RAN: Polizei lässt flüchtende Roma aus der Ukraine in Dresden nicht aus dem Zug
Am 8. April haben sich viele Roma-Selbstorganisationen und Initiativen in Hamburg getroffen, um am Welt-Roma-Tag zu demonstrieren. Als die Gruppe gegen Antiromaismus Dresden gerade nach Hamburg fahren wollte, erlebte sie auf dem heimatlichen Bahnhof, wie eine Gruppe flüchtende Romnja mit ihren Kindern von der Polizei nicht aus dem Zug gelassen wurde.
Die „Gruppe gegen Antiromaismus“ steht mit Ehrenamtlichen in Prag in Kontakt. Aktuell haben sie dort keine Möglichkeiten, Roma-Familien unterzubringen. Deshalb versuchen sie händeringend, die Familien nach Deutschland weiterzuvermitteln in der Hoffnung, dass die Situation hier besser ist. Wenn sie nach Dresden wollen, holt die „Gruppe gegen Antiromaismus“ sie ab und begleitet sie für die weiteren Schritte.
Am 8. April sollten nun vier Frauen und 13 Kinder in Dresden ankommen. Mit einer Romni aus der Prager Gruppe haben die Dresdner:innen abgesprochen, dass die flüchtenden Romnja mit dem EC aus Prag um 10.55 Uhr in Dresden Hauptbahnhof ankommen werden. Da die Dresdner:innen gerade auf einem anderen Bahnhof waren, um nach Hamburg zu fahren, haben sie die Bahnhofsmission benachrichtigt und gebeten, die Familie in Empfang zu nehmen.
Kurz nach 11 Uhr erfuhren sie von der Prager Unterstützerin, dass die Polizei die Frauen und die Kinder nicht habe aus dem Zug aussteigen lassen. Die Beamt:innen hätten den Frauen gesagt, sie sollten „nach Berlin fahren“. Das wollten die Frauen nicht. Read the rest of this entry »
„Alles ist möglich, wenn man nur will“, sagt Zlata Ristić, eine der sechs Rapperinnen von „Pretty Loud“ aus dem Belgrader Vorort Zemun. Das Besondere an ihrer Band: Alle jungen Künstlerinnen zwischen 18 und 28 Jahren sind Roma und Roma-Frauen sind meistens alles andere als „pretty loud“. Im Gegenteil: sie haben sich in den männerdominierten „Mahale“ (Roma-Siedlungen) unterzuordnen. Dort herrschen traditionelle Rollenmuster, Zwangsheirat von Minderjährigen ist keine Seltenheit. Die Rapperinnen von „Pretty Loud“ haben genug davon. Sie alle leben in den von Armut und Drogen geprägten Roma-Vierteln, aber sie wollen ihre Community wachrütteln. Dazu rappen sie auf Serbo-Kroatisch, Romanes und auf Englisch. Erreichen wollen sie ihre eigenen Leute, aber auch ein Zeichen weit über die Roma-Gemeinschaften des Balkan hinaus senden, gegen Vorurteile und Ausgrenzung. Und das nicht nur pretty loud, sondern mittlerweile auch pretty successful. Read the rest of this entry »
2005 verabschiedete das ukrainische Parlament eine Resolution, die die örtlichen Behörden anwies, Roma-Massengräber aus dem 2. Weltkrieg zu lokalisieren.
„Nicht existierendes Pseudo-Konzentrationslager“: Bewährungsstrafe für tschechischen Ex-Abgeordneten wegen Leugnung des Roma-Holocaust
Radio Praha: Weil er den Völkermord an den Roma leugnete, ist ein ehemaliger tschechischer Abgeordneter zu einem halben Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden. Miloslav Rozner von der Rechtsaußenpartei „Freiheit und direkte Demokratie“ (Svoboda a přímá demokracie, SPD) hatte 2017 das Roma-Konzentrationslager in Lety als „nicht existierendes Pseudo-Konzentrationslager“ bezeichnet (wir berichteten). Ein Amtgericht in Prag bewertete dies als Leugnung des Völkermordes an den Sinti und Roma. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.
