Oktober 1st, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Deutschland: Mit der Verlesung der Anklage begann vergangene Woche im Kriminalgericht Moabit in Berlin der Prozess gegen eine Frau, die eine Romni und ihre Begleiter am 29. März in der U-Bahn mit einem Messer angegriffen und verletzt hatte.
RAN, 24.9.2019: Der Staatsanwalt äußerte, die Angreiferin habe mit ihrem Verhalten in Kauf genommen, dass die Romni Maria und ihre Verwandten sterben. Die Angeklagte wollte sich nicht äußern und ihr Anwalt hat in ihrem Namen eine Erklärung vorgelesen.
In ihrer Aussage schilderte Maria die Situation in der U-Bahn, in der sie sich mit ihrem Mann und ihrem Schwager unterhielt, als sie von einer weißen deutschen Frau angegriffen wurde. Zunächst wurden die drei als „Scheißzigeuner“ bezeichnet und dann körperlich angegriffen. Die Angreiferin zog ein Messer und fügte Maria und ihrem Schwager schwere Schnittwunden zu. Maria wehrte sich und versuchte, ihren schwer kranken Mann zu schützen. Sie blutete stark und rief mehrmals: „Hilfe! Hilfe!“ Niemand bewegte sich. Erst als Maria die Frau am Arm festhielt, damit diese nicht weiter einstechen konnte, und weiter um Hilfe rief, kamen Zeugen zur Hilfe. Erst dann konnte die Frau überwältigt werden.
Als die Bahn hielt und sich das Geschehen auf den Bahnsteig verlagerte, wurden Maria und ihre Verwandten für die Angreifenden gehalten. Erst als Maria ihren blutenden Hals zeigte, entschuldigten sich die Leute. Ein Zeuge sagte aus, die Angreiferin habe ihn mit dem Satz bedroht: „Weißt du, was mein Mann mit dir macht?!“ Nach seiner Aussage hat Maria sich bei dem Mann bedankt, dass sie noch am Leben ist. Read the rest of this entry »
September 30th, 2019 |
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Interview, Medien & Presse, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Diskriminierung ja, Volksverhetzung nein: Münchner Urteil zu NPD-Plakat sorgt für Empörung. Gespräch mit Herbert Heuß
Interview: Kristian Stemmler
Aus: junge Welt, Ausgabe vom 21.09.2019, S. 8
Am 19. September wies das Münchner Verwaltungsgericht eine Klage des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma gegen die Stadt Ingolstadt ab. Worum ging es dabei?
Seit Jahren plakatiert die NPD bei Bundes- wie bei Landtagswahlen den Spruch »Geld für die Oma statt für Sinti und Roma«. Dahinter steht die Ausgrenzung von Sinti und Roma, denen nicht zustehen soll, was anderen Deutschen zusteht. Immer wieder wurden wir vom Zentralrat kontaktiert, weil in den Städten und Gemeinden diese Plakate aushingen – mit der Folge, dass Schulkinder von ihren Klassenkameraden damit konfrontiert wurden. Diese Form von alltäglicher Diskriminierung ist in keiner Weise akzeptabel, verstößt gegen geltendes Recht und bereitet den Boden für gewaltbereiten Antiziganismus. Das Münchner Gericht urteilte nun aber, dass der Tatbestand der Volksverhetzung nicht gegeben sei.
Ein Gutachten der Würzburger Völkerrechtlerin Stefanie Schmahl im Auftrag des Bundesjustizministeriums hatte schon 2015 ergeben, dass derartige »fremdenfeindliche Wahlplakate« die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden und abgehängt werden müssen. Wie argumentierte die Juristin?
