Analyse: der Angriff in Erbach-Dellmensingen

November 29th, 2020  |  Published in Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht, Wissenschaft

Romafeindlicher Angriff in Erbach-Dellmensingen (Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg)Der antiziganistische Angriff in Erbach-Dell­men­sin­gen – Ana­lyse in der neu­en Leip­zi­ger Auto­ri­ta­ris­mus-Studie

Chana Dischereit: Antiziganismus im Ländle: Ein Bericht aus dem laufenden Prozess am Landgericht Ulm, in: Oliver Decker/Elmar Brähler (Hg.): Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie 2020, Gießen 2020, S. 353–378.

Der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landes­verband Ba­den-Württem­berg (VDSR-BW) hat an der ge­rade er­schie­ne­nen „Leipziger Auto­rita­ris­mus-Studie 2020“ (→pdf-Download) mit­ge­wirkt. Teil der Studie ist eine um­fang­reiche Analyse des anti­ziganis­ti­schen An­schlags in Er­bach-Dell­men­sin­gen in der Nähe von Ulm. Der Pro­zess vor dem Land­gericht Ulm ist Ende Sep­tem­ber 2020 zu Ende ge­gangen. Die fünf An­ge­klagten wur­den in 45 Fällen zu ge­mein­samer schwerer Nötigung nach dem Jugend­strafgesetz ver­ur­teilt. Der Staatsanwalt hat­te eine Ver­urteilung wegen ver­suchten Mordes ge­fordert. Es war eines der ers­ten Straf­verfahren in Deutschland über­haupt wegen Vertreibung. Die Analy­se der VDSR-BW-Mit­arbeiterin Chana Dischereit zeigt den all­täg­lichen Anti­ziganismus in der Mitte der Gesell­schaft auf. Diese Ein­stellung kann in Gewalt um­schlagen. In Erbach-Dell­mensin­gen fühlten sich junge Men­schen da­durch zu ihrer Tat legitimiert.

Die „Leipziger Autoritarismus-Studie 2020“ unter Leitung von Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kom­petenz­zentrum für Rechts­extre­mis­mus- und Demo­kratie­forschung der Uni­ver­sität Leipzig nimmt die Ver­breitung von gruppen­bezogener Menschen­feind­lich­keit in der deut­schen Gesell­schaft in den Blick. Dazu gehört auch Anti­ziganismus, der gegen Sinti und Roma ge­rich­tete Rassismus.

Die Zahlen zum Antiziganismus entsprechen dem all­gemei­nen Trend der Studie – leich­ter Rück­gang bei weiter­hin hohem Niveau anti­ziganistischer und anderer men­schen­feind­licher Ein­stel­lungen. 52,9% der Be­fragten sind der Ansicht, dass Sinti und Roma zu Kriminalität nei­gen wür­den. Im Jahr 2018 teilten 60,4% (in Ost­deutsch­land 69,2%) diese Auf­fassung. In dem leichten Rück­gang der rassistischen Res­sen­ti­ments erkennt der VDSR-BW einen Erfolg der eigenen Arbeit und der ande­rer Orga­ni­satio­nen bei der Auf­klärung über Antiziganismus. Doch zei­gen die Zahlen, dass sich Vor­urteile hart­näckig halten und die Unter­stützung von Strate­gien gegen Anti­ziganismus un­verzichtbar bleibt.

Daniel Strauß, Vorsitzender des VDSR-BW: „Das Urteil des Landgerichts Ulm ist ein Beweis für das, was die ‚Leip­ziger Auto­ri­taris­mus-Studie‘ und andere Forschungs­beiträge seit Jahren offen­baren: Sinti und Roma werden als Nachbarn ab­ge­lehnt. Anti­ziganismus ist in der Gesell­schaft weit ver­breitet und wird als Normalität em­pfun­den. Die An­sicht, dass Sinti und Roma zur Krimi­nalität neigen wür­den, be­deutet Dis­kriminie­rung im Alltag der Be­trof­fenen. Der anti­ziganis­tische Angriff in Er­bach- Dell­men­sin­gen zeigt, dass Anti­ziganis­mus in Deutschland auch lebens­gefährlich sein kann.“

Informationen zur Leipziger Autoritarismus-Studie 2020:
→www.otto-brenner-stiftung.de
→speicherwolke.uni-leipzig.de

(Text: www.sinti-roma.com)

Siehe auch:
Fackelwurfprozess: „Ein historisches Urteil“, 29.9.2020
Gerichtsurteil wegen Vertreibung in 45 Fällen, 23.9.2020
„Unser ganzes Dorf ist ziemlich rechts“, 20.5.2020
Erbach: Verhaftungen nach Brandanschlag, 18.7.2019
Deutschland: Angriff auf Roma-Wohnwagen, 5.6.2019

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