Der ehemalige Parlamentarier lehnte bei der Gerichtsverhandlung die Anklage ab. Seinen Aussagen nach wollte er mit seinen Worten nur eine Entscheidung der damaligen Regierung zum früheren KZ Lety kritisieren. Dieses entschied damals, die Schweinemast an dem Gedenkort mit staatlichen Geldern aufzukaufen.
Sentilinipe le gondolipeskere thanestar uso palgondolipe upro opfertscha le Romendar andar Langental: Than le talalinipestar
Ande Langental Hetvinate jek gondolipeskero than le opferenge, save le nacijendar ando bersch 1938 dschi 1945 murdarde ule, prado ulo. Pasche le schovar desch taj enja Romenge, save le nacijendar murdarde ule te le manuschenge, save vasch o politischi viderschtaund vaj nasvaliptscha vaj teschtune ariakarde sina taj la NS-medicinake opfertscha ule, gondolim ol. Pal jek, jeke hangoskere gemajndakere arkeripe ando bersch duj eseri deschuofto o ande Großwarersdorf dschivdo kinstleri, Peter Kedl le keripeha le gondolipeskere thanestar upre dim ulo. O gendo eftarvar desch taj trin kaschtengere seleti tschak ojs thaneskere likeriptscha dininen. On duach srastunengere schtroafn andi glajchi dimensijona arparude on. O gendo le deschuefta taj trin kaschtungere seletendar upro dokumentirti murdarde opfertscha ando mindenfelitike logertscha upre te sikal. O gondolipeskero than ande Langental i historija le Romendar te sikal taj te maninel ham te andi cukunft upro latscho khetan dschivipe le mindenfelitike flogoskere grupnendar upre te sikal.
Einweihung der Erinnerungsstätte für die Opfer des NS-Diktatur aus der Großgemeinde Großwarasdorf
In Erinnerung an die Frauen, Männer und Kinder aus der Gemeinde Großwarasdorf/Veliki Borištof, die von 1938 bis 1945 Opfer des Nationalsozialismus wurden, wurde am Ostermontag, dem 18. April 2022, um 15:00 Uhr die Enthüllung und Einweihung des Erinnerungsdenkmals und der Begegnungsstätte in Langental/Longitolj vorgenommen. Neben den 69 namentlich angeführten Romnija und Roma, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ermordet wurden, gedenken wir auch jener vier Menschen, die wegen ihres politischen Widerstandes ermordet wurden oder denen auf Grund von Erkrankungen oder Behinderungen das Lebensrecht abgesprochen wurde und die der NS-Medizin zum Opfer fielen. Von weiteren hundert Angehörigen der Langentaler Roma-Familien gibt es nach 1945 kein Lebenszeichen mehr, ihr Schicksal ist unbekannt. Read the rest of this entry »
„Ich begann zu schreiben, weil ich nicht verstand, was ich tat.“
Wie niemandem im Ungarn seiner Generation gelingt es Tamás Jónás, mit großer Tiefe und Liebe zur vielfältigen Form, Licht auf soziale Verhältnisse und das Schicksal der Menschen am Rande zu werfen. Seine Erfahrungen haben sein Bewusstsein geformt und ihn nie losgelassen. Tamás Jónás steht unter den Einflüssen und in der Tradition der ungarischen und europäischen Literatur. Als Rom wegen seiner Herkunft als Minderheitenschriftsteller gelesen zu werden, wird ihm nicht gerecht und lehnt er ab. Dieser Gedichtband illustriert dies auf eindrückliche Weise. Er vereint, ausgewählt von Anne-Marie Kenessey, erstmalig Gedichte aus allen acht bislang in Ungarn veröffentlichten Bänden aus den Jahren 1994–2016.
