Archive for März, 2022

Bewegungsfreiheit und Schutz für Roma

März 31st, 2022  |  Published in Dokumente & Berichte, Einrichtungen, Rassismus & Menschenrechte

Ukrainische Roma am Mannheimer Bahnhof (Foto: Bahnhofshelfer Mannheim/Facebook)Ukraine-Krieg: Gemein­same Stellung­nahme des Bun­des-Ro­ma-Ver­bands, des Roma-Cen­ters/RAN, Romani Phen und wei­te­rer Roma-Or­ga­ni­sa­tio­nen in Deutschland

Nicht alle Roma verlassen die Ukraine und nicht alle werden Opfer diskrimi­nie­render Behandlun­gen. Doch die Berichte über Dis­krimi­nie­rung von Romnja* an den Grenzen nehmen zu. Sie werden nicht in Autos mit­genom­men, Bus­unter­nehmen weisen sie ab. In den An­kunfts­­orten werden sie aus un­erfind­lichen Gründen von den „weißen“ Uk­rai­ner:innen separiert. Auch in den An­­kunfts­orten in Deutsch­land gibt es Schwie­rig­keiten.

Es braucht große Räume
Überwiegend Frauen und Kinder sind auf der Flucht, mit Jugend­lichen und man­chmal pflege­bedürfti­gen Angehö­rigen. Sie mussten sich von ihren Männern im „wehr­fähigen Alter“ trennen und wollen sich nicht weiter aufteilen. Neben den Kriegs­traumata, die sie erlitten, berichten sie von massiven Dis­kriminie­rungen und Beleidi­gungen entlang der Flucht­routen Richtung Westen. Ukrai­nische Roma sind Nach­kommen von Über­lebenden und Opfern der Verfolgung und Ver­nichtung wäh­rend des National­sozialismus. Wir möchten, dass gerade Deutsch­land jetzt Mittel bereit­stellt und Schutz bietet.

Viele Romnja sprechen Romanes, Ukrainisch oder Russisch, jedoch nicht die Sprachen der Länder, in die sie fliehen. Manche können nicht lesen, und wenn, dann beherr­schen sie nur kyrillische Schrift­zeichen. Die ganze Situa­tion ist extrem ver­un­sichernd und be­drohlich. Angehörige einer Familie und Freund:innen, die sich gegen­seitig unter­stützen, wollen sich in dieser Situation nicht trennen und gern zusam­men bleiben, auch zusam­men unter­kommen. Deshalb braucht es gro­zügige Unter­bringungs­möglich­keiten, wo Men­schen gemein­sam unter­gebracht werden können.

Rassismus trifft Roma auch jetzt
Zur leider auch schon vor dem Krieg existie­renden strukturellen Dis­kriminie­rung gehört, dass viele Roma in der Ukraine undoku­men­tiert sind und keine Pässe haben. Read the rest of this entry »

Facts & Figures (422)

März 30th, 2022  |  Published in Facts & Figures

In der Republik Moldau wurden bei den Lo­kal­wah­len 2015 zwei Ro­ma-Kan­di­da­tin­nen ge­wählt. 2019 wa­ren es be­reits 12 Roma, sechs da­von Frau­en.

(Quelle/pdf)

Erschti Sintijengero kulturakero di

März 29th, 2022  |  Published in Einrichtungen, Radijo/TV Erba (Tschibtscha), Veranstaltungen & Ausstellungen

Radijo ErbaRadijo Erba & TV Erba

Tschibtscha | 28.3.2022 | 8.40 min

Erster Sinti-Kulturtag in Wien
Genipe/Lesung | Koncerto/Konzert | CD-akeri presentacija/CD-Präsentation

Betschiste ando 11 becirk ando VinziBett o erschti Sintijen­gero kultura­kero di tel likerdo ulo. But dschene le akari­peske le fa­rajnistar Newo Ziro use mula­tin­tschago ale. O kesdipe le Sinti­jengero kulta­rakero dijestar sina o ge­nipe la Roxanna-Lorraine Wittatar, savi pe donde be­schar­tscha le rasis­musiha le Sinti­jendar taj Romen­dar. I Natalie Weinrich ando bersch 2019 o kultu­rakero farajn „Newo Ziro“ – andi nimtschki tschib „Neue Zeit“ kertscha, kaj upre o arman­gip­tscha, savenge o Sinti taj Sintizi ak­tujeli pumen iste ter­dscharen , upre te sikal. Pasche la socija­lakeri butjaha, pro­jektenca taj mula­tin­tscha­genca i tschib, kultura le Sinti­jendar ter likerdi te ol. Ham te pedar oda ari i Sinti­jengeri kultura bute­der ando pradipe ledschim te ol. Meg mindig i flogos­keri grupn tschule aun­prindscha­ri­peha, tel diki­peha taj rasis­musiha pe donde iste bescharel.

