Geschichte & Gedenken

Ausstellungskatalog „45 Jahre Bürgerrechtsarbeit“

Oktober 8th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Cover des AusstellungskatalogsZentralrat Deutscher Sinti und Roma (Hg.): 45 Jahre Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti und Roma/45 years of civil rights work of German Sinti and Roma, Katalog zur Ausstellung, Heidelberg 2017, 92 S.

Der Katalog kann online heruntergeladen oder aber über das Büro des Zentralrats bestellt werden.

Bereits in den 1950er Jahren versuchte eine Gruppe deutscher Sinti, die Haupt­ver­ant­wort­li­chen des Völker­mor­des an Sinti und Roma in Euro­pa vor Gericht zu brin­gen – lei­der erfolg­los. Es gab im Nach­kriegs­deutschland kei­ne ein­zige ge­sell­schaft­li­che oder poli­tische Insti­tu­tion, die Sinti und Roma nach dem Holocaust unter­stützt hätte. Heute, im Jahr 2017, ist der Völkermord an­er­kannt. In Berlin steht das Denkmal für die im Na­tio­nal­sozia­lis­mus er­mor­de­ten Sinti und Roma Europas di­rekt neben Reichstag und Bran­den­bur­ger Tor. Sinti und Roma sind als natio­na­le Minderheit an­er­kannt.

Jeder einzelne Erfolg der Bürgerrechtsarbeit musste ge­gen mas­sive Wider­stände in Politik, Ver­waltung und Gesell­schaft in zum Teil jahr­zehnte­langer Aus­einan­der­setzung durch­ge­setzt wer­den. Ohne die Unter­stützung vieler ein­zel­ner Per­sön­lich­kei­ten, ohne die Unter­stützung von zivil­gesell­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen und ins­beson­dere der Medien wäre der Erfolg der Bür­ger­rechts­arbeit nicht mög­lich ge­wesen.

Unsere Ausstellung ist deshalb all den Sinti und Roma ge­widmet, die sich nach dem Ende des NS-Re­gi­mes in Deutschland und in Europa für die Rechte un­se­rer Minder­heit ein­ge­setzt haben und eben­so all den Freunden und Un­ter­stüt­zern, ohne die unse­re Bür­ger­rechts­arbeit nicht die An­erken­nung ge­fun­den hätte, die heute er­reicht wor­den ist. Diese Aus­stel­lung ist ebenso den jungen Menschen ge­widmet, die diesen Weg, der noch lan­ge nicht ab­ge­schlos­sen ist, wei­ter ge­hen wer­den.

(Aus dem Vorwort von Romani Rose)

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„Protestantismus und Antiziganismus“

September 27th, 2017  |  Published in Dokumente & Berichte, Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Religion, Wissenschaft

Gutachten "Protestantismus und Antiziganismus" in Deutschland (2017)Verena Meier: Gutachten zum Forschungsstand zum Thema „Protes­tan­tis­mus und Anti­ziga­nis­mus“. Gutachten im Auf­trag des Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma, Hei­del­berg 2017.

>>Download (pdf)

Die Rolle von Kirchen – insbesondere der evangelischen Kirchen und ihrer Ver­tre­ter und Ver­tre­terin­nen – stellt ein gro­ßes Desiderat in der Anti­ziganis­mus­forschung und den Romani Studies dar. Dies­es wis­sen­schaft­liche Gut­achten gibt einen Über­blick über be­reits vor­liegende Zu­gän­ge und Studien. Er­geb­nisse und weite­re Forschungs­lücken wer­den dabei in Be­zug auf „Protes­tan­tis­mus und Anti­ziganis­mus“ in Deutschland auf­ge­zeigt. Der Über­blick er­folgt in chrono­lo­gi­scher Abfolge, be­ginnend mit der Re­for­ma­tion bis hin zur Zeit nach dem Zwei­ten Weltkrieg und dem er­in­ne­rungs­kultu­rel­len Um­gang mit der Ver­gangen­heit. Der­zeit fehlt es an über­grei­fen­den und syste­ma­ti­schen Studien. Den­noch geben die bereits vor­lie­genden Unter­suchun­gen zu bestimm­ten geo­grafi­schen und zeit­lichen Kon­texten be­reits einen Ein­druck von den über­grei­fen­den Ver­flech­tun­gen zwi­schen Ver­tre­tern der evangeli­schen Kirche und anti­ziganis­ti­schen Ten­denzen.

Abstract: Research Report on the State of Research on the Topic of “Protestantism and Antigypsyism”

The role of churches – Protestant churches and their repre­sen­tati­ves in par­ticular – in antigypsyist ten­dencies is a major desidera­tum in research on anti­gypsyism and Romani studies. The fol­lowing re­search report gives an over­view of existing research approa­ches and studies. Their fin­dings and further research gaps are high­lighted in relation to “Protestan­tism and Antigypsyism” in Germany. Read the rest of this entry »

RomaRespect #6: Gedenken in Lety (2015)

September 9th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radio, Podcast & TV

Radio RomarespektRadio RomaRespekt #6: Gedenken in Lety u Pisku (Tschechien)

Sendung vom 7.5.2016: Lety u Písku ist ein Ort in der Mitte der Tschechischen Re­publik mit einer riesi­gen industri­el­len Schweine­mast­anlage aus den 70er Jah­ren. Und die steht auf dem Gelände eines ehe­ma­li­gen Kon­zentra­tions­lagers, in dem während der Be­set­zung Tschechiens durch die deut­schen National­sozia­lis­ten ge­zielt Roma und Sinti ge­fan­gen gehal­ten und teils ermordet wur­den. Die jahr­zehnte­lange Existenz der Schweine­mast­anlage emp­fin­den Roma-Ver­tre­ter/innen und Men­schen mit Em­pathie als un­ge­heuer­liche Pietät­losig­keit. Am 16. Mai 2015 trafen sich dort Aktivisten/innen, Roma und Nicht-Roma von den Or­gani­sa­tio­nen Konexe, Free Lety u.a. Sie setzen sich seit 1994 für würde­volle Gedenk­for­men an den Porajmos an die­sem Ort ein.
 In dem Radio-Feature sind O-Töne des alter­na­ti­ven Gedenkens zu hö­ren: Der His­tori­ker Markus Pape erzählt von der Geschichte des KZ Lety und des Ge­denkens, Zeit­zeugen/innen sprechen, eine Gedenk­minute wird ab­ge­hal­ten, es wird ge­sungen, es wird de­monstriert, bis die Polizei laut­stark zu­reift, es wird skan­diert und bis in das Nachbar­dorf Mirovice mar­schiert, um dann auf dem dor­ti­gen Fried­hof der Er­mor­de­ten des KZ zu ge­den­ken. 
Das Kopf­bild dieser Sen­dung zeigt das von Roma und Romnja selbst auf­gestell­te Denkmal für die To­ten des KZ Lety, die in Mirovice auf dem Friedhof be­gra­ben sind.

