August 30th, 2016 |
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Rassismus & Menschenrechte
Eine private Videoaufnahme (auf Youtube hochgeladen von User 10 cent) zeigt die Vorgänge im Dorf Loshchynivka (Izmail/Odessa): den Angriff auf die Roma-Siedlung, die aufgeheizte Stimmung im Ort – samt „Zigeuner raus“-Rufen (цыгане вон!) – und die Evakuierung einiger verängstigter Roma-Frauen durch die Polizei. Leider ohne Untertitel .
August 29th, 2016 |
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Rassismus & Menschenrechte
300 Dorfbewohner stürmten Roma-Siedlung bei Odessa. Die Roma waren zuvor aus ihren Häusern geflüchtet. →Video
Im Dorf Loshchynivka im Raion Izmail der Oblast Odessa ist es Samstag am Abend zu einem Pogrom gekommen. Etwa 300 Einwohner des Dorfes hatten die Häuser der ortsansässigen Roma gestürmt und verwüstet . Den Unruhen war die Verhaftung eines jungen Rom vorausgegangen, dem von der Polizei die Vergewaltigung und Tötung eines achtjährigen Mädchens aus dem Ort vorgeworfen wird. (Anm., 1.9.2016: nach neueren Informationen handelt es sich bei dem Verdächtigen gar nicht um einen Rom). Die örtliche Polizei war mit der an die Verhaftung anschließenden Situation heillos überfordert, sodass Ermittler und Sondereinheiten aus Izmail angefordert wurden.
Laut Medienberichten wurde bei dem Pogrom niemand verletzt, da die Roma ihre Häuser noch vor dem Überfall verlassen hatten. Das Mädchen , dass am Abend zuvor von ihren Eltern als vermisst gemeldet wurde, war am Samstag in einem verlassenen Gebäude unweit der Romaiedlung leblos aufgefunden worden. Ersten Berichten der Polizei zufolge war ihr Körper mit zahlreichen Schnittwunden und Hämatomen übersäht. Von einem Sexualdelikt könne mit höchster Wahrscheinlichkeit ausgegangen werden. Wie und ob der verhaftete Mann mit dem Verbrechen in Verbindung steht, ist derzeit noch völlig unklar.
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August 28th, 2016 |
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Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Dänemarks Regierungspartei Venstre hat angekündigt, gegen obdachlose Ausländer (gemeint sind Notreisende, also insbesondere osteuropäische Roma) vorzugehen. Derzeit ist es Obdachlosen in Dänemark erlaubt, im öffentlichen Raum, etwa in Parks oder auf Bänken, zu übernachten – sofern sie mit ihrem Verhalten gegen keine sonstigen Gesetze verstoßen. Eine Gesetzesnovelle soll der Exekutive nun die rechtliche Handhabe verschaffen, hart gegen improvisierte Nachtlager und Behelfsunterkünfte einzuschreiten. Das Justizministerium soll hierfür einen Gesetzesentwurf ausarbeiten, der solche informellen Lagerplätze verbietet.
Dem Vorhaben der Regierungspartei gingen Medienberichte über angebliche Missstände im städtischen Køge Bugt Strandpark am Westrand Kopenhagens voraus, in dem Roma kampieren. Anrainer klagten über die zunehmende Verunreinigung des Parks – vor allem durch Fäkalien. Zuvor waren die öffentlichen Toiletten versperrt worden, um die obdachlosen Familien daran zu hindern, sie weiterhin zu benützen.
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August 25th, 2016 |
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Rassismus & Menschenrechte
Angriff auf Protestcamp zwangsgeräumter Roma-Familien in Montreuil
Laut Angaben des European Roma Rights Centre (ERRC) wurden mehrere Roma-Familien in der Nacht zum 22. August in Montreuil (Paris) von sechs Männern attackiert. Die Angreifer waren mit Messern bewaffnet und überfielen und bedrohten Erwachsene und Kinder. Das ERRC berichtet zudem von Aussagen, wonach in der Gegend anwesende Polizisten den Angriff beobachtet hätten, ohne einzugreifen. Details sind bisher noch nicht bekannt.