Natalie Weinrich hat 2019 den Kulturverein „Newo Ziro“ – auf Deutsch „Neue Zeit“ – ge­grün­det, um auf Heraus­for­derun­gen, denen sich Sinti und Sintizze ak­tuell stellen müssen, auf­merk­sam zu ma­chen. Darüber hinaus soll aber auch die Sinti­kultur wieder mehr in die Öffentlichkeit gerückt wer­den. Read the rest of this entry »

Roma-Kriegsflüchtlinge in Mannheim abgewiesen

März 27th, 2022  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Ukrainische Roma am Mannheimer Bahnhof (Foto: Bahnhofshelfer Mannheim/Facebook)Deutschland: Ungleichbehandlung von ukrai­ni­schen Ge­flüch­te­ten mit Roma-Hin­ter­grund am Mann­hei­mer Bahnhof

Stellungnahme des Verbands deutscher Sinti und Roma, Landes­ver­band Ba­den-Württem­berg e.V. (VDSR-BW):

Als Bahnhofshelfer in der Nacht vom 23.03. auf den 24.03.2022 geflüchtete Menschen aus der Ukraine in die dafür vor­gese­henen Räum­lich­keiten der DB brachten, re­agierten mut­maßlich Beamte der DB-Si­cherheit ab­weisend auf die Familien und fingen eine Diskus­sion mit den Bahn­hofs­helfern an, in der Zeugen zu­folge anti­ziganis­tische Vorurteile wieder­gegeben wurden als Be­gründung, warum diesen Menschen der Zugang zu den DB-Räumen für Flücht­linge verwehrt werden solle. Auch auf Kompromiss­vor­schläge der Bahnhofs­helfer wurde mut­maßlich ab­weisend reagiert.

Die geflüchtete Gruppe befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in den Räumen der DB für ukrainische Ge­flüchtete. Die Bundespolizei kam zu der Situa­tion hinzu, sowie weiteres Personal der DB-Sicherheit, sowie eine Beamtin mit einem Dober­mann-Hund. Der Hund ist laut Aus­sagen der DB-Sicherheit am 24.03.2022 wäh­rend des Dienstes privat mit­geführt worden.

Als Begründung, warum die Familien weggeschickt werden sollten, wurde angeb­lich ge­äußert, dass sich keine Männer in den Räum­lich­keiten auf­halten dürften. In den Räumen waren bereits andere Männer. In einem Klärungs­gespräch am 24.03.2022 u.a. mit Andrea Kadenbach, der Bahn­hofs­leiterin von Mannheim, wurde deutlich, dass sich auch Männer in diesem Raum au­fhalten dürfen. Sowohl die Helfer als auch die Familien waren ein­ge­schüch­tert von dem massiven Auf­treten des Sicher­heits­personals. Als andere ukrai­ni­sche Geflüchtete den Raum betraten, wur­den sie von den Sicherheits­beamten nicht beachtet.

Es ist für den VDSR-BW nicht ersichtlich, warum das DB-Personal sich gegen­über den Neu­ankömm­lin­gen mu­maßlich ab­weisend ver­hielt. Der Landes­verband erwar­tet eine Stellung­nahme der DB (und DB-Siche­heit) Mann­heim und der Bundespolizei Mannheim. Wir erwarten eine schnellst­mög­liche Aufklärung. Read the rest of this entry »