Tamás Jónás ist voller Geschichten über die Armut, das Ausgeliefertsein, über Schmerz, Liebe, über den Körper, über Reichtum, Glück und da capo: über die Armut, er ist voller Geschichten und voller Talent.
Péter Esterházy, ungarischer Schriftsteller und Essayist (1950–2016)
Tamás Jónás schont sich nicht, schont niemanden. Er schöpft aus dem nackten, prallen, schmerzvollen Leben. Anne-Marie Kenessey, Übersetzerin
Tamás Jónás, wurde 1973 im nordungarischen Ózd geboren und lebt heute in Szombathely. Er arbeitet als Programmierer und Journalist. Bisher veröffentlichte er acht Gedichtbände in ungarischer Sprache. Read the rest of this entry »
Genozid-Mahnmal für Roma und Sinti soll in Wien errichtet werden: „Es gibt mittlerweile bei allen politischen Parteien ein Bekenntnis zum Mahnmal“
DerStandard.at: Ein Mahnmal für den Porajmos, den Genozid an Roma und Sinti in der NS-Zeit, soll endlich realisiert werden. Roma- und Sinti-Vertreter brachten am 7. April ihre Forderung ins Hohe Haus
[Tausende] Roma und Sinti wurden in Österreich während der NS-Diktatur ermordet. Einen würdigen Ort des Gedenkens für sie gibt es aber 77 Jahre nach dem Ende des Naziterrors [in Wien, Anm. der Red.] immer noch nicht. Das soll sich nun endlich ändern. Am Donnerstag, am Vorabend des internationalen Tages der Roma, wurde bei einer Feier im Parlament ein in den letzten Monaten erarbeiteter Forderungskatalog verschiedener österreichischer Roma- und Sinti-Gruppen übergeben.
In einem Jahr, am 8. April 2023, soll der Welt-Roma-Tag bereits bei einem bestehenden Mahnmal mitten in Wien stattfinden. Jedenfalls wenn es nach der Nationalratsabgeordneten der Grünen und Gedenkpolitik-Sprecherin Eva Blimlinger geht. „Es ist jetzt zu einer Einigung zwischen allen Gruppen gekommen, was auch den Studierenden, die das in die Hand genommen haben, zu verdanken ist“, sagt Blimlinger im Gespräch mit dem STANDARD. Konkret habe die Volkshochschule Burgenland mit Gilda Horvath wesentlich zum Gelingen beigetragen, sagt Andreas Lehner, der die Forderungen für die Volksgruppen übergeben hat, dem STANDARD. Auch die Hochschülerschaft Österreichischer Roma und Romnja (HÖR) unterstützt das Vorhaben. [Anm.: Dieses Positionspapier wurde schließlich im Parlament vom Vorsitzenden des Volksgruppenbeirats Emmerich Gärtner-Horvath überreicht.]
Wichtig war allen Beteiligten, dass es ein zentraler Ort in der Bundeshauptstadt ist, im Gespräch waren etwa der Platz der Menschenrechte oder der Ceija-Stojka-Platz im siebenten, der Dr.-Karl-Lueger-Platz im ersten und das Alte AKH im neunten Bezirk. Read the rest of this entry »
Tagung zum Internationalen Tag der Rom_nija 2022 / Talalinipe uso Internacijonali Romengero Di, Offenes Haus Oberwart, 9.4.2022
Die Tagung zum Internationalen Romatag der Roma Volkshochschule Burgenland, die im Rahmen des internationalen Projektes „DREAM ROAD“ stattfindet, befasste sich mit der Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe der Rom*nija und Sinti*zze. Dieses Mal unter dem Gesichtspunkt von „Hass im Netz“. Romnija und Roma sind häufig Ziel solcher Hassbotschaften. Durch die scheinbare Anonymität, die das Internet bietet, fühlen sich manche sicher genug, um ihrem Hass und Rassismus freien Lauf zu lassen. Die Zahl der Übergriffe im Netz, auf diversen Plattformen, Internetseiten und auch in Foren, nimmt dabei jährlich zu.
