Rassismus & Menschenrechte

Minderheiten: Wann braucht es Allianzen?

März 17th, 2021  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Dr. Michael Blume (Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg)Minderheiten zwischen Allianz und Konkurrenz – das Ver­spre­chen einer plu­ra­len De­mo­kratie?

Online-Vortrag und -Diskussion am 25.03.2021, 18:00 bis 19:30 Uhr | →zur Anmeldung

Ankündigung: Die deutsche Bundesregierung wirbt für den Rechts­staat und das Ver­spre­chen einer pluralen Demo­kratie. Doch vor allem dort, wo selbst­be­wusste Minder­heiten ihr Recht auf Gleich­heit und Frei­heit ein­fordern, kom­men diese Ver­sprechen an ihre Grenzen. Debat­ten um die Rechts­sicher­heit, gleich­berech­tigte Teilhabe und Zu­gehörig­keit von Men­schen, die von Diskrimi­nierung betrof­fen sind, sowie Forde­run­gen nach dem Abbau struktu­reller und symbo­lischer Ungleichheiten sind zentrale Heraus­for­derun­gen unse­rer post­migrantisch ge­präg­ten Bundes­republik.

Wie können gesellschaftliche Minderheiten­posi­tio­nen erfolg­reich Ein­fluss auf demo­krati­sche Prozesse neh­men? Inwie­weit können ab­grenzende Identitäts­politiken ein Erfolgs­modell sein? Wann braucht es Allian­zen, um Ungleichheit und Diskri­minie­rung ab­zu­bauen?

Nach einem Impulsvortrag des Antisemitismusbeauftragten des Lan­des Ba­den-Württem­berg, Dr. Michael Blume, wer­den Ver­tre­ter*innen der drei bundes­weiten Kompetenz­netz­werke Antiziganismus, anti­muslimi­scher Rassismus und Anti­semitis­mus über diese Fragen sprechen, den Ist­zu­stand kritisch re­flektieren, ak­tuelle Heraus­forderun­gen diskutieren und ge­meinsam mit dem Pub­likum Zukunfts­perspek­tiven ent­wickeln.

Die Veranstaltung findet online über Zoom statt. Der Link zur Teil­nahme wird davor per Mail ver­schickt. An­mel­dung ab dem 15. März 2021 un­ter: →www.teilseiend.de

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Hate Speech und Antiziganismus in den Medien

März 11th, 2021  |  Published in Internet & Blogothek, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

ERIAC Hate Spreech and AntigypsyismInternationale Konferenz von Europarat, Zentralrat, Aus­wär­ti­gem Amt und dem European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC) vom 10.–11. März 2021

→Zum Programm | → Zum Livestream

Hassrede ist ein globales Phänomen, von dem Sinti und Roma in Europa und weltweit un­ver­hältnis­mäßig stark be­troffen sind. Sowohl in den tra­ditio­nel­len Medien als auch online, ins­beson­dere in den sozialen Medien, sind Sinti und Roma Opfer von dis­krimi­nie­renden und hass­erfüllten Diskur­sen, Fehl­infor­matio­nen, Falsch­dar­stellungen und Fake News, die allesamt als Er­schei­nungs­formen von Anti­ziganis­mus gelten.

Die internationale Konferenz „Hate speech and Antigypsyism in the Media“, die vom Euro­pean Roma Insti­tute for Arts and Culture (ERIAC) in Zu­sam­men­arbeit mit dem Council of Europe Roma and Travellers Team und dem Zentral­rat Deutscher Sinti und Roma aus­ge­rich­tet wird, hat zum Ziel, das Phä­nomen der Hassrede gegen Sinti- und Roma- Com­mu­nities und Einzel­per­sonen zu unter­suchen. Read the rest of this entry »

Kind in Handschellen: zweite Strafanzeige

März 10th, 2021  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Streifenwagen (Bild von Cornell Frühauf/Coernl auf Pixabay)Vor einem Monat erhob der Landesverband Deut­scher Sinti und Roma in Ba­den-Württem­berg Vor­würfe gegen die Po­lizei­ wegen eines Über­­griffs auf ein elf­jäh­ri­ges Kind in Singen (wir be­rich­te­ten). Nach einem an­fäng­li­chen De­menti be­stä­tigte die Polizei, dass es einen sol­chen Vor­fall gab; die Kri­minal­poli­zei hat in­terne Er­mitt­lun­gen auf­ge­nom­men. Nun be­richtet der Landes­ver­band, dass eine wei­te­re Strafanzeige er­stat­tet wurde:

Am 8. März 2021 fand in Singen (Ba­den-Württem­berg) die Ver­neh­mung des elf­jähri­gen Kindes, das am 6. Febru­ar 2021 in Hand­schellen von meh­reren Polizisten ab­geführt wurde, und weite­ren Zeugen und Zeu­gin­nen statt. Gegen vier Polizisten und Poli­zistin­nen laufen ak­tuell Ermitt­lungen wegen Frei­heits­berau­bung auf­grund einer am 9. Februar 2021 ge­stellten Straf­anzeige. Der Zeugen­bei­stand Engin Sanli hat nach der richter­lichen Ver­nehmung gegen einen der betei­lig­ten Polizisten eine weite­re Straf­anzeige wegen Beleidi­gung und Frei­heits­berau­bung gestellt.

