Lichtenhagen: Die Roma, ein blinder Fleck
August 27th, 2017 | Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Interview, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft
Der Historiker Martin Arndt koordiniert beim Rostocker Verein Soziale Bildung e.V. das Projekt „Lichtenhagen im Gedächtnis“, ein von der Stadt Rostock finanziertes Archiv- und Vermittlungsprojekt zu den rassistischen Ausschreitungen vor dem „Sonnenblumenhaus“ vor 25 Jahren (mehr hier). Velten Schäfer (Neues Deutschland) sprach mit ihm über die Schwierigkeiten, die Gewaltausbrüche des Sommers 1992 zu rekonstruieren. Wir bringen im Folgenden einen Auszug; das ungekürzte Interview finden Sie hier.
„Den Ausgangspunkt bildeten kleine, private »Archive« von Bürgerinnen und Bürgern, die damals gesammelt haben, was ihnen in die Hände kam – das sind natürlich zunächst oft Mediendokumente, schwerpunktmäßig aus den lokalen Zeitungen. Die Flugblätter, die damals von den Rechten in Umlauf gebracht wurden und die von der Gegenseite. Wir haben alle Unterlagen aus dem damaligen Alternativen Jugendzentrum übernommen, darunter ist eine zeitgenössische Chronologie der Ereignisse. (…) Es gehört zu den Zielen unseres Projekts, die Perspektiven der Betroffenen rekonstruieren zu helfen. Dazu gibt es bereits Ansätze. Vor fünf Jahren hat etwa die Heinrich-Böll-Stiftung eine Reihe von Zeitzeugeninterviews aufgezeichnet, mit damaligen Bewohnern des Heims für vietnamesische Vertragsarbeiter (…) und mit Gegenaktivisten. Während viele vietnamesische Zeitzeugen noch in der Stadt sind und mit dem nach den Ereignissen gegründeten Verein Diên Hông auch eine Adresse haben, ist es sehr schwierig, Stimmen der damaligen Roma-Flüchtlinge zu finden, gegen die sich die rassistische Mobilmachung zuerst gerichtet hatte. Viele von diesen kamen aus Rumänien und wurden nach dem entsprechenden Abkommen vom September 1992 zurückgebracht. Ihre individuellen Blickwinkel sind bisher tatsächlich ein blinder Fleck. Immerhin spielen Roma als Gruppe inzwischen eine größere Rolle in der Erinnerung. Am Dienstagabend [nahm] mit Romani Rose vom Zentralrat der Sinti und Roma erstmals ein Vertreter der Roma an einer Gedenkveranstaltung [teil].
(…) Neben unserem Archivprojekt, dessen Einrichtung alle demokratischen Fraktionen in der Bürgerschaft zugestimmt haben, gibt es ja noch weitere Aktivitäten, etwa das Kunstprojekt, bei dem dezentral fünf Stelen in der Stadt aufgestellt werden, auch vor Institutionen, die eine negative Rolle spielten, die damals versagt haben – also die Politik, die Polizei, die Medien. In diesen Institutionen ist man inzwischen durchaus dazu bereit, sich auch kritisch mit dem eigenen Handeln in der damaligen Situation zu befassen. Die »Ostseezeitung«, die damals eine sehr negative Rolle spielte, veranstaltete am Mittwoch eine Podiumsdiskussion. Ich finde es in diesem Zusammenhang auch bemerkenswert, dass die Stadt inzwischen offiziell den Begriff »Pogrom« verwendet. (…)
Lesen Sie bitte das hier nur auszugsweise wiedergegebene Interview in voller Länge auf ND (erschienen am 22.8.2017).