Rassismus & Menschenrechte

Expertenkommission Antiziganismus konstituiert

März 30th, 2019  |  Published in Einrichtungen, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Deutschland: Expertenkommission Antiziganismus wurde konstituiert - hier die Mitglieder mit Minister Horst Seehofer und Romani Rose. (Foto: BMI/Bertrand)27. März 2019: Deutsche Bundes­regie­rung be­ruft die Mit­glie­der der Un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten­kom­mis­sion Anti­ziga­nis­mus. Das „RomArchive“ geht in die Trä­ger­schaft des Do­ku­men­ta­ti­ons- und Kul­tur­zentrums Deut­scher Sin­ti und Ro­ma über.

Am 27. März 2019 berief die deutsche Bundesregie­rung die Mit­glieder der im Koa­li­tions­vertrag ver­ein­barten Un­abhän­gigen Experten­kom­mission Anti­ziganis­mus. Der Zentral­rat Deut­scher Sinti und Roma be­grüßt die schnelle Be­ru­fung durch den Bundes­minis­ter des In­nern, Horst Seehofer, nach­dem der Deut­sche Bundestag in der ver­gan­ge­nen Woche ent­spre­chen­de Ent­schlie­ßungs­anträge der Koali­tions­frak­tio­nen wie der Oppo­sitions­frak­tio­nen – mit Aus­nah­me der AfD – ver­han­delt hatte.

Minister Seehofer unter­strich die Bedeu­tung der Exper­ten­kom­mis­sion für die zukünf­tige politi­sche Aus­rich­tung bei der Be­kämp­fung des Anti­ziganis­mus. Es sei sein Wunsch und der Wunsch seines Minis­te­riums, dass die Kom­mission einen Abschluss­bericht mit subs­tan­tiel­lem Gehalt lie­fere, der Bundes­tag, Bundes­regierung und der Min­der­heit der Sinti und Roma glei­cher­ma­ßen Vor­gaben für einen respekt­vollen Um­gang lie­fern möge.

Der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, sag­te in der kons­tituie­ren­den Sitzung heute: „Anti­ziganis­mus ist tief­ver­wurzelt in der deutschen und der eu­ro­päi­schen Gesell­schaft. Die Ächtung des Anti­ziganis­mus durch die Bundes­regierung und durch die Politik muss jetzt durch ent­spre­chende An­stren­gun­gen ins­be­son­dere in der politi­schen Bildung unter­mauert wer­den.“ Der Deutsche Bundestag hat­te wäh­rend der Debatte am ver­gan­ge­nen Freitag die Be­kämpfung des Anti­ziga­nis­mus als gemein­same Aufgabe von Politik und Gesell­schaft be­nannt, aber im dann ver­abschie­de­ten Ent­schlie­ßungs­antrag (PDF) der Koalition keine Selbst­ver­pflich­tung des Bun­des­tages hier­zu auf­ge­nommen.

Um so wichtiger ist für den Zentralrat Deut­scher Sinti und Roma jetzt die Arbeit der Exper­ten­kommis­sion, die neben einem Bericht zum Ende der Le­gis­latur­perio­de kon­krete Em­pfehlun­gen an die Bundes­regie­rung geben soll, um die histori­sche Dimen­sion ebenso auf­zu­arbeiten wie den gegen­wärti­gen Anti­ziganis­mus zu be­kämpfen. Hier­zu ge­höre vor­ran­gig die Dokumen­tation anti­ziganis­tisch moti­vier­ter Straf­taten wie die Beobach­tung von Anti­ziganis­mus in den Medien und den Aus­wirkun­gen bei den Ein­stel­lun­gen in der Be­völke­rung. Ins­beson­dere sollte die Kom­mis­sion ihr Augen­merk auf Schule und Bildung rich­ten, denn gerade in den Schulen gibt es kaum ver­läss­li­ches und gut auf­berei­tetes Bildungs­mate­rial zum The­ma Sinti und Roma, so Rose. Read the rest of this entry »

Nach Fake News: Jagd auf Roma in Frankeich

März 27th, 2019  |  Published in Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte

Das Märchen von "kinderstehlenden Zigeunern" im Internetzeitalter: Fake News führt zu GewaltserieDie Mär von „Kinder stehlenden Zigeu­nern“ im Inter­net­zeit­alter: Fake News führt zu Gewalt­serie im Groß­raum Paris

In Frankreich hat eine in den Sozialen Medien kursierende Falsch­mel­dung, wo­nach Roma in einem weißen Liefer­wagen in ver­schie­de­nen Orten der Ile-de-France, ver­sucht hät­ten, Kinder bzw. jun­ge Frauen zu ent­führen, um Organ­handel zu be­treiben, zu einer Gewalt­serie ge­gen Roma ge­führt. Am 17. März wurden zwei Roma, die in einem weißen Wagen sa­ßen, in Colombes im Groß­raum Paris aus ihrem Auto ge­zerrt und von einer Men­schen­menge auf der Straße ver­prügelt. Schließ­lich konn­ten sie, pa­nisch um Hilfe rufend, in ein Ge­bäude flüchten. Es kam zu Straßen­schlach­ten mit der Polizei. Die bei­den über­fallenen Männer wur­den leicht ver­letzt ins Kranken­haus ge­bracht. (Anm., 17:45 Uhr: Laut neueren Mel­dun­gen wur­den die zwei Opfer von den Tätern fälsch­lich für Roma ge­hal­ten.)

