Zentralrat erneuert Kritik an Kinderfilm

Oktober 27th, 2017  |  Published in Film & Theater, Jugend & Bildung, Radio & TV, Rassismus & Menschenrechte

Screenshot aus Nellys AbenteuerZentralrat Deutscher Sinti und Roma erneuert Vorwurf des Antiziganismus gegen den Film „Nellys Abenteuer“. SWR zeigt sich uneinsichtig gegen berechtigte Kritik

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erneuert seine Kritik ge­gen den Kinderfilm „Nellys Abenteuer“ (wir be­rich­te­ten), den der SWR jetzt vor­ge­zo­gen aus­strahlen will. Der Zentral­rat hatte am 14. Sep­tem­ber 2017 ein Fach­gespräch in Berlin ver­anstaltet, an dem Ver­treter der Film­industrie, der Film­förde­rung sowie Wis­sen­schaft­ler und Jour­na­lis­ten teil­ge­nom­men hatten. Ver­tre­ter des SWR so­wie die Autoren und Be­tei­lig­ten der Film­pro­duk­tion wa­ren der Ein­ladung nicht ge­folgt. Auf der Grundlage des vom Zentralrat in Auftrag ge­ge­be­nen Gut­achtens von Pavel Brunßen, Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Berlin, teil­ten die Teil­nehmer der Gesprächs­runde im Wesent­li­chen die Vor­würfe des Zentral­rates. Der Film gebe An­lass, so­wohl in den Gre­mien der staat­li­chen Film­för­de­rung als auch bei­den Film­schaf­fen­den selbst über die Ethik des Filme­machens über Sinti und Roma nach­zu­denken. Dass die Re­pro­duk­tion von anti­ziga­nis­ti­schen Stereo­typen, wie sie in Nellys Abenteuer er­folgt, auch noch mit nahe­zu einer Mil­lion Euro Steuer­gelder fi­nan­ziert wurde und jetzt auch noch im öffent­lich-recht­li­chen Fernsehen, wie­derum fi­nan­ziert aus öf­fent­li­chen Geldern, ge­sen­det werden soll, sei kaum nach­voll­zieh­bar, re­sümier­te Romani Rose für den Zentralrat.

Während dieses Fachgesprächs wurde von den Teilneh­mern bis in die Details der Kamera­füh­rung hinein auf­ge­zeigt, wie die anti­ziga­nis­ti­schen Bilder um­ge­setzt wur­den: z.B. dokumen­ta­ri­sche Kamera / Hand­kamera, wenn Roma ge­zeigt werden, ver­sus Spielfilm­kamera / Stativ­kamera, wenn Nelly oder ihre Fa­milie auf­treten. Gera­de die Be­haup­tung der Filme­macher, es sei doch ein Spielfilm, der künst­le­ri­sche Frei­heit rekla­mie­ren könne, wird durch den gleich­zei­ti­gen An­spruch auf doku­men­ta­ri­sche Authen­ti­zität kon­ter­ka­riert. Wäh­rend die Figur der Nelly durchaus eine Ent­wick­lung durch­läuft, blei­ben die Roma-Fi­gu­ren sta­tisch, auch am Ende des Films blei­ben sie als Kri­mi­nel­le stehen.

Nellys Abenteuer stigmatisiert Roma als Kriminelle und Diebe. Im „Päda­go­gi­schen Begleit­mate­rial“ für Schulen wer­den die beiden wich­tigsten Roma-Fi­gu­ren, Roxana und Tibi, je­weils als kri­mi­nell vor­ge­stellt : „Roxana ist 15 Jahre alt … Sie verdient ihr Geld mit ihrem Bru­der durch Taschen­dieb­stahl. … In einem Jahr soll sie ver­hei­ra­tet wer­den – mit dem Sohn von Hokus.“ Und : „Tibi ist 14 Jahre alt und Roxanas jün­ge­rer Bruder. Mit seiner Schwes­ter ver­dient er Geld durch Ta­schen­dieb­stahl.“ Nelly, die 13-jäh­rige Heldin des Films, wird im Auf­trag eines „bösen deutschen Un­ter­neh­mers“ von krimi­nel­len Roma ent­führt, die neben­bei als Schutz­geld-Er­pres­ser auf­tre­ten. Of­fen­bar sind Filme­macher wie auch der SWR der Auf­fas­sung, dass wenn die kri­mi­nel­len Roma zum Schluss auch noch dem „bösen Deutschen“ die Räder vom Porsche steh­len, sie da­durch hin­rei­chend re­ha­bi­li­tiert seien. Darüber hinaus wer­den Roma als vor­moderne Grup­pe ge­zeigt, die in einem „authen­ti­schen Roma-Dorf“ unter un­hygie­ni­schen Bedin­gungen leben. Wie­derum wird hier die schwie­rige Lebens­situa­tion vieler Roma als vor­geb­li­cher Teil einer tra­di­tio­nel­len Lebens­weise und ihrer Ab­stam­mung vor­ge­stellt.

„Der Vorwurf des Zentralrates, daß dieser Film Anti­ziga­nis­mus re­pro­du­ziert, ist wohl­begrün­det. Anti­ziganis­mus muss in glei­cher Weise poli­tisch und gesell­schaft­lich ge­ächtet werden wie der Anti­semi­tis­mus. Der SWR macht es sich zu ein­fach, die Vor­würfe ein­fach zurück­zu­weisen und den Film – der seit ge­rau­mer Zeit im Handel ist – jetzt im öffent­lich recht­li­chen Fern­sehen zu zeigen. Gerade die öffent­lich-recht­li­chen Medien haben eine hier be­son­dere Ver­ant­wor­tung. Dieser Ver­ant­wor­tung wird der SWR nicht ge­recht, wenn er sich über das Dis­kri­mi­nie­rungs­verbot, das ins­beson­dere auch für die Medien gilt, be­den­ken­los hin­weg­setzt“, er­klärte Romani Rose. „Dies ist um so schwer­wie­gen­der, als sich der Film an Kinder und Jugend­liche rich­tet, denen damit die jahr­hun­derte­alten Stereotype er­neut ver­mit­telt wer­den,“ so Rose weiter.

Der Zentralrat hat sich deshalb nochmals an den Inten­dan­ten des SWR mit einer Programm­beschwer­de ge­wandt, die eben­falls dem Rund­funk­rat vor­liegen wird. Eben­so er­wartet der Zentral­rat jetzt vom Kinder­kanal der ARD und des ZDF, den Film nicht auch noch in diesem Pro­gramm aus­zu­strah­len. Die bis­heri­gen Ge­sprä­che mit den Ver­tre­tern des SWR waren nie er­geb­nis­offen, da der SWR un­abhän­gig von jed­we­der Kritik von Be­ginn an auf der Aus­strahlung des Films be­stand.

Die Stellungnahmen des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und das aus­führ­li­che Gutachten von Pavel Brunßen so­wie der Kom­men­tar von Profes­sor Urs Heftrich, Uni­ver­si­tät Heidelberg, fin­den sich auf der Web­site des Zentralrats.

(Text: Herbert Heuß, wissenschaftlicher Leiter des Zentralrats)

Comments are closed.