Bei den überfallenen Personen handelt es sich um einige Roma-Familien, die von den Behörden am 28. Juli aus ihrem Camp in La Boissiere vertrieben worden waren. Ihre Behelfsunterkünfte wurden zerstört, ohne dass sie zuvor informiert oder ihnen alternative Unterkünfte zur Verfügung gestellt worden waren. Seither leben die Familien auf der Straße. Seit einigen Tagen kampieren die Roma nun mit lokalen Aktivisten vor dem Rathaus, um gegen die Zwangsräumungspolitik zu protestieren und die Folgen der Vertreibungen sichtbar zu machen. Die Roma fanden breite Unterstützung von Menschenrechtsaktivisten und von Prominenten (hier eine Petition).
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August 23rd, 2016 |
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Ehrungen & Nachrufe

Der Roma-Aktivist Valery Novoselsky,
Gründer und Betreiber des Roma Virtual Network (RVN), verstarb vergangenes Wochenende überraschend während eines Aufenthaltes in Riga, wo er an einer Sitzung der International Romani Union teilnahm und ein Roma-Festival besuchte.
Valery Novoselsky, der, geboren und aufgewachsen in der Sowjetunion, 1995 nach Israel emigrierte, war eine bedeutende Persönlichkeit der Roma-Bürgerrechtsbewegung. Er war seit vielen Jahren die treibende Kraft hinter den Bemühungen, das Internet als Drehscheibe der Roma-Bewegung zu nützen, neue Informationskanäle zu etablieren, die internationalen Gruppen zu vernetzen und eine „virtuelle“ Community von Aktivisten aufzubauen.
Sein unermüdliches Engagement und seine Verdienste bleiben unvergessen!
August 23rd, 2016 |
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Geschichte & Gedenken
O lejcti tschechitike Roma, savo o holocaust prik dschivde, la Germanijatar buteder sar 70 berscha pal o haburiskero kisetinipe, holocaustiskere-loj te uschtiden. Ande vakeriptscha le financministerijumiha ando foro Berlin, o 2.500 Euro ar handlim ule, phenel o ministerijum le avrutneske ando foro Prag, paraschtujate pal o but masekakere vakeriptscha. Ada potschintschago ham tschak le buter valami desch dschi 15 prik dschivde Romenge hasninel, butschol afka. „Poar lendar tschak ando vodro buter paschlon“, phentscha Čeněk Růžička andar i organisacija le holocaustiske-lojenge le tschechitike Romenge Výbor Pro Odškodnení Romského Holocaustu (VPORH) la agenturake ČTK. „Ando dikipe upre lengero phuripe lojengere utschipeske use phentscham, pedar savo tschak aslo schaj ol“, kritisirintscha ov. Taj te vasch o ar potschintschago iste erscht aun rodim ol.
Ando dujto themeskero haburi igen but dschene le tschechitike Romendar ande butjakere- taj nacijonalsocijalistischi logertscha ledschim ule. Tschak valami 600 le valami 6500 dschenendar le tschulipestar o Porajmos prik dschivde, o flogoskero murdaripe le europitike Romendar.
(volksgruppen.orf.at)
August 22nd, 2016 |
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Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Schöne Grüße von der BH Bludenz?
Presseaussendung RA Schäfer (OTS) – Im Zeitraum 5.7.2016 bis 3.8.2016 wurde eine in Vorarlberg lebende Frau, obdachlos, mit Euro 16.780,00 bzw. 322 Tagen Ersatzfreiheitsstrafe von der BH Bludenz bestraft. Gemäß einer unbestätigten Mitteilung über die Polizeiinspektion Feldkirch soll diese Frau über Euro 38.000,00 an Verwaltungsstrafen offen haben.