Ihr entscheidendes Argument ist, dass die Gerichte nur auf Volksverhetzung abheben, aber alle anderen rechtlichen Gründe vollständig ignorieren. Es gibt eine Reihe internationaler Abkommen, die in Deutschland im Rang eines Bundesgesetzes stehen. Ein Beispiel ist das »Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung« der Vereinten Nationen, auf das man sich für ein Vorgehen gegen rassistische Wahlwerbung berufen kann. Diese menschenrechtlichen Übereinkommen wurden von den Gerichten, auch jetzt wieder vom Münchner Verwaltungsgericht, aber nicht herangezogen – obwohl sich der Zentralrat bereits in seiner Klageschrift ausdrücklich und umfangreich auf das Gutachten bezogen hatte. Read the rest of this entry »
September 21st, 2019 |
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Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht, Religion
ORF-Religionsmagazin „Orientierung“
So., 22.9.2019, um 10.30 Uhr in ORF 2
Urteil gegen Obdachlose: Salzburger Pfarrer fordert Hilfe statt Strafe
Aufregung gab es vergangene Woche in der Festspielstadt Salzburg: Das dortige Landesverwaltungsgericht hat in einem vielbeachteten Entscheid die Verurteilung einer Gruppe obdachloser Roma bestätigt. Ihr Vergehen: Sie hatten sich in einer kalten Regennacht im November aus Zweigen und Plastikfolien notdürftig einen Regenschutz gebaut – ein Verstoß gegen das gesetzlich verankerte Campierverbot, so das erstinstanzliche Urteil. Doch die „Plattform für Menschenrechte“ in Salzburg beeinspruchte gemeinsam mit den Obdachlosen das Vorgehen des Magistrats. So wurde jetzt in zweiter Instanz zumindest eine Reduzierung der Geldstrafen von 200 auf 100 Euro erreicht. Selbst diese Summe ist für die Obdachlosen, die zumeist vom Betteln rund um die Altstadt leben, existenzbedrohend. Was bedeutet nun das Urteil für das soziale Klima in der Stadt? Ein „Orientierung“-Team hat sich bei den Roma, bei Menschenrechtlern, bei Sozialarbeitern, in der Notschlafstelle der Caritas, und bei Bürgerinnen und Bürgern auf der Straße umgehört. Die Lage, so geht aus den Beobachtungen hervor, ist seit Jahren viel weniger dramatisch, als dies bei oberflächlicher Betrachtung scheint. Und die verurteilten zahlungsunfähigen Roma werden nicht ins Gefängnis müssen: Auf Initiative von Pfarrer Alois Dürlinger, Koordinator für die kirchlichen Armutsprojekte für die Stadt, wurde eine Spendenaktion gestartet. Die Strafen wurden inzwischen bezahlt. Bericht: Peter Beringer.
(ORF-Programmaussendung)
September 4th, 2019 |
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Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Gerichtsurteil: Milan Mazurek von Kotlebas ĽSNS verliert nach Hetze gegen die Minderheit der Roma sein Parlamentsmandat
In der Slowakei wurde erstmals einem Politiker wegen rassistischer Hetze sein Parlamentsmandat aberkannt. Am Dienstag bestätigte der Oberste Gerichtshof in Bratislava die Verurteilung des rechtsextremen Abgeordneten Milan Mazurek (mehr hier), weil dieser die Roma-Volksgruppe im Privatradio pauschal herabgewürdigt hatte. Darüber hinaus verschärfte das Höchstgericht nun auch das Strafmaß des früheren Urteils, gegen das der Politiker 2018 Berufung eingelegt und das er als „Politjustiz“ tituliert hatte. Mazurek verliert nicht nur sein Mandat, sondern muss zudem eine Strafzahlung in der Höhe von 10.000 Euro (statt 5.000 Euro) entrichten. Mit diesem Urteil endet jetzt das schon seit 2017 laufende Gerichtsverfahren in letzter Instanz.
Der heute 25-jährige Politiker hatte 2016 in einer Radiosendung von einem angeblichen „Zigeuner-Terror gegen anständige Leute“ gesprochen und Roma als asoziale Schmarotzer beschimpft, die „nichts für unser Volk tun und nichts zu unserem Staatshaushalt oder unserer Kultur beitragen, sondern sich umgekehrt entschieden haben, ein asoziales Leben zu führen und unser Sozialsystem auszusaugen“.
Der stellvertretende Vorsitzende des Nationalrats, Andrej Hrnčiar (Most-Híd), begrüßt das das Urteil gegen Mazurek: „Endlich hat die Gerechtigkeit gesiegt. Denn faschistische und rassistische vÄußerungen werden in unserer Gesellschaft bereits seit langem übermäßig toleriert. Nun wurde endlich ein grundsätzlicher Beschluss gefällt und ich bin davon überzeugt, dass dies ein gutes Signal für die Zukunft sein kann.“
Mazurek war seit 2016 Abgeordneter der rechtsextremen Partei „Kotleba – Volkspartei Unsere Slowakei“ (Kotleba – Ľudová strana Naše Slovensko – ĽSNS) und war bereits wiederholt mit extremistischen Aussagen und Auftritten aufgefallen. So leugnete er unter anderem auf Facebook öffentlich den Holocaust.
