25 Jahre Rostock-Lichtenhagen

August 25th, 2017  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen  |  1 Comment

Deutschland im August 1992: Pogrom in Rostock-Lichtenhagen (Foto: Vor 25 Jahren tobte in Rostock-Lichtenhagen ein rassis­ti­scher Mob. Über Tage hin­weg griffen im August 1992 hun­derte An­wohner und Neonazis eine Asyl­ein­richtung und ein Aus­länder­wohn­heim an­, meh­rere Gebäude gin­gen in Flam­men auf. Begonnen hat all dies mit einer rassis­ti­schen Kam­pagne gegen Roma-Flücht­linge aus Ru­mä­nien. Bei der Gedenk­feier in Rostock sprach auch Romani Rose, Vor­sitzen­der des Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma. Wir do­ku­men­tie­ren im Fol­gen­den seine Rede.

Bei den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen han­delte es sich um die mas­sivsten fremden­feindlich moti­vier­ten Über­griffe der deut­schen Nach­kriegs­ge­schichte. Wir wis­sen heute, 25 Jahre danach, dass das Pogrom eben kein ,,aus dem Ruder ge­lau­fe­ner Protest“ war, wie damals be­haup­tet wurde. Son­dern hier sollte ein von Nazis lange vor­berei­te­tes, mör­de­ri­sches Signal gegen Flücht­linge und Aus­länder ge­ge­ben werden.

Das Pogrom von Lichtenhagen fiel in eine Zeit kurz nach der Auf­lö­sung der DDR, in der in Rostock sehr viele Men­schen arbeits­los waren. Viele Ein­wohner hatten jede Zukunfts­perspek­tive ver­loren. Gleich­zeitig kamen 1992 hundert­tau­sende Flücht­lin­ge nach Deutschland, um hier Asyl zu be­an­tra­gen. Die Zentrale Auf­nahme­stelle für Flücht­linge in Rostock-Lich­ten­hagen war wie viele an­dere in dieser Phase völ­lig über­fordert.

Im August 1992 griffen dann hunderte Gewalttäter zuerst die Ge­bäu­de der Zentralen Auf­nahme­stelle, das so­ge­nann­te Sonnen­blumen­haus, und dann den da­neben ste­hende Wohn­block viet­na­me­si­scher Fa­mi­lien mit Steinen und Molotow-Cock­tails an. Die Gewalt zog sich über meh­rere Tage hin­weg, be­gleitet von Fern­sehen und Medien, wäh­rend die Polizei taten­los zu­schaute.

Tausende Anwohner und Schaulustigen bejubelten die ge­walt­sa­men Angriffe der Nazis. Mehr als 100 Men­schen ent­gingen nur knapp dem Tod in den Flammen. Die Fernseh­bilder mit den bren­nen­den Wohn­gebäu­den sind in unser kol­lek­ti­ves Gedächt­nis ein­ge­gan­gen. Dabei gerät leicht in Ver­ges­sen­heit, dass der Es­ka­la­tion ein zu­neh­mend aggres­si­ver Rassismus in den Me­dien und in der Politik voraus­ging.

Die bereits Tage vorher angekündigte Gewalt rich­te­te sich zuerst ge­gen Roma-Flüchtlinge aus Rumänien, die tage- und wo­chen­lang vor der Zentra­len Auf­nahme­stelle unter men­schen­un­wür­di­gen Be­din­gun­gen und ohne jede Ver­sorgung im Freien kam­pieren muss­ten. Durch die be­usst herbei­geführten un­hygie­ni­schen Zu­stände sollte den Flücht­lingen die Würde und damit das Mensch­sein ab­gespro­chen werden. Aus dieser un­halt­baren Situa­tion ent­wickelte sich die aggres­sive Stim­mung vor Ort fast zwangs­läufig. Die Ostsee-Zeitung berichtete vier Tage vor dem Gewalt­exzess über direkte Drohungen gegen Roma. In einem anony­men Anruf an die Zeitung hieß es (Zitat) ,,Die Roma werden auf­ge­klatscht“. Durch die Ver­öf­fent­li­chung dieses Anrufs in der Zeitung und den un­miss­ver­ständ­li­chen Drohungen gegen die Roma wurde die ohne­hin an­ge­spannte Atmos­phäre noch zu­sätzl­ich auf­geheizt.