Update, dROMa-Red.:
Nach jahrelangen leeren Versprechungen scheint es nun mit dem Auf­kauf des Mast­betriebs durch den tsche­chi­schen Staat tat­säch­lich ernst zu werden: KZ Lety: Grünes Licht für Ankauf, 4.8.2017

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Neue Regelung zu Ghetto-Renten

September 2nd, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik

"Zigeunerghetto" (Foto: www.sintiundroma.de)Aussendung des Zentralrats: Neufassung der Richt­linie der deutschen Bundes­regie­rung über eine An­erken­nungs­leis­tung an Ver­folg­te für Arbeit in einem Ghetto, die kei­ne Zwangs­arbeit war

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hat sich ge­mein­sam mit den jüdischen Ver­bän­den in Deutschland und in Polen dafür ein­ge­setzt, dass es für die we­ni­gen noch leben­den Men­schen, die in Ghettos während der NS-Herrs­chaft arbeiten muss­ten, noch eine Entschädigung ge­ben soll.

Das Bundeskabinett hat dazu am 14. Juni 2017 die Neu­fassung der Richt­linie der Bundes­regierung über eine An­erken­nungs­leis­tung an Verfolgte für Arbeit in einem Ghetto, die keine Zwangs­arbeit war (An­erkennungs­richtlinie) be­schlos­sen.

  1. Die Neufassung der Richtlinie begründet im § 1 Ziffer 1 einen An­spruch auf eine ein­mali­ge Leis­tung für Per­so­nen, „die sich zwangs­weise in einem Ghetto auf­gehal­ten haben, das in einem Gebiet des national­sozia­lis­ti­schen Einfluss­be­reichs lag, und wäh­rend dieser Zeit ohne Zwang in einem beschäf­tigungs­ähn­li­chen Ver­hält­nis ge­arbei­tet haben“, wenn sie „für diese Arbeit kei­ne Leis­tung aus den Mit­teln der Stif­tung ‚Erinnerung, Ver­ant­wor­tung und Zukunft‘ er­halten haben oder hät­ten er­hal­ten können“. Die ein­malige Leis­tung be­steht nach § 2 Zif­fer 1 aus einer Kapital­zahlung in Höhe von 2.000 Euro.
  2. Nach § 2 Ziffer 2 besteht zudem die Möglich­keit einen An­trag auf einen einmaligen Rentenersatzzuschlag in Höhe von 1.500 Euro zu stel­len, wenn ein „Ver­folgter, bei dem die Voraus­setzun­gen des § 1 Ab­satz 1 Satz 1 des Ge­setzes zur Zahl­bar­ma­chung von Renten aus Be­schäf­ti­gun­gen in einem Ghetto vor­liegen, nur des­halb keinen An­spruch auf eine Rente aus der ge­setz­li­chen Renten­ver­siche­rung [hat], weil die all­ge­mei­ne Warte­zeit nach § 50 Ab­satz 1 Satz 1 des Sechs­ten Bu­ches Sozial­gesetz­buch nicht er­füllt ist“.

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Fünf Jahre Denkmal in Berlin

August 28th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Sinti-und-Roma-Denkmal in Berlin (Foto: Marko Priske)

»Every Day is Romaday!«
Konferenz zur Teilhabe von Roma und Sinti in Deutsch­land (Berlin, 22. No­vem­ber 2017)

Im Herbst 2017 jährt sich die Einweihung des Denkmals für die im National­sozia­lis­mus er­mor­­de­­ten Sinti und Roma Europas zum fünf­ten Mal. Die deutsche Bun­des­­kanz­lerin unter­­strich da­mals in ihrer Rede: »Sinti und Roma müs­sen auch heute um ihre Rechte kämpfen. Des­halb ist es eine deutsche und eine euro­­päi­­sche Auf­gabe, sie dabei zu unter­­stützen, wo auch immer und inner­­halb wel­cher Staats­gren­zen auch immer sie leben.«

Antiziganistische Vorurteile sind in der deutschen Gesell­schaft nach wie vor tief ver­ankert: Zuletzt zeigte 2016 die Studie »Die ent­hemmte Mitte« der Uni­ver­si­tät Leipzig, dass 57,8% der Be­frag­ten ein Problem damit hätten, wenn Sinti und Roma in ihrer Nähe wohnen wür­den. Knapp 50% wol­len Sinti und Roma aus den Innen­städten ver­bannen. Zur Über­windung dieser Dis­krimi­nie­rung wurde das Bündnis für Soli­darität mit den Sinti und Roma Europas ge­grün­det, das mit der Unter­stützung des deut­schen Bun­des­pro­gramms »Demokratie leben!« des Bun­desministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am Mitt­woch, den 22. No­vem­ber 2017, in Berlin eine Konferenz ver­an­staltet, um die in Deutschland bis­her um­ge­setz­ten Anti­dis­krimi­nie­rungs­maß­nahmen auf­zu­zeigen.

Unter dem Titel »Every Day is Romaday! Dialog mit Politik, Be­hör­den und Bildungs­ein­rich­tun­gen in Deutsch­land« wer­den Arbeits­ergeb­nisse prä­sen­tiert und Hand­lungs­empfeh­lun­gen für wei­ter­hin not­wen­dige Ver­än­de­run­gen ent­wickelt. Landes­fachtage und Schul­work­shops fin­den hierzu bereits ab Juli in den Bundes­ländern statt. Die Akteure und Akteu­rin­nen in den Kom­mu­nen und Vereinen wol­len eine Ab­schluss­er­klä­rung mit kon­kre­ten Forde­run­gen zur Bekämp­fung des Antiziganismus ent­wickeln und an die neue Bun­des­regie­rung über­geben.

Erwartet werden 300 Gäste aus dem gesamten Bundes­gebiet. Ta­gungs­orte sind von 12.30 bis 20.00 Uhr die Parochial­kirche und das Palais Podewil in Berlin-Mitte.

