Die gefährlichste Frau der Welt

April 3rd, 2022  |  Published in Frauenrechte, Kunst & Fotografie

Selma Selman, Platinum, 2021. (Foto: Damir Šagolj/Kunstraum Innsbruck)Selma Selman: The Most Dangerous Woman in the World

Kunstraum Innsbruck, 11.3.2022 bis 21.5.2022. Kuratiert von Ivana Marjanović

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Kunstraum Innsbruck: In einem ihrer Selbst­porträts auf Alt­me­tall de­­fi­niert sich Selma Selman als „the most dangerous woman in the world“. Gefähr­lich für wen? Auf­gewachsen in einer Roma-Com­munity in Bosnien-Her­ze­go­wina, in ihren Lebens- und Arbeits­mög­lich­keiten extrem durch Rassismus ein­ge­schränkt (ihre Familie lebt vom Sammeln und Recyceln von Metall­abfall), zer­legt die Künstlerin heute nicht nur „Autos, Wasch­maschinen und das Patriarchat“*, son­dern sie greift vor allem die Grenzen des Klassen-Ras­sismus an. Ob in kraft­vollen Per­for­mances, in intimen und ex­pressiven Porträts und Selbst­porträts oder in der Malerei, die mit Ironie und Humor das Leben der Com­munity, Stereo­type und Eman­zipation kom­mentiert, immer ist Selmans Arbeit von enormer Handlungs­macht durch­drungen.

Ihr Statement „Meine Familie verwandelt Metallabfall in eine wert­volle Ressource des Über­lebens“ muss über per­sönli­che Erfah­rungen hinaus gelesen werden. Selma Selmans künst­leri­sches Medium, Malerei auf Altmetall, verweist auf die rassiali­sier­ten Lebens- und Arbeits­bedin­gungen der Roma, die sich im Zuge der kapitalis­tischen Transition der ver­armten Nach­kriegs­gesell­schaft ver­schlechterten. Wie viele Roma auf dem Balkan, hat Selma Selman von Kindheit an in der infor­mel­len Ökonomie des Recyclings ge­arbeitet: Sie unter­stützte ihre Familie beim Sammeln von Metall­abfall und beim Verkauf an Recycling­unter­neh­men. Nachdem sie diese total ent­wertete Arbeit hinter sich lassen konnte, ohne jedoch ihren Kontext zu ver­leugnen, hinter­fragt Selmans künst­lerische Praxis Prozesse der Wert­produk­tion in Bezug auf Arbeit und Arbeiter*innen durch weiße Privi­legien und Zugang zu Bildung. „Wir sind Intel­lek­tuelle“ malt sie auf ein Autodach. Diese Kritik an einer elitären Auf­fassung von Wissens­(re)pro­duktion ist auch ein affir­matives Statement im Kampf um ein wert- und würde­volles Leben.

Selma Selmans Familie, ihr Handwerk und ihre Fertigkeiten haben eine ent­scheidende Rolle in ihrer Arbeit als soziale und künst­le­rische Struktur, als Wissens­reservoir, aber auch als Ort von Liebe, Am­bi­valenz und Kompli­zen­schaft mit der patriarcha­len Matrix der Macht. Die Familien­mit­glieder und ihre Community werden oft por­trätiert und sind in ihre Projekte in­volviert. In ihrer Liebes­lyrik, Letters to Omer, die sich an das fiktive männ­liche Gegen­über Omer richtet, klingen komplexe Ebenen an von Erin­nerung, Imagi­nation, „Science-Fiction“, Be­gehren, Körper, Autonomie, Schmerz, Verletz­lich­keit und Stärke.

Fragmente ihrer Poesie werden manchmal in Malerei übersetzt und ihre scharfe und witzige Text­produktion be­gleitet und erweitert ihre bildneri­sche Kunst. Das Altmetall spielt eine konzep­tuelle Rolle und ist gleichzeitig Material und Objekt. Dabei besetzt die Malerei auf Metall einen Platz zwischen Installation und Malerei. Diese künstleri­schen Arbeiten funktio­nieren gleichsam als Buch, bestehend aus Bildern und Texten prä­sentiert in einem Raum. Die Videos doku­mentieren Performances, in denen sie allein oder mit ihrer Crew Metall­objekte so zerlegt, wie das im Recycling­geschäft gemacht wird, und damit die kon­textuel­len Bedin­gungen der Wert­zu­schreibung infrage stellt. Dieser Zugang politisiert das Readymade aus einer inter­sektionalen, klassen­kämpferi­schen Perspektive.

Selma Selmans Text und facettenreiche Kunstwerke in verschie­denen Medien stellen einen ge­nuinen Beitrag zu feminis­tischer inter­sektio­naler Kunst und Literatur dar wie zu zeit­genös­sischer post-kon­zep­tueller Kunst.