In einem Hochhaus in Singen hatten zwei Kinder auf einem Balkon im Treppen­haus ge­spielt. Während der Be­fragung hatte ein Beamter eines der Kinder, nach­dem es seinen Nach­namen genannt hatte, ge­fragt, ob es von der „Zigeuner­familie“ sei. Vor dem Haus hatten bereits zwei weite­re Beamte zwei Kinder nach deren Per­sona­lien befragt. Als die Be­amten das Gebäude mit den Kindern ver­ließen, nahmen sie die Perso­na­lien der Kinder auf, die unten vor dem Haus spiel­ten. Hierbei wur­de eines der Kinder sinn­gemäß mit den Worten „Einer von den Zigeunern, die kennen wir ja“, „Du kommst eine Nacht hinter Gitter“ und „Der Tod kommt dich holen“ be­droht. Ohne er­sicht­li­chen Anlass führ­ten die Beamten darauf­hin einen elf­jährigen Jungen in Hand­schellen ab.

Rechtsanwalt Engin Sanli: „Im Zuge der richterlichen Ver­nehmung von zwei Zeugen ist be­kannt geworden, dass ein Polizei­beamter gegen­über einem weiteren Kind gesagt habe, ob es von der ‚Zigeuner­familie‘ wäre. Ihm wurde außer­dem verwehrt, an das Handy zu gehen, als sein Vater ihn anrief. Die Befra­gung fand auf einem Balkon im 15. Stock statt. Read the rest of this entry »

Der Anschlag von Hanau und seine Folgen

Februar 19th, 2021  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte

Say their names: die Opfer von HanauDer rechtsterroristische Mordanschlag am 19. Februar 2020 forderte auch Opfer aus der Minderheit der Sinti und Roma. Für Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov und Vili-Viorel Păun war Hanau mehr als nur eine Stadt vor den Toren der Metro­pole Frankfurt. Hanau war ihre Heimat – ihr Zu­hause, ge­nau­so wie für rund 96.000 ande­re Ha­nauerin­nen und Ha­nauer.

Mercedes lebte dort mit ihrer drei­jährigen Toch­ter und ihrem 17 Jahre alten Sohn. Als sie für sich und die Kinder Pizza holen wollte, wurde sie er­mordet. Mercedes wurde 35 Jahre alt. Der 33-jäh­rige Kaloyan kam vor zwei Jahren aus Bulgarien nach Hanau. Er war Vater eines sieben­jäh­rigen Sohnes und unter­stützte mit seiner Arbeit seine Familie in Bul­garien. In der Bar, in der er ge­legent­lich aushalf, wurde er er­schossen. Vili-Viorel kam im Alter von 16 Jah­ren aus Rumänien nach Deutsch­land, weil seine Mutter schwer er­krankt war und sich in Deutschland be­han­deln lassen wollte. Der junge Mann arbeitete bei einer Kurier­firma. In­zwi­schen gilt es als erwiesen, dass er den Täter auf­halten wollte, nachdem dieser am ersten Tatort um sich schoss. Vili-Viorel ver­folgte ihn daher mit seinem Auto wäh­rend er erfolg­los ver­suchte, die Polizei zu alar­mieren. Am zwei­ten Tatort in Hanau-Kes­sel­stadt wurde er vom Täter mit drei Kugeln ge­troffen, als er starb war er ge­rade ein­mal 22 Jahre alt.

Mercedes, Kaloyan und Vili-Viorel waren Hanauer – und sie waren An­gehö­rige der Minder­heit der Sinti und Roma. Sie waren drei von ins­gesamt neun Todes­opfern, die am 19. Februar 2020 in Hanau einem rechts­terroris­ti­schen Mord­anschlag zum Opfer fielen. Die Trauer um die Toten schmerzt und lässt auch Sinti und Roma in Angst um ihre Sicher­heit zurück.

Der Anschlag war nach dem antisemitischen Anschlag auf die Synagoge in Halle und dem Mord am Kasseler Regie­rungs­prä­si­denten Walter Lübcke der dritte rechts­ter­roris­tische Anschlag mit Todes­opfern innerhalb von zwölf Monaten. Er er­schütterte die Zivil­gesell­schaft vor Ort und weit darüber hinaus. Read the rest of this entry »

WDR: Rassismus in letzter Instanz?

Februar 18th, 2021  |  Published in Medien & Presse, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte

"Rassismus in Letzter Instanz?" (WDR)Monitor studioM/WDR
17.2.2021 | 01:08:30 Std. | Von Georg Restle
→Video verfügbar bis 18.02.22 |
→Audio (mp3)

Ist Rassismus gegen Sinti und Roma ein struk­tu­rel­les Problem? Wel­che rassisti­schen Klischees prä­gen die Bericht­erstattung in den Medien?

Die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ hat eine Welle der Em­pörung gegen den WDR und eine Debatte aus­ge­löst über Rassismus ge­gen Sinti und Roma in den Medien und in der Ge­sell­schaft (mehr zum Bei­spiel hier, hier, hier, hier oder hier). Aus ak­tuel­lem Anlass spricht Monitor-Re­dak­tions­leiter Georg Restle daher über Rassismus gegen Sinti und Roma, Rassismus in den Medien und in der Gesell­schaft. Seine Gäste sind der Roma-Ak­tivist Gianni Jovanovic, die Sängerin und Femi­nis­tin Tayo Awosusi-Onutor so­wie Dr. Markus End, Po­litolo­ge und Anti­ziganis­mus­forscher an der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Berlin.

