Rassismus & Menschenrechte
März 17th, 2021 |
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Politik, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen
Minderheiten zwischen Allianz und Konkurrenz – das Versprechen einer pluralen Demokratie?
Online-Vortrag und -Diskussion am 25.03.2021, 18:00 bis 19:30 Uhr | →zur Anmeldung
Ankündigung: Die deutsche Bundesregierung wirbt für den Rechtsstaat und das Versprechen einer pluralen Demokratie. Doch vor allem dort, wo selbstbewusste Minderheiten ihr Recht auf Gleichheit und Freiheit einfordern, kommen diese Versprechen an ihre Grenzen. Debatten um die Rechtssicherheit, gleichberechtigte Teilhabe und Zugehörigkeit von Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, sowie Forderungen nach dem Abbau struktureller und symbolischer Ungleichheiten sind zentrale Herausforderungen unserer postmigrantisch geprägten Bundesrepublik.
Wie können gesellschaftliche Minderheitenpositionen erfolgreich Einfluss auf demokratische Prozesse nehmen? Inwieweit können abgrenzende Identitätspolitiken ein Erfolgsmodell sein? Wann braucht es Allianzen, um Ungleichheit und Diskriminierung abzubauen?
Nach einem Impulsvortrag des Antisemitismusbeauftragten des Landes Baden-Württemberg, Dr. Michael Blume, werden Vertreter*innen der drei bundesweiten Kompetenznetzwerke Antiziganismus, antimuslimischer Rassismus und Antisemitismus über diese Fragen sprechen, den Istzustand kritisch reflektieren, aktuelle Herausforderungen diskutieren und gemeinsam mit dem Publikum Zukunftsperspektiven entwickeln.
Die Veranstaltung findet online über Zoom statt. Der Link zur Teilnahme wird davor per Mail verschickt. Anmeldung ab dem 15. März 2021 unter: →www.teilseiend.de
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März 11th, 2021 |
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Internet & Blogothek, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen
Internationale Konferenz von Europarat, Zentralrat, Auswärtigem Amt und dem European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC) vom 10.–11. März 2021
→Zum Programm | → Zum Livestream
Hassrede ist ein globales Phänomen, von dem Sinti und Roma in Europa und weltweit unverhältnismäßig stark betroffen sind. Sowohl in den traditionellen Medien als auch online, insbesondere in den sozialen Medien, sind Sinti und Roma Opfer von diskriminierenden und hasserfüllten Diskursen, Fehlinformationen, Falschdarstellungen und Fake News, die allesamt als Erscheinungsformen von Antiziganismus gelten.
Die internationale Konferenz „Hate speech and Antigypsyism in the Media“, die vom European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC) in Zusammenarbeit mit dem Council of Europe Roma and Travellers Team und dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ausgerichtet wird, hat zum Ziel, das Phänomen der Hassrede gegen Sinti- und Roma- Communities und Einzelpersonen zu untersuchen. Read the rest of this entry »
März 10th, 2021 |
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Rassismus & Menschenrechte
Vor einem Monat erhob der Landesverband Deutscher Sinti und Roma in Baden-Württemberg Vorwürfe gegen die Polizei wegen eines Übergriffs auf ein elfjähriges Kind in Singen (wir berichteten). Nach einem anfänglichen Dementi bestätigte die Polizei, dass es einen solchen Vorfall gab; die Kriminalpolizei hat interne Ermittlungen aufgenommen. Nun berichtet der Landesverband, dass eine weitere Strafanzeige erstattet wurde:
Am 8. März 2021 fand in Singen (Baden-Württemberg) die Vernehmung des elfjährigen Kindes, das am 6. Februar 2021 in Handschellen von mehreren Polizisten abgeführt wurde, und weiteren Zeugen und Zeuginnen statt. Gegen vier Polizisten und Polizistinnen laufen aktuell Ermittlungen wegen Freiheitsberaubung aufgrund einer am 9. Februar 2021 gestellten Strafanzeige. Der Zeugenbeistand Engin Sanli hat nach der richterlichen Vernehmung gegen einen der beteiligten Polizisten eine weitere Strafanzeige wegen Beleidigung und Freiheitsberaubung gestellt.