Diese gewaltbereite Stimmung konnte direkt an einen Antiziganismus an­schlie­ßen, der in Deutschland – eben­so wie der Anti­semi­tis­mus – seit Jahr­hun­der­ten tief ver­wur­zelt ist, und der von Politik und Medien immer wieder instru­men­ta­li­siert wurde und der zwi­schen 1933 und 1945 500.000 Sinti und Roma und sechs Mil­lio­nen Juden das Leben ge­kos­tet hat.

Am Beispiel der damaligen Vorgänge in Rostock-Lichtenhagen wer­den die Me­cha­nis­men der Vorurteils­bildung sehr deut­lich: Zuerst wer­den die Hilfe su­chenden Roma vor der Zentra­le Auf­nahme­stelle tage- und wochen­lang sich selbst über­las­sen. Dann wird diese – von der Politik und Ver­wal­tung zu ver­ant­wor­tende – unhalt­bare Situa­tion einer an­geb­li­chen ,,Roma-Kultur” oder ,,tra­di­tio­nel­len Lebens­weise“ zux­geschrie­ben und damit in zyni­scher Weise gerecht­fertigt. Dies erinnert mich an die ge­zielte Ent­mensch­li­chung der Juden in den Ghettos im national­sozia­lis­tisch be­setzten Polen.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma schrieb un­mittel­bar am 26. Au­gust 1992 an den dama­li­gen Innen­minis­ter von Mecklen­burg-Vor­pom­mern, Lothar Kupfer, und be­zeich­nete das Pogrom in Lichten­hagen, und ebenso das Ver­sagen von Polizei und die Recht­fer­ti­gungs­versuche der Po­liti­ker in den Medien als ,,eine Schande für unser Land“. Wir for­derten den Innen­minister nach­drück­lich auf, die Sicher­heit der Men­schen vor Ort zu ge­währ­leisten.

Auf mein damaliges Schreiben reagierte der Innen­minister, indem er die Schuld für die Gewalt bei den Flücht­lin­gen suchte und die Opfer pau­schal krimi­na­li­sierte. In seinem Antwort­schreiben heißt es, von der Bevöl­ke­rung könne (Zitat) ,,eine Toleranz für dieses Sozial­ver­halten nicht mehr er­war­tet wer­den“. Eine der­artige Aus­sage von einem deutschen Innen­minister war und ist unerhört. Ein solcher Satz be­deutet nichts ande­res als die voraus­eilende Recht­fer­ti­gung der nächs­ten gewalt­samen Aus­schrei­tun­gen und der nächs­ten Nazi-Morde.

(…) Das damalige Versagen des Rechtsstaats, die Preis­gabe des staat­li­chen Gewalt­mono­pols und die Kapitu­la­tion vor dem rechts­extremen Mob auf der Straße: all dies hat die Nazis gestärkt. Men­schen­ver­ach­tende Posi­tionen fanden gesell­schaft­liche Akzeptanz. Was lange Zeit niemand sehen wollte: Die Gewalt der Nazis und die rechts­extre­me Mordserie seit 1990 waren und sind nicht nur An­griffe auf Flücht­linge oder Minder­heiten, es sind Angriffe auf unse­ren demokra­ti­schen Rechts­staat und unsere Werte, es sind Angriffe auf die Hu­ma­ni­tät schlechthin.

