Bettellobby kritisiert Wiener Sozialstadtrat

Dezember 3rd, 2019  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

Polizisten und Bettler in WienOffener Brief der Bettellobby Wien an Sozial­stadt­rat Peter Hacker

Sehr geehrter Herr Stadtrat Hacker!

Eine Diskussion um eine härtere Vorgehensweise gegen bettelnde Men­schen pünkt­lich zum ersten Advent über­rascht wohl nie­man­den mehr. Diese Debatte kehrt bei­nahe alle Jahre wieder. Was uns jedoch über­rascht, ist, dass gerade Sie diese Debatte an­stoßen, nor­maler­weise ist es der Boule­vard oder die politi­sche Kon­kur­renz. Als Ge­schäfts­führer des Fonds Soziales Wien waren Sie bis vor kurzem noch auf der Seite jener, die um konstruk­tive Lö­sun­gen für sozia­le Probleme be­müht sind, und haben erfreu­li­cher­weise Angebote für armuts­betrof­fene EU-Bür­ger*in­nen ge­schaf­fen. Es scheint, dass die SPÖ – wie schon im Wahl­kampf 2009/2010 – das Thema wieder einmal für sich ent­deckt hat. Damals resul­tierte die De­batte in der Ein­führung des Verbotes des „gewerbs­mä­ßi­gen“ Bettelns, eines Tat­bestan­des, von dem – trotz vieler Gerichts­ver­fahren – bis heute nicht ge­klärt ist, was er denn genau be­inhal­tet, und der der will­kür­li­chen Bestra­fung von betteln­den Men­schen Tür und Tor ge­öffnet hat.

Diejenigen, die Sie als „organisierte Banden“ diffamie­ren, sind Men­schen, die ver­suchen, ihrer Armut zu ent­kommen. Es sind Eltern und Groß­eltern, die ihren Kindern und Enkeln eine bes­sere Zukunft er­mög­li­chen wollen. Es sind arbeits­unfä­hige Men­schen, die in Wien einige Jahre betteln, bis sie alt genug sind, um in ihrem Her­kunfts­land eine Pension be­kommen. Es sind Men­schen, die nicht nur betteln, sondern bei jeder Gelegen­heit andere Jobs an­nehmen, etwa als Ernte­hel­fer*innen. Es sind Men­schen mit Behinder­ungen, die durch Bettelei etwas zum Fami­lien­ein­kom­men bei­tragen können, anstatt sich nur als Last zu empfin­den. Fragen Sie doch Ihre ehe­mali­gen Mit­arbeiter*innen in der Woh­nungs­losen­hilfe des Fonds Sozia­les Wien oder spre­chen Sie selbst mit betteln­den Men­schen. Sie werden Infor­ma­tionen er­halten, die diffe­ren­zier­ter sind als jene, die Sie in den letzten Tagen ver­breitet haben. Und Sie wer­den be­ein­druckt sein von diesen Men­schen und es wird Ihnen in der Folge schwer fallen, sie pau­schal zu dif­fa­mieren.

Es ist unbestritten, dass manche dieser Personen Belästi­gun­gen ver­ursachen. Doch die Ver­trei­bungs­politik à la „Aktion scharf“ der Polizei erweist sich seit Jahren als in­effizient. Bet­telnde Men­schen werden – völlig un­abhän­gig davon, wie sie sich ver­halten – mit hohen Geld­strafen belegt. Werden diese Strafen be­ein­sprucht, werden sie in vielen Fällen vom Ver­wal­tungs­gericht auf­ge­hoben oder re­duziert. Doch viele Bettelnde bringen kein Rechts­mittel ein und müssen in der Folge häufig Ersatz­frei­heits­strafen von meh­reren Tagen an­treten. Das ver­schlech­tert ihre Situa­tion noch weiter, weil sie in dieser Zeit kein Ein­kom­men er­zielen können. Und das kos­tet die Steuer­zahler sehr viel Geld, denn der Perso­nal­aufwand der Exe­kutive ist enorm und die Haft in den Polizei­anhaltezentren ver­ursacht eben­falls hohe Kosten.

