Roma-Doku: Verdacht der Volksverhetzung

November 25th, 2019  |  Published in Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht

Selten fand der Zentralrat so drastische Worte. Und in der Tat duchziehen Bilder wie dieses (etwa bei 04.00) die Sendung. Roma werden mit Unrat, Ungeziefer und Verbrechen verknüpft, Ratten fungieren Leitmotiv die Reportage. (Bild: Screenshot aus der Sendung/Sat1)„Ein rassistischer Reißer“: Gutachten über Spiegel-TV-Dokumentation auf Sat 1 sieht anti­ziga­nis­ti­sche Dar­stel­lung von Sinti und Roma

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hatte die Pro­duk­tion von Spiegel-TV schon kurz nach seiner Aus­strah­lung bei SAT 1 am 7. August 2019 als „rassis­ti­sche Dif­fa­mie­rung von Sinti und Roma in Europa“ kritisiert (wir be­rich­te­ten). Diese Ein­schät­zung be­stätigt jetzt das Gut­achten von Pro­fes­sor Hajo Funke, denn „dieser Film be­dient das Arsenal der Vor­urteile ge­gen­über Sinti und Roma, das in Deutschland auch nach jüngs­ten Unter­suchun­gen außer­ordent­lich ver­breitet ist – in einer Zeit ver­mehr­ten Hasses, ver­mehr­ter Hetze und ver­mehrter Gewalt. Er wider­spricht allen journalis­ti­schen Kriterien von Fairness, Aus­gewo­gen­heit und Aufklärung.“ Die Bilder „schüren Angst und poten­tiell die ohne­hin be­ste­hende Gewalt­bereit­schaft auf der Basis eines ent­spre­chend ent­fessel­ten Sozialneids“.

Zu einer angemessenen Thematisierung des struk­turel­len Antiziganismus in Europa kommt es zu keiner Zeit. Statt­dessen ergeht sich der Film in Dar­stel­lun­gen von Kriminalität, ver­meint­lich fehlen­der An­passung und Sozial­staats­miss­brauch und ver­stärkt so Klischees und Vorurteile ge­gen­über Sinti und Roma.

Professor Funke bilanzierte, dass die Produktion „gegen eine Kultur der Achtung und An­erken­nung von Minder­heiten und ihren Schutz ge­richtet [ist] und alle Kriterien der Volks­verhetzung [er­füllt], und es sollte daher geprüft werden, ob man ein Verbot der Weiter­verbreitung er­rei­chen kann.“

„Medien nehmen eine zentrale Rolle in unserer Gesell­schaft ein und sie haben eine wich­tige Funktion in unserer rechts­staatlich ver­fass­ten Demokratie“, so Romani Rose, Vor­sitzen­der des Zentral­rats Deut­scher Sinti und Roma. Umso be­stür­zen­der ist ein erkenn­barer Trend in den Medien, weit­verbrei­tete Vorurteile in der deut­schen Ge­sell­schaft über Sinti und Roma regel­mäßig zu be­dienen, denn „der­artige Beiträge recht­fertigen und be­stärken dezidiert rechts­extreme Positionen und tra­gen damit direkte Ver­antwor­tung für die zu­neh­mende Gewalt­bereit­schaft in unserer Gesell­schaft“.

Jacques Delfeld, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Sinti und Ro­ma Rheinland-Pfalz, wies auf die Be­schwerde des Zentral­rats Deut­scher Sinti und Roma bei der Lan­des­medien­an­stalt Rhein­land-Pfalz hin, die mo­men­tan ge­prüft wird. „Die Ver­letzung der Per­sönlich­keits­rechte im Film, in dem wieder­holt Per­sonen – auch Kinder – ohne ihre Zu­stim­mung gezeigt werden“, sei be­stürzend.

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland hat­te eben­so eine klare Position be­zogen: „Es ist be­stür­zend und völlig inakzep­tabel, dass SAT 1 aus­gerechnet in einer Zeit, in der Hass und Hetze gegen Minder­heiten in bisher un­bekann­tem Aus­maß ge­äußert werden, einen sol­chen un­differen­zierten und von Vorurteilen strot­zenden Film über Sinti und Roma aus­strahlt. […] Damit be­fördert SAT 1 in un­ver­ant­wort­licher Weise Vorurteile und Ab­lehnung ge­gen­über Sinti und Roma.“

(Text: Marius Lüdicke, Politischer Referent des Zentralrats Deut­scher Sinti und Roma)

Comments are closed.