Deutschlands ent­hemm­te Mit­te (Studie 2016)

Juni 22nd, 2016  |  Published in Dokumente & Berichte, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Die enthemmte MitteDie politische Einstellung der deutschen Be­völ­ke­rung ist po­la­ri­siert. Wäh­rend eine deut­liche Mehr­heit der Ge­sell­schaft rechts­extre­mes Den­ken und auch Ge­walt zum Teil strikt ab­lehnt und Ver­trau­en in de­mo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen hat, sind Men­schen mit rechts­ex­tre­mer Ein­stel­lung im­mer mehr be­reit, Gewalt an­zu­wen­den. Dies ist eines der zentra­len Er­geb­nis­se der Studie „Die ent­hemm­te Mit­te“, die das Kom­pe­tenz­zentrum für Rechts­ex­tre­mis­mus- und De­mo­kra­tie­for­schung der Uni­ver­si­tät Leipzig in Ko­ope­ra­tion mit der Hein­rich Böll-, der Ot­to Brenner- und der Rosa Luxem­burg-Stiftung durch­ge­führt ha­ben.

„Es gibt zwar keine Zunahme rechts­extre­mer Ein­stel­lun­gen, aber im Ver­gleich zur Studie vor zwei Jahren be­für­wor­ten Grup­pen, die rechts­extrem ein­ge­stellt sind, stär­ker Gewalt als Mit­tel der In­ter­es­sens­durch­set­zung.“ Als Er­folg der Zivil­ge­sell­schaft kön­ne man es da­ge­gen an­se­hen, dass in demo­kra­ti­schen Mi­lieus Gewalt deut­lich stär­ker ab­ge­lehnt wird als 2014. „Bei­des steht in Deutschland ne­ben­einan­der: Wir ha­ben Men­schen, die sich aktiv um Flücht­linge be­mü­hen, und es gibt Me­nschen, die Flücht­linge ak­tiv ab­leh­nen“, sagt der Studien­leiter. Damit habe eine deut­li­che Pola­ri­sie­rung und Radika­li­sie­rung statt­ge­funden.

Die Radikalisierung zeigt sich auch bei der Ein­stel­lung zu be­stimm­ten ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen. „Die Ab­leh­nung von Muslimen, Sinti und Roma, Asyl­su­chen­den und Homo­sexuel­len hat noch ein­mal deut­lich zu­ge­nom­men.“

Sichtbar wird diese Einstellung bei Anhängern von Pegida. „Wer Pegida be­für­wortet, ist zu­meist rechts­extrem und islam­feind­lich ein­gestellt und sieht sich um­ge­ben von ver­schwö­re­ri­schen, dunk­len Mäch­ten“, sagt er. Alter, Bildungs­an­schluss oder Haus­halts­ein­kom­men spiel­ten da­ge­gen keine Rol­le. Zu Tage bringt die Leipziger Studie auch, dass die Wäh­ler der Alternative für Deutschland (AfD) nicht als von der Partei ver­führte Men­schen gel­ten kön­nen. 84,8 Pro­zent der AfD-Wähler ga­ben bei­spiels­wei­se an, Proble­me zu ha­ben, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Nach­bar­schaft auf­hal­ten; 89 Pro­zent mein­ten, Sinti und Roma nei­gen zur Kri­mi­na­li­tät. „Die meis­ten AfD-Wähler tei­len eine men­schen­feind­li­che Ein­Stellung.“ Auch in der Grup­pe der Nicht-Wähler sind diese Vor­urtei­le sehr ver­breitet. „Das Poten­zial für rechts­extreme oder rechts­po­pu­lis­tische Par­teien ist noch größer als es die Wahl­er­geb­nis­se bis­lang zei­gen.“

Die Unterschiede in der rechtsextremen Ein­stel­lung zwi­schen Ost- und West­deutsch­land sind der Studie zu­folge nicht so groß. Aller­dings unter­schei­den sich die Er­geb­nis­se Ost und West je nach Alters­gruppe, be­son­ders bei den zwischen 14- und 30-Jä­hri­gen. Im Osten sind 23,7 Pro­zent dieser Alters­gruppe aus­länder­feind­lich, im Westen nur 13,7 Pro­zent. Wer jetzt rechtsextreme An­sich­ten habe, wer­de diese noch eini­ge Jahre ver­tre­ten. Zudem sei ein Groß­teil der jungen Men­schen bereit, Gewalt an­zu­wenden.

Für die „Mitte“-Studie der Universität Leipzig werden seit 2002 alle zwei Jahre be­völ­ke­rungs­re­prä­sen­ta­tive Be­fra­gun­gen durch­ge­führt. Es gibt keine ver­gleich­bare Lang­zeit­unter­su­chung zur po­li­ti­schen Ein­stel­lung in Deutsch­land.

(Text: IDW, Pressemitteilung der Univ. Leipzig)

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