Das Konzert mit moderner Romamusik gab es im Anschluss mit der Leon Berger Band.
Pressemitteilung der Bundesvereinigung der Sinti und Roma und RomnoKher: Ukrainische Roma am Welt-Roma-Tag aus dem ICE nach Berlin „aussortiert“. MEP Romeo Franz: „Mich erreichen fast täglich Berichte, über Probleme beim Grenzübergang, die Verweigerung des Zugangs zu Hilfsangeboten und die Behandlung als Geflüchtete zweiter Klasse.“
Gestern, am Internationalen Roma-Tag, den 8. April 2022, wurden ca. 34 ukrainische Geflüchtete mit romanessprachigem Hintergrund durch Beamte der Polizei und Mitarbeiter der DB-Sicherheit aus einem ICE in Kassel-Wilhelmshöhe geholt. Einer der Polizeibeamten führte einen Schäferhund mit.
Laut Aussagen der Zeugin Sevda A. fuhr der ICE 370 Richtung Berlin-Ostbahnhof als in Hessen mehrere geflüchtete Erwachsene und Kinder mit Gepäck in großen Tüten einstiegen. Etwa eine halbe Stunde später, gegen 14 Uhr, lief, während der Zug fuhr, die Durchsage: „Aufgrund von gegebenem Anlass möchten wir Sie darum bitten, Ihre Wertsachen bei sich am Körper zu tragen.“ Eine Zugbegleiterin unterstellte mutmaßlich, dass es sich bei den Menschen nicht um ukrainische Geflüchtete handele und rief die Polizei. Die Deutsche Bahn bietet ukrainischen Geflüchteten kostenlose Zugfahrten an. Als der Zug in Kassel-Wilhelmshöhe hielt, stiegen mehrere Polizeibeamte ein. Einer der Beamten soll mehrfach geäußert haben, dass sie jetzt hier durchgehen und „aussortieren“.
Die BVSR und RomnoKher verlangen eine schnellstmögliche Aufklärung der Vorgänge gestern Nachmittag im ICE nach Berlin. Wir haben uns bereits mit der Bundespolizei in Verbindung gesetzt und werden auch die Bahn kontaktieren.
Romeo Franz, Generalsekretär der Bundesvereinigung der Sinti und Roma e.V. kommentiert:
„Ich bin schockiert von diesem Zeugenbericht und dem mutmaßlichen Vorgehen der Polizeibeamten und Mitarbeitern der DB. Dass die Zahl antiziganistischer Vorfälle in Deutschland steigt, ist leider zu erwarten. Die Fälle, in denen ukrainischen Roma unterstellt wird, keine ‚echten‘ Kriegsflüchtlinge zu sein, häufen sich. Ihnen wird unterstellt sich Leistungen erschleichen zu wollen – ein uraltes, zutiefst rassistisches Ressentiment. Unter den Menschen, die aus der Ukraine in die europäischen Nachbarstaaten fliehen, befinden sich viele ukrainische Roma. Sie gehören zu den besonders vulnerablen Gruppen in diesem Konflikt, da sie teilweise vor dem Krieg bereits in prekären Verhältnissen lebten und im Rahmen der Flucht rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind. Read the rest of this entry »
Am 8. April wird in Europa der Internationale Tag der Roma begangen. Die beiden Europaabgeordneten Lukas Mandl (ÖVP) und Andreas Schieder (SPÖ) empfehlen, auch in Österreich den 2. August zum Gedenktag für im Nationalsozialismus ermordete Roma und Sinti zu erklären, wie das auf europäischer Ebene und in vielen Staaten bereits getan wurde.