Ukraine: Roma am Pranger

März 26th, 2022  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Bilder von Misshandlungen in der Ukraine (Fotos via RAN\Von mehreren Seiten wurden wir auf Bilder aus ukraini­schen Städten hin­ge­wiesen, die miss­han­delte Plün­de­rer zeigen sollen, darun­ter ins­beson­dere auch Romnja. Aus der Distanz ist es uns der­zeit kaum mög­lich, diese Vor­würfe bzw. den Kontext des Bild­mate­rials zu veri­fi­zieren, und die Gefahr, sich damit selbst un­beab­sich­tigt mitten hinein in den Propa­gan­da­krieg der Bilder zu be­geben, ist groß. Das inter­natio­nal bes­tens ver­netzte und immer gut in­for­mierte Roma Anti­discri­mi­nation Network (RAN) jeden­falls hält die Bilder für authen­tisch. Wir geben im Fol­gen­den den Be­richt des RAN wieder:

In den letzten Tagen gingen Fotos durch die soziale Medien, auf denen Romnja zu sehen waren, die mit gelbem Klebe­band an Pfosten ge­bunden waren. Ihre G­esichter wurden grün oder blau angemalt. Schnell machten sich Äußerun­gen breit, dies sei „Putin-Propaganda“ und Fake News. Tat­sächlich werden die Bilder in russischen Medien ver­breitet. Jedoch werden sie genauso von ukraini­schen Rechts­extremen verbreitet – mit rassisti­schen Äußerun­gen gegen Roma. In west­lichen Medien hin­gegen werden sie ver­schwiegen.

Nach unseren Informationen handelt es sich um eine an­schei­nend aktuell gän­gige Metho­de der Selbstjustiz in der Ukraine, mit denen vermeintliche „Diebe“ be­straft werden. Beweise für die Dieb­stähle gibt es keine. Die Fotos der Selbst­justiz jedoch sind echt.

Menschen, die des Diebstahls verdächtigt werden, werden an Pfosten ge­bunden, angemalt, teil­weise werden sie ent­kleidet, ge­schlagen, und es gibt auch Nach­rich­ten über Ver­gewaltigungen. Das Ganze erinnert an mittel­alterliche Pranger. Selbst Kinder werden nicht ver­schont. Dass es gerade Romnja waren, deren Bilder viral gingen, führt in Kom­bination mit dem anti­ziganis­tischen Motiv der unter­stell­ten Diebstähle reflexartig zu Hate Speech gegen Roma. In der Ukraine ist der Rassismus gegen Roma noch er­heblich offener und all­äglicher als in West­europa. Hinzu kommt der aggres­sive Rassismus durch rechtsextreme „Bürgerwehren“ wie das Azov-Regiment und C14, die immer wieder gewalt­tätige Übergriffe auf Roma und ihre Camps ver­übten. Die Unter­stellun­gen, Roma würde jetzt auch noch Flüch­tende beklauen, werden den Rassis­mus noch ver­stärken. In diesem Motiv kommt nicht vor, dass Romnja selbst Flüch­tende sind.

Die Flucht von Romnja aus der Ukraine wird stark be­hindert. Täglich erfahren wir von fliehen­den Romnja, wie sie dis­krimi­niert wurden und werden. Sowohl in der Ukraine als auch in den an­gren­zenden Ländern. In den Län­dern, in die sie fliehen, geht die Diskriminierung weiter (mehr hier) Read the rest of this entry »

Ausstellung „Was heißt hier Minderheit?“

März 24th, 2022  |  Published in Veranstaltungen & Ausstellungen

Deutschland: Ausstellung im Bundestag in Berlin. Katrin Göring-Eckardt mit Kurator Robert Lorenz (Foto: DBT/Werner Schüring) Wanderausstellung „Was heißt hier Min­der­heit?“ im Deut­schen Bun­des­tag vi­rtu­ell er­öff­net. Die Aus­stel­lung ist bis zum 8. April 2022 im Paul-Lö­be-Haus zu sehen.

Am 16. März 2022 wurde die interaktive Wander­aus­stellung „Was heißt hier Minder­heit?“ im Deutschen Bundestag vir­tuell durch Bundes­tags­vize­prä­siden­tin Katrin Göring-Eck­hardt eröffnet. Die Wander­ausstellung ist die erste gemein­same Prä­sentation der vier autoch­thonen natio­na­len Minder­heiten und Volks­grup­pen Deutsch­lands – der Lausitzer Sorben, der deut­schen Sinti und Roma, der dänischen Min­der­heit und der friesischen Volks­gruppe – sowie der Spre­cher­gruppe Niederdeutsch.