Überwiegend für das Betteln unter Mitführung eines Kindes bzw. wegen Verstoß gegen die eindeutig verfassungswidrige Bettlerverordnung von Bludenz (Bettelverbot auf 400.000 m²/ 24 Stunden/ 365 Tage im Jahr).
Am Samstag, 19.7.2016 wurde sie nur deswegen nicht in den Verwaltungsarrest eingeliefert, weil sie ihr Kind noch stillt. Verwaltungsstrafen müssen nach § 19 Verwaltungsstrafgesetz der Tat, der Schuld und dem Einkommen angemessen sein. Die BH Bludenz hat alleine im Zeitraum 5.7.2016 bis 3.8.2016 diese Frau 36-mal mit je Euro 450,– bestraft. Eine Frau, die mit dem Verkauf von Straßenzeitungen und Betteln gerade mal etwa 200,– pro Monat zum Leben hat. Bestraft wurde die Frau z.B. am 22.7.2016 sechsmal und zwar ca. im 7-Minuten-Takt. Inwieweit wurde hier eine Bestrafung der Tat, der Schuld und dem Einkommen angemessen festgesetzt?
Bludenz ist übrigens die einzige Gemeinde in Vorarlberg, in der seit Neuestem für den Verkauf von Straßenzeitungen eine „behördliche Bewilligung“ erforderlich ist – unter Missachtung von § 47 Mediengesetz, Art 13 Abs 2 Staatsgrundgesetz 1867, dem Beschluss der Provisorischen Nationalversammlung vom 30. Oktober 1918 iVm dem Artikel 66 des Staatsvertrags von St. Germain, Artikel 6 des Staatsvertrags zu Wien sowie Artikel 10 Abs 1 EMRK. 22-mal wurde diese Frau auch deswegen bereits bestraft, obwohl auch nach höchstrichterlicher Rechtsprechung ausdrücklich keine „behördliche“ Bewilligung für den Vertrieb von Zeitungen auf Straßen erforderlich ist.
Die Meinung hier gibt die Rechtsmeinung des Autors wieder. Der Autor ist in mehreren Verfahren Rechtsvertreter dieser Frau.
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August 22nd, 2016 |
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Film & Theater, Musik, Rassismus & Menschenrechte
Sido singt erstmals über seine Sinti-Herkunft. – Schade, eine vertane Chance.
„Ich bin ein Sinti (sic) von Kopf bis Fuß/ Immer wenn ich diese Trommeln höre, kocht mein Blut/ Ich bin ein Zigeuner, Zi-Zi-Zigeuner“, singt Sido in seinem brandneuen Song. „Geuner“ lautet der Titel der neuen Single aus dem für Herbst angekündigten Album. Das zugehörige Video veröffentlichte der 35-Jährige am Donnerstag auf Youtube. Und es sorgt gleich für Aufsehen: Binnen eines Tages wurde es mehr als 200.000 mal aufgerufen, inzwischen sind es schon weit über 500.000 Klicks.
Bislang hat sich der Berliner nur sehr selten über seinen Hintergrund – seine Mutter ist Sintiza – geäußert (etwa hier oder hier). Dass er das Thema jetzt derart prominent aufgreift, ist bemerkenswert und verdient Respekt. Dieses „Coming out“ eines der wichtigsten deutschen Rapper hätte auch durchaus das Zeug zu einem bedeutenden Moment gehabt. Sido hätte Sinti und Roma einmal ins rechte Licht rücken können – anders als dies ein ressentimentgeladener BILD-Redakteur auch machen würde. Und er hätte den Rassisten und ihren Klischees bei dieser Gelegenheit einmal in Rapper-Manier so richtig in den Arsch treten können. – Hat er aber nicht. Denn Sido war es anscheinend lieber, sich deren Vorurteile zu eigen zu machen, um seine eingerostete „Street Credibility“ mit Geuner-Gangsta-Ghetto-Attitüde aufzufrischen. Und in Songtext und Video wimmelt es denn auch geradezu von altbekannten „Zigeuner“-Klischees: Read the rest of this entry »
August 19th, 2016 |
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Rassismus & Menschenrechte
Zeugen berichten von Molotowcocktails und Schusswaffen. Sieben Roma verletzt.
