Salzburger NS-Mahnmal geschändet

März 3rd, 2020  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte

Geschändet: Umgestürztes Sinti-Mahnmal in Salzburg-Leopoldskron (Foto: Radiofabrik)In Salzburg-Leopoldskron wur­de ein Holo­caust-Mahn­mal schwer be­schä­digt. Die Metall­skulp­tur er­innert seit zehn Jah­ren an die im NS-La­ger Maxglan in­ter­nier­ten und von dort de­por­tier­ten Sin­ti und Ro­ma.

Bislang unbekannte Täter haben das Salzburger Mahnmal geschändet, das unter dem Titel „Niemals vergessen“ im Stadtteil Leopolds­kron-Moos an die während der NS-Herrschaft zwangsinternierten Roma und Sinti erinnert. Den Salzburger Nachrichten zufolge hatte eine Anrainerin bereits am 29. Februar gemeldet, dass die Skulptur am Schwarzgrabenweg (Kreuzung Kräutlerweg) gewaltsam und unter großer Kraftaufwendung vom Steinsockel gestoßen worden war. Am Montag wurde auf einer Polizeiinspektion in der Stadt Salzburg auch eine formelle Anzeige eingebracht. Laut Aussendung der Landespolizeidirektion  fällt die Tat in die „Zeit zwischen 22. und 29. Februar 2020“. Die Schadenshöhe sei derzeit nicht bekannt. Der heftige Sturm, der letzte Woche in Salzburg für Sachschäden sorgte, kann jedenfalls nach einer Begehung als Ursache ausgeschlossen werden. Das Mahnmal wiegt mehrere Hundert Kilogramm, auch der sich daneben befindliche Baum ist intakt.

Das Denkmal wurde von der „Radiofabrik – das Freie Radio in Salzburg“ vor zehn Jahren im Rahmen eines EU-Projekts zur Aufarbeitung des NS-Anhaltelagers für Roma und Sinti auf einem Grundstück der Stadt Salzburg in der Nähe der Kendlersiedlung in Leopoldskron-Moos errichtet, um an die Internierten des „Anhalte“- bzw. „Zigeunerlagers“ Maxglan zu erinnern. Das Mahnmal wurde als „Hörmahnmal“ konzipiert, die Skulptur wurde vom Salzburger Künstler Zoltan Pap gestaltet. In Kooperation mit erinnern.at haben auch mehrere Schulen und der Verein Ketani an der Erinnerungsarbeit mitgewirkt.

Das „Zigeunerlager“ Maxglan

Das irreführenderweise nach dem unmittelbar angrenzenden Salzburger Stadtteil Maxglan benannte Zwangslager diente den Nationalsozialisten später als Ausgangspunkt für die Deportationen. Die meisten Lagerinsassen wurden in der Folge in Auschwitz-Birkenau ermordet. Die Namen und Schicksalsverläufe der von Maxglan aus deportieren Sinti- und Roma-Häftlinge konnte der Historiker Gert Kerschbaumer großteils ermitteln (mehr zum Beispiel hier (Stand 2010)/PDF).

Über das Lager schreibt der Salzburger Publizist Christian Strasser: „1940 wurden auf Befehl des Salzburger SS-Sturmbannführers Anton Böhmer 270 Roma und Sinti in Salzburg festgenommen und mit der Errichtung des Lagers in Maxglan beauftragt. In der Zwischenzeit diente das Gelände der Trabrennbahn in Liefering als Sammellager für Roma und Sinti, drei Familien wurden in eine Pferdebox gepfercht. Das zur Gänze umzäunte Sammellager nahm in der Folge die Formen eines konzentrationslagerähnlichen Arbeitslagers (…) an. Die Männer wurde zum Autobahnbau herangezogen, es gab körperliche Misshandlungen. (…) Im Frühjahr 1943 wurden 300 Insassen des Lagers Maxglan auf Anordnung Himmlers nach Auschwitz-Birkenau deportiert und vergast. Ein geringer Teil kam in das Lager Lackenbach.“

Ein Teil der Häftlinge aus Maxglan wurde 1940 und 1941 zwangsweise als exotische Komparsen bei den Dreharbeiten zu Leni Riefenstahls Film „Tiefland“ herangezogen; der Großteil von ihnen wurde später deportiert (mehr hier/PDF, S. 43–45).