In den letz­ten Tagen wur­den dann in meh­re­ren Städten, laut „FranceSoir“ in Bobigny, Clichy-sous-Bois, Aubervilliers, Bondy und Noisy-le-Sec, Roma an­ge­grif­fen oder be­droht, zum Teil wur­den ihre Fahr­zeuge an­gezündet. So kam es am Montag­abend bzw. in der Nacht zum Diens­tag in Bobigny und in Clichy-sous-Bois un­weit von Paris zu Gewalt; die Polizei spricht von „meh­reren Schlä­gereien und Gewalt­taten“. In Clichy-sous-Bois flüch­teten sich über zwan­zig Roma vor einem mit Stöcken be­waff­ne­ten Lynchmob ins Lager eines nahe­gele­genen Super­markts. Die Polizei schritt ein, es kam zu Aus­einander­set­zun­gen mit der Täter­gruppe, be­stehend aus rund zwan­zig Männern. Autos gingen in Flam­men auf, zwei Poli­zisten wurden leicht verletzt. In Cli­chy-sous-Bois hatten schon 2005 – nach dem Unfall­tod zweier Ju­gend­li­cher – die damaligen Unruhen in den fran­zö­si­schen Banlieues ihren Aus­gangs­punkt.

Mittlerweile kam es zu zahlreichen Fest­nahmen. Die Polizei konnte 20 Ver­dächtige er­mitteln. Read the rest of this entry »

Bürgerrechtspreis 2019 für Andrej Kiska

März 25th, 2019  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Präsident Kiska besuchte Roma-Jugend-Buchklub Palikerav (Foto: Andrej Kiska: Preisträger des Europäischen Bürger­rechts­prei­ses der Sinti und Roma 2019

Der Europäische Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma wird in die­sem Jahr an den Staats­prä­siden­ten der Slowakei, Andrej Kiska, ver­ge­ben. Die Ver­lei­hung fand am 19. März 2019 im Haus der Euro­päi­schen Ge­schichte in Brüssel statt. Der Preis wird ge­stiftet von der Man­fred-Lau­ten­schlä­ger-Stif­tung und ist mit 15.000 Euro do­tiert.

Der aktuelle Präsident der Slo­waki­schen Re­publik, Andrej Kiska, wird für sein gesell­schaft­li­ches Engage­ment, seine kriti­sche politische Hal­tung in der Öffent­lich­keit und seinen beharr­li­chen Ein­satz für die Be­lange der Roma in der Slowakei mit dem Euro­päi­schen Bürger­rechts­preis der Sinti und Roma aus­gezeich­net. Be­son­ders in einer Zeit, in der sich Sinti und Roma in Europa von rechts­extremen und na­tio­nalis­ti­schen Strö­mun­gen und Parteien zu­neh­mend bedroht se­hen, spricht sich der slowa­kische Prä­sident Andrej Kiska deut­lich für die gleich­berech­tigte Teil­habe der Roma in seinem Heimat­land aus. In Inter­views und Reden lenkt er den Blick der Öffent­lich­keit im­mer wieder auf die jahrelang ver­nach­läs­sigte und dis­krimi­nierte Min­der­heit und zeigt, dass die Zu­kunft Europas nur in einem demo­krati­schen und solida­ri­schen Mit­einander be­stehen kann, das die Rechte von Minder­heiten an­erkennt und schützt.

Die Preisverleihung fand am 19. März 2019 im Haus der Euro­päi­schen Ge­schichte in Brüssel statt. Die Lau­datio auf Prä­sident Kiska hielt Michael Roth (Staats­minis­ter für Euro­pa im Aus­wärti­gen Amt). Es re­deten au­ßer­dem unter ande­rem Romani Rose (Vor­sitzen­der des Zentralvrats deut­scher Sinti und Roma) und Soraya Post (Co-Prä­siden­tin der Euro­pean Parlia­ment Anti-Ra­cism and Diver­sity In­ter­group/ARDI.)

Der Euro­päi­sche Bür­ger­rechts­preis der Sinti und Roma wurde 2007 an­läss­lich des 10-jäh­ri­gen Be­stehens des Doku­menta­tions- und Kultur­zentrums Deut­scher Sinti und Roma, vom Doku­men­ta­tions­zentrum, dem Zentral­rat Deut­scher Sinti und Roma und der Man­fred-Lau­tenschlä­ger-Stif­tung ins Le­ben ge­rufen und ist mit 15.000 Euro do­tiertRead the rest of this entry »

Kritik: Bundestag ignoriert zugewanderte Roma

März 24th, 2019  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

"Antiziganismus bekämpfen" (Foto: zusammenhandeln.blogsport.eu)Beratung des Deutschen Bundestags über die An­träge zum Kampf gegen Anti­ziga­nis­mus: Ini­tia­toren des „Bünd­nis­ses für Soli­dari­tät mit den Sinti und Roma Euro­pas“ zei­gen sich ent­täuscht