Die Tatbestände des Wiener Landessicherheitsgesetzes werden von der Polizei so weit inter­pre­tiert, dass alle betteln­den Men­schen bestraft wer­den, un­abhän­gig davon, wie sie sich ver­halten. Dies steht im Wider­spruch zu einem Erkennt­nis des Ver­fassungs­gerichts­hofes, der 2012 fest­gestellt hat, dass Bet­teln in Österreich grund­sätz­lich erlaubt sein muss. Diese Praxis steht außer­dem im Wider­spruch zum ord­nungs­politi­schen Anlie­gen, nur be­stimmte, belästi­gende For­men der Bettelei zu unter­binden. Der­zeit macht es für einen Bettler keinen Unter­schied, ob er sich aggres­siv ver­hält oder nicht. Denn bestraft wer­den sowieso alle, vor allem im Rah­men einer „Aktion scharf“. In vie­len Bera­tungs­gesprä­chen wer­den wir gefragt, wie denn ge­bettelt werden dürfe, ohne dass dies eine Strafe zur Folge habe. Wir kön­nen darauf keine Ant­worten geben, denn unsere Erfah­rung zeigt, dass ältere Frauen, die völlig un­auf­fällig still in einer Ecke sitzen genau­so sank­tio­niert werden wie junge Männer, die Pas­sant*in­nen den Weg ver­stellen und ihnen nach­gehen.

Die momentan laufende „Aktion scharf“ wird das Problem mit durch die Bettelei ver­ursach­ten Beläs­ti­gun­gen eben­so wenig lösen wie jene in den Vor­jahren. Im nächs­ten Advent werden wir diese Debatte viel­leicht nicht führen, weil gerade kein Wahl­kampf ist. Die Situa­tion auf den Straßen wird aber wieder die­selbe sein, und das wird auf ab­seh­bare Zeit auch so bleiben. Nie­mand sollte den Wie­ner*innen daher ver­sprechen, er könne ihnen die Be­geg­nung mit der Armut er­sparen. Mit der Ver­wen­dung von dif­fa­mie­ren­den Sprach­bildern wie „orga­ni­sier­ter Bettelei“ tragen Sie nur dazu bei, noch mehr Ver­unsiche­rung und Ab­lehnung zu ver­breiten.

Die von Ihnen gebilligten Abschiebungen von EU-Bür­ger*innen wurden im Vor­jahr zu Recht kriti­siert, denn viele Per­so­nen wur­den zur Aus­reise auf­ge­fordert, ohne genau zu prüfen, ob ihr Auf­enthalt in Wien recht­mäßig ist. Innen­minis­ter Kickl hat durch diese Vor­gehens­weise hohe Ab­schiebe­zahlen erreicht und seinen Wäh­ler*innen vor­ge­gaukelt, es würde sich um Flücht­linge handeln. Sind Sie für eine er­neute der­artige Vor­gehens­weise oder haben Sie nur nichts da­gegen? Wir hoffen doch sehr, dass zwi­schen Ihnen und Innen­minis­ter Kickl mehr als nur ein „feiner Unter­schied“ besteht.

Es wäre längst an der Zeit, neue Wege zu gehen. An­sätze für Lösun­gen sind in Wien bereits vor­handen, sie selbst waren als ehe­maliger Geschäfts­führer des Fonds Soziales Wien an deren Imple­men­tierung be­teiligt. Ins­beson­dere die vom FSW (und auch ande­ren Trägern) durch­geführ­ten Street­work-An­gebote sowie diverse Anlauf­stellen für armuts­betrof­fene EU-Bür­ger*in­nen bergen unserer Ansicht nach großes Poten­tial. Sozial­arbei­ter*in­nen, die die relevan­ten Sprachen spre­chen, kön­nen bei Kon­flik­ten im öffent­li­chen Raum ver­mitteln und er­klären, was erlaubt ist und was nicht. Dies würde jedoch eine klare Rechts­lage vor­aus­setzen. Sozial­arbei­ter*innen kön­nen Bettelnde darüber hinaus unter­stützen, ihre Lage zu ver­bessern und mit ihnen er­gebnis­offen abklären, ob sie hier in Wien bleiben oder in ihr Her­kunfts­land zurück­kehren. Die Polizei hat Bes­seres zu tun, als sinn­los armen Men­schen nach­zu­stellen. Klare Regeln zu kom­muni­zie­ren wäre wesent­lich ziel­füh­ren­der als Strafen aus­zu­stellen, die die Be­trof­fenen nicht ver­stehen.

Wien feiert sich am 10. 12. wieder als Stadt der Menschen­rechte. Im Um­gang mit betteln­den Men­schen hat sich bis dato nichts ver­bessert. Das muss nicht so bleiben, denn Wien könnte auch in dieser Frage zu einem Vor­reiter werden. Die Frage ist, ob Sie den Mut haben, neue Wege zu gehen oder ob Sie bei Diffa­mie­rung und Ver­trei­bung bleiben, an­statt an Lösun­gen zu arbeiten.

Wir jedenfalls bieten Ihnen unsere Unterstützung bei der Ent­wick­lung neuer Wege an.

Mit freundlichen Grüßen
Die BettelLobby Wien

(Text: Bettellobby Wien)

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