Rostock war damals nicht der einzige Ort, an dem Roma aus Rumänien zu Ob­jekten eines offenen Rassismus wur­den. Lebach im Saarland, ein kleiner Ort eben­falls mit einer Erst­aufnahme-Ein­rich­tung für Asyl­suchende, war in gleicher Weise mit einer totalen Über­belegung der Ka­pa­zi­tä­ten kon­fron­tiert. Schon 1990 sprach der SPD-Staatssekretär Dewes von ,,blankem Hass“ und von ,,Pogrom­stimmung“ am Ort, die nur durch mas­si­ven Polizei­einsatz ab­gewehrt wer­den konnte – und die seiner­zeit für den SPD-Vor­sitzen­den Lafontaine die Recht­fer­ti­gung für die Zu­stim­mung zur spä­teren Asyl­rechts­ände­rung lie­ferte.

1991 gab es die Ausschreitungen in Hoyerswerda, 1993 den Mord­anschlag in Solingen, bei dem fünf Men­schen tür­ki­scher Her­kunft star­ben, und es gab in diesen Jahren un­zäh­lige rassis­ti­sche Angrif­fe auf Men­schen nicht-deutscher Her­kunft in Ost- wie in West­deutsch­land.

Es ist bis heute nicht aufgeklärt, wie sich die rechtsradikale Szene in Rostock etablie­ren und ver­fes­tigen konnte, und wel­che Rolle der Ver­fas­sungs­schutz des Landes dabei spielte.

Am 25. Februar 2004 wurde in Rostock Mehmet Turgut vom so­ge­nann­ten National­sozia­lis­ti­schen Unter­grund auf heim­tückische Weise er­mordet. Der Tatort liegt weit­ab vom Zentrum. Der NSU muss in Rostock folg­lich Unter­stützer ge­habt haben, die auf das Mord­opfer auf­merk­sam machten.

Die immer offener auftretenden nationalistischen Ent­wick­lungen in Deutschland und in Europa machen über­deutlich, dass die Gefahr rechts­radi­kaler Strö­mun­gen und das Ausmaß der rechten Gewalt lange Zeit von Politik und Gesell­schaft unter­schätzt wurden.

Wenn wir uns heute fragen, wie es damals überhaupt zu diesen fremdenf­eind­li­chen Übergriffen kom­men konnte, dann müs­sen wir die gesamt­gesell­schaft­li­che Situa­tion dieser Jahre in den Blick nehmen. Die Über­griffe in Lichten­hagen müssen im Zusam­men­hang mit den populis­ti­schen De­batten zu Beginn der 1990er Jahre ge­sehen werden, in der Politiker in Deutsch­land – und in Rostock gerade auch lokale wie über­regio­nale Medien – in ver­ant­wor­tungs­loser Weise die Stim­mung gegen Flücht­linge an­ge­heizt und so Aus­schreitun­gen wie denen in Rostock-Lich­ten­hagen den Boden be­re­itet haben. Der öffent­liche Rassismus le­gi­ti­mier­te eine Welle rechter Gewalt.

Diese vergifteten öffentlichen Debatten haben eine wach­sende Fremden­feind­lich­keit und damit einen mas­si­ven Anti­ziganis­mus und Anti­semi­tis­mus in Deutsch­land be­fördert.

Wenn wir eines aus den damaligen Ereignissen hätten lernen können, dann dies: dass eine jede Debatte über Zu­wande­rung oder über Flücht­linge im­mer eine Debatte über Men­schen und grund­legende Menschen­rechte ist, und dass rassis­ti­scher Popu­lis­mus und Natio­nalis­mus töd­lich sein kön­nen und oft genug tödlich sind. Wie auch die aktuel­le Dis­kus­sion über Flüchtlinge zeigt, hat die Po­litik noch immer nicht er­kannt, dass Angriffe auf Aus­länder oder An­griffe auf Minder­heiten immer auch An­griffe auf unsere Demokratie und unseren Rechts­staat sind.

Auch die Justiz in Mecklenburg-Vorpommern hat bei der jus­ti­ziel­len Auf­arbeitung des Lichten­hagener Pogroms weit­gehend ver­sagt. Die Ver­schleppung der Ver­fahren, die überaus mil­den Urteile und auch die Nicht-Ver­folgung der Unter­stützer des Pogroms hinter­ließen den Ein­druck von Rechts­beugung und Straf­ver­eite­lung, wie es in der Doku­men­tation der Rostocker Uni­ver­si­tät an­läss­lich des 20. Jahres­tages heißt.