Stellungnahme vom 22.3.2019: Anlässlich der Be­ra­tung des Deut­schen Bundes­tags über die An­träge zum Kampf gegen Anti­ziga­nis­mus (mehr hier) be­grü­ßen Uwe Neumärker (Di­rek­tor der Stiftung Denk­mal für die er­mor­de­ten Juden Euro­pas) und Hamze Bytyci (Vor­stands­vor­sit­zen­der des Roma­Trial e.V.), dass sich der Deut­sche Bundes­tag die­ses wich­ti­gen The­mas an­nimmt. Sie äu­ßern aller­dings Un­ver­ständ­nis darü­ber, dass zu­ge­wan­der­te Roma im Be­schluss­text keine Be­ach­tung fin­den. Uwe Neu­mär­ker er­klärt: »Anti­ziganis­mus rich­tet sich ge­gen alle Men­schen, die als Roma oder Sinti wahr­ge­nom­men wer­den. Dass der Deut­sche Bundes­tag vor­ran­gig die An­gehö­ri­gen der als natio­nale Minder­heit an­erkann­ten deut­schen Sinti und Roma als schutz­wür­dig be­nennt, be­dauvere ich.«

Natürlich ist die Sensibilisierung für die Hetero­genität unter den Sinti und Roma wich­tig. Doch anti­ziganis­tisch mo­ti­vier­te Haltun­gen und Hand­lun­gen vom vagen Vor­urteil über Aus­gren­zung und Be­nach­teili­gung bis hin zu of­fener Gewalt sind sie glei­cher­ma­ßen aus­ge­setzt.

Hamze Bytyci führt weiter aus: »Die Dauer der An­wesen­heit der Vorfah­ren eines von Anti­ziganis­mus be­trof­fe­nen Men­schen darf bei der Zu­rück­wei­sung die­ser Art des Rassismus kei­ne Rolle spie­len. Read the rest of this entry »

Antiziganismus-Resolution des Bundestags

März 24th, 2019  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

Deutschland bekennt sich zum Schutz der Sinti und Roma: Plenarsitzung im Bundestag (Foto: Bndestag)Historische Debatte „Antiziganismus bekämpfen“ im Deut­schen Bundes­tag (Video): Exper­ten­kom­mis­sion Anti­ziga­nis­mus wird kon­sti­tu­iert, Bun­des­tag be­schließt Reso­lu­tion gegen Anti­ziga­nis­museine par­tei­po­li­ti­sche Gro­tes­ke der CDU/CSU ver­ei­tel­t ge­mein­sa­men Antrag al­ler Frak­tio­nen au­ßer der AfD.

Zentralrat, 23.3.2019: Vor der kommenden Konsti­tuie­rung der Unab­hän­gi­gen Exper­ten­kommis­sion Anti­ziganis­mus am 27. März 2019 im Bundes­minis­te­rium des Innern be­fasste sich der Deut­sche Bun­destag in seiner De­batte am 22. März mit dem zu­neh­mend mas­siven Anti­ziganis­mus in Deutschland und in Eu­ro­pa. Stu­dien des Bundes oder wie zu­letzt Um­fragen der Uni­ver­sität Leipzig (wir be­rich­te­ten) zei­gen, dass die Ab­lehnung von Sinti und Roma in der Bevöl­ke­rung extrem hoch ist. Hier sei es Auf­gabe ins­be­son­dere der Politik, für den not­wen­di­gen Zusam­men­halt in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft ge­rade auch durch den Schutz von Min­der­hei­ten zu sor­gen, er­klär­te Romani Rose vor der De­batte.

In einer ersten Reaktion bezeichnete der Vorsit­zende des Zentral­rates Deut­scher Sinti und Roma, Ro­mani Rose, die Tat­sache, dass sich der Deut­sche Bundestag end­lich mit dem Thema Anti­ziganis­mus be­fasst, als wich­ti­gen Schritt für die Minder­heit und eben­so für die demo­krati­sche Ver­fasst­heit unse­rer Gesell­schaft: „Es gibt in Deutsch­land und in Eu­ro­pa einen zu­neh­mend gewalt­berei­ten Anti­ziganis­mus, der sich vorder­grün­dig gegen die Minder­heit richtet, der aber im Kern auf unsere demo­krati­schen Werte zielt.  Es wäre wün­schens­wert ge­we­sen, wenn es einen gemein­sa­men Ent­schlie­ßungs­antrag aller demo­krati­schen Parteien im Deut­schen Bundes­tag ge­geben hätte, der die Ver­pflich­tung des Deut­schen Bundes­tages zum Schutz und zur För­de­rung der Minder­heit der Sinti und Roma klar zum Aus­druck ge­bracht hätte“, so Rose. Die Be­kämp­fung des Anti­ziganis­mus sei zu wich­tig, als dass partei­politi­schen Über­legun­gen die Ent­schlie­ßun­gen des Bundes­tages ab­schwä­chen dürf­ten, so Rose.

Alle Redner der demokratischen Parteien waren sich einig darin, dass die Be­kämp­fung des Anti­ziganis­mus eine Ver­pflich­tung des Deut­schen Bundes­tages sein müsse. Fünf Frak­tio­nen, alle außer der AfD, hat­ten im Vor­feld an dem Ent­schlie­ßungs­antrag „Anti­ziganis­mus be­kämp­fen“ mit­ge­wirkt. Redner aller demo­krati­schen Frak­tio­nen be­dauer­ten, dass ob­wohl es keine inhalt­lichen Dif­feren­zen gab, es den­noch zu kei­nem ge­mein­sa­men Antrag kam.