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August 30th, 2019 |
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Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte
Vergangene Woche wurde die Gedenkstätte der Sinti und Roma in Merseburg (Sachsen-Anhalt) mit einer Flüssigkeit überschüttet. Zeugen hatten die Tat beobachtet und die Polizei alarmiert. Diese konnte daraufhin dank Videoaufzeichnungen am frühen Freitagmorgen eine tatverdächtige Person, einen 30-jährigen Mann aus der Stadt, im näheren Umkreis stellen. Gegen den Mann wird nun wegen „gemeinschädlicher Sachbeschädigung“ ermittelt. Zum Tatmotiv und zur Art der verwendeten Flüssigkeit konnten die Ermittler noch keine Angaben gab.
Die Gedenkstätte erinnert an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma der Stadt (Namensliste ansehen) und war aus einer Projektarbeit von Schülern des Herder-Gymnasium Merseburg hervorgegangen. Die 2009 errichtete Gedenkstele war in der Vergangenheit bereits mehrfach geschändet und beschädigt worden. Von 2009 bis 2013 wurde der Stein insgesamt neunmal „angegriffen, umgestoßen, bespuckt, beworfen, mit dem Hammer beschädigt, mit Hakenkreuzen beschmiert und der Gebinde beraubt“, 2014 wurde er mit Fäkalien beschmiert. Read the rest of this entry »
August 28th, 2019 |
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Film & Theater, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
Der junge Blogger und Dokumentarfilmer Lukas kommt aus Prag ins böhmische Buchnov, um dort einen Film über einen Lynchmord zu realisieren. Ein junger Rom, Denis, wurde quasi vor den Augen aller ermordet. Niemand im Ort will mit dem Fremden reden. Denn es geht auch um den Rassismus gegenüber Roma Die achtteilige Miniserie (2018) aus Tschechien (Originaltitel: „Lynč“) bietet „einen tiefen Einblick in soziale Verhältnisse, die an der Spaltung der tschechischen Gesellschaft Anteil haben“, so Arte. Zu sehen nur noch kurz in der Arte-Mediathek!
Siehe auch:
Serie „Mord im Böhmerwald“ auf Arte: Mit Rassisten leben in Tschechien (taz)
August 24th, 2019 |
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Facts & Figures, Rassismus & Menschenrechte
18 % der Berliner (13 % der Jüngeren, 22 % der Älteren) finden, „Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden“.
(Quelle)
August 23rd, 2019 |
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Einrichtungen, Rassismus & Menschenrechte
In Leipzig ist ein Rundschreiben der Polizei publik geworden (mehr hier), in dem regionale Hotelbetreiber aufgefordert werden, präventiv die Personendaten aller rumänischen Gäste, die bei ihnen nächtigen, an die Polizei weiterzugeben, da es sich mutmaßlich um Diebesbanden handeln könnte. Der Vorwurf von Rassismus und Racial Profiling steht nun im Raum. Auch Romano Sumnal, die einzige Roma-Selbstorganisation in Sachsen (mehr über den Verein hier und hier), sieht darin eine Pauschalverdächtigung aller Rumänen in Deutschland und implizit im Speziellen von Roma. Der Verein veröffentlichte hierzu eine Stellungnahme, die wir im Folgenden wiedergeben:
Wir sind entsetzt über das Verhalten und die Methoden der Polizei Leipzig. Im Zuge der Ermittlungen und Prävention von Diebstahl während des Musikfestivals stellte die Polizei rumänische Staatsbürger unter Generalverdacht, indem sie durch einen offiziellen Brief Hotel- und Hostelbetreiber dazu aufforderte, der Polizei Meldung zu geben, sollten sich in ihrem Haus rumänische Gäste befinden. Diese Methode der Leipziger Polizei ist zutiefst rassistisch und verachtend. Es steht einer Behörde nicht zu, Menschen nur auf Grund ihrer Staatsangehörigkeit unter Generalverdacht zu stellen. Viele unserer Mitglieder stammen aus Rumänien und fühlen sich dadurch zutiefst betroffen. Es kommt oft vor, dass sie aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit und ihrer Zugehörigkeit zur Minderheit der Roma in Rumänien und Deutschland derart rassistisch verurteilt und auch verfolgt werden. Wir fordern die Polizeibehörde Leipzig auf, derartige Methoden zu unterlassen und sich öffentlich bei allen Menschen mit rumänischer Staatsangehörigkeit zu entschuldigen. Read the rest of this entry »
August 21st, 2019 |
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Politik, Rassismus & Menschenrechte
RAN, 20.8.2019: Wir erinnern uns: Letztes Jahr schlug der Innenminister und stellvertretende italienische Ministerpräsident Matteo Salvini vor, Roma zählen zu lassen – ein Vorschlag, der an Maßnahmen gegen Roma vor dem Zweiten Weltkrieg erinnerte. Obwohl ein ethnischer Zensus wohl gegen die italienische Verfassung verstößt, hat er seine Pläne nicht aufgegeben. Etwa die Hälfte der Roma in Italien hat die italienische Staatsbürgerschaft. Da er diese „leider nicht loswerden kann“, wie Salvini sich letztes Jahr ausdrückte, geht er primär gegen die ausländischen Roma vor. In dem Zusammenhang hat er nun angeordnet, dass alle Siedlungen der Roma, Sinti und Camminanti (Anm. der dROMa-Red.: Fahrenden) aufgezeichnet werden sollen, als ob diese bis dato unbekannt seien. Der Hintergrund der Untersuchung sei, herauszufinden, wo sich illegale Siedlungen befinden, um Räumungen vorzubereiten.
Aurora Sordini, eine Anwältin und Vorsitzende der Roma-Organisation „Associazione 21 Luglio“, meint, diese Maßnahmen würde Salvini aus propagandistischen Gründen anregen, um Popularität zu gewinnen. Das ist aktuell auch in anderen europäischen Ländern eine politische Strategie, um Stimmen zu gewinnen. Die Anwältin sagt, dass die Gemeinden die Roma-Siedlungen räumen können, wenn sie ein gesundheitliches oder Umweltrisiko darstellen. Das bedeutet, dass sich leicht ein Vorwand finden lässt, die Siedlungen zu räumen, da sie z.B. oft nicht über Sanitäranlagen oder Stromversorgung verfügen.
RAN hatte letztes Jahr über die Räumung von 300 Roma in Rom berichtet. Die Räumung der Siedlung stieß bei Menschenrechtsorganisationen auf Kritik. Vor ein paar Monaten fand zudem eine Räumung in Giugliano bei Neapel statt. Dort waren 450 Roma unter dem Vorwand geräumt worden, die Siedlung stelle eine Gesundheitsgefahr dar. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte vor beiden Räumungen die italienische Regierung aufgefordert, die Räumung erst durchzuführen, wenn sie Unterkünfte für die betroffenen Menschen gefunden hätte. Die Regierung ignorierte dies jedoch, und viele Menschen wurden obdachlos.
„Associazione 21 Luglio“ wurden in der ersten Hälfte von 2019 auch mehr Fälle von Angriffen gegenüber Roma gemeldet als im gesamten letzten Jahr. Read the rest of this entry »
August 18th, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Das slowakische Verfassungsgericht ordnete an, vier Roma zu entschädigen, die 13 Jahre lang in einem Hürdenlauf durch die verschiedenen Instanzen versucht hatten, sich gerichtlich gegen Diskriminierung zu wehren. Das Personal einer Gaststätte in Čaklov im Osten des Landes wollte sie wegen ihrer ethnischen Herkunft nicht bedienen.