Die Ausstellung ermöglicht eine Beschäftigung mit den fünf Gruppen und stellt dabei auch die Mehrheits­bevöl­kerung betref­fende Fragen nach Identität und dem Ver­hältnis von Eigenem und Fremdem. Jede der sechs Aus­stellungs­statio­nen unter­scheidet sich durch ihre einzig­artige Architektur. An bei­spiel­haften Erzählun­gen wird Einblick in die span­nungs­reiche Bezie­hungs­geschichte zur Mehrheits­gesell­schaft ge­geben, die Zwischen­mensch­liches ebenso be­rührt wie ein weites staat­liches Geschichts­feld der Minder­heiten­politik. Eine Zentral­station infor­miert die Besucher der Aus­stellung zu den minder­heiten­politi­schen Rahmen­bedingun­gen und Schutz­abkommen in Deutsch­land und Europa.

Motivation und Ziel der Ausstellung ist es, Wissensdefizite zu den vier autochthonen Min­der­heiten und der Sprecher­gruppe Nieder­deutsch in Politik und Gesell­schaft ab­zubauen, Interesse zu wecken und das Verständnis für Belange, Kultur und Sprachen der Minder­heiten als wichtigen Bestand­teil einer viel­fältigen Gesell­schaft zu fördern.

Die im Deutschen Bundestag erstpräsentierte Ausstellung ist ein gemein­sames Projekt des Min­der­heiten­rates der vier autoch­tho­nen nationalen Min­derheiten und Volksgruppen Deutsch­lands sowie des Bundesraats för Nedderdüütsch. Nach vier Jahren inten­siver Vor­bereitungs­zeit wird die Wander­ausstellung nun bis 2027 bundesweit an ver­schiedenen Standorten in allen 16 Bundes­ländern zu sehen sein. Interes­sierte Institutio­nen sind ein­geladen, die Ausstellung vor Ort zu prä­sen­tieren. Den Link zur virtuellen Er­öffnung der Aus­stellung finden Sie hier: www.bundestag.de.

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Facts & Figures (421)

März 23rd, 2022  |  Published in Facts & Figures, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht

2006 ließen die Behör­den ein seit 50 Jah­ren be­ste­hen­des Roma­dorf bei Ka­li­nin­grad nie­der­bren­nen. 2016 wur­de Russland da­für vom EGMR ver­ur­teilt.

(Quelle)

Bayern 2: Alexander Diepold im Gespräch

März 21st, 2022  |  Published in Einrichtungen, Interview, Radio, Podcast & TV

Alexander Diepold (Foto: privat/via Bayern2)Gründer von Madhouse: Alexander Diepold, Leiter Münch­ner Be­ra­tungs­stel­le für Sin­ti und Ro­ma im Ge­spräch

Bayern 2, 15.3.2022, 41.37 min
→Anhören/Download (mp3)

Ein interessantes, sehr persönliches Interview mit dem bayri­schen Sinti-Akti­vis­ten und Diplom-So­zial­pä­da­go­gen Alexander Diepold von der Münchner Be­ratungs­stelle Madhouse. Die Tonalität in den Fragen ist mit­unter be­fremd­lich – die Re­aktion des Inter­view­ten dafür umso sou­ve­räner. Aus der Programm­ankün­di­gung des BR:

Er ist Leiter der Münchner Beratungsstelle für Sinti und Roma. Dabei weiß Alexander Diepold la­projekt, dem Münchner Madhouse, das sich um schwer er­zieh­bare Jugend­liche küm­mert und das er – selbst ein Heimkind – vor 35 Jahren ge­grün­det hat. Moderation: Norbert Joa.

Zuflucht für ukrainische Roma in Ungarn

März 19th, 2022  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

DWDeutsche Welle: Ein ungarischer Camping­platz als Zu­fluchts­ort für Ro­ma aus der Ukraine

Roma, die wegen des Krieges die Ukraine verlas­sen, erfah­ren Dis­krimi­nie­rung sogar auf der Flucht (mehr hier). Bei Teca Orgován in Tiszabecs, Ungarn, müs­sen sie das nicht be­fürchten. Sie [Anm. d. Red.: selbst Romni] betreibt einen Cam­ping­platz in der Nähe der ukrai­ni­schen Grenze, der nor­maler­weise von Touristen ge­nutzt wird. Jetzt wohnen hier Ge­flüchtete aus der Ukraine, die über­wie­gend zur Roma-Com­mu­nity ge­hören.