(Text und Sendung: WDR)

Polizeihund gegen Roma: Warten auf Anklage

Februar 16th, 2021  |  Published in Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht

DreyecklandRDL: Polizeihund-Angriff ge­gen Ro­ma­fa­mi­lie in Deutschland – Ent­schei­dung der Staats­an­walt­schaft er­war­tet

Radio Dreyeckland, 16.2.2021

Fast zehn Monate, nachdem Polizist/in­nen in Umkirch (Ba­den-Württem­berg) einen Polizei­hund auf einen An­ge­hö­ri­gen der Minder­heit der Roma gehetzt haben, erwartet der Betrof­fene eine bal­dige Ent­scheidung der Staats­anwalt­schaft, ob Anklage er­hoben wird. Das sagte sein Anwalt Mehmet Daimagüler ge­gen­über Radio Dreyeck­land.

Ende April 2020 war in Umkirch bei Freiburg ein 48-jähri­ger Mann von einem Polizei­hund, laut des­sen Bericht auf Befehl des Hunde­führers, an­ge­fallen und schwer verletzt worden (RDL berichtete). Voraus­gegan­gen war eine Diskus­sion um eine Lap­palie, ein ohne Nummern­schild an der Straße ste­hendes Auto. Der Hund fügte dem Mann so tiefe Bisse zu, dass ihm im Kranken­haus ge­sagt wurde, er sei nur knapp an einer lebens­bedro­hen­den Ver­letzung vorbei­ge­kommen. Auch an­gesichts des brutalen Ein­satzes drängt sich der Verdacht antiziganistischer Be­weg­gründe auf. So zeigte sich u. a. auch der Vor­sit­zen­de des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma be­sorgt.

Die Polizei hatte im Anschluss die übliche reflexhafte Anzeige wegen Wider­stands er­stattet, doch auch die Familie ers­tattete eine voll­umfäng­liche Straf­anzeige. Nun haben, so Anwalt Daimagüler, alle Familien­ange­höri­gen als Zeug/in­nen aus­gesagt. Read the rest of this entry »

UNESCO-Menschenrechtszentrum in Graz

Februar 12th, 2021  |  Published in Einrichtungen, Rassismus & Menschenrechte

Unesco-Menschenrechtszentrum Graz (Bild: Unesco)In Graz entsteht ein UNESCO-Zentrum zur För­de­rung der Men­schen­rech­te in Ge­mein­den und Re­gi­o­nen

Die Errichtung des UNESCO-Men­schen­rechts­zen­trums in Graz wurde im Juli 2020 im Nationalrat be­schlos­sen. Das Euro­päische Trai­nings- und For­schungs­zentrum für Men­schen­rechte und De­mo­kra­tie (ETC-Graz) wird zu einem Ka­te­go­rie-II-Zentrum zur För­derung von Menschen­rechten auf loka­ler und regio­naler Ebene. Als Kate­go­rie-II-Zentrum steht das Men­schen­rechts­zentrum unter der Schirm­herr­schaft der UNESCO und wird Teil des globalen Netz­werks an exzellenten For­schungs­ein­richtun­gen zur Um­setzung der strate­gischen Ziele und globalen Ent­wicklungs­agenden der UNESCO. Das Grazer Zentrum wird, neben jenem in Buenos Aires, das zweite der­artige Zentrum welt­weit, das sich mit Men­schen­rechten befasst.

Dieses Menschenrechtszentrum unterstützt eine integrative und gerechte Politik­gestal­tung durch inter­dis­zipli­näre Forschung, Kapa­zitäts­aufbau und inter­natio­nale Zu­sammen­arbeit und treibt die inter­natio­nale Menschen­rechts­agenda auf lokaler und regiona­ler Ebene voran. Ein Fokus wird auf die Förderung des inter­kulturel­len Dialogs und die nach­hal­tige Ent­wicklung von Städten und Gemeinden ge­legt. Da­durch trägt das Zentrum zur Im­ple­men­tie­rung der Neuen Urbanen Agenda sowie zu den Zielen für nach­haltige Ent­wicklung (SDGs) bei.

Für die ersten Jahre wurden drei Schwerpunkte gesetzt: Recht auf Bildung für Romakinder in Südost­europa, Men­schen­rechts­trainings für Städte in Afrika und ein „Tool­kit for Inclu­sive Cities in the Arab World“, das be­reits im Rahmen des letzten „World Urban Forum“ vor­gestellt wurde. Read the rest of this entry »

Deutschland: Kind in Handschellen

Februar 10th, 2021  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Streifenwagen (Bild von Cornell Frühauf/Coernl auf Pixabay)Der Landesverband Deut­scher Sinti und Roma in Ba­den-Württem­berg be­rich­tet von Polizei­über­griff gegen elf­jäh­ri­ges Kind in Singen:

Am 6. Februar 2021 wurde um ca. 16:30 Uhr ein elfjähriges Kind nach einer anlass­losen Per­so­nen­kontrol­le in Hand­schellen abgeführt und auf das Polizei­revier in Singen ge­bracht. Der Ver­band Deutscher Sinti und Roma – Landes­ver­band Baden-Württemberg (VDSR-BW) ver­tritt die Inter­essen der betrof­fe­nen Familie. Sie hat ges­tern Abend Strafanzeige ge­stellt und wird anwalt­lich von Dr. Mehmet Daimagüler ver­treten, der als Neben­klage­ver­treter in zahl­reichen Pro­zes­sen, wie z.B. im „NSU-Ver­fahren“, Opfer poli­tisch moti­vier­ter Gewalt ver­treten hat.