Nun hat das Verfassungsgericht festgestellt, dass die Kreis- und Bezirksgerichte sich falsch verhalten haben. „Der Beschluss des Verfassungsgerichts zeigt, wie schwierig und zeitaufwendig es ist, auch 15 Jahre nach Einführung des Antidiskriminierungsgesetzes ein gerechtes Urteil zu erreichen, insbesondere bei Fällen von Rassismus”, sagt die Rechtsanwältin Vanda Durbáková, die die Roma vertritt. Read the rest of this entry »
August 14th, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte
Džemilja T.: „Ich wurde aus dem H&M geworfen, weil ich Romni bin“
RAN: Džemilja T. aus der kroatischen Stadt Rijeka berichtet von einem unangenehmen Vorfall, der ihr passierte: Sie war zusammen mit ihrer Mutter, ihren beiden Schwestern und zwei Kindern einer Schwester am 26. Juli in einer H&M-Filiale. Sie wurden plötzlich rausgeschmissen. Auf die Frage nach dem Grund erhielten die Frauen keine Antwort. Auch die Polizei half nicht, sondern suggerierte, dass der Laden seine Gründe hatte. Als ihre Schwester im Geschäft nochmal nach dem Grund fragte, erhielt sie die Auskunft, es gebe von der H&M-Verwaltung in Zagreb die Order, Roma, die „in Gruppen“ im Geschäft seien, rauszuschmeißen, insbesondere wenn Kinder dabei sind.
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August 13th, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte
Rassismusvorwürfe in Niš (Serbien): Taxi-Unternehmen diskriminiert Roma
RAN: In der mutmaßlichen internen Verordnung einer serbischen Taxi-Vereinigung wird empfohlen, Roma nicht als Fahrgäste mitzunehmen. Verbreitet hat sich das Dokument in sozialen Netzwerken, aber seine Echtheit wurde noch nicht bestätigt. Bürger fragen nun, um welche Transportdienstleister es sich handelt und ob diese bestraft würden. Die Gleichstellungskommission fordert Menschenrechtsorganisationen, Roma-Vereinigungen und diskriminierte Bürger auf, eine förmliche Beschwerde einzureichen.
Dass es sich um einen Verband aus Niš handelt, wurde anhand von Angaben ermittelt, die sich auf die Siedlung ‚Beograd mali‘ und eine örtliche Bäckerei beziehen. In dem umstrittenen Dokument heißt es, dass Fahrer, sobald sie den Kunden als Rom erkennen, kehrtmachen sollen. Im Wortlaut: „Die Zentrale kann den Kunden am Telefon nicht sehen. Wenn Sie an der Adresse angekommen sind und sehen, dass es sich um Roma handelt, geben Sie Gas und fahren Sie weg. Sie werden an die erste Position des Taxistandes geleitet.“ Weiter heißt es, dass Roma bei den Anrufen täuschen würden, indem sie von der besagten Bäckerei aus anrufen oder andere darum bitten, ihnen ein Taxi zu bestellen. Und weiter: „Nehmt keine Roma als Fahrgäste mit!“
Auch gegenüber dem Sender RTS bestätigen Anwohner, dass Taxis die Siedlung nicht anfahren. Gegenüber dem Nachrichtenportal Južni vesti bestätigte eine Nišer Bürgerin, dass so ein Dokument existiert. Im Büro der Gleichstellungskommission ist bisher allerdings keine Beschwerde eingegangen. Read the rest of this entry »
August 11th, 2019 |
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Politik, Rassismus & Menschenrechte
RAN: In der bulgarischen Stadt Vidin (Anm.: im äußersten Nordwesten des Landes) sind am Abend des 22. Juli Polizei und Gendarmerie mit ca. 20 Wagen in das Roma-Viertel ausgerückt – angeblich wegen Ruhestörung. Alle rein- und rausfahrenden Autos wurden überprüft.
Bulgarische Roma haben dieses Jahr in mehreren Ländern und vor dem Europäischen Parlament in Brüssel gegen die Diskriminierung in ihrem Herkunftsland demonstriert. Das Fass zum Überlaufen hatte die kollektive Bestrafung von Roma in Wojwodinowo gebracht, wo die Behörden Teile einer Roma-Siedlung abgerissen hatten, nachdem zwei Jugendliche einen Armeeangehörigen verprügelt hatten und anschließend verhaftet worden waren.