In einem Hochhaus in Singen hatten zwei Kinder auf einem Balkon im Treppenhaus gespielt. Während der Befragung hatte ein Beamter eines der Kinder, nachdem es seinen Nachnamen genannt hatte, gefragt, ob es von der „Zigeunerfamilie“ sei. Vor dem Haus hatten bereits zwei weitere Beamte zwei Kinder nach deren Personalien befragt. Als die Beamten das Gebäude mit den Kindern verließen, nahmen sie die Personalien der Kinder auf, die unten vor dem Haus spielten. Hierbei wurde eines der Kinder sinngemäß mit den Worten „Einer von den Zigeunern, die kennen wir ja“, „Du kommst eine Nacht hinter Gitter“ und „Der Tod kommt dich holen“ bedroht. Ohne ersichtlichen Anlass führten die Beamten daraufhin einen elfjährigen Jungen in Handschellen ab.
Rechtsanwalt Engin Sanli: „Im Zuge der richterlichen Vernehmung von zwei Zeugen ist bekannt geworden, dass ein Polizeibeamter gegenüber einem weiteren Kind gesagt habe, ob es von der ‚Zigeunerfamilie‘ wäre. Ihm wurde außerdem verwehrt, an das Handy zu gehen, als sein Vater ihn anrief. Die Befragung fand auf einem Balkon im 15. Stock statt. Read the rest of this entry »
Februar 19th, 2021 |
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Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte
Der rechtsterroristische Mordanschlag am 19. Februar 2020 forderte auch Opfer aus der Minderheit der Sinti und Roma. Für Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov und Vili-Viorel Păun war Hanau mehr als nur eine Stadt vor den Toren der Metropole Frankfurt. Hanau war ihre Heimat – ihr Zuhause, genauso wie für rund 96.000 andere Hanauerinnen und Hanauer.
Mercedes lebte dort mit ihrer dreijährigen Tochter und ihrem 17 Jahre alten Sohn. Als sie für sich und die Kinder Pizza holen wollte, wurde sie ermordet. Mercedes wurde 35 Jahre alt. Der 33-jährige Kaloyan kam vor zwei Jahren aus Bulgarien nach Hanau. Er war Vater eines siebenjährigen Sohnes und unterstützte mit seiner Arbeit seine Familie in Bulgarien. In der Bar, in der er gelegentlich aushalf, wurde er erschossen. Vili-Viorel kam im Alter von 16 Jahren aus Rumänien nach Deutschland, weil seine Mutter schwer erkrankt war und sich in Deutschland behandeln lassen wollte. Der junge Mann arbeitete bei einer Kurierfirma. Inzwischen gilt es als erwiesen, dass er den Täter aufhalten wollte, nachdem dieser am ersten Tatort um sich schoss. Vili-Viorel verfolgte ihn daher mit seinem Auto während er erfolglos versuchte, die Polizei zu alarmieren. Am zweiten Tatort in Hanau-Kesselstadt wurde er vom Täter mit drei Kugeln getroffen, als er starb war er gerade einmal 22 Jahre alt.
Mercedes, Kaloyan und Vili-Viorel waren Hanauer – und sie waren Angehörige der Minderheit der Sinti und Roma. Sie waren drei von insgesamt neun Todesopfern, die am 19. Februar 2020 in Hanau einem rechtsterroristischen Mordanschlag zum Opfer fielen. Die Trauer um die Toten schmerzt und lässt auch Sinti und Roma in Angst um ihre Sicherheit zurück.
Der Anschlag war nach dem antisemitischen Anschlag auf die Synagoge in Halle und dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke der dritte rechtsterroristische Anschlag mit Todesopfern innerhalb von zwölf Monaten. Er erschütterte die Zivilgesellschaft vor Ort und weit darüber hinaus. Read the rest of this entry »
Februar 18th, 2021 |
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Medien & Presse, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
Monitor studioM/WDR
17.2.2021 | 01:08:30 Std. | Von Georg Restle
→Video verfügbar bis 18.02.22 | →Audio (mp3)
Ist Rassismus gegen Sinti und Roma ein strukturelles Problem? Welche rassistischen Klischees prägen die Berichterstattung in den Medien?
Die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ hat eine Welle der Empörung gegen den WDR und eine Debatte ausgelöst über Rassismus gegen Sinti und Roma in den Medien und in der Gesellschaft (mehr zum Beispiel hier, hier, hier, hier oder hier). Aus aktuellem Anlass spricht Monitor-Redaktionsleiter Georg Restle daher über Rassismus gegen Sinti und Roma, Rassismus in den Medien und in der Gesellschaft. Seine Gäste sind der Roma-Aktivist Gianni Jovanovic, die Sängerin und Feministin Tayo Awosusi-Onutor sowie Dr. Markus End, Politologe und Antiziganismusforscher an der Technischen Universität Berlin.