Am Dienstag wurde ein Roma-Camp in Marseille in den Nachtstunden von einer Gruppe unbekannter Täter angegriffen. Die Männer schleuderten Molotowcocktails und selbstfabrizierte Sprengkörper in das leerstehende Industriegebäude am Boulevard Magallon, in dem sich obdachlose Roma-Familien einquartiert hatten. Zeugen berichten zudem von Gewehren und Schrotmunition.
Am Vorabend waren einige Männer auf dem Areal erschienen und hatten die Roma aufgefordert zu verschwinden. Dem nächtlichen Angriff war, berichtet auch „L’Obs“ unter Berufung auf den Oberstaatsanwalt, eine Auseinandersetzung zwischen Campbewohnern und einer Gruppe junger Männer aus der Nachbarschaft vorausgegangen. Dabei sei ein 40-jähriger Rom – anscheinend mit einem japanischen Schwert – am Arm verletzt worden.
Sieben Roma wurden bei dem nächtlichen Überfall verletzt, darunter ein 14-Jähriger. Sie wurden im Krankenhaus versorgt; zwei junge Roma mussten operiert werden. Read the rest of this entry »
August 18th, 2016 |
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Rassismus & Menschenrechte
In der Slowakei patrouilliert die neonazistische Partei „Unsere Slowakei“ (ĽSNS) in Zügen. Die Trupps der „Bürgerwehr“ haben es dabei insbesondere auf Roma abgesehen. Bahn und Polizei sehen dem Vorgehen der Rechtsextremisten seit Monaten tatenlos zu. Jetzt will die slowakische Regierung aber die sogenannten „Eisenbahnwachen“ verbieten. Justizministerin Lucia Žitňanská kündigte einen entsprechenden Gesetzesentwurf an. Das Gewaltmonopol des Staates müsse wiederhergestellt werden.
Im Folgenden ein Auszug aus einem Beitrag der ARD-Tagesschau vom 17.8.2016:
Die jungen Männer im Zug (…) fallen sofort auf: Alle tragen grüne T-Shirts mit dem Logo einer Partei: dem der rechtsextremen „Volkspartei – Unsere Slowakei“. Sie sind auf Streife und haben es vor allem auf Roma abgesehen. Das kündigt ein Vertreter der Gruppe auch in einem Internet-Video an. (…) Und dann ist auf dem Video der Rechtsextremisten zu verfolgen, wie sie einen offensichtlich angetrunkenen Rom angehen. Der Mann weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Es folgt ein hitziger Wortwechsel, der mit der Drohung der Bürgerwehr endet, ihn aus dem Zug zu werfen.
Seit April sind die selbsternannten Zug-Sheriffs unterwegs. Anlass war die Attacke auf eine junge Studentin, angeblich von einem Rom. Parteichef Marian Kotleba, mit seinen Rechtsextremisten seit März erstmals im Parlament vertreten, sah sofort die Chance, daraus Kapital zu schlagen. (…) Die Bahn ließ die Bürgerwehr gewähren und auch die Polizei sah keine rechtliche Handhabe zum Einschreiten. Read the rest of this entry »
August 17th, 2016 |
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Facts & Figures, Romani
Fast ein Viertel des allen Romani-Dialekten gemeinsamen Kernwortschatzes geht auf das byzantinische Griechisch zurück.
(Quelle)
August 15th, 2016 |
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Rassismus & Menschenrechte
Elisabeth Hussl ist Aktivistin der Bettellobby Tirol und setzt sich für die Rechte von Notreisenden ein. Die BettelLobby OÖ hat sie im April 2016 zur aktuellen Lage in Tirol befragt.