Verteidigungsminister und stellvertretender Premierminister Krassimir Karakatschanow nutzte den Vorfall, um zwei Tage später der Presse mitzuteilen, die „Zigeuner“ in Bulgarien seien extrem unverschämt geworden. So könne es nicht weitergehen. „Die Wahrheit ist, dass wir ein ganzes Programm zur Lösung des Zigeunerproblems benötigen.“
Im Februar erschien seine sogenannte Lösung, die inzwischen auch dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt wurde. Ihr Titel lautet: „Lösung zur Integration der nicht-integrierten Zigeuner (Roma)-Ethnie“. Wie das European Roma Rights Centre (ERRC) schreibt, ist das Dokument voller Hate Speech, Stereotype, schlecht geschrieben und es mangele ihm an Belegen für die rassistischen Unterstellungen über Roma, sie würden nicht arbeiten wollen, das Sozialsystem ausbeuten und zu viele Kinder haben. In dem Dokument wird zudem der Begriff der „Zigeuner-Kriminalität“ verwendet. Straftaten würden demzufolge also nicht von Individuen begangen, sondern gehörten zur Wesensart der Roma-Ethnie. Roma werden von Karakatschanow zudem als „asozial“ bezeichnet. Die Nazi-Rhetorik ist evident. Die vorgeschlagenen Maßnahmen beziehen sich auch direkt auf Roma. Die Anzahl an Geburten von Romnja soll reduziert werden, Maßnahmen und Einrichtungen zur „Arbeitserziehung“ werden vorgeschlagen, ebenso wie Quoten von Sozialhilfe-Empfänger/innen mit Roma-Herkunft. Read the rest of this entry »
August 9th, 2019 |
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Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte
Zentralrat übt scharfe Kritik an SAT 1: Filmproduktion über Roma provoziert Hassrede und Gewalt gegen Minderheiten
Die in der Reihe „Akte 20.19“ gezeigte Pseudo-Dokumentation „Roma: Ein Volk zwischen Armut und Angeberei“, die am 7. August 2019 von SAT1 ausgestrahlt wurde, diffamiert die Angehörigen von Sinti und Roma auf eine widerwärtige und rassistische Art. Der Zentralrat wird diesen Film, der sich ohne weiteres in die rassistische Tradition eines „Jud Süß“ oder jenes Nazi-Propagandafilms über das Ghetto Theresienstadt „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ einreiht, bei seinem Treffen im September 2019 mit dem israelischen Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, zum Thema machen.
Wie im NS-Film über Theresienstadt durchziehen den SAT1-Film immer wieder Sequenzen, in denen Roma in unterschiedlicher Weise mit Ratten in Zusammenhang (Anm. d. Red.: siehe Screenshot) gebracht werden, insbesondere die Wohnsituation in den Ghettos in Rumänien wird so charakterisiert. Damit wird gleichzeitig diese menschenunwürdige Situation als vorgeblich der Mentalität von Roma entsprechende Lebensweise dargestellt – ohne den der desolaten Lage großer Teile der Roma-Bevölkerung zugrundeliegenden massiven Rassismus in ihren Heimatländern als Ursache zu benennen.
Die SAT1-Produktion bringt unterschiedslos Roma-Gruppen aus unterschiedlichen Ländern mit Vorwürfen massiver Kriminalität zusammen. „Eine derartige pauschale Kriminalisierung und widerwärtige Diffamierung von Minderheiten wäre bislang gegenüber anderen Minderheiten unvorstellbar – gegenüber Roma in Europa gibt es für einzelne Medien und Filmproduzenten offenkundig keine Grenzen und keine Skrupel mehr. Mit Filmen wie dieser SAT1-Produktion wird Hassrede im Internet provoziert, derartige Filme legitimieren Hass und Gewalt gegenüber Minderheiten, und das ist eine große Gefahr für unsere Demokratie und für das Zusammenleben in Deutschland“, so Romani Rose in einer ersten Stellungnahme nach der Ausstrahlung.
„SAT 1 wie seit geraumer Zeit ,spiegel-tv‘ wollen offenbar zunehmend rassistische Beiträge als Alleinstellungsmerkmal für sich reklamieren und sie bedienen mit derartigen Beiträgen dezidiert rechtsextreme Positionen. Read the rest of this entry »
Juli 31st, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte
Keine Sinti und Roma auf deutschem Campingplatz. Mimikama: Mail ist kein Fake
Ein Campingplatzbetreiber in Bayern weist in einer Mail darauf hin, dass sie keine Sinti und Roma aufnehmen. Die Recherche-Plattform Mimikama ist der Meldung auf den Grund gegangen.
