WDR: Mit Rassismus Quote machen

Februar 2nd, 2021  |  Published in Radio & TV, Rassismus & Menschenrechte

Fernsehrassismus im WDR (Screenshot: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ zeigt, wie tief Anti­ziganis­mus in der Gesell­schaft ver­wur­zelt ist

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kriti­siert scharf die von Steffen Hallaschka mo­de­rier­te Sen­dung „Die letz­te Instanz“, die vom WDR am 29. Ja­nu­ar 2021 aus­ge­strahlt wur­de. In der Sen­dung wurde unter an­de­rem die Frage zu Dis­kus­sion ge­stellt „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein not­wen­di­ger Schritt?

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats, sagte:

Mit Fassungslosigkeit habe ich registriert, dass zwei Tage nach dem In­ter­natio­na­len Holocaust-Ge­denk­tag, an dem der 500.000 in Europa er­mor­deten Sinti und Roma gedacht wurde, es sich vier Men­schen aus der Mehr­heits­gesell­schaft an­maßen, darüber zu ur­teilen, ob eine von der Minder­heit als beleidi­gend ab­gelehn­te Fremd­bezeich­nung im deutschen Sprach­gebrauch ihre Berech­tigung habe oder nicht. Die „letzte Instanz“ bei dieser Frage sind die Betrof­fenen, deren Meinung in der Sendung je­doch nicht ge­hört wurde. Diese Sendung er­weckt den Eindruck, sie wolle mit Anti­ziganis­mus und dümm­li­chen Auf­tritten Quote machen.
Dass der Westdeutsche Rundfunk sich nach öffent­li­chem Druck für die dreiste und po­pulis­ti­sche Machart der Sendung ent­schul­digte, ändert nichts an der Tat­sache, dass in großen Teilen der Medien­land­schaft keiner­lei Bewusst­sein für den in der Gesell­schaft weit­ver­breite­ten und gewalt­bereiten Antiziganismus vor­han­den ist. Gleich­zeitig stellen wir fest, dass in den sozialen Medien die Kritik an dieser Sendung, zumal von jungen Men­schen, sehr deutlich ge­äußert wird – eine po­sitive Ent­wicklung, die auch gegen die zuneh­men­den Hass-Kom­men­tare im Internet steht.“

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma empfin­det es als un­ver­schämt und belei­digend, wenn in der Sendung bil­lige Witze auf Kosten einer Minder­heit ge­macht werden, ohne dass die Mode­ra­tion in irgend­einer Form ein­greift. Viel­mehr hat der Moderator Hallaschka Dis­ku­tanten durch die Art der Zwi­schen­fragen dazu ge­drängt, ihre Aus­sagen auf Kosten von Minder­heiten noch zu ver­schärfen. Dies ist im öf­fent­lich-recht­li­chen Rundfunk ab­solut in­akzep­ta­bel. Hinzu kommt, dass bereits der Ein­spieler zur Sendung genau die anti­ziganis­ti­schen Aussagen auf­ge­nommen hat, die von den Disku­tanten später wie­der­holt wurden und die Sendung ge­zielt auf diese aus­gerichtet wurde. Es kann keine Rede davon sein, etwas sei hier „aus dem Ruder ge­laufen“.

Dass eine solche Sendung ausgestrahlt wurde zeigt, dass Antiziganismus als Teil des All­tags­rassis­mus und als Problem nicht ernst ge­nom­men wird. Auf­grund des redak­tio­nel­len Versagens wen­det sich der Zentral­rat an die Programm­ver­ant­wort­li­chen beim WDR und wird sie um ein klären­des Gespräch bitten. Darin soll es auch darum gehen, wie der WDR zu ver­hindern ge­denkt, dass mit sol­chen Sen­dun­gen, wie „Die letzte Instanz“ auf dem Rücken von mar­ginali­sier­ten Gruppen die Quote er­höht werden soll.

Es ist überfällig, dass Vertreterinnen und Vertreter der Sinti und Roma in den Rund­funk­räten der öf­fent­lich-recht­li­chen Sender wie in der Medien­aufsicht für die Privat­sender endlich einen festen Platz erhal­ten, um der Norma­lität des Anti­ziganis­mus, wie er sich immer wieder in den Medien zeigt, ent­gegen­zu­treten. Der Zentral­rat Deutscher Sinti und Roma wird sich ge­mein­sam mit seinen Landes­verbänden hierzu an die jeweils ver­ant­wort­li­chen Institu­tio­nen wenden.

(Text: Zentralrat)

Siehe auch:
Barbara Schöneberger und Intendant des NDR entschuldigen sich für antiziganistische Äußerung bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises
(21.9.2020)

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