(Text und Sendung: WDR)
Februar 16th, 2021 |
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Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
RDL: Polizeihund-Angriff gegen Romafamilie in Deutschland – Entscheidung der Staatsanwaltschaft erwartet
Radio Dreyeckland, 16.2.2021
Fast zehn Monate, nachdem Polizist/innen in Umkirch (Baden-Württemberg) einen Polizeihund auf einen Angehörigen der Minderheit der Roma gehetzt haben, erwartet der Betroffene eine baldige Entscheidung der Staatsanwaltschaft, ob Anklage erhoben wird. Das sagte sein Anwalt Mehmet Daimagüler gegenüber Radio Dreyeckland.
Ende April 2020 war in Umkirch bei Freiburg ein 48-jähriger Mann von einem Polizeihund, laut dessen Bericht auf Befehl des Hundeführers, angefallen und schwer verletzt worden (RDL berichtete). Vorausgegangen war eine Diskussion um eine Lappalie, ein ohne Nummernschild an der Straße stehendes Auto. Der Hund fügte dem Mann so tiefe Bisse zu, dass ihm im Krankenhaus gesagt wurde, er sei nur knapp an einer lebensbedrohenden Verletzung vorbeigekommen. Auch angesichts des brutalen Einsatzes drängt sich der Verdacht antiziganistischer Beweggründe auf. So zeigte sich u. a. auch der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma besorgt.
Die Polizei hatte im Anschluss die übliche reflexhafte Anzeige wegen Widerstands erstattet, doch auch die Familie erstattete eine vollumfängliche Strafanzeige. Nun haben, so Anwalt Daimagüler, alle Familienangehörigen als Zeug/innen ausgesagt. Read the rest of this entry »
Februar 12th, 2021 |
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Einrichtungen, Rassismus & Menschenrechte
In Graz entsteht ein UNESCO-Zentrum zur Förderung der Menschenrechte in Gemeinden und Regionen
Die Errichtung des UNESCO-Menschenrechtszentrums in Graz wurde im Juli 2020 im Nationalrat beschlossen. Das Europäische Trainings- und Forschungszentrum für Menschenrechte und Demokratie (ETC-Graz) wird zu einem Kategorie-II-Zentrum zur Förderung von Menschenrechten auf lokaler und regionaler Ebene. Als Kategorie-II-Zentrum steht das Menschenrechtszentrum unter der Schirmherrschaft der UNESCO und wird Teil des globalen Netzwerks an exzellenten Forschungseinrichtungen zur Umsetzung der strategischen Ziele und globalen Entwicklungsagenden der UNESCO. Das Grazer Zentrum wird, neben jenem in Buenos Aires, das zweite derartige Zentrum weltweit, das sich mit Menschenrechten befasst.
Dieses Menschenrechtszentrum unterstützt eine integrative und gerechte Politikgestaltung durch interdisziplinäre Forschung, Kapazitätsaufbau und internationale Zusammenarbeit und treibt die internationale Menschenrechtsagenda auf lokaler und regionaler Ebene voran. Ein Fokus wird auf die Förderung des interkulturellen Dialogs und die nachhaltige Entwicklung von Städten und Gemeinden gelegt. Dadurch trägt das Zentrum zur Implementierung der Neuen Urbanen Agenda sowie zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) bei.
Für die ersten Jahre wurden drei Schwerpunkte gesetzt: Recht auf Bildung für Romakinder in Südosteuropa, Menschenrechtstrainings für Städte in Afrika und ein „Toolkit for Inclusive Cities in the Arab World“, das bereits im Rahmen des letzten „World Urban Forum“ vorgestellt wurde. Read the rest of this entry »
Februar 10th, 2021 |
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Rassismus & Menschenrechte
Der Landesverband Deutscher Sinti und Roma in Baden-Württemberg berichtet von Polizeiübergriff gegen elfjähriges Kind in Singen:
Am 6. Februar 2021 wurde um ca. 16:30 Uhr ein elfjähriges Kind nach einer anlasslosen Personenkontrolle in Handschellen abgeführt und auf das Polizeirevier in Singen gebracht. Der Verband Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Baden-Württemberg (VDSR-BW) vertritt die Interessen der betroffenen Familie. Sie hat gestern Abend Strafanzeige gestellt und wird anwaltlich von Dr. Mehmet Daimagüler vertreten, der als Nebenklagevertreter in zahlreichen Prozessen, wie z.B. im „NSU-Verfahren“, Opfer politisch motivierter Gewalt vertreten hat.