Im November 2013 hat die Tiroler Landesregierung das generelle Bettelverbot abgeschafft. Wie ist die gesetzliche Lage in Tirol heute?
Das sogenannte stille Betteln ist nun grundsätzlich erlaubt, praktisch aber nur schwer möglich, denn die Verbote gehen sehr weit. Verboten sind sogenanntes aufdringliches und aggressives Betteln sowie gewerbsmäßiges und organisiertes Betteln. Auch Betteln unter aktiver Mitwirkung von Kindern bis zum 14. Geburtstag ist strafbar. Der Strafrahmen beläuft sich auf bis zu 5.000 Euro oder zwei Wochen Ersatzfreiheitsstrafe.
Wo halten sich Notreisende in Tirol vor allem auf?
Die Debatte konzentriert sich vor allem auf Innsbruck. Notreisende werden jedoch auch in anderen Bezirken zunehmend zum Thema, vor allem in den Städten. Darüber hinaus gibt es es immer wieder Diskussionen über das Betteln von Haus zu Haus und die Schlafplätze von Notreisenden. Denn die große Mehrheit übernachtet im Freien – auf der Straße, in Zelten, im Wald, weil es an Unterkünften mangelt.
Die Gemeinden haben jetzt auch die Möglichkeit ein sektorales Bettelverbot zu erlassen. Wurde das schon einmal angewendet?
Eine derartige Verordnung wurde vor einem Jahr im März 2015 in Innsbruck beschlossen und war erstmals beim Ostermarkt im Frühjahr des letzten Jahres in Kraft sowie beim Christkindlmarkt. Während dieser sogenannten Gelegenheitsmärkte ist Betteln in der gesamten Maria-Theresien-Straße und Herzog-Friedrich-Straße verboten. Auch andere Städte beabsichtigen nun Verbote bei Märkten aufgrund der Anwesenheit von ein paar wenigen Personen, die betteln. Das ist komplett unverhältnismäßig. (Anm. d. Red.: Inzwischen wurde in Seefeld ein zeitlich und örtlich begrenztes Bettelverbot bei Veranstaltungen und Märkten beschlossen. Und auch in Innsbruck selbst bahnt sich eine neuerliche Verschärfung an.)
Gibt es sozialpolitische Hilfsangebote seitens der öffentlichen Hand? Von Privaten?
Es gibt Hilfsangebote von kirchlich-karitativen Einrichtungen und NGOs: Beratung, Streetwork, medizinische Basisversorgung, Kleiderausgabe, Essens- und Waschmöglichkeiten sowie im Winter eine Notschlafstelle für nun 34 Personen, die keinen EWR-Schein haben, und davon sind die meisten der Notreisenden betroffen. Zudem gibt es das Waldhüttl – eine Herberge der Vinzenzgemeinschaft, durch die eine Gruppe von Menschen, die Straßenzeitung verkaufen und Straßenmusik machen, eine Bleibe haben (wir berichteten). Read the rest of this entry »
August 12th, 2016 |
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Geschichte & Gedenken, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Nach Klage von Mauthausen-Überlebenden: „Aula“ darf ehemalige Häftlinge des KZ Mauthausen nicht mehr als „Massenmörder“ oder „Landplage“ bezeichnen.