Selma Selmans Malerei auf einem Teil einer alten Waschmaschine mit einem Selbst­porträt als attraktive Frau mit einer Axt in der Hand (die sie zu einem Symbol ihrer künstle­ri­schen Praxis macht), fügt ihren Namen zu einer Liste erfolg­reicher (männlicher) Genies: „Leonardo da Vinci, Nicola Tesla, Selma Selman“. Sie schreibt sich so in den Kanon von Wissen und Kunst ein, der ihr syste­matisch vor­ent­halten wurde. Ihre Per­formance You have no Idea (2020), in der sie dieses Statement un­aufhörlich wieder­holt, bis sie die Stimme verliert, ist ein per­forma­tiver Akt, der sie aus der rassisti­schen Ideologie und deren vor­urteils­beladener Konstruk­tion von Wissen, heraus­kata­pultiert. Diese Per­formance, auf­geführt außer­halb des post-jugo­slawischen Kontexts im Zuge ihrer Migration in die USA, gewinnt eine weitere Be­deutungs­ebene im Hinblick auf die sozio­politischen Turbulenzen der letzten Jahre (wie zum Bei­spiel der Black-Li­ves-Mat­ter-Be­we­gung). Wenn sie Superposition (2020) per­formt, dabei immer wieder den Satz „Ver­teidige dich selbst, verteidige deinen Körper“ wieder­holend, in Kunst­räumen, die mehr­heit­lich von einem weißen bürger­lichen Publikum besucht werden, wird die Wieder­holung der Sätze „verteidige dich selbst“ und „verteidige deinen Körper“ begleitet von Körper­bewegun­gen, die sie zugleich ver­teidigen und verletzen. Dadurch wirft sie Fragen auf wie Am­bivalenz, Grenzen, Ver­letz­lich­keit, Stärke, schmerz­hafte Bloß­stellung, Kampf, Durch­halte­vermögen – eine Reihe von Emotionen und Stra­tegien, die eine derart politische künst­lerische Position und Praxis her­vorbringt.

Als couragierte Künstlerin erfindet Selma Selman künstlerische Methoden und Mög­lich­keiten des Arbeitens für sich, ihre Familie und ihre Com­munity. Wenn auch „nur“ auf der mikro­politischen Ebene der Kom­modifi­zierung künst­leri­scher Welten, gelingt es ihr doch un­gerechte soziale Grenz­zie­hungen zu er­schüttern.

Darüber hinaus spricht ihre Arbeit auch ihre Community an, die sehr wenig Zugang zu den Res­sourcen und Diskursen institu­tio­neller Kunst­welten hat. Durch ihren un­ermüd­lichen Einsatz gegen Aus­grenzung als Frau und als Romni wurde sie zu einem Role Model für viele Mädchen und Frauen in ihrem Umfeld, die sie unter­stützt und bestärkt durch Kunst und Aktivismus in ihrem Kampf gegen Unter­drückung und für Un­abhän­gig­keit in der Zukunft. Die kritische Frage, die viele ihrer Kunst­werke indirekt auf­werfen, ist, in­wie­weit kann diese Migration vom Abfall­handel zur Kunstwelt dazu bei­tragen, strukturel­len Rassismus zu über­winden, und welche Handlungen und Stra­tegien der Solidarität sind dafür not­wendig?

Die Einzelausstellung von Selma Selman wurde speziell zum Anlass des 8. März, des Inter­natio­nalen Frau­en*-Kampf­tags orga­nisiert und ist auch ein Beitrag zum 8. April, dem Inter­natio­nalen Roma-Tag. Viele der ge­zeigten Arbeiten wurden für eine Einzel­ausstellung in der National­galerie Bosnien-Her­ze­gowinas in Sarajewo 2021 pro­duziert, die Selman zusam­men mit der Kuratorin Amila Ramović in den letz­ten zwei Jahren kon­zipierte.

* Jelena Prtoric, „Selma Selman is Bosnian Artist breaking down cars, washing machines and the patriarchy“, Calvert Journal, 2020, https://www.calvertjournal.com/features/show/12282/selma-selman-bosnian-roma-artist-performance-activism-paintin

Biografie

Selma Selman (1991) wuchs in dem Dorf Ružica in Bosnien und Herzegowina in einer Roma-Com­mu­nity auf. 2014 absol­vierte sie ihren BFA im Be­reich Malerei der Univer­sität von Banja Luka als erste Romni. 2018 schloss sie ihr Studium MFA – Visual and Per­forming Arts in den USA an der Syracuse Uni­versity ab. Ihre Arbeiten sind in zahl­rei­chen inter­natio­na­len Samm­lun­gen ver­treten und sie erhielt zahl­reiche Preise.2021 bekam sie die Rijks­akademie Residency in Amsterdam. Selma Selman ist auch die Grün­derin der Or­ga­ni­sa­ti­on „Get the Heck To School“, die junge Romnja, die gesell­schaft­liche Ab­lehnung und Armut er­fahren, welt­weit er­mäch­ti­gen möchte.

Einzelausstellungen in Kasseler Kunstverein Museum Fridericianum, Kassel (2021), National­galerie, Sarajevo (2021), Acb Galerie, Budapest (2021), SU Art Gallery, Syracuse, USA (2018), agnès b. Galerie Boutique, New York, USA, (2017), Galerie Schleif­mühl­gas­se 12-14, Wien (2016), Galerie Dreamland, Buffalo, New York (2016). Teil­nahme an zahl­rei­chen Grup­pen­aus­stel­lun­gen und Fes­tivals wie bei­spiels­weise EVROVIZION, ifa, Stuttgart, Mediterranea 19 Young Artists Biennale School of Waters, 58th Venice Biennale, Kunstquartier Bethanien in Berlin, Kunsthalle Wien in Wien, New Children Gallery in New Orleans, L’Onde Centre d‘art in Paris, Queens Museum in New York, The Creative Time Summit in Miami, Museum of Contemporary Art in Banja Luka, Villa Romana in Florenz, Maxim Gorki Theater in Berlin, Galerie Boutique in New York und viele an­de­re mehr.

Kunstraum Innsbruck
Maria-Theresien-Straße 34 / Arkadenhof
6020 Innsbruck. Tel.: +43-512-584000

Veranstaltungen:
Kuratorinnnführung: Fr. 08.04., 17:00 Uhr
Führung auf Englisch: Fr. 14.04., 18:00 Uhr

Eintritt gemäß den aktuellen Covid-19-Bestimmungen.

(Text: Kunstraum Innsbruck)

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