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„They must be removed“

März 21st, 2019  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

1683: Was der Terrorist von Christchurch auf seine Waffen geschrieben hat (Foto via Twitter/r_ckl_ss)Die „Manifeste“ der Rechts­ter­ro­ris­ten: Was der Christ­church-Mör­der und An­ders Brei­vik über Roma schreiben

Das Pamphlet des Christchurch-At­ten­tä­ters nimmt an einer Stelle auch ex­pli­zit Be­zug auf Roma. Schon der nor­we­gi­sche Rechts­ter­ro­rist Breivik hatte sich in sei­nem „Mani­fest“ 2011 mit Ro­ma be­fasst: Er woll­te sie nach Ost­ana­to­lien trans­fe­rie­ren. Und auch deut­sche und unga­ri­sche Terror­zellen nah­men in den letz­ten Jah­ren mehr­fach Roma ins Vi­sier.

Im sogenannten „Manifest“, der wir­ren, von An­spielun­gen durch­zo­ge­nen Hetz­schrift, die der Ter­rorist von Christ­church kurz vor seinem Blut­bad an Dutzen­den Mus­li­men in Um­lauf brach­te, kommt er in einer Pas­sage auch expli­zit auf Roma zu spre­chen. Unter der Kapitel­über­schrift „Europe for Euro­peans“, schreibt der Austra­lier in Neuseeland über die ver­meint­li­chen „Inva­soren“ auf der an­de­ren Seite des Globus:

The invaders must be removed from European soil, re­gard­less from where they came or when they came. Roma, African, Indian, Turkish, Semitic or other. If they are not of our people, but live in our lands, they must be re­moved. Where they are re­moved to is not our con­cern, or re­spon­si­bi­li­ty. Our lands are not their home, they can re­turn to their own lands or found their home­lands else­where. But they will not oc­cu­py our soil. How they are re­moved is ir­rele­vant, peace­ful­ly, forcefully, hap­pi­ly, violent­ly or diplo­ma­ti­cal­ly. They must be re­moved. (…) RE­MOVE THE IN­VA­DERS, RE­TAKE EUROPE. (S. 50)

„Die Es­senz des Rassismus“

In der Aufzählung der „zu ent­fer­nen­den“ Be­völ­ke­rungs­gruppen werden die Roma an erster Stelle ge­nannt. Wie and­ere „fremd­rassige“ Grup­pen sollen also auch die Roma, eine in Wirklichkeit seit 700 Jahren in Europa be­heima­tete Ethnie, aus Europa beseitigt werden – und zwar weil es sich um „Invasoren“ hand­le (nicht zu­fällig ein Be­griff für Migran­ten, der auch zum se­man­ti­schen Arse­nal der Neuen Rechten ge­hört). In der zitierten Pas­sage erblickt der deut­sche Publi­zist Sascha Lobo „die Es­senz des Rassismus“ (ab 14:30):

Das ist „White Supremacy“, und es ist eigent­lich so­gar noch eine Stu­fe über„White Supre­ma­cy“, weil es fak­tisch um Ver­nich­tungs­fanta­sien geht. Read the rest of this entry »

„… eine Figur der Ausgrenzung“ (2018)

März 20th, 2019  |  Published in Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Karl-Franzens-Universität GrazAnna-Kathrin Bartl (2018): Die politischen Dimensionen von Anti­ziga­nis­mus: eine kultur­analy­ti­sche Per­spek­tive auf Figurie­rungs­pro­zesse und Aus­schlie­ßungs­me­cha­nis­men

Masterarbeit, Karl-Fran­zens-Uni­ver­sität Graz (Institut für Kultur­anthropo­logie und Euro­päi­sche Ethno­logie), 117 S.

→Download der UB Graz (pdf)

Zusammenfassung (Link):

Menschliches Zusammenleben trägt politi­sche Dimen­sio­nen in sich. Unter­teilun­gen in „Wir und Sie“, „Minder­heit und Mehr­heits­bevöl­ke­rung“, „Eigenes und Fremdes“ ent­hal­ten Hege­monie und Macht. Um das Eigene ab­zu­grenzen, wird ein konstru­ier­tes „Anderes“ be­nötigt. Anti­ziganis­mus ist ein soziales Phä­nomen, durch das Men­schen als Zigeu­ner stig­mati­siert wer­den; der Begriff Zigeuner ist eine dis­krimi­nie­ren­de Fremd­zu­schrei­bung, die historisch ge­sehen als Rassen­nomen­kla­tur und polizeili­cher Ordnungs­begriff zur Ver­folgung ge­nutzt wurde. Men­schen wer­den durch die Zuschrei­bung als Zi­geu­ner zum „An­deren“ und „Frem­den“ ge­macht.