→Zum Videobeitrag von Olivér Tóth (mit Untertiteln)
Eine längere, rein ungarische Fassung des Beitrags finden Sie hier.

(Text und Video: www.dw.com)

Facts & Figures (420)

März 18th, 2022  |  Published in Facts & Figures

In der Ukraine leben laut Eu­ro­pa­rats-Zah­len rund 260.000 Roma, Ma­xi­mal­schät­zun­gen lie­gen bei 400.000.

(Quelle)

Heute vor 40 Jahren

März 17th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik

Aussendung des Zentralrats anlässlich des geschichtsträchtigen Treffens im Bonner Kanzleramt 1982 (Foto: Zentralrat)Exakt heute vor vierzig Jahren, am 17. März 1982, kam es zu einem denk­würdi­gen Treffen einer von Romani Rose geführ­ten Dele­gation des neu gegrün­deten Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma mit dem deut­schen Bundes­kanzler Helmut Schmidt (SPD). Zwei Tage nach dem Treffen folgte ein Ge­spräch mit dem dama­ligen Oppo­sitions­führer Helmut Kohl. Im Zu­sammen­hang mit der Unter­redung im Bonner Kanzler­amt wurde der Völker­mord an den Sinti und Roma erst­mals – 37 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur – offiziell an­erkannt. Dabei betonte Helmut Schmidt u.a. die öffent­lich lange beharr­lich bestrit­tene Tatsache, dass Ver­folgung und Genozid an der Minder­heit nicht bloße Aus­wüchse staatlicher Krimi­nalitäts­bekämpfung und -prä­vention, son­dern das Resultat der national­sozialisti­schen Rassen­doktrin waren.

In einem aktuellen Interview mit der RNZ erinnert sich Zentral­rats­vor­sitzen­der Romani Rose an das „ent­spannte und konstruk­tive Gespräch“: „Es war das erste Mal, dass uns ein Bundes­kanzler über­haupt empfing und bereit war, auf unsere For­de­rungen ein­zu­gehen. Willy Brandt, sein Vor­gänger, hatte das noch ab­gelehnt. Wie ernsthaft das Gespräch war, ist ja aus der weit­reichen­den Erklärung von Helmut Schmidt er­kennbar, die er un­mittelbar nach dem Treffen ab­gab und in der er das Verbrechen der Nazis an der Min­der­heit als das be­zeich­nete, was es ja war: Völkermord.“ Für die Minder­heit be­deutete dies nicht weni­ger als eine historische Zäsur, denn bis zu diesem Zeit­punkt „wurde den Über­lebenden die moralische Anerkennung als Opfer der natio­nal­sozia­listi­schen ‚Rassen­politik‘ und ihre An­sprüche auf Ent­schädigung ver­weigert“.

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SWR1: Kampf um Anerkennung

März 16th, 2022  |  Published in Interview, Radio, Podcast & TV

17. März 1982: Romani Rose und Helmut Schmidt im Gespräch (Foto: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma/via  SWR1)Kampf um Anerkennung – Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma

SWR1 Sonntagmorgen, 13.3.2022
→Download (25,4 MB | mp3
)

Jahrzehntelang wurde ihr Leid geleugnet. 500.000 Sinti und Roma wurden von den Natio­nal­sozialis­ten er­mordet. Erst vor 40 Jahren er­kannte die Bundes­republik Deutschland den Völker­mord an. Politisch hat die Bürger­rechts­bewe­gung deut­scher Sinti und Roma seitdem viel erreicht. Doch bis heute gibt es Kli­schees und Vorurteile.

Mit aufsehenserregenden Aktionen verschaffte sich die Bürger­rechts­bewegung Gehör. Einer der Höhe­punkte war 1980 der Hungerstreik im ehe­maligen Kon­zentrations­lager Dachau. Unter den zwölf Strei­kenden waren unter anderem Über­lebende des Holocaust. Auch der junge Romani Rose, heute Vor­sitzender des Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma, war dabei. Zu den Forderun­gen ge­hörten die Anerken­nung des NS-Völ­kermords und die Be­endigung der polizei­lichen Sonder­erfassung von Sinti und Roma.