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Lichtenhagen: Die Roma, ein blinder Fleck

August 27th, 2017  |  Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Interview, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

"Lichtenhagen im Gedächtnis"Der Historiker Martin Arndt koordiniert beim Rostocker Verein Soziale Bildung e.V. das Projekt „Lichtenhagen im Gedächtnis“, ein von der Stadt Rostock finan­zier­tes Archiv- und Ver­mitt­lungs­projekt zu den ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen vor dem „Sonnen­blumen­haus“ vor 25 Jahren (mehr hier). Velten Schäfer (Neu­es Deutschland) sprach mit ihm über die Schwie­rig­keiten, die Gewalt­aus­brüche des Som­mers 1992 zu re­konstru­ie­ren. Wir bringen im Fol­gen­den einen Aus­zug; das un­ge­kürzte Inter­view fin­den Sie hier.

„Den Ausgangspunkt bildeten kleine, private »Archive« von Bür­gerin­nen und Bürgern, die damals ge­sam­melt haben, was ihnen in die Hände kam – das sind natür­lich zu­nächst oft Medien­dokumente, schwer­punkt­mäßig aus den loka­len Zeitungen. Die Flugblätter, die da­mals von den Rechten in Um­lauf ge­bracht wur­den und die von der Gegen­seite. Wir haben alle Unter­lagen aus dem da­mali­gen Alter­na­ti­ven Jugend­zentrum über­nom­men, darun­ter ist eine zeit­ge­nös­si­sche Chrono­lo­gie der Er­eig­nisse. (…) Es gehört zu den Zielen unseres Projekts, die Perspektiven der Betrof­fe­nen re­konstru­ie­ren zu helfen. Dazu gibt es bereits An­sätze. Vor fünf Jahren hat etwa die Hein­rich-Böll-Stif­tung eine Reihe von Zeitzeugen­interviews auf­ge­zeich­net, mit da­mali­gen Bewohnern des Heims für viet­name­si­sche Vertrags­arbeiter (…) und mit Gegen­aktivisten. Wäh­rend viele viet­name­sische Zeit­zeugen noch in der Stadt sind und mit dem nach den Ereig­nissen ge­grün­deten Verein Diên Hông auch eine Adresse haben, ist es sehr schwie­rig, Stim­men der dama­ligen Roma-Flücht­linge zu fin­den, gegen die sich die rassis­tische Mobil­ma­chung zuerst ge­rich­tet hatte. Viele von diesen kamen aus Rumänien und wur­den nach dem ent­spre­chen­den Ab­kom­men vom Sep­tem­ber 1992 zurück­gebracht. Ihre indi­vi­duel­len Blick­winkel sind bisher tat­säch­lich ein blinder Fleck. Immer­hin spielen Roma als Gruppe inzwi­schen eine größere Rolle in der Erinnerung. Am Diens­tag­abend [nahm] mit Romani Rose vom Zentral­rat der Sinti und Roma erst­mals ein Ver­tre­ter der Roma an einer Gedenk­ver­ans­tal­tung [teil].

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25 Jahre Rostock-Lichtenhagen

August 25th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Deutschland im August 1992: Pogrom in Rostock-Lichtenhagen (Foto: Vor 25 Jahren tobte in Rostock-Lichtenhagen ein rassis­ti­scher Mob. Über Tage hin­weg griffen im August 1992 hun­derte An­wohner und Neonazis eine Asyl­ein­richtung und ein Aus­länder­wohn­heim an­, meh­rere Gebäude gin­gen in Flam­men auf. Begonnen hat all dies mit einer rassis­ti­schen Kam­pagne gegen Roma-Flücht­linge aus Ru­mä­nien. Bei der Gedenk­feier in Rostock sprach auch Romani Rose, Vor­sitzen­der des Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma. Wir do­ku­men­tie­ren im Fol­gen­den seine Rede.

Bei den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen han­delte es sich um die mas­sivsten fremden­feindlich moti­vier­ten Über­griffe der deut­schen Nach­kriegs­ge­schichte. Wir wis­sen heute, 25 Jahre danach, dass das Pogrom eben kein ,,aus dem Ruder ge­lau­fe­ner Protest“ war, wie damals be­haup­tet wurde. Son­dern hier sollte ein von Nazis lange vor­berei­te­tes, mör­de­ri­sches Signal gegen Flücht­linge und Aus­länder ge­ge­ben werden.

Das Pogrom von Lichtenhagen fiel in eine Zeit kurz nach der Auf­lö­sung der DDR, in der in Rostock sehr viele Men­schen arbeits­los waren. Viele Ein­wohner hatten jede Zukunfts­perspek­tive ver­loren. Gleich­zeitig kamen 1992 hundert­tau­sende Flücht­lin­ge nach Deutschland, um hier Asyl zu be­an­tra­gen. Die Zentrale Auf­nahme­stelle für Flücht­linge in Rostock-Lich­ten­hagen war wie viele an­dere in dieser Phase völ­lig über­fordert.

Im August 1992 griffen dann hunderte Gewalttäter zuerst die Ge­bäu­de der Zentralen Auf­nahme­stelle, das so­ge­nann­te Sonnen­blumen­haus, und dann den da­neben ste­hende Wohn­block viet­na­me­si­scher Fa­mi­lien mit Steinen und Molotow-Cock­tails an. Die Gewalt zog sich über meh­rere Tage hin­weg, be­gleitet von Fern­sehen und Medien, wäh­rend die Polizei taten­los zu­schaute.

Tausende Anwohner und Schaulustigen bejubelten die ge­walt­sa­men Angriffe der Nazis. Mehr als 100 Men­schen ent­gingen nur knapp dem Tod in den Flammen. Die Fernseh­bilder mit den bren­nen­den Wohn­gebäu­den sind in unser kol­lek­ti­ves Gedächt­nis ein­ge­gan­gen. Dabei gerät leicht in Ver­ges­sen­heit, dass der Es­ka­la­tion ein zu­neh­mend aggres­si­ver Rassismus in den Me­dien und in der Politik voraus­ging.