Die Annahme dieser Arbeit ist, dass mit der Zigeu­ner-Kon­struk­tion eine Figur der Aus­grenzung ge­schaf­fen wur­de. Fi­guren dienen den Men­schen als Orien­tierungs­hilfe im poli­tischen und gesell­schaft­li­chen Wandel. Einer kultur­analyti­schen Per­spektive ent­spre­chend bietet das Figurativ als her­meneu­ti­scher For­schungs­begriff die Mög­lich­keit, Be­deu­tun­gen von Figuren für eine Gesell­schaft zu be­obach­ten und sie in ihrer Wechsel­wirkung zu be­trach­ten. Figuren sind dabei als dis­kursive Pro­dukte zu ver­stehen, die keiner realen Person ent­spre­chen. Die ent­haltene Sinn­struktur der Figur des Zigeu­ners legiti­miert Aus­grenzung und Ver­folgung je­nen Men­schen gegen­über, auf die jene Figurie­rung über­tragen wird. Wäh­rend die Zigeu­ner-Fi­gur Be­stand­teil eines kollekti­ven Ge­dächt­nis­ses ist, ist es die dem Zigeu­ner-Be­griff in­hären­te Dis­krimi­nie­rung kaum oder gar nicht. Read the rest of this entry »

„Wir sind keine Zootiere“ – Roma in Freiburg

März 19th, 2019  |  Published in Interview, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

Dreyeckland Radio Dreyeckland, 19.3.2019 (6:26 min)
→Anhören (mp3)

Tomas Wald (Foto: privat/Badische Zeitung)Präsentation der Studie „Dis­kri­mi­nie­rung von Sinti und Roma in und um Frei­burg 2018“

„Ein Jahr lang haben wir – eine Gruppe von Sinti und Roma – Vor­fälle und Er­fah­run­gen von Dis­kri­mi­nie­rung und Rassismus ge­sam­melt, be­spro­chen und ver­sucht zu ver­arbei­ten. Abstrak­te körper­lose und weiße Begriffs­akro­batik in­teres­siert uns al­ler­dings nicht, für uns ist das Ent­schei­dende: wie wir trotz erheb­li­chen Drucks den eigenen Weg fin­den und gehen kön­nen. Auf dieser Ver­anstaltung (Anm.: im Rah­men der Inter­natio­na­len Wochen ge­gen Ras­sis­mus 2019 in Freiburg, hier der Pro­gramm­flyer/pdf) stel­len wir un­sere ers­te Studie dazu vor.“ (aus der An­kün­di­gung)

Tomas Wald vom Roma-Büro in Freiburg spricht zu­erst über die be­reits ge­nann­te „Begriffs­akro­batik“, um die es heu­te Abend (19.3.2019, 19 Uhr im Roma-Büro, En­sis­hei­mer Str. 20) eben nicht ge­hen soll …

(Text: rdl.de/freie-radios.net)

Illustrierte Wochenpost, 3. März 1939

März 11th, 2019  |  Published in Fundstücke, Geschichte & Gedenken, Medien & Presse, Rassismus & Menschenrechte

Artikel 1939Vom Wort zur Tat: Von der Medien­hetze ge­gen „Zigeu­ner“ war es nur noch ein klei­­ner Schritt zum Roma-Ho­lo­caust.

Vor (fast) exakt 80 Jahren, am 3. März 1939, ver­öffent­lich­te die Wiener Wo­chen­zei­tung „Il­lustrierte Wochen­post“, Nr. 9, S. 8, unter dem Ti­tel „Zigeuner – die große Landplage“ einen ganz­seiti­gen Artikel über die öster­rei­chi­schen Roma. Von dieser ras­sisti­schen Hetze, die an einen jahr­zehnte­lan­gen me­dia­len Diskurs an­knüpf­te, war es jetzt nur mehr ein klei­ner Schritt zum Holocaust. Etwa neun Zehn­tel der Roma des Bur­gen­landes wurden kurz darauf depor­tiert und er­mordet.

„Die Zigeunerfrage, die bisher im Altreich eine rela­tiv un­bedeu­tende Rolle ge­spielt hat, ist in der Ostmark ein bren­nen­des Problem“, heißt es in dem Artikel. „Und zwar ein Problem der Rassen­mi­schung so­wohl wie der Krimi­nali­tät.“ Dem Re­por­ter G. Ebert, der an­geb­lich vor Ort im Bur­gen­land recher­chier­te, habe sich „der nach­hal­ti­ge Ein­druck einer kultu­rel­len Ver­kommen­heit und De­gene­ra­tion, die ekel­erre­gend ist“, er­geben – die Tonali­tät des ge­samten Artikels zielt auf Ent­mensch­li­chung ab.

Im Rah­men des Artikels ab­gedruckt ist auch ein Schrei­ben des Bürger­meis­ters von Sankt Margarethen (Be­zirk Ei­sen­stadt-Um­ge­bung). Bürger­meis­ter Unger war offen­bar einer jener zahl­­rei­­chen Scharf­macher auf loka­ler Ebene, wel­che die national­sozia­lis­ti­schen Be­­hör­den zu im­mer radi­ka­le­ren Verfolgungs­maß­nah­men dräng­ten und deren Ver­nichtungs­willen erst so richtig be­feuer­ten. Als Vor­wand dien­ten ein­mal mehr die an­geb­lich hor­renden Fürsorge­kosten, welche die ver­armte Roma­bevöl­ke­rung für die Kom­munen be­deu­­te­te. So gip­felt auch die­ser Arti­kel mit einem ab­schlie­ßenden Ruf nach dras­ti­schen Maß­­nahmen gegen das „arbeits­scheue Parasiten­volk“, das man da „groß­ge­zo­gen“ habe, „nie­man­den (sic!) zu­nutze und al­len zum Scha­den“. „Die Ge­meinden, die Zigeuner be­herber­gen müs­sen, ru­fen nach Lösung der Zigeuner­frage (…)“.