„Mit einer aufgeklärten und liberalen Demokratie ist untrennbar der Schutz von Minderheiten verbunden. Das heutige, moderne Europa sowie die kulturelle und sprachliche Vielfalt, die damit einhergehen, sind nur durch das friedvolle Zusammenleben von Minderheiten möglich. Dafür soll auch der Internationale Tag der Roma und Sinti am 8. April sensibilisieren. Minderheiten haben Anspruch auf Erhalt und Förderung ihrer Sprachen in unseren Gesellschaften“, so Lukas Mandl, Mitglied des Ausschusses für Justiz und Freiheitsrechte im Europaparlament, der ergänzt: „Auf europäischer Ebene und in vielen Staaten ist der 2. August der offizielle Gedenktag für jene Roma und Sinti, die den NS-Verbrechen zum Opfer gefallen sind, rund 3.000 [neuen Forschungen zufolge sogar zwischen 4.200 und 4300, Anm. d. dROMa-Red.] von ihnen im Vernichtungslager Auschwitz an eben jenem 2. August im Jahr 1944. Ich empfehle auch heuer wieder, auch in Österreich den 2. August zum Gedenktag für die im nationalsozialistischen Verbrecherstaat ermordeten Roma und Sinti zu erklären.“
Andreas Schieder ist Delegationsleiter der SPÖ im EU-Parlament, er sagt: „Das Gedenken an die industrielle Vernichtung von Millionen Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, Homosexuellen und Andersdenkenden durch die Nationalsozialisten ist für uns in Österreich ein besonderer Auftrag zu erinnern, kollektiv Verantwortung zu übernehmen und Demokratie und Rechtsstaat zu schützen. Der Porajmos, der nationalsozialistische Völkermord an den europäischen Roma und Sinti, war ein Versuch der kollektiven Vernichtung, ist im historischen Gedenken aber nach wie vor unterrepräsentiert. Daneben ist die Geschichte der Roma und Sinti in Europa auch nach Ende des Krieges eine Geschichte von Ausgrenzung, Diskriminierung und Armut, auch in Österreich. Read the rest of this entry »
Roma: Einsatz der EU für mehr Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe: Diskussionsveranstaltung zur Roma-Strategie 2030 der Europäischen Union im österreichischen Parlament
Der erste Welt-Roma-Kongress 1971 in London gilt als der Beginn der Roma-Bürgerrechtsbewegung. Seitdem finden am 8. April weltweit Aktionstage statt, um auf die Anliegen der Roma aufmerksam zu machen. Anlässlich des Welt-Roma-Tages lud Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka heute zur Diskussionsveranstaltung „Roma-Strategie 2030“ im Parlament in der Hofburg. Expertinnen und Experten sprachen dabei über die europäische Situation der Volksgruppe.
Die Roma-Strategie 2030 der EU formuliert die Ziele der Gleichstellung, Inklusion und Teilhabe der Roma und fokussierte dabei auf die Bereiche Bildung, Beschäftigung und Wohnen. Um die Ziele des EU-Rahmens in allen Mitgliedstaaten zu erreichen, sei es von entscheidender Bedeutung, dass die richtigen Maßnahmen ergriffen werden, um eine Verbesserung für die Volksgruppe der Roma in Europa zu bewirken, so der Tenor der Veranstaltung. Read the rest of this entry »
Aus der Ukraine flüchtenden Roma und Sinti wird vielerorts mit antiziganistischen Ressentiments begegnet. Auch in Deutschland. Die Tageszeitung junge Welt hat mit unserer Kollegin (und dROMa-Autorin) vom Landesverband Baden-Württemberg Chana Dischereit gesprochen.
Chana Dischereit ist Wissenschaftliche Referentin für Politik und Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg. Interview: jW/Fabian Linder.
Neben anderen sind auch viele Menschen mit Romani-Hintergrund auf der Flucht aus der Ukraine. Bei deren Ankunft in Deutschland erlebten diese Ungleichbehandlung, kritisieren Sie und verweisen auf einen Fall aus Mannheim (wir berichteten). Was ist dort passiert?
