Samuel Mago: Begrabt mich im Stehen

April 4th, 2022  |  Published in Radio, Podcast & TV

Samuel Mago (Foto: ORF/Sandra Herbsthofer)Ö1/Gedanken für den Tag, 4.4.2022: Die Stärke einer Volksgruppe – Zum Tag der Ro­ma und Sin­ti (8.4.) von Sa­mu­el Ma­go, Schrift­stel­ler, Künst­ler und Ro­ma-Ak­ti­vist

o romanisthan si
sa i evropa
katar lisabon zhi kaj istanbul
thaj sako them kaj atjaras ame khere

Die Sprache der Roma und Romnja, Sinti und Sintizze heißt Romanes. Sie wird in allen Ländern Europas ge­spro­chen, in über 30 Dia­lekten. Für mich ist das Roma­nes eine der schöns­ten Sprachen, die exis­tie­ren. Das Romanes ent­hält Wörter aus so vielen euro­päi­schen Spra­chen von Istanbul bis Lissabon, dass man wohl sagen kann, es ist eine der euro­päischs­ten Sprachen, die es über­haupt gibt.

Auf Romanes gibt es zwei Sprichworte, die ich immer wie­der sehr gerne zitiere. Eines lau­tet, „Nashtig te zhas vorta, kana bango-j o drom“ – auf Deutsch heißt das so viel wie: „du kannst nicht gera­de aus gehen, wenn sich der Weg neigt“. Ich wider­spreche diesem Sprich­wort sehr gerne. Denn dort, wo sich der Weg nach rechts neigt, dort müs­sen wir alles dafür tun, den Weg wieder gera­de zu biegen, in Rich­tung Demo­kratie, Toleranz und einer gleich­berech­tig­ten Ge­sell­schaft.

Ein anderes altes Sprichwort der Roma und Romnja lautet: Begrabt mich im Stehen, denn ich knie schon mein gan­zes Leben. Dass es so alt ist, sieht man daran, dass Roma in Europa seit Jahr­hunder­ten Dis­kriminie­rung, Xenophobie und Rassismus aus­gesetzt waren und bis heute sind. Studien zu­folge sind Roma, als größte euro­päi­sche Minder­heit, die Gruppe, die die meiste Ab­lehnung in der Ge­sell­schaft findet. Ich gehöre zu einer jungen Roma Bür­ger/innen­rechts­bewegung, die dafür kämpft, dass sich diese Situa­tion ändert. Und auch wenn es manch­mal aus­sichts­los erscheint, glaube ich wirk­lich fest daran, dass sich unsere Gesell­schaft in eine richtige Richtung ent­wickeln kann. Wenn ich einmal in ein hohes Alter komme, will ich zu den Men­schen sagen können: „Be­grabt mich im Liegen, ich bin mein ganzes Leben auf­ge­standen für unsere Rechte.“

(Text: Samuel Mago in: Ö1/Gedanken für den Tag, Gestal­tung: Ale­xand­ra Mant­ler)

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