Als dieser Artikel erschien, war bereits die ers­te De­porta­tions­welle an­ge­rollt: Schon 1938 waren 232 öster­rei­chi­sche Roma und Sinti in­haftiert und in Kon­zentra­tions­lager eingewiesen worden. Read the rest of this entry »

Ermittlungen nach Hetze auf KZ-Gelände

März 9th, 2019  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht

Screenshot der Website, auf der die Täter Fotos hochgeladen hatten, um mit der Schändung der Gedenkstätte zu prahlen (Foto: Romez.cz)Tschechien: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen rassistischer Plakate in Lety

Radio Praha, 8.3.2019: Die tschechischen Behörden er­mit­teln gegen zwei Männer, die nahe dem ehe­ma­li­gen Roma-KZ in Lety Plakate mit ras­sis­ti­schen Texten auf­ge­stellt hatten (wir berichteten). Ihnen droh­ten bis zu drei Jahre Haft, teilte der zu­stän­dige Staats­anwalt mit. Laut dem Nach­rich­ten­server Romea.cz sollen beide Männer einer rechts­nationalen Ver­eini­gung an­ge­hören. (Anm. der dROMa-Red.: Es han­delt sich um die Grup­pierung „My proti všem“, übersetzt: „Wir gegen alle“). Die Plakate wa­ren im Mai und Juni ver­gan­ge­nen Jahres auf dem Ge­lände der Gedenk­stätte für den Roma-Ho­lo­caust auf­ge­taucht (mehr hier).

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Plovdiv: Kulturhauptstadt ohne Roma

März 7th, 2019  |  Published in Medien & Presse, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

"Together": "Das Motto blieb. Die Projekte nicht" (Foto: Free Plovdiv Tour)Unerwünscht und rausgestrichen

„Am Anfang standen in Plovdiv Inklusions­ver­spre­chen. Als die Aus­schrei­bung durch war, blieb vom schö­nen Schein der Integra­tion nichts mehr übrig. Hinter den Kulis­sen wur­den Roma syste­ma­tisch benach­teiligt, bis heute sind wich­ti­ge Projekt­versprechen nicht ein­gelöst.“ Aus Bulgarien be­rich­tet Andreas Kunz für Ostpol.de über „eine Euro­päische Kultur­haupt­stadt, die einen Teil ihrer Bürger am liebs­ten ver­stecken möchte“. → Zum Artikel

Und auch Rayna Breuer berichtete in einem Beitrag für die Deutsche Welle an­läss­lich der Er­öffnungs­feier, dass viele Roma-Pro­jekte, mit denen Plovdiv bei der Bewer­bung als Kultur­haupt­stadt ge­punktet hatte, in­zwi­schen aus dem Programm ver­schwun­den sind:

Ein zentrales Thema der Bewerbung war der Fokus auf die ethni­schen Minder­heiten in Plovdiv, vor allem auf die Roma-Be­völ­ke­rung. Stolipinovo, ein Stadt­teil von Plovdiv und das größ­te Roma-Viertel auf dem Balkan, sollte eben­falls Teil des Kultur­programms im kom­men­den Jahr sein. „Wir glauben daran, dass die Kultur die Fähig­keit hat, soziale Ver­änderun­gen zu er­zeugen. Die meis­ten Jugend­lichen, die in Stoli­pi­novo leben, haben das Viertel nie ver­lassen, auf der ande­ren Seite haben die Be­woh­ner aus Plovdiv diesen Stadt­teil nie be­sucht“, sagt Manol Peykov (Anm.: inzwi­schen aus Protest zurück­getre­te­nes Mit­glied der Stiftung „Plovdiv 2019“). „Aber die Politi­ker sagten, dass wir un­se­ren Hinterhof vor dem aus­ländi­schen Publi­kum nicht zei­gen sollten. ‘Wieso die Roma‘, haben sie ge­sagt. ‘Wir haben doch auch andere Ethnien hier‘ – und so wurde un­sere Idee ab­ge­lehnt und Projekte ge­stoppt“. Unter dem Motto „Together“ soll­te auf die Lage der Roma und den schwieri­gen sozialen Zu­sam­men­halt hin­gewie­sen wer­den. Durch Kultur Kon­flikte über­win­den, das war das Thema, was die Jury über­zeugte und Plovdiv den Titel Euro­päische Kultur­hauptstadt 2019 ein­brachte. Das Motto blieb. Die Pro­jekte nicht.

→ Zum Artikel

„Ich nenne es banken“ (2017)

März 4th, 2019  |  Published in Hochschulschriften, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

FH Campus WienAstrid Hanisch (2017): „Ich nenne es banken“. Betteln und Schnor­ren im Kon­text ras­sis­ti­scher und natio­na­lis­ti­scher Kon­struk­tio­nen. Eine kri­ti­sche Diskurs­analyse

Masterarbeit an der Fachhochschule FH Campus Wien (Mas­ter­stu­di­en­gang: Sozial­raum­orien­tierte und Kli­ni­sche So­ziale Ar­beit), 116 S.