Zum Hintergrund:
Mehrere Kinder spielten vor dem Wohnort ihrer Großmutter. Zwei Polizeibeamte führten bei ihnen eine Personenkontrolle durch. Das elfjährige Kind, das später in Handschellen auf das Polizeirevier gebracht wurde, gab den Beamten der Singener Polizei sein Alter an. Die Beamten zogen darauf hin ab. Kurze Zeit später erschienen zwei weitere Polizeibeamte und führten erneut eine Personenkontrolle durch. Einer der zwei Beamten sprach das Kind in gebrochenem Romanes an. Bereits aus diesem Umstand wird deutlich, dass die Beamten das Kind der Minderheit der Sinti und Roma zuordneten. Hierbei wurde das Kind sinngemäß mit den Worten:„Einer von den Zigeunern, die kennen wir ja“, „Du kommst eine Nacht hinter Gitter“ und „Der Tod kommt dich holen“ bedroht. Die Polizeibeamten durchsuchten das elfjährige Kind und fanden ein kleines Klappmesser. Das Kind erklärte, dass es dieses bei sich trüge für Arbeiten im Garten.
Die Mutter und der Vater der anderen Kinder hatten bereits versucht die Kinder telefonisch zu erreichen, um sie zum Essen nach Hause zu holen. Die Beamten verboten den Kindern, an ihre Handys zu gehen. Sie legten nun dem Kind, das sie durchsucht hatten, Handschellen hinter dem Rücken an. Das Kind flehte die Beamten an, seine Mutter benachrichtigen zu dürfen, die sich nicht weit entfernt in der Wohnung aufhielt. Es wies die Beamten auch darauf hin, dass es wegen eines kurz zuvor erlittenen Unfalls drei angebrochene Rippen hätte und an Asthma leide. Read the rest of this entry »
Februar 2nd, 2021 |
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Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ zeigt, wie tief Antiziganismus in der Gesellschaft verwurzelt ist
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisiert scharf die von Steffen Hallaschka moderierte Sendung „Die letzte Instanz“, die vom WDR am 29. Januar 2021 ausgestrahlt wurde. In der Sendung wurde unter anderem die Frage zu Diskussion gestellt „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“
Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats, sagte:
Mit Fassungslosigkeit habe ich registriert, dass zwei Tage nach dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, an dem der 500.000 in Europa ermordeten Sinti und Roma gedacht wurde, es sich vier Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft anmaßen, darüber zu urteilen, ob eine von der Minderheit als beleidigend abgelehnte Fremdbezeichnung im deutschen Sprachgebrauch ihre Berechtigung habe oder nicht. Die „letzte Instanz“ bei dieser Frage sind die Betroffenen, deren Meinung in der Sendung jedoch nicht gehört wurde. Diese Sendung erweckt den Eindruck, sie wolle mit Antiziganismus und dümmlichen Auftritten Quote machen.
Dass der Westdeutsche Rundfunk sich nach öffentlichem Druck für die dreiste und populistische Machart der Sendung entschuldigte, ändert nichts an der Tatsache, dass in großen Teilen der Medienlandschaft keinerlei Bewusstsein für den in der Gesellschaft weitverbreiteten und gewaltbereiten Antiziganismus vorhanden ist. Gleichzeitig stellen wir fest, dass in den sozialen Medien die Kritik an dieser Sendung, zumal von jungen Menschen, sehr deutlich geäußert wird – eine positive Entwicklung, die auch gegen die zunehmenden Hass-Kommentare im Internet steht.“
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma empfindet es als unverschämt und beleidigend, wenn in der Sendung billige Witze auf Kosten einer Minderheit gemacht werden, ohne dass die Moderation in irgendeiner Form eingreift. Vielmehr hat der Moderator Hallaschka Diskutanten durch die Art der Zwischenfragen dazu gedrängt, ihre Aussagen auf Kosten von Minderheiten noch zu verschärfen. Dies ist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk absolut inakzeptabel. Hinzu kommt, dass bereits der Einspieler zur Sendung genau die antiziganistischen Aussagen aufgenommen hat, die von den Diskutanten später wiederholt wurden und die Sendung gezielt auf diese ausgerichtet wurde. Read the rest of this entry »
Januar 26th, 2021 |
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Facts & Figures, Rassismus & Menschenrechte
70 % der befragten Roma in den USA geben an, ihre ethnische Identität in der Regel zu verbergen, um Diskriminierung zu vermeiden.