Die bereits Tage vorher angekündigte Gewalt rich­te­te sich zuerst ge­gen Roma-Flüchtlinge aus Rumänien, die tage- und wo­chen­lang vor der Zentra­len Auf­nahme­stelle unter men­schen­un­wür­di­gen Be­din­gun­gen und ohne jede Ver­sorgung im Freien kam­pieren muss­ten. Durch die be­usst herbei­geführten un­hygie­ni­schen Zu­stände sollte den Flücht­lingen die Würde und damit das Mensch­sein ab­gespro­chen werden. Aus dieser un­halt­baren Situa­tion ent­wickelte sich die aggres­sive Stim­mung vor Ort fast zwangs­läufig. Die Ostsee-Zeitung berichtete vier Tage vor dem Gewalt­exzess über direkte Drohungen gegen Roma. In einem anony­men Anruf an die Zeitung hieß es (Zitat) ,,Die Roma werden auf­ge­klatscht“. Read the rest of this entry »

„Broken Silence“ (2013)

August 23rd, 2017  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken

Teil 2: https://vimeo.com/63692450

Dokumentarfilm von Bob Entrop und Orhan Galjus, 85 Min.

Der Radioreporter Orhan Galjus, geboren im Kosovo, reist durch Deutsch­land, Polen und das Kosovo. Er will wis­sen, warum die Sinti und Roma so lange über den Holocaust ge­schwie­gen haben. Orhan spricht mit deut­schen Sinti, die Auschwitz über­lebt haben, und reist zu wenig be­kannten pol­ni­schen Gedenk­stätten. Mit dem Fort­gang der Ge­schichte ent­faltet sich das innere Drama des Prota­gonis­ten: Er be­fürch­tet, dass künf­tige Ge­ne­ra­tio­nen von ihren Wurzeln ent­frem­det werden. Was müs­sen sie tun, um Gehör zu finden? Warum ver­leug­nen viele ihre Herkunft? Sieht ins­be­son­dere die junge Generation die Paral­le­len zwi­schen der histo­ri­schen Ver­folgung und Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung in der Gegen­wart?

KZ Lety: Grünes Licht für Ankauf

August 4th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radio, Podcast & TV

Schweinefarm auf dem KZ-Gelände von Lety(Foto: Romeo.cz)Ehemaliges Roma-KZ Lety in Tschechien: Grünes Licht für Auf­kauf des Mast­be­triebs auf KZ-Areal

>>Anhören: MP3

Der Fall ist inzwischen zum „Evergreen“ des politischen Diskurses in Tschechien ge­wor­den: In Lety bei Písek steht eine Schweine­mast. Genau an diesem Ort be­fand sich während der NS-Be­satzung je­doch ein KZ für Roma. Der Staat könnte den Betrieb nun tat­säch­lich bald auf­kaufen, denn der Eigner der Farm hat am Mon­tag grünes Licht für den Ver­kauf ge­geben.

Um diese Entscheidung wurde lange gerungen: Die Aktio­nä­re des Agrar­kon­zerns AGPI haben auf ihrer Voll­ver­samm­lung am Mon­tag dem Verkauf der Schweine­farm in Lety zu­gestimmt. Der Preis wurde nicht ge­nannt. Das Unter­nehmen ließ zudem eine Studie über die Kosten für einen mög­li­chen Neu­bau der Farm an an­de­rer Stelle aus­ar­bei­ten. Jan Čech ist Vize­vor­sitzender des Vor­stands der Agrar­firma: „Wir haben den Ver­tre­tern des Staats unsere Vor­stel­lun­gen mit­ge­teilt. Ich glaube, dass sie dabei sind, das An­gebot nur noch zu prä­zi­sie­ren und den Kauf dann ab­zu­schließen.“

Der für die Angelegenheit zuständige Kulturminister Daniel Herman (Christ­demokra­ten) er­klärte, er sehe kein Problem mehr auf der Sei­te der Eig­ner des Mast­betriebs. Daniel Herman: „Sie haben offen die Bereit­schaft dazu ge­zeigt, das ganze Gelände dem Staat zu ver­kaufen. Die Regie­rung ver­fügt über alle er­for­der­li­chen Unter­lagen und wird Ende August oder An­fang Septem­ber eine Ent­schei­dung treffen. Nach der Zu­stim­mung der Aktio­nä­re steht einem Kauf­ver­trag nichts mehr im Wege.“

Über den Preis wollte der Kulturminister nicht spre­chen. Er wolle die In­teres­sen des Handels­part­ners nicht ver­letzen, des­sen Ent­gegen­kom­men er schätze, sag­te Herman: „Sämtliche Einzel­heiten wer­den nach der Unter­zeichnung des Kauf­vertrags ver­öf­fent­licht. Ich kann jedoch bestä­ti­gen, dass es sich nicht um derart hohe Geld­sum­men han­delt, wie manche schon spe­ku­liert haben.“

Roma-Aktivisten haben zuvor kritisiert, dass über einen Kauf­preis von meh­re­ren hun­dert Mil­lio­nen Kro­nen für die Schweinemast in Lety spe­ku­liert wur­de. Sie erin­ner­ten daran, dass der vor­heri­ge Eig­ner den Betrieb für nur 3,5 Mil­lio­nen Kro­nen (130.000 Euro) vom Bezirks­amt ge­kauft hatte. Read the rest of this entry »

Dikh He Na Bister! Schau und vergiss nicht!

Juli 30th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Veranstaltungen & Ausstellungen

Dikh he na bister!2. August – Gedenktag an den Völkermord an Roma und Sinti

18:00 – 20:00 Uhr, Ceija-Stojka-Platz
Lerchenfelder Straße 103-109, 1070 Wien

Wien (OTS) – Schau und vergiss nicht! – unter diesem Motto wird am Mitt­woch, 2. August auf dem Wiener Ceija-Stojka-Platz einer hal­ben Mil­lion Men­schen ge­dacht, die vom Nazi-Regime als „Zigeuner“ ver­folgt und er­mordet wurden.