Wenn wir heute hier in Rostock wieder über die Ereig­nisse von vor 25 Jah­ren spre­chen, dann zeigt das aber auch, dass Rostock ein be­mer­kens­wer­tes Beispiel dafür ist, dass wir aus der Geschichte, auch aus der jüngs­ten Zeit­geschichte, ler­nen können.

Die Rostocker Initiative zum Gedenken an Mehmet Turgut gehört hier­zu, und natür­lich die Dokumentation des Pogroms aus dem Jahr 1992. (…) Das Pro­jekt der Stadt Rostock mit dem Titel ,,Lichten­hagen im Gedächtnis“, das vom Verein Sozia­le Bildung e. V. durch­geführt wird, ist beispiel­haft, sowohl was die Beteili­gung der Zivil­gesell­schaft be­trifft wie mit Blick auf das Engage­ment der Stadt­ver­waltung. Der Auf­bau eines Archivs wie die dazu­gehörige Bildungs­arbeit sind ebenso wich­tige Schritte in der Aus­einan­der­setzung mit den Ereig­nis­sen von 1992. Hierher gehört auch die um­fang­reiche Doku­men­ta­tion mit dem Titel ,,20 Jahre Rostock-Lich­ten­hagen. Kon­text, Dimen­sionen und Fol­gen der rassisti­schen Gewalt“, die 2012 von der Uni­versi­tät Rostock heraus­ge­ge­ben wurde. Gerade die Uni­ver­sität in Rostock hat sich früh und kon­sequent mit Ursachen und Er­schei­nungs­formen der rassis­ti­schen Gewalt aus­einander­gesetzt, um daraus Kon­se­quen­zen für die Gegen­wart zu ziehen. (…)

Auch wenn sich im Nachhinein vieles nicht mehr aufklären ließ, vor allem auf der landes- und bundes­poli­ti­schen Ebene, so wird in den Doku­men­ta­tio­nen doch klar, dass die Brand­stifter nicht nur direkt vor dem Sonnen­blumen­haus zu finden waren. Auf jeden Fall haben viele Menschen, viele Insti­tu­tio­nen und vor al­lem die Bürger­schaft und die Stadt­ver­wal­tung in Rostock eine Vielzahl von Initia­tiven er­griffen, die in­zwi­schen feste Bestand­teile der poli­ti­schen Kultur in Rostock und in Mecklenburg-Vor­pom­mern ge­worden sind. Das ver­dient Aner­ken­nung und Respekt.

Wie bitter notwendig solche zivilgesellschaftlichen Ini­tia­tiven sind, zeigen die An­schläge in Rostock aus dem Jahr 2002: Als sich das Pogrom von Lichten­hagen zum zehn­ten Mal jährte, warfen rechts­extreme Ju­gend­li­che aus Rostock und Um­ge­bung wenige Tage vor einem Friedens­fest in Lich­ten­hagen Steine und Molotow-Cock­tails in einen Asia-lmbiss, einen asia­ti­schen Super­markt und ein Büro der Arbeiter­wohl­fahrt, das im Sonnen­blumen­haus seinen Sitz hatte. Im Jahr 2012 gab es wiederum einen ver­suchten Brand­anschlag auf ein alter­natives Wohn­projekt in Rostock. Der Ver­dacht, dass die Täter Rechts­extremis­ten waren, liege nahe, so die Polizei damals. (…)

Romani Rose,
Vorsitzender Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

(via www.endstation-rechts.de)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | Lichtenhagen: Die Roma, ein blinder Fleck says:

    August 27th, 2017 at 12:38 (#)

    [...] zu den ras­sis­ti­schen Aus­schrei­tun­gen vor dem „Sonnen­blumen­haus“ vor 25 Jahren (mehr hier). Velten Schäfer (Neu­es Deutschland) sprach mit ihm über die Schwie­rig­keiten, die [...]

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