fahren gegen den jungen Mann auf­treten, der sich seit zwei­ein­halb Jahren in Arrest be­findet und sich dort wohl eine Tuber­ku­lose zu­ge­zogen hat. Nun gibt es je­doch Hin­weise auf eine vor­sätz­liche Fäl­schung von Be­weis­mitteln.

Kurz nachdem die achtjährige Angelina in der Nähe ihres Zu­hau­ses in Loschtschyniwka tot auf­ge­fun­den wor­den war, ist der da­mals 21-jäh­ri­ge Mychajl Ch. ver­haftet wor­den. Der junge Mann hatte sein ganzes Leben in dieser Gegend ver­bracht. Je­doch wurde nun die Tat­sache, dass er Rom ist, von An­woh­nern zum An­lass für Aus­schrei­tun­gen ge­nom­men. Dabei wur­den Häuser von Roma zer­stört und Be­wohner ge­zwun­gen zu fliehen. Die Angriffe gin­gen um die Welt – auch da die Be­hör­den auf Sei­ten der An­greifer stan­den und die Roma-Fami­lien „über­zeug­ten“, die Ge­gend zu ver­las­sen.

Der Prozess gegen Ch. begann im November 2017 in Odessa. Bisher wur­den sechs Zeugin­nen und Zeugen auf­ge­rufen, wäh­rend 44 weitere sowie acht Expertinnen und Experten noch gehört werden müssen. Am 14. Februar hat das Gericht Ch.s Haft weiter ver­län­gert, nach­dem ein Zeuge ihm an­schei­nend ein Alibi ge­geben hatte. Am sel­ben Tag, als der Be­scheid kam, gab es eine Zeugen­aus­sage, die ent­schei­den­de Beweise ge­gen ihn in Frage stellt.

Bei Letzterer handelt es sich um die Befragung Ihor Manzoruks, der in dem Fall DNA-Pro­ben unter­sucht hatte. Hier wur­den im Prozess nun mas­sive Un­regel­mäßig­keiten fest­ge­stellt (detail­liert im unten ver­linkten Artikel nach­zu­lesen). Zudem gibt es weite­re Proble­me mit der Anklage gegen Ch. Der Forensiker, der das tote Mädchen zu­erst unter­sucht hatte, kam zu dem Er­gebnis, dass Angelina in der Nacht vom 26. auf den 27. August zwi­schen 22 Uhr und 1:25 Uhr er­mordet wor­den war. Die Staats­anwalt­schaft be­haup­tet hin­gegen, Ch. habe das Ver­brechen um 3 Uhr be­gan­gen, wobei der An­ge­klag­te ein Alibi bis min­des­tens 2:30 Uhr hat.

Tetyana Gerasimova vom Centre for Legal Moni­to­ring hat an­ge­deutet, die Er­mittler könn­ten Aus­sagen aus Ch. heraus­ge­prügelt und den Fall gegen ihn zu­sam­men­geschus­tert haben. Aller­dings sagte sie auch, es gebe In­dizien, die gegen ihn sprä­chen. So sei seine Mütze auf dem Bett des Opfers und die Mord­waffe in seinem Haus ge­funden wor­den. Außer­dem schei­nen Spuren seiner DNA an der Hand des klei­nen Mädchens ge­funden wor­den zu sein – zu­sam­men mit DNA-Spu­ren einer bis­her nicht iden­tifi­zier­ten Person. Die Offen­sicht­lich­keit der ersten beiden Beweis­mittel, die Zweifel an der Echt­heit von DNA-Spuren in dem Fall sowie die Tat­sache, dass von An­fang an keine an­dere Ver­sion als Ch.s Schuld jemals in Be­tracht ge­zogen wurde, ver­deut­li­chen, dass der Fall einer ge­nau­en Unter­suchung bedarf. Es ist Be­sorg­nis er­re­gend, dass – da Ch. so früh ver­haftet wurde und keine andere Spur ver­folgt wurde – nie ande­re DNA-Proben ge­nom­men wurden.

Ch. hatte den Großteil des fraglichen Abends mit Ange­li­nas Stief­vater Olek­sandr M. und eini­gen andevren Leuten ver­bracht. M. hatte aus­gesagt, sie seien in einer Bar ge­wesen und hätten später den Geburts­tag der Freun­din seines Bruders ge­feiert. Dort seien sie bis ge­gen Mitter­nacht ge­wesen und dann wieder in die Bar zurück­ge­kehrt. Unterwegs hätte M. nach den Kindern gesehen. Er habe ge­sehen, dass Ange­lina und ihr jün­gerer Bruder ge­schlafen hät­ten und sei ge­gangen. Ch. sei nicht ins Haus ge­gangen, son­dern habe drau­ßen ge­wartet. Sie seien bis 3 Uhr in der Bar ge­wesen. Da­nach sei M. nach Hause ge­gangen und sei sofort ein­ge­schlafen, da er sehr betrun­ken ge­wesen sei.

Es waren die Ereignisse in Loschtschyniwka nach Angelinas Mord und Ch.s Verhaftung, die gro­ßes, auch inter­natio­na­les Echo fanden. Eine Gruppe von 150 bis 170 Anwohnern setzte ein Ge­bäude von Roma in Brand und ver­wüs­teten meh­rere andere. Ver­mutlich wurde nur nie­mand verletzt, da die Haus­bewoh­nerin­nen und -be­woh­ner recht­zeitig flie­hen konn­ten.

Die Polizei war zahlenmäßig weit unterlegen und Video­auf­nahmen zei­gen, dass sie keine­rlei An­stalten mach­te, ein­zu­schreiten, son­dern nur herum­stand und zu­schaute. Sie for­derte auch keine Ver­stärkung an. Erst nach­dem sich lokale Be­hörden ver­hand­lungs­bereit er­klärt hatten, be­ru­higte sich der Mob. Zu dem Zeit­punkt waren be­reits zehn Häuser zer­stört worden. Es ist nicht bekannt, auf welche Art und Weise die Roma-Com­mu­nity über­zeugt wor­den ist, Losch­tschy­niwka zu ver­lassen. Diese Ver­einba­rung zeigt je­doch, dass die Be­hörden auf Seiten der An­grei­fer standen.

Am 10. August 2018 kam das Verwaltungs­gericht in Odessa zu dem Schluss, dass die Ent­schei­dung, die Roma-Com­munity zu räumen, rechts­widrig war. Die Untätig­keit der Polizei hin­gegen be­fand es nicht für gesetz­widrig und wies auch den Antrag auf Scha­den­ersatz ab. Wahrscheinlich wird die Angelegenheit vor dem Europäi­schen Gerichts­hof für Menschen­rechte landen, der fest­stellen könnte, dass die Ukraine die Rechte der Roma in Losch­tschy­niwka ver­letzt hat und Schaden­ersatz zahlen muss.

Der Text ist eine leicht gekürzte Übersetzung eines Artikels von Human Rights in Ukraine (“The arrest for a child’s murder that sparked anti-Roma riots in Ukraine may be based on faked DNA evidence”).

(Übersetzung: RAN, 4.4.2019)

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