Späte Anerkennung
Zwei Jahre später wurde der Zentralrat in Heidelberg ge­gründet. Das hatte den großen Vorteil, dass es nun offizielle An­sprech­partner gab, die die An­liegen der Sinti und Roma in die Politik tragen konn­ten. All das führte schließ­lich zu einer ent­scheiden­den Zäsur: Am 17. März 1982 er­kannte Helmut Schmidt als erster deutscher Spitzen­politiker den Völkermord an Sinti und Roma als sol­chen an. Read the rest of this entry »

Im Gespräch: Adolf Sarközi ando vakeripe

März 15th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Interview, Radijo/TV Erba (Tschibtscha)

Radijo ErbaRadijo Erba & TV Erba

Tschibtscha | Adolf Gussak | 14.3.2022 | 25.33 min

Ande amaro adiveskero vakeripe sina o Adolf Sarközi kherodaschi ando farajn Roma-Ser­vice. Ov pedar pro terdschi­vipe ojs flogos­kero grup­nen­gero dscheno le Romen­dar amen­ca vaker­tscha.

In unserem heutigen Gespräch war Adolf Sarközi zu Gast im Verein Roma-Ser­vice, um mit uns seine Erfah­rungen und Erleb­nisse als Volks­grup­pen­ange­höri­ger zu teilen. Der heute 63-Jäh­rige stolze Großvater zweier Enkel, wuchs im Romagraben in Stegersbach (Bez. Güssing, Burgenland) auf. Adolfs Mutter starb in seiner frühen Kind­heit. Ab diesem Zeit­punkt ging es auch mit der Familie berg­ab. Sein Vater, der vom KZ schwer trauma­tisiert war, küm­merte sich nicht viel um die Familie. Die Kinder mussten schon sehr früh selbst­ständig sein und die älteren Ge­schwister küm­merten sich um die Jüngeren.

„Die Romakinder wurden damals in der Schule schwer diskrimi­niert und vorab in die Sonderschule ge­steckt“, erzählt Adolf Sarközi. Auch in der Jugend­zeit hat­ten die Roma aus Stegersbach kaum Zukunfts­aus­sichten oder reelle Chancen am Arbeits­markt. Da Sarközi aber etwas in seinem Leben er­reichen wollte, ging er als Hilfs­arbeiter nach Wien und war dort in der Bau­branche tätig. Nach einigen Jahren kehrte er wieder zurück nach Stegers­bach und machte sich in seinem Heimat­ort gemein­sam mit seiner Frau selbst­ständig. Read the rest of this entry »

Deutscher Antiziganismus-Beauftragter ernannt

März 11th, 2022  |  Published in Einrichtungen, Politik

Der neue Antiziganismus-Beauftragte Mehmet Daimagüler (Foto: Land NRW / M. Hermenau)Deutsche Bundesregierung beruft erst­mals Anti­ziga­nis­mus-Be­auf­trag­ten: Mehmet Daimagüler über­nimmt neues Amt im Bun­des­familien­mi­nis­te­rium

Der Rechtsanwalt Dr. Mehmet Daimagüler wird der erste Beauf­tragte der Bundes­regie­rung gegen Anti­ziganis­mus und für das Leben der Sinti und Sin­tizze sowie Roma und Romnja in Deutschland. Das hat das Bundes­kabinett in seiner Sitzung am 9. März be­schlos­sen. Der Be­auftragte ist im Bundes­ministe­rium für Familie, Senio­ren, Frauen und Jugend an­gesiedelt und wird die Maß­nahmen der Bundes­regie­rung gegen Antiziganismus ko­ordi­nieren.

Bundesfamilienministerin Anne Spiegel:
„Sinti*ze und Rom*nja kämpfen in Deutschland mit Jahrhunderte alten, tiefsitzenden Vorurteilen in weiten Teilen der Mehr­heits­gesell­schaft und zu­nehmen­der An­feindung und sehen sich einer wach­senden Radika­li­sierung in der rechts­extremen Szene aus­gesetzt. Mit der Berufung eines Anti­ziganis­mus-Be­auf­trag­ten setzt die Bundes­regierung heute ein klares Signal, dass wir der Dis­kriminie­rung, Aus­gren­zung und An­feindung von Sinti*ze und Rom*nja nicht taten­los zusehen. Für das Amt konnten wir mit Mehmet Daima­güler einen enga­gierten Anwalt für die Be­trof­fenen von Men­schen­feind­lich­keit, Hass und Gewalt ge­winnen. Er wird sich mit aller Kraft für die Belange der Sinti*ze und Rom*nja in unserem Land einsetzen und für die Rechte der Opfer von Ant­iziganis­mus ein­treten.“