Von Andre Wolf/Mimikama
Auf Social Media findet man einen Screenshot einer Mail. In dieser Mail ist eine ganz spezielle Passage markiert, in der man erfährt, dass bestimmte Gäste auf dem Campingplatz nicht erwünscht sind. Diese zentrale Stelle in der Mail lautet:
Wir weisen sie darauf hin, dass wir keine Handelsreisende, Schausteller sowie Mitglieder von Sinti und Roma auf unserem Campingplatz aufnehmen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Dieser Screenshot wurde von Niema Movassat, Bundestagsabgeordneter der Linken, am 10.07.2019 auf Facebook veröffentlicht: Read the rest of this entry »
Juli 18th, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Deutschland: Weil Unbekannte Ende Mai im Erbacher Ortsteil Dellmensingen (Baden-Württemberg) eine brennende Fackel geworfen hatten (wir berichteten), durchsuchte die Polizei mehrere Wohnungen in Erbach und Blaustein. Die Ermittler nahmen mehrere Verdächtige fest.
Wie hier berichtet, hatte sich eine Roma-Familie mit ihren Wohnwagen auf einer Wiese in Erbacher Ortsteil Dellmensingen niedergelassen. Am späten Abend des 24. Mai fuhr ein dunkler Kleinwagen an dem Wiesengelände vorbei. Aus dem Fahrzeug wurde von den Insassen etwas gerufen und anschließend eine brennende Fackel aus dem Beifahrerfenster in Richtung der Wohnwagen geworfen. Die Fackel landete unmittelbar neben einem Wohnwagen, in dem ein Ehepaar mit ihrem 9 Monate alten Kind schlief. Die Polizei hat sofort die Ermittlungen aufgenommen. Kriminaltechniker sicherten die Spuren der Tat. Aufgrund des Verdachts, dass es sich um eine politisch motivierte Straftat handeln könnte, übernahm die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen. Die Kriminalpolizei bildete eine Ermittlungsgruppe.
Die intensiven Ermittlungen der Polizei ergaben jetzt einen Tatverdacht gegen acht Männer aus Erbach und Blaustein. Die 16- bis 20-Jährigen sollen an der Tat beteiligt gewesen sein. Am Dienstag durchsuchten mehrere Beamte acht Wohnungen und ein Gartengrundstück in Blaustein und Erbach. Read the rest of this entry »
Juli 17th, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Urteile gegen sechs Männer wegen Angriffsplänen gegen Roma in Frankreich
Roma Antidiscrimination Network (RAN): Im Zusammenhang mit den Angriffen auf Roma in Pariser Banlieues im März 2019 (wir berichteten) sind nun sechs Männer verurteilt worden. Sie wurden schuldig gesprochen, einen gewalttätigen Angriff auf Roma geplant zu haben. Vier Männer wurden zu fünf bis sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die beiden anderen zu einer fünfmonatigen Bewährungsstrafe.
Nachdem online Fake News verbreitet worden waren, Roma würden Kinder entführen, kam es im März diesen Jahres zu Hetzjagden gegen Roma. Die Polizei hat anscheinend erst von der Angelegenheit erfahren, als sie in der Nacht vom 25. auf den 26. März einen Anruf erhalten hat, dass die Bidonvilles (Armensiedlungen) in Bobigny angegriffen würden. Die Gerüchte etwaiger Kindesentführungen wurden von der Polizei entkräftet.
Frankreich plant derweil ein Gesetz gegen Hate Speech im Internet, demzufolge Plattformbetreiber innerhalb 24 Stunden entsprechenden Content löschen müssen.
(Text: RAN)
Anm. der dROMa-Red.: Bereits im im April waren drei weitere junge Männer im Zusammenhang mit denselben Angriffen auf Roma zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt worden.