Zum Hintergrund:
Mehrere Kinder spielten vor dem Wohnort ihrer Großmutter. Zwei Polizei­beamte führten bei ihnen eine Per­sonen­kontrolle durch. Das elfjährige Kind, das später in Hand­schellen auf das Polizei­revier ge­bracht wurde, gab den Beamten der Singener Polizei sein Alter an. Die Beamten zogen darauf hin ab. Kurze Zeit später erschie­nen zwei weitere Polizei­beamte und führten erneut eine Per­sonen­kontrolle durch. Einer der zwei Beamten sprach das Kind in ge­bro­che­nem Romanes an. Bereits aus die­sem Umstand wird deutlich, dass die Beamten das Kind der Minderheit der Sinti und Roma zuordneten. Hierbei wurde das Kind sinngemäß mit den Worten:„Einer von den Zigeunern, die ken­nen wir ja“, „Du kommst eine Nacht hinter Gitter“ und „Der Tod kommt dich holen“ bedroht. Die Polizei­beamten durch­suchten das elf­jährige Kind und fanden ein kleines Klapp­messer. Das Kind er­klärte, dass es dieses bei sich trüge für Ar­beiten im Garten.

Die Mutter und der Vater der anderen Kinder hatten bereits versucht die Kinder telefonisch zu er­reichen, um sie zum Essen nach Hause zu holen. Die Beamten ver­boten den Kindern, an ihre Handys zu gehen. Sie legten nun dem Kind, das sie durch­sucht hatten, Handschellen hinter dem Rücken an. Das Kind flehte die Beamten an, seine Mutter be­nach­richti­gen zu dürfen, die sich nicht weit entfernt in der Wohnung auf­hielt. Es wies die Beamten auch darauf hin, dass es wegen eines kurz zuvor erlittenen Unfalls drei an­gebro­chene Rippen hätte und an Asthma leide. Read the rest of this entry »

WDR: Mit Rassismus Quote machen

Februar 2nd, 2021  |  Published in Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte

Fernsehrassismus im WDR (Screenshot: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ zeigt, wie tief Anti­ziganis­mus in der Gesell­schaft ver­wur­zelt ist

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kriti­siert scharf die von Steffen Hallaschka mo­de­rier­te Sen­dung „Die letz­te Instanz“, die vom WDR am 29. Ja­nu­ar 2021 aus­ge­strahlt wur­de. In der Sen­dung wurde unter an­de­rem die Frage zu Dis­kus­sion ge­stellt „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein not­wen­di­ger Schritt?

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats, sagte:

Mit Fassungslosigkeit habe ich registriert, dass zwei Tage nach dem In­ter­natio­na­len Holocaust-Ge­denk­tag, an dem der 500.000 in Europa er­mor­deten Sinti und Roma gedacht wurde, es sich vier Men­schen aus der Mehr­heits­gesell­schaft an­maßen, darüber zu ur­teilen, ob eine von der Minder­heit als beleidi­gend ab­gelehn­te Fremd­bezeich­nung im deutschen Sprach­gebrauch ihre Berech­tigung habe oder nicht. Die „letzte Instanz“ bei dieser Frage sind die Betrof­fenen, deren Meinung in der Sendung je­doch nicht ge­hört wurde. Diese Sendung er­weckt den Eindruck, sie wolle mit Anti­ziganis­mus und dümm­li­chen Auf­tritten Quote machen.
Dass der Westdeutsche Rundfunk sich nach öffent­li­chem Druck für die dreiste und po­pulis­ti­sche Machart der Sendung ent­schul­digte, ändert nichts an der Tat­sache, dass in großen Teilen der Medien­land­schaft keiner­lei Bewusst­sein für den in der Gesell­schaft weit­ver­breite­ten und gewalt­bereiten Antiziganismus vor­han­den ist. Gleich­zeitig stellen wir fest, dass in den sozialen Medien die Kritik an dieser Sendung, zumal von jungen Men­schen, sehr deutlich ge­äußert wird – eine po­sitive Ent­wicklung, die auch gegen die zuneh­men­den Hass-Kom­men­tare im Internet steht.“

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma empfin­det es als un­ver­schämt und belei­digend, wenn in der Sendung bil­lige Witze auf Kosten einer Minder­heit ge­macht werden, ohne dass die Mode­ra­tion in irgend­einer Form ein­greift. Viel­mehr hat der Moderator Hallaschka Dis­ku­tanten durch die Art der Zwi­schen­fragen dazu ge­drängt, ihre Aus­sagen auf Kosten von Minder­heiten noch zu ver­schärfen. Dies ist im öf­fent­lich-recht­li­chen Rundfunk ab­solut in­akzep­ta­bel. Hinzu kommt, dass bereits der Ein­spieler zur Sendung genau die anti­ziganis­ti­schen Aussagen auf­ge­nommen hat, die von den Disku­tanten später wie­der­holt wurden und die Sendung ge­zielt auf diese aus­gerichtet wurde. Read the rest of this entry »

Facts & Figures (342)

Januar 26th, 2021  |  Published in Facts & Figures, Rassismus & Menschenrechte

70 % der befragten Roma in den USA ge­ben an, ihre eth­ni­sche Iden­ti­tät in der Re­gel zu ver­ber­gen, um Dis­kri­mi­nie­rung zu ver­mei­den.

