Berlinale: Das Leben der vier Mujićs

Februar 15th, 2013  |  Published in Film & Theater, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte

An Episode in the Life of an Iron Picker (Foto: Berlinale)„Den Goldenen Bären bitte für ‚Epizoda u životu berača željeza (An Episode in the Life of an Iron Picker)‘ von Danis Tanović“, fordert die Film­journalistin Anke Westphal in ihrem Artikel „Im rechtfreien Raum“. Im Folgenden einige Auszüge; lesen Sie den Artikel in voller Länge in der Berliner Zeitung.

(…) Nach und nach fällt einem die Armut der Leute auf. Das Leben der vier Mujićs spielt sich in einem einzigen Zimmer ab: Wohnen, Kochen, Schlafen. Unweit des Häuschens stehen am Straßen­rand Autowracks herum. Die schlachtet Nazif gemeinsam mit den anderen Männern aus dem Dorf aus; das Metall wird an einen Schrot­thändler verkauft. So bestrei­tet Nazif den beschei­denen Unterhalt der Familie; er ist ein „Iron Picker“, ein Eisensammler. Das Dorf, in das uns der Regisseur Danis Tanović mit seinem neuen Film führt, liegt in Bosnien-Herze­gowina. Es wird von Roma bewohnt. Der Regisseur ist ihnen sehr nahe gekommen mit seiner Hand­kamera und Genauigkeit, ohne aber ihre mensch­liche Souveränität und Würde zu verletzen.

(…) Und so ist „An Episode in the Life of an Iron Picker“ zunächst einfach eine Bestands­aufnahme alltäg­lichen Lebens, wie es sich möglicher­weise auch anderswo abspielen könnte. Existenz­bedin­gungen, Verrich­tungen, ja die Routine des Seins werden vom Regisseur quasi dokumentiert. (…). Es liegt eine große unsentimentale Selbst­verständ­lichkeit in diesem Tun, das ohne Worte erfolgt. Die Eltern lieben ihre Kinder und sorgen für sie. Mann und Frau sorgen sich auch umeinander.

Das wird besonders deutlich, als der Film die Dorf­gemein­schaft der Roma verlässt und hinaus geht in die umgebende Mehrheits­gesell­schaft. Es geschieht nicht freiwillig. Aber plötzlich hat Senada Schmerzen im Bauch; es geht ihr schlecht, sie muss sich hinlegen. Sie blutet. (…) Das Kind im Leib der Schwangeren ist tot. Senada muss umgehend operiert, der Fötus entfernt werden, sonst droht eine Sepsis und damit der Tod. Schnell ist das Paar im Kranken­haus – wo es abgewiesen wird. Familie Mujic ist nicht kranken­versichert und hat auch nicht das Geld, um den Eingriff zu bezahlen.

(…) Es ist keine erfundene Geschichte, die Danis Tanović hier erzählt. Die Laien­darsteller Senada Alimanović, Nazif Mujić, ihre beiden kleinen Töchter Sandra Mujić und Semsa Mujić spielen viel­mehr eine Episode aus ihrem eigenen Leben nach. Aber auch wenn man das nicht weiß, bleibt der Film unge­heuer dringlich durch sein Thema wie seine Ästhetik.

Nie setzt Danis Tanović, der 2002 für „No Man’s Land“ den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film erhielt, auf Emo­tions­verstärker. Nie suggeriert er dem Zuschauer, was der zu fühlen hätte. Der 1969 geborene Bosnier begleitet einfach seine Prota­gonisten und beglau­bigt als Zeuge mit der Kamera deren fortgesetzte Demütigung. (…)

Die Ökonomisierung der menschlichen Beziehungen ist das große Thema der ost- und südost­europäischen Kinos der Gegenwart. Aber es geht um noch mehr. Im Berlinale-Wett­bewerb 2012 hatte Bence Fliegauf mit seinem Film „Just the Wind“ die Morde an ungarischen Roma zwingend thematisiert, auch in ästhetischer Hinsicht. Dass Fliegauf damals nicht den Goldenen Bären erhielt, war eine Fehl­entscheidung der Jury. Danis Tanović inszeniert nun eine winterliche Novelle, und doch ist sein Film eine Ohrfeige. 77 Minuten lang. Man muss nicht auf ein Gewalt­verbrechen hinführen, um eines deutlich zu machen: Wie mit den Roma umge­gangen wird, das ist einer der großen Skandale der Gegenwart.

Lesen Sie bitte den Artikel von Anke Westphal in voller Länge in der Berliner Zeitung.

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