(Quelle/pdf)
Januar 25th, 2021 |
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Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Urteil gegen die Schweiz: Haftstrafe wegen „stillen Bettelns“ war menschenrechtswidrig
In seinem Urteil vom 19. Jänner (Lăcătuş gegen Schweiz [Appl. no. 14065/15]; Pressemitteilung, Legal Summary) hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) der Beschwerde einer rumänischen Romni (28) Recht gegeben, die in der Schweiz wegen „stillen Bettelns“ bestraft wurde. Die Frau hatte seit 2011 im öffentlichen Raum in Genf trotz bestehenden Verbots gebettelt. Sie berief gegen die wiederholten Strafverfügungen der Polizei. Anfang 2014 wurde sie vom Genfer Polizeigericht daraufhin zu einer Geldstrafe von 500 Franken verurteilt; eine kleinere Summe, die ihr bei einer Polizeikontrolle abgenommen wurde, wurde einbehalten. Weil die mittellose Frau die Strafsumme nicht zahlen konnte, wurde sie im März 2015 fünf Tage lang ersatzweise in Haft genommen.
Die Straßburger Richter urteilten nun, dass diese Strafmaßnahmen nicht verhältnismäßig seien und somit die Grundrechte der bettelnden Frau verletzten: ”The Court observed that this was a severe sanction. A measure of this kind had to be justified by sound reasons in the public interest, which had not been present in this case.“ Die Schweiz ist nun verpflichtet, der jungen Frau umgerechnet rund 920 Euro an Schadenersatz zu zahlen.
Recht, ihrer Not öffentlich Ausdruck zu verleihen
Die Richter folgten somit nicht der Rechtsauffassung des Schweizer Bundesgerichts, dass weniger restriktive Maßnahmen nicht ausreichend effektiv seien. Angesichts ihrer prekären Lebenssituation, so der EGMR, habe die Frau aufgrund ihrer Menschenwürde das Recht, ihrer Not öffentlich Ausdruck zu verleihen und zu versuchen, ihre existenziellen Bedürfnisse durch Betteln zu decken:
Begging constituted a means of survival for her. The Court considered that, being in a clearly vulnerable situation, the applicant had had the right, inherent in human dignity, to be able to convey her plight and attempt to meet her basic needs by begging.
Insbesondere rügte das Urteil die pauschale Kriminalisierung des Bettelns: Read the rest of this entry »
Januar 15th, 2021 |
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Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen
Online-Event mit Sani Rifati am 16.1.2021
→Stream ab 18 Uhr auf Facebook
Roma Antidiscrimination Network (RAN): Zu den bis heute gravierendsten Folgen des Kosovokriegs gehört die Vertreibung fast sämtlicher Roma aus der Region. Nach mehr als 600 Jahren wurden 150.000 Roma vertrieben und ihres Besitzes beraubt. Der Erste, der bereits vor über zwanzig Jahren die Vertreibung und Flucht der Roma publik gemacht hat, war Sani Rifati. Rifati ist Vorsitzender von Voice of Roma (USA) und lebte seit 1993 in den USA. Zunächst in Jugoslawien und schließlich in den USA hat er eine Karriere als Drummer, Sänger, Tänzer und Tanzlehrer gemacht und setzt sich für den Erhalt der traditionellen Musik, Lieder und Tänze der Roma ein und hat an zahlreichen Universitäten unterrichtet. Read the rest of this entry »
Dezember 21st, 2020 |
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Dokumente & Berichte, Jugend & Bildung, Politik, Rassismus & Menschenrechte
Neuer ECRI-Bericht kritisiert Slowakei
European Commission against Racism and Intolerance / Council of Europe (ed.): ECRI Report on the Slovak Republic. Sixth monitoring cycle (adopted on 1 October 2020), Strassbourg, 8 December 2020 →Download (pdf)