Am 23. März sind flüchtende Menschen mit Romani-Hintergrund am Mannheimer Bahnhof angekommen. Ehrenamtliche Helfer empfingen und begleiteten die in der Nacht Angereisten zu Räumlichkeiten der Deutschen Bahn, die für Geflüchtete bereitstehen. Beschäftigte der DB-Sicherheit äußerten dort, »solche Menschen« kämen hier nicht rein. Verwiesen wurde auf Diebstähle und Verschmutzungen. Durch diese »Klientel« sei schon mehrfach die »Hütte« leergeräumt worden. So gaben Zeugen die Aussagen der Sicherheitsleute wieder. Dann kam die Bundespolizei dazu. Es waren immer mehr Sicherheitsleute anwesend, darunter auch eine Beamtin, die einen Dobermann-Hund privat mitführte. Das Ganze entsprach einer für die Schutzsuchenden verstörenden Drohkulisse. Beim Gespräch mit der Bahn einen Tag später wurden diese Fehler eingestanden.
Das alles war äußerst traumatisierend, auch für die Helfer. Infolge dieser chaotischen Situation kam es nicht einmal zur Ersthilfe mit Lebensmitteln. Andere ukrainische Geflüchtete wiederum hatten zeitgleich keine Probleme dabei, in die Unterkunft zu kommen.
Wie erklären Sie sich dieses Vorgehen?
Wir sehen vor allem in Stresssituationen an Bahnhöfen, Ländergrenzen oder in den Notunterkünften, dass Menschen auf antiziganistische Stereotype zurückgreifen. Read the rest of this entry »
Sentelinipe le palgondolipeskere thanestar le opferenge la NS-diktaturatar Kemetate
Upro gondolipe le dschuvlenge, murschenge taj tschavenge Kemetatar, save andar o bersch deschuenja tranda taj ofto dschi deschuenja schtarvardesch taj pantsch opfertscha le nacijonalsocijalismusistar ule, adi ando temetischi Kemetate gondolim ulo. Opfertscha sina Romnja taj Roma, dschidovkiji taj dschiodovtscha, manuscha; save politischi viderschtaund kerde taj manuscha, save nasvale sina taj savenge o dschivipeskero tschatschipe lim ulo taj afka on la NS-medicinjatar opfertscha ule. Interesirti dschenen o schajipe odoj hi, o historischi informaciji pedar o Kemetengere opferengere grupn jeke QR-Code-iha tel te vrischtschanel. Le mulatintschagoha le Kemetakere opferenge gondolim te ol taj afka jek than le palgondolipeske taj gondolipeske dim te ol.
In Erinnerung an die Frauen, Männer und Kinder aus Kemeten (Bezirk Oberwart), die von 1938 bis 1945 Opfer des Nationalsozialismus wurden, wurde heute im Friedhof in Kemeten gedacht. Zu den Opfern zählten Romnija und Roma, Jüdinnen und Juden, Menschen, die politischen Widerstand leisteten, und Menschen, denen auf Grund von Erkrankungen oder Behinderungen das Lebensrecht abgesprochen wurde und die der NS-Medizin zum Opfer fielen. Read the rest of this entry »
Ö1/Gedanken für den Tag, 4.4.2022: Die Stärke einer Volksgruppe – Zum Tag der Roma und Sinti (8.4.) von Samuel Mago, Schriftsteller, Künstler und Roma-Aktivist
o romanisthan si
sa i evropa
katar lisabon zhi kaj istanbul
thaj sako them kaj atjaras ame khere
Die Sprache der Roma und Romnja, Sinti und Sintizze heißt Romanes. Sie wird in allen Ländern Europas gesprochen, in über 30 Dialekten. Für mich ist das Romanes eine der schönsten Sprachen, die existieren. Das Romanes enthält Wörter aus so vielen europäischen Sprachen von Istanbul bis Lissabon, dass man wohl sagen kann, es ist eine der europäischsten Sprachen, die es überhaupt gibt.