In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurden 2.897 Roma – Männer, Frauen und Kinder – in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau er­mor­det. Erst 2015, also 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs wurde der Genozid an einer hal­ben Mil­lion Roma und Sinti vom Euro­päi­schen Par­la­ment an­erkannt. In der Resolu­tion vom April 2015 wurde dazu auf­ge­rufen der Dis­krimi­nie­rung von Roma ein Ende zu setzen. Das Euro­päi­sche Par­lament for­dert dazu auf, der Opfer des Völkermordes am 2. Au­gust – dem inter­na­tio­na­len Roma Genocide Memorial Day – zu ge­denken. Das EU-Parlament sei „sehr be­sorgt um den stei­gen­den Antiziganismus, der sich in Anti-Roma-Rhe­torik sowie in Über­griffen und Attacken gegen Roma in Europa ma­ni­fes­tiert. Anti­ziganis­mus ist un­ver­einbar mit den Normen und Werten der Euro­päischen Union und sollte in allen Mit­glieds­staaten be­kämpft werden“. Maß­gebend für die An­erkennung waren die Be­mühungen der Roma Genocide Remembrance Initiative und zahl­loser Roma-Or­ga­ni­sa­tio­nen in ganz Europa. Vor allem ju­gend­liche Ak­ti­vis­tinnen und Akti­vis­ten er­ho­ben dafür ihre Stimmen.

In Österreich ermordeten die Nationalsozialisten 90 % der Roma und Sinti. Bis heute ist das Trauma bei den Über­lebenden und den Nach­fahren der Opfer vor­han­den und wirk­sam. Ein Genozid, der lange ver­schwie­gen und ver­ges­sen wurde und heute ak­tuel­ler ist denn je.

Romano Centro organisiert in Kooperation mit der Roma Genocide Remembrance Initiative, Zentrum Exil und rom­blog.at die dritte Gedenk­ver­anstal­tung zum 2. August in Österreich. Eine Ge­denk­ver­ans­tal­tung, bei der Zeitzeugen und An­ge­hö­rige von Opfern zu Wort kom­men. Read the rest of this entry »

„Großstadt-Zigeuner“ (1932)

Juli 28th, 2017  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken

Großstadt-Zigeuner, Stummfilm, D 1932
Regie/Kamera/Schnitt: László Moholy-Nagy (1895-1946)

„Als László Moholy-Nagy 1932 seinen knapp zwölf­minü­ti­gen Experi­mental­film in Berlin drehte, bestä­tig­te er zwar das ver­brei­tete Bild der Sinti und Roma, die sich als Wahr­sagerin­nen, Musiker und Bären­vor­führende be­tätig­ten; doch zeigte er sie gleich­zeitig als fröhliche und selbst­bewusste Gemein­schaft. Moholy-Nagy konnte nicht ahnen, dass Sinti und Roma schon weni­ge Jahre spä­ter eben­so wie die europäi­schen Juden im Faden­kreuz der NS-Ver­nich­tungs­politik stehen sollten.“ (Goethe-Institut)

„In seinem Film ,Großstadtzigeuner‘ aus dem Jahr 1932 porträ­tiert der ungarische Künstler, Medien­theo­re­ti­ker und Filme­macher László Moholy-Nagy die Mit­glie­der einer Roma-Ge­mein­schaft in Berlin. Er zeigt Männer beim Karten­spiel, Mädchen, die einander die Haare käm­men, strei­tende Frauen, eksta­ti­sche Musiker, aus­gelassen tan­zende Zuhörer. Im­mer näher lässt der Filmemacher seine Kamera an diese Men­schen heran­gleiten, mehr und mehr bleibt sie dabei an Details hän­gen: an Händen, Füßen oder Ge­sich­tern. Sie greift den Rhyth­mus der Be­we­gun­gen auf, wird so zum Teil des Ge­sche­hens. Aus den selt­sams­ten Blick­winkeln hat Moho­ly-Nagy seine Pro­ta­gonis­ten ge­filmt, oft von unten oder von schräg oben. Mal be­wegen sie sich aus der Un­schärfe in die Schärfe, mal aus dem Licht in den Schat­ten und um­ge­kehrt. Read the rest of this entry »

Forschungsstelle Antiziganismus in Heidelberg

Juli 25th, 2017  |  Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Universität HeidelbergForschungsstelle Antiziganismus an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg nimmt Ar­beit auf: Wis­sen­schaft­ler unter­suchen Aus­gren­zung von Sinti und Roma in Ge­schichte und Ge­gen­wart

Pressemitteilung, 24.7.2017: Eine Forschungsstelle, die sich dem Thema der Aus­gren­zung, Dis­kri­mi­nie­rung und Verfolgung von Sinti und Roma in historischer Per­spek­tive wid­men wird, hat an der Uni­ver­si­tät Heidel­berg ihre Arbeit auf­ge­nom­men. Die feier­liche Er­öff­nung fin­det am 28. Juli 2017 statt. Die Ein­rich­tung die­ser For­schungs­stelle Anti­ziganis­mus geht auf einen Staats­vertrag zurück, den der Landes­ver­band Baden-Württem­berg im Ver­band Deut­scher Sinti und Roma und das Land Ba­den-Württemberg im No­vem­ber 2013 ge­schlos­sen haben.

An der Eröffnungsveranstaltung, zu der der Rektor der Ruperto Carola, Prof. Dr. Bernhard Eitel, ein­ge­la­den hat, wer­den die ba­den-württem­ber­gi­sche Wis­sen­schafts­minis­te­rin Theresia Bauer, der Vor­sitzende des Landes­ver­bandes, Daniel Strauß, und der Vor­sitzende des Zentral­rats Deut­scher Sinti und Roma, Romani Rose, teil­nehmen.

„Mit der Förderung der Forschungsstelle Antiziganismus setzen wir ein Zei­chen – gegen das Schweigen, für die Auf­klärung. Damit wird das Land auch seiner histo­ri­schen Ver­pflich­tung den Sinti und Roma gegen­über ge­recht“, be­tont Minis­te­rin Bauer. Die neue Ein­rich­tung wird aus Mitteln des ba­den-württem­bergi­schen Wissen­schafts­minis­te­riums finan­ziert. Die For­schungs­stelle be­schäf­tigt sich mit grund­legen­den Fragen zu Ur­sa­chen, Formen und Folgen des Anti­ziganis­mus in den euro­päi­schen Gesell­schaf­ten vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

„Ausgehend von der bis heute anhaltenden Stigmati­sie­rung von Sinti und Roma gilt es, Stereotype, Vor­urteile und die daraus resul­tie­ren­den Mecha­nis­men der Ausgrenzung his­to­risch fun­diert unter dem Dach der noch jungen Anti­zi­ga­nis­mus­forschung zu un­ter­suchen. Dies ist eine Auf­gabe von großer wissen­schaft­licher, gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Dring­lich­keit“, betont der Heidel­berger Zeit­histo­ri­ker Prof. Dr. Edgar Wolfrum, der das Kon­zept für die For­schungs­stelle mit Mit­arbei­terin­nen des Arbeits­bereichs Min­der­heiten­ge­schich­te und Bürger­rechte in Europa er­ar­bei­tet hat. Read the rest of this entry »