I antirasismus komisijona le europitike rotistar (European Commission against Racism and Intolerance/ECRI) ando 8to decemberi – pal schov berscha – pro nevo thaneskero pisinipe pedar i Slovakija angle baschlartscha. Jek centrali kritikakero punkto ande hi o mindig aun likerdo teldschuminipe le Romendar ando sikadipeskero koja. Jefkar buter o pisinipe o mangipe sikal, hot o argranicalipe le Romengere-tschavendar ande bibastaleder Romengere-ischkoli, kisetim te ol. Aja etnischi segregacija ando putrimo ulajipe le ischkolakere schprengelendar duach o lokali birovotschage dim hi. Te ada na kisetim ulo, akor iste i regirung lendar aja kompetenca bejg lel. Butvar kritisirim ol i praksis, kaj saste Romengere-tschave mindschart andi sonderschul, savi le godakere nasvale tschavenge hi, and dim on. Roma andi Slovakija pantschvar buteder ande asaj ischkoli peren, sar avre tschave. Peder ari mangel i ECRI, hot o Romengere-tschave feder sikade te on, angloda on andi ischkola phiren. Tschave, save Romani vakeren, imar ande anglutne ischkoli, i slovakitiki tschib te siklon. Vaschoda le meschterkijen taj meschtertschen schpecijeli arsiklipe hi, taj te ajgeni sikajipeskere materijaltscha iste kerde ovnahi. Ojs positivi o pisinipe o aunterdscharipe le Romengere-ischkolakere asistentendar taj o sikajpeskero pomoschago ande grupnakere-centren, angle asdija. O financirinipe upre jek dugi cajt iste delahi.
Die Antirassismuskommission des Europarats (European Commission against Racism and Intolerance/ECRI) hat am 8. Dezember – nach sechs Jahren – ihren neuen Länderbericht über die Slowakei vorgelegt. Ein zentraler Kritikpunkt darin ist die fortdauernde Benachteiligung von Roma im Bildungswesen. Einmal mehr wiederholt der Bericht die Forderung, die schulische Ausgliederung von Roma-Kindern in schlechter ausgestattete Roma-Schulen zu beenden. Read the rest of this entry »
Dezember 17th, 2020 |
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Interview, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
Interviews: Roma auf den Straßen Freiburgs
Radio Dreyeckland, 15.12.2020 (8:39 min)
→Anhören (mp3)
Im Winter ist das Leben auf der Straße hart und jeder Tag ist eine Herausforderung. Neben marginalisierenden Vorurteilen kommt es oft auch zu unbequemen Begegnungen mit den örtlichen Autoritäten. Das freie Radio Dreyeckland hat in Deutschland mit drei Männern aus Rumänien gesprochen. Sie sind Roma und leben in der Freiburger Innenstadt. Über sie wurde in Freiburg in diesem Jahr immer wieder diskutiert. Hier kommen die, die ansonsten keine Stimme bekommen, selber zu Wort. Im Gespräch erzählten sie uns unter anderem von ihrem Leben auf der Straße im Coronawinter 2020.
(Text und Sendung: rdl.de)
Dezember 14th, 2020 |
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Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, dROMa (Magazin)
Ein Bilderroman aus Italien
Beinahe wäre Davide Reviati mit diesem Comicband ein meisterhaft gezeichnetes und erzähltes Glanzstück dieses Genres gelungen. Doch er verknüpft die Erinnerungen an eine italienische Jugend mit der Geschichte der Roma. Einem Thema, dem die Erzählung dann doch nicht ganz gewachsen ist.
Es ist ein Buch voller Schatten, flirrender Traumgebilde, unsicherer Böden. In der Graphic Novel des italienischen Zeichners Davide Reviati, die nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, fließen Realismus und albtraumhafte Sequenzen unentwegt ineinander. Und nicht immer ist klar, wo das eine endet und das andere beginnt.
In dem fast 600 Seiten starken Buch erzählt Reviati eigentlich gleich zwei Geschichten: Da ist zum einen die autobiografisch inspirierte Schilderung eines Heranwachsens in der norditalienischen Provinz, irgendwann in den 1960er oder 1970er Jahren, in einer kleinen Ortschaft, wo die Kinder auf den Feldern herumtollen und die Jugendlichen die Zeit mit Gin und Joints totschlagen. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Berufsschüler Guido, Grisù und Katango, die mit ihrem Leben nichts recht anzufangen wissen. Im Unterricht lassen sie sich nur selten blicken, stattdessen kiffen sie unten am Fluss, ziehen durch die Dorfdiskos oder spielen Billard in der Bar.