Wiederherstellung gesichert

Gegenüber den Salzburger Nachrichten sagte Alf Altendorf von der Radiofabrik: „Das Mahnmal wurde zehn Jahre lang von Anrainern liebevoll gepflegt. Es ist erschütternd, dass so etwas passiert. Wir bemühen uns jetzt, das Mahnmal wieder möglichst schnell in den Originalzustand zu bringen.“ Finanzielle Unterstützung sei hierfür jedoch nicht nötig: „Da wir bereits Spendenangebote zur Wiederherstellung erhalten: das Mahnmal ist versichert. Trotzdem vielen Dank für die Bereitschaft dazu, wir werden uns so schnell wie möglich an die Sanierung machen.“

Vom Lager Maxglan sind heute keine materiellen Spuren mehr vorhanden. Ein Mahnmal wurde allerdings bereits im Dezember 1985 eingeweiht. Es steht in einem kleinen Park direkt an der Salzach am Ignaz-Rieder-Kai – auf dem Areal der früheren Trabrennbahn, wo sich das NS-Lager ursprünglich befunden hatte. Dieses bekannte Denkmal, bei dem auch die Gedenkfeiern stattfinden, wurde ebenfalls vom bildenden Künstler Zoltan Pap gestaltet. Neben den Denkmälern erinnern auch 19 Stolpersteine am Schwarzgrabenweg an die Opfer.

Stellungnahmen

Der Salzburger Netzwerkkoordinator von erinnern.at, Robert Obermair veweist auf vergleichbare Straftaten in der Vergangenheit: „Es ist schrecklich, dass wir in der Stadt Salzburg und ihrer Umgebung ständig wieder mit derartigen ewiggestrigen Zerstörungsaktionen konfrontiert sind. In den letzten Jahren wurden Stolpersteine herausgerissen, das Euthanasiemahnmal zertrümmert und die Gedenktafel für die Goldegger Wehrmachtsdeserteure beschmiert, um hier nur einige wenige Übergriffe zu nennen. Die einzige angemessene Reaktion auf derartig widerwärtige Akte kann nur eine Intensivierung einer aktiven Gedenk- und Erinnerungspolitik sein. Es braucht mehr als bloße Lippenbekenntnisse im Rahmen von Gedenkveranstaltungen, sondern eine klare Kante gegen (neo-)faschistisches Gedankengut und die daraus resultierenden Übergriffe und Denkmalschändungen.“

Der Salzburger Vizebürgermeister Bernhard Auinger und Stadträtin Anja Hagenauer zeigen sich über den Angriff auf das Mahnmal entsetzt: „Die Stadt Salzburg arbeitet schon sehr lange, intensiv und auf vielen Schienen gegen jede Form von Rassismus, Nationalismus, Hass und Ausgrenzung. Wer auch immer hier dieses Mahnmal an grauenhafte Kriegsverbrechen [Anm. d. Red.: es handelt sich um einen rassistischen Völkermord und nicht um Verbechen im Rahmen des Kriegsgeschehens] gegen Sinti und Roma beschädigt hat – ob Vandalen, Neonazis oder andere –, sollte nun dafür auch gerade stehen müssen. Wir tolerieren keine Angriffe gegen unsere soziale Kultur eines wertschätzenden Miteinanders aller Menschen und unterstützen alle notwendigen Maßnahmen, diese Tat aufzudecken und das Mahnmal wieder aufzustellen.“

Auch Bundesministerin Karoline Edtstadler, zuständig auch für die Ausarbeitung einer Strategie zur Bekämpfung aller Formen von Antisemitismus, hat heute Dienstag in einer Pressemitteilung Stellung genommen. Darin heißt es: „Entsetzt müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass dieses Symbol des Gedenkens und der Erinnerung am Wochenende von derzeit noch unbekannten Tätern schwer beschädigt wurde, wie Medien heute berichten. (…) Ich sage daher in aller Deutlichkeit: Angriffe auf Mahnmäler sind Angriffe auf die Menschen, derer wir gedenken. Wir werden nicht zulassen, dass diese Menschen ein weiteres Mal zu Opfern werden.“

(Text: R.U./dROMa)

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