„Unser ganzes Dorf ist ziemlich rechts“
Mai 20th, 2020 | Published in Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Offener Brief zu Prozess über Brandanschlag auf Roma in Deutschland
Am 11. Mai 2020 startete in Deutschland der Prozess gegen fünf Angeklagte wegen versuchten Mordes. Am späten Abend 24. Mai des Vorjahres war in Erbach-Dellmensingen in Baden-Württemberg ein Brandanschlag auf eine französische Roma-Familie verübt worden. Die Täter hatten aus einem Wagen eine brennende Fackel auf die Roma geschleudert, diese landete jedoch knapp vor dem Wohnwagen auf der Wiese (wir berichteten hier und hier). Der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg, der den Prozess beobachtet, richtet nun einen Offenen Brief an den Bürgermeister der Stadt Erbach. Der Landesverband fragt sich, „ob der gesellschaftliche Druck und die antiziganistischen Ressentiments der Dorfgemeinschaft die Angeklagten zur Tat motiviert haben“. Wir geben das Schreiben im Folgenden wieder:
Offener Brief an den Bürgermeister der Stadt Erbach bezüglich des antiziganistischen Brandanschlags, der seit 11.5.2020 am Landgericht Ulm verhandelt wird:
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Gaus,
ich habe Ihre Pressekonferenz und den Artikel der SWP vom 19.5.20 zur Kenntnis genommen. Gerne würde ich das tolerante und weltoffene Erbach-Dellmensingen, in dem rechtes Gedankengut (k)einen Platz hat, besuchen und das Gespräch mit Ihnen suchen.
Die Angeklagten sagten am 19.5.2020 aus, dass sie zum Tatzeitpunkt geschätzt hätten, dass sich auf der Wiese 30 bis 40 Personen aufhielten. Zunächst mit Böllern, Schildern mit der Aufschrift „55 [8155 Erbach] bleibt deutsch“ und einem toten Schwan wollten sie die Familien vertreiben. Als ihnen das nicht gelang, warfen sie eine brennende Fackel auf einen Wohnwagen, in dem eine Mutter mit ihrem neun Monate alten Baby schlief. Die Angeklagten gaben beim Prozessauftakt an, dass sie „offen rechts“ seien, was in ihrem Dorf „normal“ sei. Am 19.5.2020 wurde im Prozess die Auswertung der Handys der Angeklagten thematisiert. In einem Chat bezichtigten mehrere Personen die Roma-Familien, die nach dem Anschlag bereits vertrieben waren, in ein Sportheim eingebrochen zu sein. Daraufhin schrieb der Angeklagte Robin D., man sollte ihnen „am besten hinterherfahren und sie ausrotten, die Pest“.
Bereits am ersten Tag sagten alle fünf Angeklagten aus, ihr „ganzes Dorf ist ziemlich rechts“. Zeugen bestätigten, dass die angereisten französischen Familien Gesprächsthema Nummer eins im Dorf waren. Der Vermieter der Wiese, auf der sich mehrere Familien mit Wohnwagen niederließen, sagte aus, dass ca. 60 Prozent der Dorfbewohner sich diesbezüglich negativ geäußert hätten.
Zudem sagten die ermittelnden Polizisten aus, dass der Ortsvorsteher von Dellmensingen sich offensichtlich in mehreren Aussagen in Widersprüche verstrickt hätte. Aufgrund der Ermittlungsprioritäten wurde den Aussagen des Reinhard H. nicht nachgegangen. Der ermittelnde Polizeibeamte sagte am 19.5.2020 vor Gericht aus, Herrn H. Aussagen seien „mit Sicherheit nicht glaubhaft“. Reinhard H. soll 15 Minuten nach Ankunft der Familien auf der Wiese bei dem Vermieter angerufen und ausgesagt haben, dass es zahlreiche Beschwerden gab und die Präsenz der Roma nicht gewünscht sei. Der Verband fragt sich, ob der gesellschaftliche Druck und die antiziganistischen Ressentiments der Dorfgemeinschaft, die Angeklagten zur Tat motiviert haben.
Mein Sekretariat wird mit Ihrem Büro Kontakt aufnehmen, um einen gemeinsamen Termin abzustimmen.
Mit freundlichen Grüßen
Daniel Strauß
Vorstandsvorsitzender des VDSR-BW
Siehe auch:
Erbach: Verhaftungen nach Brandanschlag, 18.7.2019
Deutschland: Angriff auf Roma-Wohnwagen, 5.6.2019