„Antiziganismus und Film“

Januar 10th, 2018  |  Published in Film & Theater, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

Die "Zigeunerhexe" Ganush, antiziganistischer Tiefpunkt im Kino der letzten Jahre: der US-Horrorfilm "Drag me to hell" von Sam Raimi (Filmstill, Ghost House Pictures/ Universal Pic.)Fachgespräch (21.2.) und Konferenz (22./23.2.) zu „Antiziganismus und Film“ in Berlin

Das Thema „Antiziganismus und Film“ ist hochaktuell und eine tiefer­ge­hen­de Aus­einan­der­setzung und Debatte dazu steht bis­lang aus. In den letz­ten Mona­ten gab es größere öffent­liche Auf­merk­sam­keit und kritische De­batten zu gleich drei aktuel­len Kino­pro­duk­tio­nen. Zum einen die inhalt­liche Aus­rich­tung des Kinder- und Jugend­films „Nellys Abenteuer“ (hier und hier) wie auch seine Pro­duk­tions­bedin­gun­gen, die auf Ein­ladung des Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma bei einem Fach­gespräch in Berlin kontro­vers dis­ku­tiert wur­den. Zum an­de­ren der fran­zö­si­sche Film „À bras ouverts“ („Hereinspaziert“), der be­reits An­fang des Jahres in Frankreich eine De­batte über Rassismus im Kino aus­löste und nun auch in Deutschland und Österreich stark kri­ti­siert wird. Auch die Be­setzung einer männ­li­chen Haupt­rolle in der geplan­ten Ver­fil­mung von Mikey Walshs Me­moiren „Gypsy Boy“ mit Benedict Cumberbatch hat in Groß­britannien eine Dis­kus­sion über „White­washing“ im Kino an­ge­facht.

Bereits seit Jahren ist das Thema „Roma“ und damit in vielfältiger Weise auch das Thema „Antiziganismus“ in der Film­branche präsent. Filme wie „Epizoda u životu berača željeza“ („Aus dem Leben eines Schrott­sammlers“), „Csak a szél“ („Just the wind“) oder „Aferim!“ erlang­ten Preise auf den großen Film­fest­spie­len. Auf­wen­dige Kino­pro­duk­tio­nen wie „Sherlock Holmes: A Game of Shadows“ („Sher­lock Holmes: Spiel im Schatten“) oder „Chocolat“ („Chocolat – Ein kleiner Biss genügt“) be­mü­hen anti­ziganis­tische Stereo­type und ver­schie­denste Fernsehproduktionen der letzten Jahre und Jahrzehnte setzen sich gewollt oder ungewollt mit diesem Themenfeld auseinander. Erinnert sei nur an die kontro­versen Dis­kus­sio­nen zu den Tatort-Folgen „Armer Nanosh“ (1989) und „Brandmal“ (2008). Filme, die ex­pli­zit aus einer Roma­ni-Perspek­tive produziert und er­zählt werden, schaf­fen es hin­ge­gen selten über den Status des ‚Nischenfilms’ hinaus.

Vorläufiges Programm
Fachgespräch: Die Ethik des Filmemachens: von, mit oder über Sinti und Roma

Datum: 21. Februar 2018, 14–17 Uhr
Veranstaltungsort: Landesvertretung Bayern, Behrenstraße 21/22, 10117 Berlin

2017 wurden eine Reihe aktueller Filme, die zum Teil aus Steuergeldern über die Filmförder­ein­rich­tun­gen finan­ziert und in den öffent­lich-recht­li­chen Anstalten ge­sendet wurden, mas­siv kritisiert auf­grund ihrer antiziganisti­schen In­halte. Die Auf­takt­ver­anstal­tung in der Bayeri­schen Landes­ver­tre­tung wird den ethischen Di­men­sio­nen im Ver­hält­nis von Filme­machen und Minder­heit nach­gehen. Das Eingangs­state­ment gibt Peter Nestler, der schon 1970 in seinem Dokumentar­film „Zigeuner sein“ den ver­schwie­ge­nen und ver­leug­ne­ten NS-Völker­mord an den Sinti und Roma the­ma­ti­sierte und den Über­leben­den eine Stimme gab.

Konferenz: Antiziganismus und Film

Datum: 22.–23. Februar 2018
Veranstaltungsort: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma – Berliner Büro, Aufbau Haus, Prin­zenstr. 84.2., 10969 Berlin

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Antiziganismus und Film ist bisher mehr als rand­ständig ge­blieben. Eine sys­te­ma­ti­sche Analyse, die ins­beson­dere die Ent­wick­lun­gen des euro­päi­schen Kinos der letzten zehn Jahre ein­schließt, liegt in weiter Ferne. Die inter­natio­nale Tagung soll dazu bei­tragen, Grund­lagen zu schaffen, auf dessen Basis sich die Anti­ziganis­mus­for­schung sowie die Film­wissen­schaften kritisch mit den Themen „Roma“ und „Antiziganismus“ im Film aus ver­schie­de­nen Perspek­ti­ven aus­einan­der­setzen kann. Zudem soll ein Aus­tausch der­jeni­gen Wis­sen­schaft­ler_innen, die sich be­reits kri­tisch mit Aspek­ten des The­men­feldes be­fassen, ge­för­dert werden.

Geplante Panels sind:

Panel 1: Analyseansätze für Antiziganismus in Filmen
Panel 2: Spielfilm und Geschichte
Panel 3: Ursprünge in Literatur und bildenden Künsten
Panel 4: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Panel 5: Gut gemeint ist nicht gut gemacht: Wirkung und Rezeption von Filmen (Eng­lisch)
Panel 6: Narrative Muster und filmische Mittel (Englisch)
Panel 7: Film als Emanzipatorische Praxis

Eine gemeinsame Veranstaltung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, der Gesell­schaft für Anti­ziganismus­forschung und des Doku­men­ta­tions- und Kultur­zentrums Deutscher Sinti und Roma in Koopera­tion mit der Forschungs­stelle Anti­ziganis­mus an der Uni­ver­si­tät Heidelberg und dem goEast Festival in Wiesbaden und Frankfurt. Ge­för­dert wird die Ver­anstal­tung von der Bundes­beauftrag­ten für Kultur und Medien, dem Bundes­minis­te­rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Pro­gramms „Demokratie Leben!“, der Freuden­berg Stiftung und der Antonio Amadeo Stiftung.

(Text: Zentralrat)

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