(Quelle/pdf)

Bettelverbot: Schweiz vom EGMR verurteilt

Januar 25th, 2021  |  Published in Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte (Foto: ECHR)Urteil gegen die Schweiz: Haft­strafe we­gen „stil­len Bet­telns“ war men­schen­rechts­wid­rig

In seinem Urteil vom 19. Jänner (Lăcătuş gegen Schweiz [Appl. no. 14065/15]; Pressemitteilung, Legal Summary) hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rechte (EGMR) der Be­schwerde einer rumäni­schen Romni (28) Recht ge­geben, die in der Schweiz wegen „stillen Bettelns“ be­straft wur­de. Die Frau hatte seit 2011 im öffent­li­chen Raum in Genf trotz beste­henden Verbots ge­bettelt. Sie berief gegen die wieder­holten Straf­ver­fügun­gen der Polizei. Anfang 2014 wurde sie vom Genfer Polizei­gericht darauf­hin zu einer Geldstrafe von 500 Franken ver­urteilt; eine kleine­re Summe, die ihr bei einer Polizei­kontrolle ab­genom­men wurde, wurde ein­behalten. Weil die mittel­lose Frau die Straf­summe nicht zahlen konnte, wurde sie im März 2015 fünf Tage lang ersatz­weise in Haft ge­nommen.

Die Straßburger Richter urteilten nun, dass diese Straf­maß­nahmen nicht verhältnis­mäßig seien und somit die Grund­rechte der betteln­den Frau ver­letzten: ”The Court observed that this was a severe sanction. A measure of this kind had to be justified by sound reasons in the public interest, which had not been present in this case.“ Die Schweiz ist nun ver­pflichtet, der jungen Frau um­gerech­net rund 920 Euro an Schaden­ersatz zu zahlen.

Recht, ihrer Not öffent­lich Ausdruck zu ver­leihen

Die Richter folgten somit nicht der Rechtsauffassung des Schweizer Bundesgerichts, dass weniger restriktive Maß­nahmen nicht aus­reichend effektiv seien. Ange­sichts ihrer prekären Lebens­situation, so der EGMR, habe die Frau auf­grund ihrer Menschen­würde das Recht, ihrer Not öffent­lich Ausdruck zu ver­leihen und zu ver­suchen, ihre existenziellen Bedürf­nisse durch Betteln zu decken:

Begging constituted a means of survival for her. The Court considered that, being in a clearly vulnerable situa­tion, the appli­cant had had the right, in­herent in human dignity, to be able to convey her plight and attempt to meet her basic needs by begging.

Insbesondere rügte das Urteil die pauschale Kriminalisie­rung des Bettelns: Read the rest of this entry »

Die Vertreibung der Roma aus dem Kosovo

Januar 15th, 2021  |  Published in Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Sani RifatiOnline-Event mit Sani Rifati am 16.1.2021
→Stream ab 18 Uhr auf Facebook

Roma Antidiscrimination Network (RAN): Zu den bis heute gra­vie­rendsten Folgen des Kosovo­kriegs ge­hört die Ver­treibung fast sämt­li­cher Roma aus der Region. Nach mehr als 600 Jah­ren wur­den 150.000 Roma ver­trieben und ihres Besitzes be­raubt. Der Erste, der be­reits vor über zwan­zig Jah­ren die Vertreibung und Flucht der Roma publik ge­macht hat, war Sani Rifati. Rifati ist Vor­sitzen­der von Voice of Roma (USA) und lebte seit 1993 in den USA. Zu­nächst in Jugoslawien und schließ­lich in den USA hat er eine Kar­riere als Drum­mer, Sänger, Tänzer und Tanz­lehrer ge­macht und setzt sich für den Erhalt der tra­di­tio­nel­len Musik, Lieder und Tänze der Roma ein und hat an zahl­rei­chen Univer­sitäten unter­richtet. Read the rest of this entry »

ECRI pisinipe usi Slovakija

Dezember 21st, 2020  |  Published in Dokumente & Berichte, Jugend & Bildung, Politik, Rassismus & Menschenrechte

ECRI Report SlovakiaNeuer ECRI-Bericht kritisiert Slowakei

European Commission against Racism and Intolerance / Council of Europe  (ed.): ECRI Report on the Slovak Republic. Sixth mo­ni­to­ring cycle (adop­ted on 1 Octo­ber 2020), Strassbourg, 8 De­cem­ber 2020 →Download (pdf)