Zu seiner Ernennung erklärt Mehmet Daimagüler:
„Die Bekämpfung des Antiziganismus muss ressortübergreifend und auf allen Ebenen an­gegan­gen werden, im Bund wie in den Ländern. Da viele Maß­nahmen in der Zu­ständig­keit der Länder liegen, werde ich mich für die Ein­richtung einer ständigen Bund-Länder-Kom­mission ein­setzen. Die Heraus­for­derun­gen sind nur gemein­sam mit den Commu­nities der Sinti und Roma zu bewäl­tigen. Den Bericht der Un­abhän­gigen Kommission Anti­ziganismus verstehe ich als eine wich­tige Ressource für meine Arbeit. Beson­ders am Herzen liegt mir die Ein­richtung einer Kommission zur Aufarbeitung des Unrechts nach 1945. Read the rest of this entry »

Ukraine-Flüchtlinge: Glei­che Hilfe für alle!

März 6th, 2022  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

Ukrainische Flüchtlinge werden beim polnischen Grenzbahnhof Przemyśl Główny versorgt (Foto: Pakkin Leung/Rice Post, CC-BY-4.0)Roma-Organisationen in Deutschland ver­öf­fent­li­chen fol­gen­den ge­mein­sa­men Of­fe­nen Brief:

Stoppt die Segregation der Flüch­ten­den aus der Ukrai­ne! Glei­che Rech­te und Hilfe für alle!

Die Bereitwilligkeit zur Aufnahme von Flüchten­den aus der Ukraine und die flexible Bereit­stellung von not­wen­digen Ressour­cen ist bei­spiel­los. So soll es sein – und zwar für alle! Doch Rassis­mus als struk­turelle Gewalt wirkt in jeder Situa­tion. In Zeiten der Flucht hat diese Gewalt existe­zielle Folgen. So wie in Staaten wird auch an Grenzen mit Men­schen unter­schied­lich um­ge­gan­gen. An der Grenze zwi­schen Belarus und Polen wurden im letzten Winter Men­schen derart blockiert, dass einige erfroren. Diese Flüch­tenden sind in Europa nicht will­kommen. Auch in den ver­gan­genen Tagen mehren sich Berichte, nach denen Schwarze und Men­schen of Colour aus rassistischen Gründen an der Weiter­reise gehindert werden und keine Unter­künfte be­kommen.

Eine Romni, mit der wir in Kontakt standen, hat es mit ihren Kindern nach Leipzig ge­schafft. Sie kam über die Slowakei. Über die Lage dort be­richtet Romea, die Unter­stützung für die Ge­flüchte­ten sei groß. „Jedoch wenn eine ukrai­nische Roma-Familie ankommt und um Hilfe bittet, wird sie zurück­ge­wiesen.“ Viele kommen nicht einmal aus der Ukraine raus. In sozialen Medien mehren sich die Berichte darüber. Zum Bei­spiel berichtet eine Romni aus Lviv, dass aktuell dort 100 Roma fest­sitzen und nie­mand ihnen hilft, weiter­zu­kommen.

Insbesondere Romnja und Roma aus Ex-Jugoslawien können sich an die Kriege und die Ver­treibun­gen erin­nern, bei denen Roma Ge­flüchtete zweiter Klasse wur­den. Schon auf der Flucht mit Rassismus kon­frontiert, ging dieser in Deutsch­land weiter. Bei Übersetzungen der Asyl­anträge, in Beratungs­stellen oder auch in Unter­künften wurden und wer­den Roma und Romnja von An­gehöri­gen der hiesigen, aber auch von An­gehöri­gen der Exil-Mehr­heits­gesell­schaften dis­krimi­niert.

Aus der Ukraine flüchten aktuell auch Romnja und Roma und wir befürch­ten, dass ihnen die gleichen Be­dingun­gen wie den Geflüch­teten aus Ex-Jugo­slawien be­vor­stehen. Denn auch die Situa­tion der Roma und Romnja aus der Ukraine ist historisch durch Verfolgung, einen Genozid und gegen­wärtig durch massi­ven Rassismus und zum Teil Pre­karisie­rung über Gene­rationen geprägt.