Ist doch scheißegal
Und da ist zum anderen die Geschichte der spannungsgeladenen Begegnungen mit einer Roma-Familie aus Slowenien, die sich am Ortsrand in einem verfallenen Bauernhaus niedergelassen hat. Im Dorf selbst will man von den „Zigeunern“ nichts wissen. Man kennt einander, aber man hält sie auf Distanz, verweist sie unwirsch auf ihren Platz, draußen vor dem Dorf. „Mehr weiß ich nicht, und das ist noch zu viel“, konstatiert der Erzähler einmal: „Ist doch scheißegal. Zigeuner eben, was braucht man da zu wissen?“
Viel erfährt man auch vom Roma-Mädchen Loretta nicht. Sie begegnet den Lesern immer nur aus der Perspektive der Jugendlichen, die ihr mal verächtliche, mal begehrliche Blicke hinterherwerfen. Read the rest of this entry »
Dezember 12th, 2020 |
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Internet & Blogothek, Interview, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
Falter Radio #436:
Das moderne Selbstbewusstsein von Sinti und Roma
Folge vom 12.12.2020
→Anhören (45 min)
Rund 12 Millionen Sinti und Roma leben in Europa. Seit vielen hundert Jahren sind die Volksgruppen hier zu Hause, und dennoch werde sie weiterhin oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Im Oktober hat die EU-Kommission einen neuen Zehnjahresplan zur Unterstützung der Roma und Sinti auf den Weg gebracht. Wo gibt es auf politischer Ebene noch Handlungsbedarf? Und welche Rolle spielt die Sprache und die Erinnerung an den Holocaust in der modernen Identität von Roma und Sinti?
Im „Falter Salon“, dem Podcast für Stadt und Kultur, kommen Mirjam Karoly vom österreichischen Volksgruppenbeirat der Roma, Schriftsteller Samuel Mago, Sängerin Dotschy Reinhardt und Antiziganismus-Forscher Frank Reuter im Gespräch mit Anna Goldenberg zu Wort. Diese Episode entstand in Zusammenarbeit mit dem Verein Voice of Diversity. Read the rest of this entry »
Dezember 10th, 2020 |
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Internet & Blogothek, Kunst & Fotografie, Musik, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen
Eröffnung: „Diaspora Europa“ zum Tag der Menschenrechte
→Live-Stream, 10.12.2020, 18:30–19:20 Uhr
Am 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, lädt das European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC) zusammen mit der Volksbühne Berlin zur Eröffnung des Festivals „Diaspora Europa“ und zur Verleihung des Deutsch-Französischen Preises für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeiteein. Aus der Volksbühne werden die Eröffnungsreden und eine Preview auf das „Sinti_ze Jazz“-Konzert live übertragen.
Diaspora Europa:
Online am 10.12.2020 und 27.01.2021. Kuratiert von Shelly Kupferberg und Tímea Junghaus, in Kooperation mit dem European Roma Institute for Arts and Culture e. V. (ERIAC)
Allesamt haben sie eine Geschichte in Europa und sind Teil und Kultur dieses Kontinents. Doch gleichermaßen vereinen sie auch Ausgrenzung, Differenzerfahrungen, Verklärung und Diffamierung: „Diaspora Europa“ vereint unterschiedliche zeitgenössische Perspektiven von Romnja und Roma, Sintezze und Sinti und Jüdinnen und Juden auf das Hier und Jetzt.
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Dezember 8th, 2020 |
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Film & Theater, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft
Radmila Mladenova et al. (Hrsg.): Antigypsyism and Film / Antiziganismus und Film, Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2020.
Der von Radmila Mladenova, Tobias von Borcke, Pavel Brunssen, Markus End und Anja Reuss herausgegebene Band „Antigypsyism and Film / Antiziganismus und Film“ ist im Buchhandel erschienen und auch online als pdf erhältlich und kann als html-Version gelesen werden: →zum Buch
Der Band dokumentiert die internationale Fachtagung, die der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Kooperation mit der Gesellschaft für Antiziganismusforschung vor der Berlinale im Februar 2018 in Berlin durchgeführt hatte (wir berichteten). Unmittelbarer Anlass war die Ausstrahlung des Films „Nellys Abenteuer“, den der Zentralrat als massiv antiziganistisch kritisiert hatte, der aber gleichwohl von KIKA und SWR gesendet wurde (mehr hier und hier).