I antirasismus komisijona le europitike rotistar (European Com­mis­sion against Racism and Into­lerance/ECRI) ando 8to decem­beri – pal schov berscha – pro nevo thaneskero pisi­nipe pedar i Slo­vakija angle basch­lartscha. Jek centrali kriti­kakero punkto ande hi o mindig aun likerdo teldschu­mi­nipe le Romen­dar ando sika­di­peskero koja. Jefkar buter o pisi­nipe o man­gipe sikal, hot o argra­nicalipe le Ro­men­gere-tscha­vendar ande bibasta­leder Romen­gere-isch­koli, kise­tim te ol. Aja et­nischi segre­gacija ando putrimo ulaji­pe le isch­kolakere schpren­ge­lendar duach o lokali biro­votscha­ge dim hi. Te ada na kisetim ulo, akor iste i re­girung lendar aja kom­petenca bejg lel. Butvar kriti­sirim ol i praksis, kaj saste Romen­ge­re-tschave mindschart andi son­derschul, savi le goda­kere nasvale tscha­venge hi, and dim on. Roma andi Slovakija pantsch­var bute­der ande asaj ischkoli peren, sar avre tschave. Peder ari mangel i ECRI, hot o Romengere-tschave feder sikade te on, anglo­da on andi ischkola phiren. Tschave, save Romani vakeren, imar ande anglutne ischkoli, i slova­kitiki tschib te siklon. Vaschoda le mesch­terkijen taj mesch­tertschen schpe­cijeli arsik­lipe hi, taj te ajgeni sika­jipeskere materi­jal­tscha iste kerde ovnahi. Ojs positivi o pisinipe o aunter­dscharipe le Romen­ge­re-isch­kolakere asis­ten­tendar taj o sikaj­peskero pomo­schago ande grup­nake­re-centren, angle asdija. O finan­ci­rinipe upre jek dugi cajt iste delahi.

Die Antirassismuskommission des Europarats (Euro­pean Com­mis­sion against Racism and In­to­le­rance/ECRI) hat am 8. De­zem­ber – nach sechs Jahren – ihren neuen Länder­bericht über die Slowakei vor­ge­legt. Ein zentraler Kritik­punkt darin ist die fort­dauernde Benach­teili­gung von Roma im Bildungs­wesen. Einmal mehr wieder­holt der Bericht die Forderung, die schuli­sche Aus­gliederung von Roma-Kin­dern in schlechter aus­ge­stat­tete Roma-Schulen zu be­enden. Read the rest of this entry »

„Wir sind doch keine Hunde“

Dezember 17th, 2020  |  Published in Interview, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte

DreyecklandInterviews: Roma auf den Straßen Freiburgs

Radio Dreyeckland, 15.12.2020 (8:39 min)
→Anhören (mp3)

Im Winter ist das Leben auf der Straße hart und jeder Tag ist eine Heraus­for­de­rung. Neben mar­gi­nali­sie­renden Vor­urteilen kommt es oft auch zu un­beque­men Begeg­nungen mit den örtli­chen Auto­ritä­ten. Das freie Radio Dreyeck­land hat in Deutschland mit drei Männern aus Rumänien ge­spro­chen. Sie sind Roma und leben in der Freiburger Innen­stadt. Über sie wurde in Freiburg in dies­em Jahr immer wieder diskutiert. Hier kom­men die, die an­sonsten keine Stimme be­kommen, selber zu Wort. Im Gespräch er­zähl­ten sie uns unter ande­rem von ihrem Leben auf der Straße im Corona­winter 2020.

(Text und Sendung: rdl.de)

Rezension: Dreimal spucken

Dezember 14th, 2020  |  Published in Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, dROMa (Magazin)

Das Roma-Mädchen Loretta: „Und ihr Blick erst. Sie starrt dich an, aber ohne Neugierde. Als würde sie nichts mehr erwarten. Weder von dir noch von sonst jemandem. Nur die triefende Nase und wie sie manchmal ihre Hände bewegte, verrieten ihr wahres Alter. Ein greises Kind, so wirkte sie.“ Seitenansicht aus dem italienischen Comicroman „Dreimal spucken“ von Davide Reviati (erschienen im Avant-Verlag, 2020)Ein Bilderroman aus Italien

Beinahe wäre Davide Reviati mit diesem Comicband ein meis­ter­haft ge­zeich­ne­tes und er­zähl­tes Glanz­stück die­ses Genres ge­lun­gen. Doch er ver­knüpft die Er­in­ne­run­gen an eine ita­lie­ni­sche Jugend mit der Ge­schich­te der Roma. Einem Thema, dem die Er­zählung dann doch nicht ganz ge­wach­sen ist.

Es ist ein Buch voller Schatten, flirrender Traumgebilde, un­sicherer Böden. In der Graphic Novel des italie­nischen Zeichners Davide Reviati, die nun auch in deutscher Über­setzung vorliegt, flie­ßen Realismus und alb­traum­hafte Sequenzen un­entwegt ineinan­der. Und nicht im­mer ist klar, wo das eine endet und das an­dere beginnt.

In dem fast 600 Seiten starken Buch erzählt Reviati eigent­lich gleich zwei Ge­schichten: Da ist zum einen die auto­biogra­fisch inspi­rierte Schil­derung eines Heran­wachsens in der nord­italieni­schen Provinz, irgend­wann in den 1960er oder 1970er Jahren, in einer kleinen Ortschaft, wo die Kinder auf den Feldern herum­tollen und die Jugend­lichen die Zeit mit Gin und Joints tot­schlagen. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Berufs­schüler Guido, Grisù und Katango, die mit ihrem Leben nichts recht an­zu­fangen wissen. Im Unter­richt lassen sie sich nur selten blicken, statt­dessen kiffen sie unten am Fluss, zie­hen durch die Dorf­diskos oder spie­len Billard in der Bar.