Harald Walser: Ist es ein juristischer Befreiungsschlag? Das Landesgericht für Zivilrechtssachen in Graz hat eine „Einstweilige Verfügung“ erlassen: Die Zeitschrift „Aula“ und ihr Autor Manfred Duswald dürfen nicht mehr schreiben, im Jahre 1945 befreite ehemalige KZ-Häftlinge seien „Massenmörder“ und von der Bevölkerung als „Landplage“ empfunden worden. Auch ähnliche Aussagen sind verboten. (Zur Vorgeschichte: Mauthausen-Überlebende klagen „Aula“)
Es ist eine bemerkenswerte Begründung der Richterin. „Zur Sicherung des mit Klage vom 30.6.2016 zu 39 Cg 79/16s beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Graz erhobenen Unterlassungsanspruches wird den beklagten Parteien bis zur rechtskräftigen Entscheidung im Hauptverfahren verboten, die wörtliche und/oder sinngleiche Behauptung aufzustellen und/oder zu verbreiten, die ehemaligen Häftlinge/Befreiten des KZ Mauthausen, dessen Neben-/ Außenlagern oder anderer Konzentrationslager seien Massenmörder und/oder für die Bevölkerung eine Landplage gewesen und/oder haben das Land raubend und plündernd, mordend und schändend geplagt und schwerste Verbrechen begangen.“
Einige bedeutsame Sätze aus der Begründung durch das Gericht:
- „Der Aufbau und die Formulierung dieses Absatzes lassen keinen Zweifel daran offen, dass die im dritten Satz aufgelisteten Straftaten allen befreiten Mauthausen-Häftlingen zugerechnet werden.“
- „Das kann nur so gelesen und vom durchschnittlichen Leser verstanden werden, dass er [Duswald] die Straftaten, die Kriminalität und das Plagen den im Mai 1945 befreiten KZ-Häftlingen im Allgemeinen zuschreibt.“
- „Verstärkt wird die Unterstellung, die Mauthausen-Häftlinge seien sozusagen aus gutem Grund wegen Straftaten inhaftiert gewesen, noch dadurch, dass der Zweitbeklagte ‚Befreiung‘ und ‚Befreiern‘ unter Anführungszeichen setzt.“
- „Damit lässt er keinen Zweifel daran, dass die Freilassung der in Mauthausen gefangen Gehaltenen für die Bevölkerung negativ gewesen sei, was, wie sich aus dem Gesamtzusammenhang wiederum ergibt, darauf zurückzuführen sei, dass es sich bei den Mauthausen-Häftlingen um Kriminelle gehandelt habe, die das Land mit Straftaten heimgesucht hätten.“ Read the rest of this entry »
August 11th, 2016 |
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Facts & Figures, Romani
Die Wortstellung im Romani deckt sich beinahe exakt mit jener des Griechischen.
(Quelle)
August 10th, 2016 |
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Rassismus & Menschenrechte, Religion
Pressemitteilung der GfbV:
Schutzsuchende Roma-Flüchtlinge verhaftet: Kirchliche Obhut war „böse Falle“
Im Pfarrhaus St. Emmeran in Regensburg hatten zwoschenzeitlich bis zu 45 Roma Schutz vor drohender Abschiebung Zuflucht gesucht, zuletzt waren es noch 16 gewesen. Nahrungsmittelspenden an sie wurden verhindert. Am Montag wurde das Pfarrhaus polizeilich geräumt.
Als eine „Schande für beide Kirchen“ hat Tilman Zülch, Präsident der Gesellschaft für bedrohte Völker – International (GfbV), die polizeiliche Räumung des katholischen Regensburger Pfarrhauses St. Emmeram am gestrigen Montagabend bezeichnet. Die „kirchliche Obhut“, die den schutzsuchenden und um Kirchenasyl bittenden Roma dort angeboten wurde, habe sich als „böse Falle“ erwiesen, kritisierte der Menschenrechtler. Im Pfarrhaus St. Emmeran hatten zwischenzeitlich bis zu 45 Roma Schutz vor drohender Abschiebung Zuflucht gesucht.
Schon vor der Räumung hatte die Kirche nach Angaben des bayerischen Flüchtlingsrates versucht, die letzten 16 noch im Pfarrhaus verbliebenen Flüchtlinge „auszuhungern“, indem sie Nahrungsmittelspenden an sie verhinderte. Das Bistum Regensburg hatte auf diesen Vorwurf unmittelbar vor der Räumung mit einem halben Dementi reagiert. „Die Flüchtlinge bekommen Nahrung, aber nicht im Pfarrheim. Jeder kann heraustreten und sich versorgen“, wurde ein Domsprecher in den Medien zitiert.