Barikani Romni andar i Tschechija muli

Juli 22nd, 2017  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Geschichte & Gedenken

Emilie Machalkova90 berschenca jek le lejcti prik dschivde holocaust Ro­men­dar andar i Tsche­chi­ja Emílie Machálková muli. Oj na ande loger­tscha ledschim uli, lake o biro andar i ge­majn­di Nesovice, sa­ves­ke oj buti kerlahi, po­mo­schin­tscha. Ov le nimtschke „Gestapo“ schaj prik va­ker­tscha taj af­ka odoj schaj atschi­ni. Pedar lake­ro mu­lipe o tsche­chi­ti­ko radijo CRo phu­katscha. „Sako di, kada me la srastunaha upri buti la­dahi, o nimtsch­ke haren­gere odoj sina“, phen­tscha oj jef­kar uso pro­jekto „Gedächt­nis der Nation“. „Taj sa­kovar man phutschle, sos­ke me telal o nipo som, sar oda al, soske me na ande logeri som.“ Bute­der sar 30 dschene latar ando naci­jo­nal­so­ci­ja­lis­ti­schi rajipe mur­dar­de ule. Palo ha­buri i Machálková ojs dschi­lasch­kija tra­di­ci­jo­neli Ro­mane dschi­la­schen­ca peske anav kertscha. Pa­loda vake­rip­tscha liker­lahi terne dsche­nenge pe­dar la­keri his­tori­ja la­kere ni­postar. Oj andar bari­kani fa­mili­ja al: La­kero batschi ando masch­karutno ha­buri la Tsche­cho­slo­vaki­jatar o ersch­ti fisch­ga­ro­schi andar o Ro­men­gero tschu­lipe sina. Read the rest of this entry »

Olympiamuseum Köln: „Zigeuner-Boxer“

Juli 21st, 2017  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Jugend & Bildung, Sport

Rukeli TrollmannRike Reinigers „Zigeuner-Boxer“ basiert auf der Lebens­ge­schich­te des sinto-deut­schen Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann und zeigt auf ein­drucks­volle Weise, wie in Zeiten von Unter­drückung und Terror per­sön­li­cher Mut und ver­läss­li­che Freund­schaft zum Tra­gen kom­men kön­nen. Er­zählt wird das Schick­sal des Boxers aus Sicht seines Freun­des Hans, der vom Kölner Schau­spieler Andreas Kunz ge­spielt wird. Er er­in­nert sich an Ru­ke­lis spek­ta­ku­läre Auf­tritte und seine gro­ßen Er­folge. 1933 war er Deutscher Meister ge­wor­den, doch der Titel wurde ihm we­nige Tage später mit der Be­grün­dung ab­er­kannt, sein tän­zeln­der und aus­wei­chen­der Box­stil sei „un­deutsch“. Aus Protest färb­te sich Ru­keli vor seinem nächs­ten Kampf die Haare blond und kalk­te sich die Haut weiß. So stieg er als Kari­katur eines Ariers in den Ring, um die Schläge seines Geg­ners deckungs­los hin­zu­ne­hmen, bis er zu Boden ging. In Rück­blicken er­zählt Hans den letzt­lich aus­sichts­lo­sen Kampf seines Freun­des um seine Karriere und sein Leben (Anm. d. Red.: Troll­mann wurde 1944 in einem Außen­lager des KZ Neuengamme er­mordet),

Das speziell für ein jugendliches Publikum kon­zi­pier­te Theater­stück er­mög­licht einen sehr emotio­nal an­geleg­ten Zu­gang in die Zeit des Nationalsozialismus und zeigt an­hand einer historisch ver­brief­ten Lebens­geschichte, wie staat­li­cher Will­kür und Gewalt jedes Recht auf ein men­schen­wür­di­ges Da­sein zum Opfer fällt.

Das „Deutsche Sport- & Olympia-Museum“ bietet speziel­le Auf­füh­run­gen für Schul­klassen in gleich­sam authen­ti­schem Am­biente, näm­lich in seinem Box-Ring, an. Hier be­leuch­ten auch eini­ge aus­gewählte Ex­ponate die Ge­schich­te von Johann „Rukeli“ Trollmann.

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Emílie Machálková (1926–2017)

Juli 19th, 2017  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Geschichte & Gedenken

Emílie Machálková (Foto: Roma Museum Brünn)Letzte Überlebende des Völker­mords an tsche­chi­schen Roma ge­stor­ben

Die letzte Überlebende des Völkermords an den tsche­chi­schen Roma, Emílie Machálková, ist tot. Sie starb im Alter von 90 Jah­ren, be­rich­te­te der Tsche­chi­sche Rund­funk in seinen Inlands­sen­dungen am Mon­tag. Die Natio­nal­sozia­lis­ten woll­ten auch die Fa­mi­lie von Machálková in ein Ver­nich­tungs­lager brin­gen. Der Bürger­meister ihres Heimat­ortes konnte aber bei der Gestapo in Brno / Brünn eine Aus­nah­me aus­han­deln. Während des Zwei­ten Weltkriegs haben die Deutschen 90 Pro­zent der tsche­chi­schen Roma er­mor­det. Nur 600 der ins­gesamt 6000 An­ge­hö­ri­gen über­lebten den Porajmos, den Völkermord an den euro­päi­schen Roma.

(Text: Radio Praha)

„Es ist immer der gleiche Mist“

Juli 11th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Kunst & Fotografie, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Ausstellung am Baustellenzaun: Marika Schmiedt in Wien, Juli 2017 (Foto: Samuel Mago, via volksgruppen.orf.at)Die Ausstellung „Sprache kommt vor der Tat“ wandert von einer Galerie­werk­statt zu einem Bauzaun auf der Mariahilfer Straße.