Ist doch scheißegal
Und da ist zum anderen die Geschichte der spannungs­geladenen Begeg­nun­gen mit einer Roma-Fa­mi­lie aus Slowenien, die sich am Orts­rand in einem ver­fallenen Bauern­haus nieder­gelassen hat. Im Dorf selbst will man von den „Zigeunern“ nichts wissen. Man kennt einander, aber man hält sie auf Distanz, ver­weist sie unwirsch auf ihren Platz, draußen vor dem Dorf. „Mehr weiß ich nicht, und das ist noch zu viel“, konsta­tiert der Erzähler ein­mal: „Ist doch scheiß­egal. Zigeuner eben, was braucht man da zu wissen?“

Viel erfährt man auch vom Roma-Mädchen Loretta nicht. Sie be­gegnet den Lesern immer nur aus der Perspek­tive der Jugend­lichen, die ihr mal ver­ächtliche, mal be­gehrliche Blicke hinter­her­werfen. Read the rest of this entry »

Podcast: Selbstbewusstsein von Sinti und Roma

Dezember 12th, 2020  |  Published in Internet & Blogothek, Interview, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte

Falter RadioFalter Radio #436:
Das moderne Selbstbewusstsein von Sinti und Roma

Folge vom 12.12.2020

→Anhören (45 min)

Rund 12 Millionen Sinti und Roma leben in Europa. Seit vielen hun­dert Jahren sind die Volks­gruppen hier zu Hause, und den­noch werde sie weiter­hin oft an den Rand der Gesell­schaft ge­drängt. Im Okto­ber hat die EU-Kom­mission einen neuen Zehn­jahres­plan zur Unter­stützung der Roma und Sinti auf den Weg ge­bracht. Wo gibt es auf politi­scher Ebene noch Hand­lungs­bedarf? Und wel­che Rolle spielt die Sprache und die Erinnerung an den Holocaust in der mo­der­nen Iden­tität von Roma und Sinti?

Im „Falter Salon“, dem Podcast für Stadt und Kultur, kommen Mirjam Karoly vom österreichischen Volks­gruppen­beirat der Roma, Schrift­steller Samuel Mago, Sängerin Dotschy Reinhardt und Anti­ziganis­mus-For­scher Frank Reuter im Ge­spräch mit Anna Goldenberg zu Wort. Diese Episode ent­stand in Zusam­men­arbeit mit dem Verein Voice of Diversity. Read the rest of this entry »

Eröffnung des Festivals „Diaspora Europa“

Dezember 10th, 2020  |  Published in Internet & Blogothek, Kunst & Fotografie, Musik, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Diaspora Europa 2020Eröffnung: „Diaspora Europa“ zum Tag der Menschenrechte
Live-Stream, 10.12.2020, 18:30–19:20 Uhr

Am 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Men­schen­rechte, lädt das Euro­pean Roma Insti­tute for Arts and Culture (ERIAC) zusam­men mit der Volksbühne Berlin zur Er­öff­nung des Festi­vals „Diaspora Europa“ und zur Ver­leihung des Deutsch-Fran­zö­sischen Preises für Menschen­rechte und Rechts­staat­lich­keiteein. Aus der Volks­bühne wer­den die Er­öff­nungs­reden und eine Pre­view auf das „Sin­ti_ze Jazz“-Kon­zert live über­tragen.

Diaspora Europa:
Online am 10.12.2020 und 27.01.2021. Kuratiert von Shelly Kupferberg und Tímea Junghaus, in Ko­opera­tion mit dem Euro­pean Roma Ins­titute for Arts and Cul­ture e. V. (ERIAC)

Allesamt haben sie eine Geschichte in Europa und sind Teil und Kultur dieses Kon­ti­nents. Doch glei­cher­maßen vereinen sie auch Aus­grenzung, Dif­ferenz­erfah­rungen, Ver­klärung und Dif­famie­rung: „Dias­po­ra Europa“ ver­eint unter­schied­liche zeit­genös­si­sche Per­spek­tiven von Romnja und Roma, Sin­tezze und Sinti und Jüdin­nen und Juden auf das Hier und Jetzt.

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Tagungsband „Antiziganismus und Film“

Dezember 8th, 2020  |  Published in Film & Theater, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Antigypsyism and FilmRadmila Mladenova et al. (Hrsg.): Antigypsyism and Film / Antiziganismus und Film, Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2020.

Der von Radmila Mladenova, Tobias von Borcke, Pavel Brunssen, Markus End und Anja Reuss heraus­ge­ge­be­ne Band „Antigypsyism and Film / Anti­ziga­nis­mus und Film“ ist im Buch­handel er­schie­nen und auch on­line als pdf er­hältlich und kann als html-Ver­si­on ge­lesen wer­den: →zum Buch

Der Band dokumentiert die internationale Fachtagung, die der Zentral­rat Deutscher Sinti und Roma in Ko­opera­tion mit der Gesell­schaft für Anti­ziga­nis­mus­forschung vor der Berlinale im Febru­ar 2018 in Berlin durch­ge­führt hatte (wir berichteten). Un­mittel­barer Anlass war die Aus­strah­lung des Films „Nellys Abenteuer“, den der Zentral­rat als mas­siv anti­ziga­nis­tisch kriti­siert hatte, der aber gleich­wohl von KIKA und SWR ge­sendet wurde (mehr hier und hier).