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100 berscha granicakere historiji

März 4th, 2022  |  Published in Radijo/TV Erba (Tschibtscha)

Radijo ErbaRadijo Erba & TV Erba

Tschibtscha | 4.3.2022 | 11.57 min

border(hi)stories – 100 Jahre Grenzgeschichte(n)

Das Projekt border(hi)stories – 100 Jahre Grenz­geschich­te(n) setzt sich mit der Geschichte des Grenz­raums von Österreich und Ungarn im 20. Jahr­hun­dert aus­einander, indem es die Narrative rund um ver­gangene Konflikte be­leuchtet. 26 Gedenk­orte er­innern an tra­gische Ereig­nisse, aber auch an grenz­über­schrei­tende Ver­bindun­gen und Ko­opera­tionen vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegen­wart – aus unga­rischer wie auch aus öster­reichi­scher Per­spektive.

O projekto border(hi)stories – 100 berscha grani­cakeri historija pe la histo­rijaha le gran­icakere thanstar andar i Austrija taj Ungriko ando bisch schel­berschen­gero donde be­scharel. Bischu­schov gondoli­pes­kere thana palgon­dolinen upro bibas­tale kerip­tscha, ham te pedar o grani­cakere prik gejipeskere phand­lipschtscha taj kehtan butscha­linipe le erschti themes­kere habu­ristar dschi akan – andar ungriki taj austri­tiki perspek­tiva.

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Facts & Figures (419)

März 3rd, 2022  |  Published in Facts & Figures

Am 17.4.1423 stellte der böh­mi­sche Kö­nig Si­gis­mund einen Schutz­brief für „La­dis­lav, den Füh­rer sei­nes z­igeu­ne­ri­schen Vol­kes“ aus.

(Quelle)

Ukraine: Rose warnt vor humanitärer Katastrophe

März 2nd, 2022  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

Das Monument der Sowjetarmee in Sofia wurde 2014 in den ukrainischen Nationalfarben bemalt (Foto: Vassia Atanassova - Spiritia,CC/Wikimedia)Zentralrat Deutscher Sinti und Roma ver­ur­teilt scharf den An­griff auf die Ukraine

Große Bestürzung hat die Nachricht vom russischen Angriff auf die Ukraine beim Zentral­rat Deutscher Sinti und Roma aus­gelöst. „Wir arbeiten seit vielen Jahren mit ver­schie­denen Partnern in der Ukraine eng zu­sammen. Wir sind zutiefst um das Leben der Menschen in der Ukraine und ins­beson­dere um das Wohl­ergehen unserer Freunde und Partner be­sorgt“, erklärt Romani Rose, Vor­sitzender des Zentral­rats. „Dieser Angriff ist durch nichts gerecht­fertigt, er ver­stößt gegen das Völkerrecht. Die Men­schen, die vor dem Krieg fliehen, müssen auch in Deutschland Schutz finden. Wir appel­lieren an die Kriegs­parteien, die Kampf­handlungen ein­zu­stellen und Ver­handlun­gen zu be­ginnen“, so Rose weiter.

„Roma kämpfen als ukrainische Patrioten an der Seite ihrer Landsleute gegen die russi­schen Invasoren. Dies zeigt, dass Roma sich gemein­sam mit den demokra­tischen Kräften in der Ukraine kämpfend gegen die russische Aggres­sion stellen“, sagte Rose, und weiter: „gleich­zeitig sind Roma­familien, meist Frauen und Kinder auf der Flucht aus dem östlichen Landes­teilen.“ „Es gibt viele Roma, die gegen die Okkupan­ten kämpfen, weil wir in der Ukraine geboren wurden und weil wir unsere Heimat verteidigen“, erklärte Viktor Chovka, der direkt aus Uzhhorod, Ukraine, berichtet. Andere ukrainische Medien berichten, dass Roma einen russischen Panzer erbeutet haben. In den Sozialen Medien finden sich Berichte von Roma, die als Soldaten der ukrainischen Armee an der Front kämpfen.

Eine Roma-Aktivistin der ukrainischen Jugendorganisation ARCA (Youth Agency for the Advocacy of Roma Culture) berich­tet von ihrer Flucht aus dem Osten ihrer Heimat. Nach einer 23-stün­digen Fahrt sei sie am Don­ners­tag endlich im Westen des Landes an­ge­kommen. Read the rest of this entry »