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Juli 16th, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte
Italien: Roma-Gemeinschaft aus Giugliano (Neapel) nach Zwangsräumung immer noch ohne Zuhause
„Urgent Action“ von Amnesty International (→zur Aktion)
Etwa 500 Roma, darunter etwa 150 Kinder sowie schwangere Frauen und ältere Menschen, sind obdachlos, nachdem sie am 10. Mai im Rahmen einer rechtswidrigen Zwangsräumung durch die Behörden aus ihrer Siedlung in Kampanien in Süditalien vertrieben wurden. Sie kommen derzeit notdürftig in einem Industriegebiet unter, brauchen jedoch dringend angemessene Alternativunterkünfte. Die Behörden müssen umgehend Maßnahmen ergreifen, um die Gefahr eines schweren und nicht wieder gutzumachenden Schadens abzuwenden und die Rechte und Sicherheit der betroffenen Familien zu gewährleisten.
(Text: Amnesty International)
Juli 6th, 2019 |
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Rassismus & Menschenrechte
Russland: Konflikt unter Jugendlichen führt zu Blutvergießen, versuchter Pogrom gegen Roma nimmt tödliches Ende
Roma Antidiscrimination Network (RAN):
Am 15. Juni sind in einem russischen Dorf in der Nähe von Tschemodanowka (Anm.: in der Region Penza) die Häuser von Roma abgebrannt. Die mutmaßliche Brandstiftung hängt mit Auseinandersetzungen zwischen Roma und „weißen“ Russen in dem Dorf zusammen. Hintergrund war anscheinend ein Konflikt zwischen Jugendlichen an einem Fischteich. In dessen Folge sind (Anm.: am 13. Juni) etwa 200 „weiße“ Russen gegen die Roma-Community losgezogen, um Selbstjustiz zu üben. Infolge der Krawalle an diesem Tag kamen fünf Menschen ins Krankenhaus, der 33-jährige Russe Wladimir G. erlag seinen Verletzungen. Am 14. Juni haben etwa 1.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Tschemodanowka eine Nationalstraße blockiert, um Aufmerksamkeit auf den Konflikt zu ziehen und die Tötung G.s zu klären.
Am folgenden Tag, am 15. Juni, entstanden die Videoaufnahmen von dem brennenden Haus einer Roma-Familie.
Die Behörden reagierten auf die Eskalation, indem sie die rund 900 Roma-Einwohner aus Tschemodanowka und dem benachbarten Ort Lopatki zwangsweise in Bussen in die 500 km entfernte Region Wolgograd verbrachten. Read the rest of this entry »
Juli 5th, 2019 |
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Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft
Mladenova, Radmila: Patterns of Symbolic Violence
The Motif of ‘Gypsy’ Child-theft across Visual Media
(=Antiziganismusforschung interdisziplinär – Schriftenreihe der Forschungsstelle Antiziganismus, Bd. 1), Heidelberg 2019.
→Download (pdf)
Anhand einer Reihe paradigmatischer Kunstwerke untersucht das Buch das Motiv des „Zigeuner“-Kinderraubs und dessen Visualisierungen. Im Vordergrund steht die Analyse der Farbkodierung von Körpern und deren rassistische bzw. antiziganistische Verwendung. Die Autorin nimmt eine Bestandsaufnahme der Anpassungen des Motivs in verschiedenen visuellen Medien vor und arbeitet seine vielschichtigen Bedeutungen und Funktionen heraus. Die Analyse beginnt mit einer kritischen Betrachtung von Cervantes’ Erzählung „La gitanilla“. Weitere inhaltliche Schwerpunkte sind die holländischen Historienmalereien des 17. Jahrhunderts und die neu aufkommende Drucktechnik im 19. Jahrhundert. Den Abschluss bildet eine annotierte Filmografie, die 49 Werke umfasst.
Dieses Werk ist unter der Creative Commons-Lizenz 4.0 veröffentlicht. Ab 20. Juli wird das Buch auch in der Druckversion vorliegen.
Radmila Mladenova ist Literatur- und Filmwissenschaftlerin und promoviert am Slavischen Institut in Heidelberg zum Thema „The ‘White’ Mask and the ‘Gypsy’ Mask in Film“. Sie studierte Anglistik und Amerikanistik an der Universität Sofia und schloss den Masterstudiengang „Kultur im Prozess der Moderne“ an der Universität Mannheim ab. Ihre Forschungsinteressen liegen an der Schnittstelle von Rassismus und Kunst.
(Text: Heidelberg University Publishing)