Auf Romanes gibt es zwei Sprichworte, die ich immer wieder sehr gerne zitiere. Eines lautet, „Nashtig te zhas vorta, kana bango-j o drom“ – auf Deutsch heißt das so viel wie: „du kannst nicht gerade aus gehen, wenn sich der Weg neigt“. Ich widerspreche diesem Sprichwort sehr gerne. Denn dort, wo sich der Weg nach rechts neigt, dort müssen wir alles dafür tun, den Weg wieder gerade zu biegen, in Richtung Demokratie, Toleranz und einer gleichberechtigten Gesellschaft.
Ein anderes altes Sprichwort der Roma und Romnja lautet: Begrabt mich im Stehen, denn ich knie schon mein ganzes Leben. Dass es so alt ist, sieht man daran, dass Roma in Europa seit Jahrhunderten Diskriminierung, Xenophobie und Rassismus ausgesetzt waren und bis heute sind. Read the rest of this entry »
Kunstraum Innsbruck: In einem ihrer Selbstporträts auf Altmetall definiert sich Selma Selman als „the most dangerous woman in the world“. Gefährlich für wen? Aufgewachsen in einer Roma-Community in Bosnien-Herzegowina, in ihren Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten extrem durch Rassismus eingeschränkt (ihre Familie lebt vom Sammeln und Recyceln von Metallabfall), zerlegt die Künstlerin heute nicht nur „Autos, Waschmaschinen und das Patriarchat“*, sondern sie greift vor allem die Grenzen des Klassen-Rassismus an. Ob in kraftvollen Performances, in intimen und expressiven Porträts und Selbstporträts oder in der Malerei, die mit Ironie und Humor das Leben der Community, Stereotype und Emanzipation kommentiert, immer ist Selmans Arbeit von enormer Handlungsmacht durchdrungen.
Ihr Statement „Meine Familie verwandelt Metallabfall in eine wertvolle Ressource des Überlebens“ muss über persönliche Erfahrungen hinaus gelesen werden. Selma Selmans künstlerisches Medium, Malerei auf Altmetall, verweist auf die rassialisierten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Roma, die sich im Zuge der kapitalistischen Transition der verarmten Nachkriegsgesellschaft verschlechterten. Wie viele Roma auf dem Balkan, hat Selma Selman von Kindheit an in der informellen Ökonomie des Recyclings gearbeitet: Sie unterstützte ihre Familie beim Sammeln von Metallabfall und beim Verkauf an Recyclingunternehmen. Nachdem sie diese total entwertete Arbeit hinter sich lassen konnte, ohne jedoch ihren Kontext zu verleugnen, hinterfragt Selmans künstlerische Praxis Prozesse der Wertproduktion in Bezug auf Arbeit und Arbeiter*innen durch weiße Privilegien und Zugang zu Bildung. „Wir sind Intellektuelle“ malt sie auf ein Autodach. Diese Kritik an einer elitären Auffassung von Wissens(re)produktion ist auch ein affirmatives Statement im Kampf um ein wert- und würdevolles Leben.
Selma Selmans Familie, ihr Handwerk und ihre Fertigkeiten haben eine entscheidende Rolle in ihrer Arbeit als soziale und künstlerische Struktur, als Wissensreservoir, aber auch als Ort von Liebe, Ambivalenz und Komplizenschaft mit der patriarchalen Matrix der Macht. Die Familienmitglieder und ihre Community werden oft porträtiert und sind in ihre Projekte involviert. Read the rest of this entry »
Im Europavergleich werden Roma in den Lehrplänen für Geschichte/Sozialkunde/Geografie am häufigsten in Deutschland angeführt, in Österreich gar nicht.