Wiener Zeitung, 4.7.2017. Von Valentine Auer

Wien. „Roma Rauss“ zum Beispiel. Mit Doppel-S und auf einem Wahl­plakat über das Gesicht von Alexander Van der Bellen ge­schmiert. Oder ein Auf­kleber mit der öster­rei­chi­schen Flagge und der Auf­schrift „Zigeuner brin­gen Krimi­na­lität & Krank­heiten nach Österreich“. Es sind Bei­spiele von Rassismus, von Antiziganismus, die seit etwa einem Jahr zu­neh­mend im öf­fent­li­chen Raum von Wien sicht­bar sind. Es sind auch Bei­spiele, die zeigen wie Rassismus und Sprache zu­sam­men­hängen und wie Konstruk­tio­nen von Kultur, von Un­gleich­hei­ten bis heute fort­geschrie­ben wer­den. An einem dieser Schau­plätze rassis­ti­scher Schmierereien hängt seit Sams­tag die Ausstellung „Sprache kommt vor der Tat“ der Wiener Künst­lerin Marika Schmiedt, um auf eben­diese Kon­tinui­tä­ten auf­merk­sam zu machen.

Die Original-Ausstellung war relativ kurz in der Galerie­werk­statt NUU zu sehen. Von 19. Mai bis 1. Juni wurden die Recher­chen von Mari­ka Schmiedt der Öf­fent­lich­keit zugäng­lich ge­macht. Seit ver­gan­ge­nen Samstag sollen die Er­kennt­nis­se eine brei­tere Öffent­lich­keit er­rei­chen – an einem Bau­stellen­zaun an der Maria­hil­fer Straße 67.

Erkenntnisse, die darauf aufmerksam machen, wie ähn­lich sich rassis­ti­sche Diskurse vom Kaiser­reich bis heute sind. Als Romni wollte sich Schmiedt mit den eige­nen Wurzeln aus­einan­der­setzen, er­klärt sie gegen­über der „Wiener Zeitung“: „Als Betrof­fene habe ich mich inten­siv mit meiner eigenen Familien­geschichte aus­einander­ge­setzt und bin in meinen Recher­chen sehr weit zurück­ge­gangen. Wenn man sich – egal, in welcher Zeit – die Zeit­doku­mente durch­liest, merkt man, dass es immer die glei­chen Mecha­nis­men sind.”

Der Menschenfresser-Prozess von Kaschau

Ähnliche Mechanismen und wiederauftretende Kon­tinui­tä­ten, macht Schmiedt an histori­schen und gegen­wärtigen Bei­spielen be­greif­bar. So auch am so­ge­nann­ten „Men­schen­fres­ser-Pro­zess von Kaschau“, der von 1927 bis 1929 ge­dauert hat und in der Aus­stellung aus­führlich doku­men­tiert wird: „Viele Roma aus Košice, dem da­ma­li­gen Kaschau, wur­den ver­haftet und ge­quält, weil ein Gerücht im Um­lauf war, dass sie Men­schen ge­fressen haben. Geständ­nisse wurden unter Druck ab­gelegt“, so Schmiedt. Read the rest of this entry »

„Roma – zum Betteln verdammt“

Juli 1st, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte

Neuerscheinung bei Edition Tandem: Wolfgang Radläger, Roma - zum Betteln verdammt (Mai 2017)Wolfgang Radlegger: Roma – zum Betteln verdammt. Eine historisch-kritische Auseinandersetzung. Aktualisiert am Beispiel der Stadt Salzburg, Edition Tandem: Salzburg 2017 (gebunden, 320 Seiten, ISBN 978-3-902932-66-2)

Buchpräsentation in Salzburg am 6. 7. 2017, 19 Uhr
Phurdo/Beratungszentrum, Schallmooser Hauptstr. 31

Die Geschichte der Roma und Sinti ist eine der Verfolgung, Aus­gren­zung und Ver­nich­tung. Wolfgang Radlegger wollte es genau wis­sen und ist tief in die Geschichte ab­gestie­gen, um Spu­ren zu sichern. Er hat sich aber nicht al­lein aus den his­to­ri­schen Quellen be­dient, er hat sich selbst auf die Reise zu den im­mer noch „Ver­damm­ten“ dieser Erde ge­macht. Das ist des­halb so wich­tig, weil die Bettler, de­nen wir heute ver­stärkt auf den Straßen der Städte Europas be­geg­nen, zu einem erheb­li­chen Teil der Gruppe der Roma an­ge­hören. Was das für Salzburg be­deutet und wie die Politik damit um­geht, hat Radlegger in einem eige­nen Kapitel exempla­risch ab­ge­han­delt. Das Buch ist ein großes Plä­do­yer für Toleranz.

(Edition Tandem)

Roma-KZ Lety: Protest gegen Schweinefarm

Juni 25th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken

Roma-Protest vor der Schweinemastanlage auf dem ehemaligen Areal des KZ Lety (Foto: EGAM)Tschechien: Aktivisten fordern in Lety Beseitigung des Mast­betriebs

Einige Hundert Aktivisten haben am Samstag in Lety bei Písek in Süd­böhmen ge­for­dert, dass der Mast­betrieb be­sei­tigt wird, der sich am Ort be­fin­det, wo wäh­rend der national­sozia­lis­ti­schen Besatzung ein Kon­zentra­tions­lager für Roma stand. Der Prä­sident der „Euro­päi­schen anti­rassis­ti­schen Be­we­ging“ (EGAM, European Grass­roots Antiracist Move­ment) Benjamin Abtan er­klärte, dass die Firma AGPI, der die Schweine­mast gehört, keine EU-För­der­gelder be­kom­men darf. Die Be­sei­ti­gung der Schweine­mast würde seinen Worten zu­folge einige Mil­lio­nen Euro kos­ten. Nach Lety kam auch Justiz­minis­ter Robert Pelikán (Ano-Par­tei). Die Re­gie­rung von Bohuslav Sobotka (Sozial­demokraten) ließ zuvor ver­lauten, dass sie die Ver­hand­lun­gen mit den Eigen­tümern des Mast­betriebs zu einem erfolg­reichen Ende füh­ren möch­te. Das Kultur­minis­te­rium ließ ein Gutachten über den Wert des Grund­stücks, der Im­mo­bi­lien sowie der tech­ni­schen Aus­stat­tung des Mast­betriebs aus­ar­beiten.

