Heute vor 40 Jahren

März 17th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik

Aussendung des Zentralrats anlässlich des geschichtsträchtigen Treffens im Bonner Kanzleramt 1982 (Foto: Zentralrat)Exakt heute vor vierzig Jahren, am 17. März 1982, kam es zu einem denk­würdi­gen Treffen einer von Romani Rose geführ­ten Dele­gation des neu gegrün­deten Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma mit dem deut­schen Bundes­kanzler Helmut Schmidt (SPD). Zwei Tage nach dem Treffen folgte ein Ge­spräch mit dem dama­ligen Oppo­sitions­führer Helmut Kohl. Im Zu­sammen­hang mit der Unter­redung im Bonner Kanzler­amt wurde der Völker­mord an den Sinti und Roma erst­mals – 37 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur – offiziell an­erkannt. Dabei betonte Helmut Schmidt u.a. die öffent­lich lange beharr­lich bestrit­tene Tatsache, dass Ver­folgung und Genozid an der Minder­heit nicht bloße Aus­wüchse staatlicher Krimi­nalitäts­bekämpfung und -prä­vention, son­dern das Resultat der national­sozialisti­schen Rassen­doktrin waren.

In einem aktuellen Interview mit der RNZ erinnert sich Zentral­rats­vor­sitzen­der Romani Rose an das „ent­spannte und konstruk­tive Gespräch“: „Es war das erste Mal, dass uns ein Bundes­kanzler über­haupt empfing und bereit war, auf unsere For­de­rungen ein­zu­gehen. Willy Brandt, sein Vor­gänger, hatte das noch ab­gelehnt. Wie ernsthaft das Gespräch war, ist ja aus der weit­reichen­den Erklärung von Helmut Schmidt er­kennbar, die er un­mittelbar nach dem Treffen ab­gab und in der er das Verbrechen der Nazis an der Min­der­heit als das be­zeich­nete, was es ja war: Völkermord.“ Für die Minder­heit be­deutete dies nicht weni­ger als eine historische Zäsur, denn bis zu diesem Zeit­punkt „wurde den Über­lebenden die moralische Anerkennung als Opfer der natio­nal­sozia­listi­schen ‚Rassen­politik‘ und ihre An­sprüche auf Ent­schädigung ver­weigert“.

Anlässlich von Schmidts Tod im November 2015 würdigte Zentralratsvorsitzender Romani Rose ihn daher als den für Sinti und Roma bedeu­tends­ten deut­schen Bundes­kanzler: „Für Sinti und Roma in Deutschland und in Europa ist Helmut Schmidt der Bundes­kanzler, der nach Jahr­zehnten der Leugnung und Ver­drängung die Opfer des Völker­mordes an­erkannte und damit die Auf­arbeitung dieses Teils deut­scher Ge­schichte ein­leitete.“

Die Pressemitteilung, die der Zentralrat am 18. März 1982 ver­öffent­lichte (den gesam­ten Wortlaut finden Sie hier), schil­derte das histo­rische Treffen wie folgt:

„Erstmals nach 37 Jahren hat gestern der Bundeskanzler für die Bundes­regie­rung den Völkermord an Sinti und Roma und die Ver­folgung aus rassi­schen Gründen wäh­rend des Dritten Reiches an­erkannt und zu­gesagt, dieser morali­schen Wieder­gut­machung und den durch die 37-jähri­gen Ver­säum­nisse mit­ver­ursach­ten Proble­men der Sinti und Roma in der Öffent­lichkeit, im Parlament und inner­halb der Regierung Gehör zu ver­schaffen. In dem sehr har­monisch und offen ver­laufenen ein­einhalb­stün­digen Gespräch des Kanzlers mit den Vertreten des ‚Zentral­rates Deutscher Sinti und Roma‘ sagte er zu, zu diesem Thema des Völker­mords und der fort­ge­setzten Diskri­minie­rung sich für eine eigene Debatte im Deut­schen Bundestag, die von der Bun­des­regie­rung schon vor­bereitet werde, ein­zu­setzen.

Der Zentralrat versteht die Anerkennung es Völkermords nicht als Schuld­zu­schrebung an die heute in de Bundes­republik leben­de Bevöl­kerung, son­dern als Voraus­setzung, über diese nun doch ein­geleitete moralische Wieder­gutmachung ein bes­seres öffen­liches Ver­ständnis für die beson­dere Situa­tion von Sinti und Roma und damit endlich einen Abbau alt­her­gebrachter Vorurteile zu er­reichen.

Während der Holocaust am jüdischen Volk schon 1949 von Adenauer an­erkannt und be­dauert wurde und ins öffent­liche Bewußt­sein rückte, blieb der Völkermord an Sinti und Roma weithin un­bekannt und von deut­scher Seite in seinem tat­säch­lichen Ausmaß auch völlig unerforscht. Als Solidarität von Seiten des jüdischen Volkes sind deshalb die For­schungs­arbeiten jüdischer Wissen­schaft­ler zu verstehen. [...] Juden und Sinti/Roma ware die beiden Völker, deren voll­ständige Aus­rottung von der NS-Dik­tatur geplant, vorbereitet und auch weit­gehend durch­geführt wurde [...]. Deshalb ver­langte der Zentral­rat beim Gespräch vom Bundes­kanzler eine beson­dere Ver­antwortung der Bundes­republik gegenüber Sinti und Roma, so wie sie diese auch dem jüdischen Volk gegen­über über­nommen und sie immer zum Aus­druck ge­bracht hat. [...] Der Zentralrat machte dem Bundes­kanzler noch einmal deutlich, wie sehr Sinti und Roma im Wege der finanziellen Wiedergutmachung be­nach­teiligt wurden, einer­seits wegen der au­geblie­benen An­erken­nung des NS-Holocaust, vor allem aber wegen der diskri­mi­nie­renden Rechts­sprechung auf­grund eines Fehlurteils des Bundes­gerichts­hofs von 1956. [...]“.

Schmidt blieb der Sache der Sinti und Roma seit­her ver­bunden – sogar noch bis zuletzt: Nur einige Monate vor seinem Tod lud Alt­kanzler Schmidt Romani Rose im Herbst 2014 zu einem Ge­spräch nach Hamburg ein, um die ak­tuelle Lage der Minder­heit in Deutschland und in Ost­mittel- und Südost­europa zu er­örtern.

(dROMa)

Die Aussendung des Zentralrats vom 18.3.1982: https://zentralrat.sintiundroma.de/wp-content/uploads/2016/07/19820318_gespraech-mit-bundeskanzler.pdf (PDF)

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