„Diese Verlautbarung war zynisch“, kritisierte Zülch. Denn nach Informationen der GfbV wären die fünf von Abschiebung bedrohten Flüchtlinge beim Verlassen des Pfarrhauses sofort verhaftet worden. Die Polizei wartete vor dem Gebäude auf sie, weil gegen sie ein Haftbefehl vorlag und ihre Daten an die Sicherheitskräfte weitergegeben worden waren.
Bei einer mazedonischen Familie, die am Dienstagmorgen um 10 Uhr dem Haftrichter vorgeführt wurde, wollte eine evangelische Kirchengemeinde nach sicherer Kenntnis der GfbV prüfen, ob nicht Kirchenasyl gewährt werden könne. Die Familie hatte es versäumt, Rechtsmittel gegen die Ablehnung ihres Asylantrags einzulegen. Die für eine Prüfung durch die Kirche notwendige Akte des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) traf jedoch wochenlang nicht ein und schließlich war die Familie aus der Obhut der evangelischen Kirchengemeinde weiter in die der katholischen geflüchtet, weil sie sich dort schnellere Hilfe erhofft hatte. Zusätzlich hatte die Familie schriftlich erklärt, freiwillig ausreisen zu wollen. Jetzt befindet sie sich in Abschiebehaft.
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August 7th, 2016 |
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Geschichte & Gedenken
4.383 österreichische Roma und Sinti wurden 1942 im NS-Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) ermordet. Erst jetzt wurde ein Gedenkstein für sie errichtet.
Am 2. und 3. August 2016 wurde an vier polnischen Gedenkstätten der vor 75 Jahren von den Nationalsozialisten verschleppten und in der Folge ermordeten österreichischen Roma und Sinti gedacht und ein Gedenkstein enthüllt. Der Präsident des burgenländischen Landtags, Christian Illedits, die Präsidentin des Landtags Steiermark, Bettina Vollath, und der Obmann des Kulturvereins Österreichischer Roma, Christian Klippl, hielten dabei die Gedenkreden zu dem in Romanes als „Porajmos“ bezeichneten Roma-Genozid.
Am 3. August fand am Rande des Roma-Massengrabs im Wald bei Chełmno nad Nerem im Rahmen einer großen Gedenkfeier mit polnischen Roma aus dem ganzen Land und polnischer politischer Prominenz die Enthüllung eines Gedenksteins zur Erinnerung an die ermordeten österreichischen Roma statt. Dessen Inschrift lautet folgendermaßen:
Gewidmet allen, die als ganze Familien in den Himmel gezogen sind … – Zum Gedenken an etwa 4.300 Roma und Sinti aus Österreich, die im Jänner 1942 aus dem Ghetto Litzmannstadt in das Vernichtungslager Kulmhof verschleppt und dann im selben Monat von den deutschen Besatzern ermordet wurden. Ihre Schreie und Leiden nahm der Erdboden auf, der die Asche tausender Opfer verbirgt. Wir werden Euch nie vergessen!
Nur wenige Monate nach ihrer Verschleppung nach Łódź (siehe: Infotext: Die Łódź-Deportationen 1941) wurden die Roma in das nationalsozialistische Vernichtungslager Kulmhof gebracht, wo sie Anfang 1942 in sogenannten „Gaswagen“ – mittelgroßen LKWs, in welche die Auspuffgase geleitet wurden – ermordet wurden.
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August 5th, 2016 |
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Geschichte & Gedenken, Politik
Endlich willigt Deutschland ein, auch die Handvoll Holocaust-überlebender Roma in Tschechien zu entschädigen – nicht aber mit einer monatlichen Opferrente wie die jüdischen Opfer, sondern mit einer einmaligen Abschlagszahlung von gerade einmal 2.500 Euro: Roma sind weiterhin Opfer zweiter Klasse.