Zum Tagungsband: Antiziganismus ist für das europäische Auge so normal, dass kaum jemand auf die Idee gekommen ist zu fragen, warum ‚Zigeuner‘ im Film immer, metaphorisch oder nicht so metaphorisch, als ,schwarz‘ dargestellt werden sollten. Zigeunerfeindlichkeit ist für die Leinwand so selbstverständlich, dass Filmemacher nicht zögern, ihre Wahl mit dramaturgischen Argumenten zu rechtfertigen. Read the rest of this entry »
Dezember 5th, 2020 |
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Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, dROMa (Magazin)
Jek kipengeri kenva andar i Italija
O Davide Reviati adala komikakera kenvaha bojd jek barikano cajchnimo taj phukado falato adale kojastar schofintschaha. Ham ov o palgondoliniptscha upre jek italitiko ternipe la historijaha le Romendar khetan gombosintscha. Jeka temake, savake o phukajipe na bartschim hi.
Jek kenva pherdi hischenca hi, uduane sundikipeskere kojenca, bibastale phuvenca. Andi Graphic Novel le italitike cajchneristar Davide Reviati, savi akan te ando nimtschko prikbescharipe angle paschlol, o rejalismus taj o bibastale sudikipeskere sekvenca khetan fojinen. Taj na mindig nan dschando, kaj o jek kisetinel taj o kija kesdinel.
Andi bojd 600 riktschengeri sorali kenva, o Reviati mindschart duj historiji phukal: Ada hi upri jek rik jek o autobijografischi inspirirti phukajipe jeke upre bartschojipestar andi norditiki italitiki provinca, valakada ando 1960te vaj 1970te berscha, ande jek tikno gav, kaj o tschave upro mesuji pumen khelen taj o terne pumari cajt le dschiniha taj le tschojntenca mule tschalan. Ando maschkarutno punkto terdschon o butjakere ischkolaschtscha Guido, Grisù taj Katango, save pumare dschivipeha na tschatschikan valaso te kesdinel dschanen. Ando sikajipe tschak igen tschule aun te dikel pumen muken, on merescheder telal usi len kifinen, duach o gaveskere diskos ciden vaj billard ando mojakero khelen.
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November 29th, 2020 |
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Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht, Wissenschaft
Der antiziganistische Angriff in Erbach-Dellmensingen – Analyse in der neuen Leipziger Autoritarismus-Studie
Chana Dischereit: Antiziganismus im Ländle: Ein Bericht aus dem laufenden Prozess am Landgericht Ulm, in: Oliver Decker/Elmar Brähler (Hg.): Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie 2020, Gießen 2020, S. 353–378.
Der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg (VDSR-BW) hat an der gerade erschienenen „Leipziger Autoritarismus-Studie 2020“ (→pdf-Download) mitgewirkt. Teil der Studie ist eine umfangreiche Analyse des antiziganistischen Anschlags in Erbach-Dellmensingen in der Nähe von Ulm. Der Prozess vor dem Landgericht Ulm ist Ende September 2020 zu Ende gegangen. Die fünf Angeklagten wurden in 45 Fällen zu gemeinsamer schwerer Nötigung nach dem Jugendstrafgesetz verurteilt. Der Staatsanwalt hatte eine Verurteilung wegen versuchten Mordes gefordert. Es war eines der ersten Strafverfahren in Deutschland überhaupt wegen Vertreibung. Die Analyse der VDSR-BW-Mitarbeiterin Chana Dischereit zeigt den alltäglichen Antiziganismus in der Mitte der Gesellschaft auf. Diese Einstellung kann in Gewalt umschlagen. In Erbach-Dellmensingen fühlten sich junge Menschen dadurch zu ihrer Tat legitimiert.
Die „Leipziger Autoritarismus-Studie 2020“ unter Leitung von Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig nimmt die Verbreitung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft in den Blick. Dazu gehört auch Antiziganismus, der gegen Sinti und Roma gerichtete Rassismus.
Die Zahlen zum Antiziganismus entsprechen dem allgemeinen Trend der Studie – leichter Rückgang bei weiterhin hohem Niveau antiziganistischer und anderer menschenfeindlicher Einstellungen. 52,9% der Befragten sind der Ansicht, dass Sinti und Roma zu Kriminalität neigen würden. Read the rest of this entry »