→Download der FH Campus Wien (pdf)

Abstract (S. II):

Im vorherrschenden Diskurs um das Straßen­betteln in Österreich hat die räum­li­che Her­kunft und Staats­bür­ger_in­nen­schaft der betteln­den Men­schen eine maß­geb­li­che Be­deu­tung. In der Unter­schei­dung zwi­schen den „eige­nen“ (öster­rei­chi­schen) und den „frem­den Bett­ler_in­nen“ (vor al­lem de­nen, aus dem ost- und süd­ost­europäi­schen EU-Aus­land) wer­den Sub­jekt- und Objekt-Kon­struk­tio­nen voll­zogen. Die „frem­den Ande­ren“ werden ent­indi­vi­duali­siert und als kol­lek­tive, massen­hafte Bedro­hung für den Sozial­staat und die öffent­li­che Sicher­heit be­han­delt. Gleich­zeitig wer­den bettelnde Men­schen im­mer wie­der als „Roma“ iden­ti­fiziert, wobei diese Ethnisierung als Pro­jek­tions­leis­tung der Mehr­heits­gesell­schaft zu ver­stehen ist, die Betrof­fenen selbst wer­den meist nicht be­fragt. Der Unter­suchungs­zeit­raum der vor­liegen­den Masterarbeit beginnt 2012, also unmittelbar vor oder nach dem Verfassungsgerichtsurteil, das das allgemeine Bettelverbot aufgehoben hatte. Es wur­den acht Broschüren aus den Bereic­hen Sozia­le Arbeit, Men­schen­rechts­orga­ni­sa­tio­nen, Polizei und Ge­meinden auf ihre Ver­hand­lung der Thema­tik hin unter­sucht. Dabei wurde so­wohl die Ver­wendung von Text als auch von Bildern berück­sich­tigt. Als Analyse­werk­zeug wur­de die Rahmen­analyse nach Erving Goffman an­ge­wen­det. So sollte es mög­lich werden, die sprach­liche und soziale Be­deutung von räum­licher Herkunft und Staats­bür­ger_in­nen­schaft und die daraus ab­gelei­tete Ethni­sie­rung mit­tels einer Kriti­schen Diskurs­analyse auf­zu­zeigen. Als we­sent­li­ches Er­geb­nis gilt, dass sich die Soziale Arbeit ihrer anti­rassistischen Ver­antwortung im Span­nungs­feld zwi­schen Polizei, den Gemein­den, dem politi­schen Willen und der medialen Bericht­erstat­tung be­wusst sein muss.

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Angriff auf Romni im Burgenland

März 2nd, 2019  |  Published in Rassismus & Menschenrechte

KurierMutter nach Vorfall auf Zebrastreifen an­ge­grif­fen. 34-Jäh­rige als „drecki­ge Zigeu­ne­rin“ be­schimpft und ver­letzt. Die Po­li­zei er­mittelt.

Kurier.at, 21.2.2019: „Ich bin noch immer schockiert“, sagt Bianca Baranyai (…). Sie trägt eine Hals­krause und kann den An­griff auf sie noch nicht fas­sen. Am Don­ners­tag­nach­mit­tag war die 34-Jäh­rige mit ihrem fünf Mo­nate alten Sohn im Kinder­wagen und dem acht­jähri­gen Sohn in Großpetersdorf (Be­zirk Oberwart) un­ter­wegs. „Ich bin beim Zebra­strei­fen ge­stan­den und woll­te schon rüber­gehen, da ist eine Frau noch mit ihrem Auto drüber ge­schos­sen und hat uns fast nieder­gestoßen (…)“. Bevor die Groß­peters­dorfe­rin zur Auto­lenke­rin was sagen konn­te, habe diese sie bereits be­schimpft. „Die hat sofort zu mir ge­sagt, ob ich ein Problem hab und ,du bist be­stimmt eine drecki­ge Zigeunerin’.“ (…) Die et­wa 50-jäh­rige Fahr­zeug­lenkerin habe sie wei­ter beschimpft. „Ich habe gar nicht ge­wusst, was pas­siert und als ich mich bei der Auto­tür der Frau an­ge­hal­ten habe, hat sie ge­sagt ich soll das Auto nicht an­grei­fen, sonst springt sie raus“, sagt Ba­ranyai.

Die Auto­lenkerin sei dann wirk­lich aus dem Auto ge­sprun­gen. „Sie ist sofort auf mich los­ge­gangen, ob­wohl ich den Kinder­wagen in der Hand hatte. Sie hat mir ins Gesicht ge­schla­gen und mich auch getreten. (…) Ich hatte den Kin­der­wagen in der Hand und hab’ geschaut, dass er nicht um­fällt. Mein ande­rer Sohn ist vor lauter Schreck weg­gelaufen.“ (…) Nach etwas mehr als einer Minu­te habe die Schläge­rin von der 34-Jäh­rigen ab­ge­las­sen, sei ins Auto ge­stie­gen und weg­ge­fahren. „Ich hatte noch Angst, dass die Frau uns nieder­fährt“, sagt Ba­ranyai, die blaue Flecken und einen wackeln­den Zahn davon­ge­tra­gen hat. „Ich habe Anzeige er­stat­tet“, sagt Ba­ranyai. Sie war beim Arzt und muss eine Halskrause tra­gen. „Dass mir so etwas in mei­ner Heimat­gemein­de am hell­lich­ten Tag pas­sieren kann, hätte ich nicht ge­dacht“, sagt Ba­ranyai. Read the rest of this entry »

„Betteln als Performance“ (2018)

Februar 26th, 2019  |  Published in Hochschulschriften, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Karl-Franzens-Universität GrazJohanna Raphaela Blamberger (2018): „Alle sitzen wie Pilze neben­einan­der und ma­chen: Bitte, Madame, bitte, Herr!“ – Betteln als Per­for­mance und Humor als Strategie: kultur­anthro­po­logi­sche RomNija-Be­geg­nungen auf den Straßen von Graz

Masterarbeit, Karl-Fran­zens-Uni­ver­sität Graz (Institut für Kultur­anthropo­logie und Euro­päi­sche Ethno­logie), 120 S.