(Text: Radio Praha)

Siehe auch:
Roma-Diskriminierung: Europarat rügt Prag, 5.11.2016
KZ Lety: Regierung will Schweinemast kaufen, 9.9.2016
Tschechiens Vizepremier verharmlost Roma-Holocaust, 4.9.2016
goEast: Produktionspreis für „JOŽKA“, 3.5.2016
UNO zu Schweinefarm in Roma-KZ Lety, 27.7.2013
Der Holocaust an den tschechischen Roma, 21.3.2012

Roma-Pastoral: Kirche lebt Inklusion

Juni 22nd, 2017  |  Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Religion

Manuela Horvath in Mariazell (Foto: volksgruppen.orf.at)Die Roma-Pastoral leistet das ganze Jahr über be­acht­li­che Arbeit, im Seel­sorg­li­chen, im So­zia­len, im Mit­mensch­li­chen, im Er­innern an die Opfer der Ver­gan­gen­heit und im Hoch­halten ihrer un­ver­äußer­li­chen Würde, im Ge­stal­ten einer posi­ti­ven, selbst­bestimm­ten und mit­bestimm­ten Zu­kunft. – Einen we­sent­li­chen An­teil an all dem hat Manuela Horvath, die seit nun­mehr rund einem Jahr die Roma-Pastoral leitet.

Martinus, 21.6.2017: Eisenstadt – Inklusion heißt, miteinander reden und handeln, nicht bloß einer über den ande­ren. Manuela Horvath weiß das. Und sie lebt genau das. Denn die Romni Manue­la Hor­vath leitet seit März 2016 die Roma-Pastoral der Diözese Eisenstadt – mit viel En­gage­ment, Begeis­te­rung und einer Fülle an Ideen. Der Erfolg kann sich sehen las­sen und ist mehr als sicht­bar an der Viel­zahl und Viel­falt der Pro­jekte der Roma-Pastoral. Was ihnen allen ge­mein­sam ist? „So unter­schied­lich unsere Tätig­keits­felder sind, sie sind alle glei­cher­maßen wich­tig. Immer geht es darum, Per­so­nen aus der Volks­gruppe ein­zu­binden, gemein­sam und mit­einan­der zu gestal­ten und Vor­haben mit und von der Volks­gruppe selbst um­zu­setzen“, betont Ma­nuela Horvath.

Immer präsent, aktiv und mittendrin

Und es ist viel zu tun für die Leiterin der Roma-Pastoral. Sie ist im gan­zen Burgenland prä­sent und für die Volks­gruppe aktiv, leistet seel­sorg­liche Dienste, hilft bei Be­wer­bungs­schreiben, be­glei­tet bei Amts­wegen, ist da, wenn Hilfe in schwie­rigen Lebens­lagen ge­fragt ist. An Schulen or­ga­ni­siert und hält sie Workshops über die Ge­schich­te der Roma, im Bundes­kanzler­amt ist sie inner­halb der Roma-Dialog­plattform in der Arbeits­gruppe zur Gedenk- und Erin­ne­rungs­arbeit en­gagiert. Manuela Hor­vath hält Vor­träge zur Gedenk- und Erin­ne­rungs­kultur und en­gagiert sich für das seit 2006 beste­hende Gedenk­projekt „Wohin mit meinen Kerzen“, das den von den Nazis er­mor­deten Roma einen Namen, einen Prä­senz­raum des Gedenkens gibt. Rund eine halbe Million Roma und Sinti fielen dem NS-Massen­mord zum Opfer. Im burgen­län­di­schen Lackenbach wur­den mehr als 4.000 Roma und Sinti in einem Zwangs­arbeiter­lager inter­niert, ver­sklavt und auf das Un­mensch­lichste miss­handelt. Die Roma-Sied­lungen in rund 124 burgen­län­di­schen Orten wurden dem Erd­boden gleich­gemacht, die Menschen in Kon­zentra­tions- und Ver­nich­tungs­lager de­portiert.

Den Opfern ihre Würde geben

Manuela Horvath: „Die Gedächtnispastoral ist mir ein be­son­de­res An­liegen. Ich bin über­zeugt, dass die Errichtung von Gedenk­tafeln in Ort­schaften mit ehe­mali­gen Roma-Siedlungen ein wich­ti­ger Schritt ist, um auf das tra­gische Schicksal un­serer Volks­gruppe wäh­rend des Holocaust auf­merk­sam zu machen. Durch Gedenk­stätten be­kom­men die er­mor­de­ten Roma, die keine Grabstätte haben, zu­mindest einen Ort des Gedenkens.“ In Zu­sam­men­arbeit mit dem Verein Roma-Service initiiert die Roma-Pastoral des­halb die Errich­tung von Gedenk­tafeln für Roma-Opfer des Holocaust. Read the rest of this entry »

Gedenkfeier im Baranka-Park in Wien

Mai 20th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Musik, Veranstaltungen & Ausstellungen

Barankapark-Gedenkfeier 2017Samstag, 20. Mai 2017, 17-22 Uhr
Eintritt frei!

Die Baranka-Park-Gedenkfeier wird seit 2009 vom Verein Voice of Diversity jedes Jahr am 20. Mai auf der ehe­ma­li­gen Hellerwiese (heute Belgradplatz mit Baranka-Park) im 10. Wiener Ge­mein­de­bezirk or­ga­ni­siert mit dem Ziel, jener Roma und Sinti zu ge­denken, die einst auf der Wiese ihren Lager- und Rastplatz fan­den, bis sie 1941 Opfer des National­sozia­lis­mus wurden. Mit der Feier soll der Opfer gedacht wer­den und auch das Leben und die Kultur der Roma und Sinti sowie die jüdische und Wiener Kultur ge­feiert und ver­mittelt werden. Nam­hafte Künstler/in­nen wie Harri Stojka, Doron Rabinovici, Shlomit Butbul oder Martin Spengler prä­sen­tie­ren am 20. Mai 2017 ihre Kunst und Kultur und schaf­fen im Baranka-Park einen Ort der kultu­rel­len Be­geg­nung. Weiters werden zahl­rei­che Per­sön­lich­keiten des öffent­li­chen Lebens wie Erich Fenninger, Gilda Horvath und andere zu Wort kom­men und kurze State­ments geben, um ein Zei­chen gegen das Ver­ges­sen zu setzen und den Blick für die Gegen­wart und Zukunft zu öffnen.

Programm:

17 Uhr – Eröffnung
17.15 Uhr – Musikschule Favoriten
17.35 Uhr – Lesung „Papierene Kinder“: Doris Stojka
17.45 Uhr – Mosa Sisic & seine Schüler
18.15 Uhr – Lesung mit Musik „Herzl Reloaded“: Doron Rabinovici & Harri Stojka
19 Uhr – Martin Spengler & die foischn Wiener
20 Uhr – Shlomit & Band
21 Uhr – Harri Stojka & Band

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