Zum Tagungsband: Antiziganismus ist für das europäische Auge so nor­mal, dass kaum jemand auf die Idee ge­kom­men ist zu fragen, warum ‚Zigeu­ner‘ im Film immer, meta­pho­risch oder nicht so me­ta­pho­risch, als ,schwarz‘ dar­gestellt wer­den sollten. Zigeuner­feind­lich­keit ist für die Leinwand so selbst­ver­ständ­lich, dass Filme­macher nicht zögern, ihre Wahl mit drama­tur­gischen Ar­gu­men­ten zu recht­fer­tigen. Read the rest of this entry »

Recensijona: Trijalvar te tschungarel

Dezember 5th, 2020  |  Published in Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, dROMa (Magazin)

I Romengeri-tschaj Loretta: „Taj lakero dikipe. Oj aun tut dikel, ham oni interesi. Afka, sar te oj nischta buter na uscharel. Tutar na taj te avren­dar na. Tschak o fojimo nak taj sar oj poarvar pre va mi­cinlahi, lakero tscha­tschi­kano phu­ripe phu­kavnahi. Jek phuri tschaj, afka oj viri­kinlahi.“ Andi kipengeri kenva Jek kipengeri kenva andar i Italija

O Davide Reviati adala komikakera kenvaha bojd jek bari­kano cajch­nimo taj phu­kado fala­to adale ko­jastar scho­fin­tschaha. Ham ov o pal­gondo­li­nip­tscha upre jek itali­tiko ter­nipe la his­to­ri­jaha le Romen­dar khe­tan gom­bo­sintscha. Jeka tema­ke, savake o phu­kaji­pe na bar­tschim hi.

Jek kenva pherdi hischenca hi, uduane sundikipes­kere kojen­ca, bibas­tale phu­venca. Andi Graphic Novel le italitike cajch­ne­ristar Davide Reviati, savi akan te ando nimtsch­ko prik­bescha­ripe angle paschlol, o reja­lismus taj o bibas­tale sudi­kipes­kere sek­venca khetan fojinen. Taj na mindig nan dschan­do, kaj o jek kise­tinel taj o kija kes­dinel.

Andi bojd 600 riktschengeri sorali kenva, o Reviati mindschart duj histo­riji phukal: Ada hi upri jek rik jek o auto­bijo­grafi­schi inspi­rirti phu­kajipe jeke upre bartscho­jipes­tar andi nordi­tiki itali­tiki pro­vinca, valakada ando 1960te vaj 1970te berscha, ande jek tikno gav, kaj o tschave upro mesuji pumen khe­len taj o terne pumari cajt le dschi­niha taj le tschojn­tenca mule tscha­lan. Ando masch­ka­rutno punkto terdschon o but­jakere isch­kolasch­tscha Guido, Grisù taj Katango, save pu­mare dschi­vipeha na tscha­tschikan valaso te kes­dinel dschanen. Ando si­kajipe tschak igen tschule aun te dikel pumen muken, on mere­scheder telal usi len kifinen, duach o gaves­kere diskos ciden vaj billard ando mo­jakero khelen.

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Analyse: der Angriff in Erbach-Dellmensingen

November 29th, 2020  |  Published in Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht, Wissenschaft

Romafeindlicher Angriff in Erbach-Dellmensingen (Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg)Der antiziganistische Angriff in Erbach-Dell­men­sin­gen – Ana­lyse in der neu­en Leip­zi­ger Auto­ri­ta­ris­mus-Studie

Chana Dischereit: Antiziganismus im Ländle: Ein Bericht aus dem laufenden Prozess am Landgericht Ulm, in: Oliver Decker/Elmar Brähler (Hg.): Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie 2020, Gießen 2020, S. 353–378.

Der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landes­verband Ba­den-Württem­berg (VDSR-BW) hat an der ge­rade er­schie­ne­nen „Leipziger Auto­rita­ris­mus-Studie 2020“ (→pdf-Download) mit­ge­wirkt. Teil der Studie ist eine um­fang­reiche Analyse des anti­ziganis­ti­schen An­schlags in Er­bach-Dell­men­sin­gen in der Nähe von Ulm. Der Pro­zess vor dem Land­gericht Ulm ist Ende Sep­tem­ber 2020 zu Ende ge­gangen. Die fünf An­ge­klagten wur­den in 45 Fällen zu ge­mein­samer schwerer Nötigung nach dem Jugend­strafgesetz ver­ur­teilt. Der Staatsanwalt hat­te eine Ver­urteilung wegen ver­suchten Mordes ge­fordert. Es war eines der ers­ten Straf­verfahren in Deutschland über­haupt wegen Vertreibung. Die Analy­se der VDSR-BW-Mit­arbeiterin Chana Dischereit zeigt den all­täg­lichen Anti­ziganismus in der Mitte der Gesell­schaft auf. Diese Ein­stellung kann in Gewalt um­schlagen. In Erbach-Dell­mensin­gen fühlten sich junge Men­schen da­durch zu ihrer Tat legitimiert.

Die „Leipziger Autoritarismus-Studie 2020“ unter Leitung von Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kom­petenz­zentrum für Rechts­extre­mis­mus- und Demo­kratie­forschung der Uni­ver­sität Leipzig nimmt die Ver­breitung von gruppen­bezogener Menschen­feind­lich­keit in der deut­schen Gesell­schaft in den Blick. Dazu gehört auch Anti­ziganismus, der gegen Sinti und Roma ge­rich­tete Rassismus.

Die Zahlen zum Antiziganismus entsprechen dem all­gemei­nen Trend der Studie – leich­ter Rück­gang bei weiter­hin hohem Niveau anti­ziganistischer und anderer men­schen­feind­licher Ein­stel­lungen. 52,9% der Be­fragten sind der Ansicht, dass Sinti und Roma zu Kriminalität nei­gen wür­den. Read the rest of this entry »