Deutschland: Kind in Handschellen

Februar 10th, 2021  |  Published in Rassismus & Menschenrechte  |  1 Comment

Streifenwagen (Bild von Cornell Frühauf/Coernl auf Pixabay)Der Landesverband Deut­scher Sinti und Roma in Ba­den-Württem­berg be­rich­tet von Polizei­über­griff gegen elf­jäh­ri­ges Kind in Singen:

Am 6. Februar 2021 wurde um ca. 16:30 Uhr ein elfjähriges Kind nach einer anlass­losen Per­so­nen­kontrol­le in Hand­schellen abgeführt und auf das Polizei­revier in Singen ge­bracht. Der Ver­band Deutscher Sinti und Roma – Landes­ver­band Baden-Württemberg (VDSR-BW) ver­tritt die Inter­essen der betrof­fe­nen Familie. Sie hat ges­tern Abend Strafanzeige ge­stellt und wird anwalt­lich von Dr. Mehmet Daimagüler ver­treten, der als Neben­klage­ver­treter in zahl­reichen Pro­zes­sen, wie z.B. im „NSU-Ver­fahren“, Opfer poli­tisch moti­vier­ter Gewalt ver­treten hat.

Zum Hintergrund:
Mehrere Kinder spielten vor dem Wohnort ihrer Großmutter. Zwei Polizei­beamte führten bei ihnen eine Per­sonen­kontrolle durch. Das elfjährige Kind, das später in Hand­schellen auf das Polizei­revier ge­bracht wurde, gab den Beamten der Singener Polizei sein Alter an. Die Beamten zogen darauf hin ab. Kurze Zeit später erschie­nen zwei weitere Polizei­beamte und führten erneut eine Per­sonen­kontrolle durch. Einer der zwei Beamten sprach das Kind in ge­bro­che­nem Romanes an. Bereits aus die­sem Umstand wird deutlich, dass die Beamten das Kind der Minderheit der Sinti und Roma zuordneten. Hierbei wurde das Kind sinngemäß mit den Worten:„Einer von den Zigeunern, die ken­nen wir ja“, „Du kommst eine Nacht hinter Gitter“ und „Der Tod kommt dich holen“ bedroht. Die Polizei­beamten durch­suchten das elf­jährige Kind und fanden ein kleines Klapp­messer. Das Kind er­klärte, dass es dieses bei sich trüge für Ar­beiten im Garten.

Die Mutter und der Vater der anderen Kinder hatten bereits versucht die Kinder telefonisch zu er­reichen, um sie zum Essen nach Hause zu holen. Die Beamten ver­boten den Kindern, an ihre Handys zu gehen. Sie legten nun dem Kind, das sie durch­sucht hatten, Handschellen hinter dem Rücken an. Das Kind flehte die Beamten an, seine Mutter be­nach­richti­gen zu dürfen, die sich nicht weit entfernt in der Wohnung auf­hielt. Es wies die Beamten auch darauf hin, dass es wegen eines kurz zuvor erlittenen Unfalls drei an­gebro­chene Rippen hätte und an Asthma leide. Das Kind wurde dennoch mit körper­licher Gewalt auf den Rücksitz des Einsatz­wagens verbracht. Im Auto wiederholte es, dass es an Asthma leide und die Fesselung ihm Atem­probleme bereite. Als Reak­tion sagte die Polizei­beam­tin: „Halt die Schnauze“.

Die anderen Kinder informierten die Mutter des Kindes. Diese rief sofort bei der Polizei­wache an und fragte nach ihrem Kind. Die Antwort lautete sinn­gemäß: „Das weiß ich doch nicht. Jeden­falls nicht hier“. Sie wies auf die Vor­erkran­kung des Kindes hin und bat um die Suche nach ihrem Kind per Funk. Sie rief nach kurzer Zeit er­neut an, um sich nach der Suche nach ihrem Kind zu erkundigen. Die Polizei fand das Kind nicht und die Beamten der Wache nahmen den drit­ten Anruf der Mutter nicht mehr ent­gegen.

In der Zwischenzeit war das Kind in Handfesseln auf der Polizeiwache an­ge­kom­men. Erst als ein weiterer Beamter hinzu kam, wurden dem Kind die Handschellen ab­ge­nom­men. Das Kind wurde 30 Minuten in einem Verhör­zimmer festgehalten und schließ­lich frei­gelassen. Es lief voll­kommen verängstigt alleine nach Hause und über­querte dabei eine viel befah­rene Schnell­straße, auf der das Kind im Jahr zuvor von einem Auto an­gefahren worden war.

Weder der Mutter noch dem Kind wurde mitgeteilt, warum in ent­spre­chen­der Weise ver­fahren wurde.

Daniel Strauß, Vorstandsvorsitzender des VDSR-BW:

Wir fordern eine vollständige Aufklärung dieses Übergriffs und wenden uns darum an Herrn Innen­minister Thomas Strobl im Ver­trauen darauf, dass die Recht­staat­lich­keit wieder­her­gestellt wird. Wir wenden uns auch an die Ko­ordi­natorin des Rates für die An­gele­gen­heiten der deutschen Sinti und Roma in Ba­den-Württem­berg, Frau Staats­ministe­rin Theresa Schopper, und bitten sie um Unter­stützung bei der Auf­klärung.
Dieser Fall fügt sich in eine Reihe von aktuellen Vorkommnissen von Polizei­gewalt gegen unsere Minder­heit ein, wie 2016 in Heidelberg und 2020 in Freiburg und auch in Singen.

Die betroffene Familie:

Das war ein Polizeiübergriff auf ein Kind, auf einen 11-jährigen Sinto! Wir sind als Familie psy­chisch mit­genommen. Mein Sohn hatte von den Handschellen Striemen an den Händen. Wir werden auf­stehen und un­sere Stimme er­heben.

Forschung und Menschenrechtsgremien weisen schon seit längerem auf anti­ziganistische Vor­komm­nisse in der Polizei­arbeit hin. Die Europäi­sche Kom­mission gegen Rassismus und Intole­ranz des Europarates (ECRI) empfiehlt darum, eine Studie zum Thema Racial Profiling in Auftrag zu geben, um insti­tutio­nali­sierten Rassismus zu beenden. Auch das Deutsche Institut für Menschen­rechte ver­weist auf ein un­zurei­chendes Verständnis über das Verbot von rassisti­scher Diskriminierung. In einer Studie über anti­ziganisti­sche Er­mitt­lungs­ansätze in der Polizei weist der Wissenschaftler Markus End darauf hin, dass die Schwelle zum Gewalt­einsatz gegen­über Sinti und Roma mög­liche­rweise beson­ders niedrig ist. Wir verweisen an dieser Stelle auch auf den Zwei­ten Zwischen­bericht zum Forschungs­projekt „Körper­ver­letzung im Amt durch Polizei­be­amt*innen“ (KviAPol): Rassismus und Dis­krimi­nie­rungs­erfah­rungen im Kontext polizei­li­cher Gewalt­aus­übung von Laila Abdul-Rahman, Hannah Espín Grau, Luise Klaus und Tobias Singelnstein.

(Text: Presseaussendung VDSR-BW)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Polizeihund auf Roma gehetzt: Warten auf Anklage says:

    Februar 16th, 2021 at 15:04 (#)

    [...] Presse­mit­tei­lung des Landes­ver­bands Deutscher Sinti und Roma in Ba­den-Württem­berg (wir berichteten) im Zuge einer „ver­dachts­un­abhän­gigen Kontrolle“ von der Polizei ohne Infor­mation [...]