In Böhmen und Mähren kamen während der deutschen Besatzungszeit etwa 90 Prozent der dort beheimateten Roma-Bevölkerung ums Leben. Nur rund 600 der 6.500 von den Nationalsozialisten als „Zigeuner“ erfassten Personen im „Protektorat“ überlebten die NS-Verfolgung. Wie nun das tschechische Außenministerium betätigte, sollen tschechische Roma, die die Konzentrationslager der Besatzer überlebten, von Deutschland demnächst eine einmalige Entschädigung in der Höhe von 2.500 Euro bekommen. Nach monatelangen Verhandlungen habe man sich mit dem Finanzministerium in Berlin auf diesen Betrag geeinigt. Tschechiens Roma-Verbände, allen voran der Ausschuss für Holocaust-Entschädigung für die Roma in Tschechien (VPORH), hatten diese Entschädigung durch die Vermittlung des tschechischen Außenministeriums vor mehr als einem Jahr beantragt. Das Bundesaußenministerium wird die Summe aus dem Fonds für nichtjüdische Opfer (Härtefond) bereitstellen.
Für nahezu alle Opfer kommt diese Geste jedoch um Jahrzehnte zu spät. Laut Medienberichten sind nur noch maximal fünfzehn betroffene Roma am Leben. Nur zehn Personen haben bis dato tatsächlich um die Entschädigung angesucht. Read the rest of this entry »
August 5th, 2016 |
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Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Jugend & Bildung
Spielfilm von Kai Wessel, A/D 2016, 126 Min.
Drehbuch: Holger Karsten Schmidt (nach dem gleichnamigen Roman von Robert Domes)
Filmstart: 7.10.2016 (A), 29.9.2016 (D)
Deutschland, 1942: Während des Zweiten Weltkriegs nimmt das Euthanasie-Programm des Naziregimes ungeahnte Ausmaße an. Der 13-jährige Ernst Lossa, ein Kind von Jenischen – fahrenden Händlern – wird von seiner Familie getrennt und gerät in die Mühlen der nationalsozialistischen Ausgrenzungs- und Rassenideologie. Er gilt als schwer erziehbar und wird von Heim zu Heim geschoben, bis er schließlich in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee eingewiesen wird. Er beginnt, die Mechanismen der praktizierten Tötungsmaßnahmen zu durchschauen und versucht seine Freunde und Mitpatienten zu retten. Obgleich er völlig gesund ist, wird er schließlich wegen seines rebellischen Wesens im Rahmen des Euthanasieverfahrens zu Tode gebracht.
(Text: Filmfonds Wien)
August 4th, 2016 |
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Musik
Die Roma-Tanzgruppe „Romafest“ aus Târgu Mureș (Siebenbürgen, Rumänien) hat das Zeug dazu, „Riverdance“ und „Stomp“ schon bald Konkurrenz zu machen. Einstweilen ist das Ensemble mit seinen Musikerkollegen aber offenbar in Japan bekannter als hierzulande. Hier ein Liveauftritt in der portugiesischen Fernsehshow „Portugal no Coração“ 2012.
August 2nd, 2016 |
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Geschichte & Gedenken, Veranstaltungen & Ausstellungen
Berlin: Erinnern an die Ermordung der letzten Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau 1944
2. August 2016, 20 Uhr, Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, Simsonweg, 10557 Berlin
Am 2. August 2016 jährt sich die »Liquidation des Zigeunerfamilienlagers« in Auschwitz-Birkenau zum 72. Mal. Leon ›Henry‹ Schwarzbaum (*1921) wurde als jüdischer Häftling Zeuge, als SS-Angehörige in der Nacht auf den 3. August 1944 die fast 3.000 verbliebenen Sinti und Roma ermordeten – zumeist als arbeitsunfähig eingestufte Frauen, Kinder und ältere Menschen. Ivan Marazan überlebte als Kind die Deportation nach Transnistrien, den rumänisch besetzten Teil der Ukraine. Dort kamen zwischen 1941 und 1944 bis zu 25.000 Roma gewaltsam zu Tode.
Programm:
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