→Download der UB Graz (pdf)

Abstract (Link):

Die Arbeit beschäftigt sich mit Begegnungen mit jenen RomNija, die als Bett­lerInnen oder Zeitungs­ver­käu­ferIn­nen auf den Stra­ßen von Graz an­zu­tref­fen sind. RomNija er­scheinen durch stereo­type Zu­schrei­bun­gen und Ver­urteilun­gen hin­sicht­lich ihrer Identität im Zu­sam­men­spiel mit Narra­tiven, die in Bezug auf BettlerIn­nen exis­tieren, als eine homo­gene Per­sonen­gruppe mit spe­zi­fischen Eigen­schaften wie Dis­ziplin­losigkeit oder Arbeits­scheue. Die kultur­anthropo­logi­sche Forschungs­arbeit will eben­dieses Bild auf­brechen: Eine dif­feren­zierte, kon­textua­li­sierte Betrach­tung von Rom­Nija als Indivi­duen mit spezi­fischen Lebens­geschichten, Inten­tionen und Ge­danken sowie von der Tätig­keit des Bettelns und die Rolle der Mehr­heits­gesell­schaft werden hier­bei thema­ti­siert. Den theore­tischen Hinter­grund bildet dabei das Kon­zept des Antiziganismus, wel­ches die Ent­stehung und Re­produk­tion rassisti­scher Struk­turen in unserer Gesell­schaft ana­ly­siert. Kultur­wissen­schaftlich wird die Ansicht ver­folgt, dass Kultur als Ord­nungs­prin­zip in unse­rer Gesell­schaft an hoher Be­deu­tung ge­wonnen hat und dabei soziale, öko­nomi­sche und politi­sche Aspek­te, die zur Er­klärung von Lebens­situa­tio­nen dienen, in den Hinter­grund ge­drängt oder aber als kulturell be­dingt dar­gestellt wer­den. Interviews und Be­geg­nun­gen mit RomNija, Reflexio­nen über Begeg­nun­gen, histori­sche Be­trachtun­gen sowie die Ein­beziehung von künst­leri­schen Aus­einander­set­zungen er­öffnen einen Raum für ein differen­ziertes Ver­ständ­nis: Read the rest of this entry »

Radio: „Möglichst freiwillig“

Februar 22nd, 2019  |  Published in Film & Theater, Interview, Politik, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte

Dreyeckland Radio Dreyeckland, 14.2.2019 (7:14 min)
→Anhören (mp3)

"Möglichst freiwillig" - Dokumentarfilm aus Deutschland (Filmplakat)Die Filmemacherin Allegra Schnei­der im Ge­spräch

Zijush war ein 13-jähriger Schüler in Bremerhaven, als seine Eltern sich ge­zwun­gen sahen, mit ihm und seiner Schwes­ter nach Maze­do­nien zu­rück­zu­gehen. Von Politik und Behör­den wird so etwas als „freiwillige Rückkehr“ beworben und als human be­zeich­net. Doch frei­willig war die Rück­kehr nicht, und für Zijush be­deu­tete sie unter ande­rem, dass er als Rom von einer Gruppe albani­scher Män­ner gewalt­sam an­gegrif­fen wurde. Seine Mutter hat seit­her täg­lich Angst, bis er heil aus der Schule zu­rück ist. Doch seine Bremer­have­ner Klasse will sich mit dem Ver­schwin­den ihres Freundes nicht ein­fach ab­finden. Zuerst lassen sie ihn per Smart­phone weiter am Unter­richt teil­haben, dann geben sie seiner Klassen­lehrerin eine Men­ge Fragen mit, die sie bei zwei Be­su­chen in Mazedonien zu be­ant­wor­ten ver­sucht. Beim zwei­ten Besuch ist auch Zijushs Schul­freund Rebal dabei …

Die Fotojournalistin Allegra Schneider und ihr Team waren mit dabei in Skopje und in der Bremer­have­ner Klasse. Ent­stan­den ist dabei ein Dokumentar­film, der keine Klischees zeigt, son­dern die Be­trof­fenen selbst aus­führ­lich zu Wort kom­men lässt und die Dis­kriminie­rung der Roma und Romnja in Mazedonien wie auch die Proble­ma­tik der „frei­wil­li­gen“ Ausreise viel­schich­tig be­leuch­tet. Read the rest of this entry »

„Was ist Rassismus gegen Sinti und Roma?“

Februar 19th, 2019  |  Published in Jugend & Bildung, Rassismus & Menschenrechte

Deutschland: Flyer über Antiziganismus Neue Flyerserie zu grup­pen­­bezo­ge­­­ner Men­schen­feind­lich­keit: eine Bro­­schü­­re be­­han­­delt „Ras­­sis­­mus ge­­gen Sinti und Roma“

Die deutsche Amadeu-Antonio-Stiftung hat eine mehr­tei­lige Reihe von Flyern heraus­ge­geben, in denen sie unter­schied­liche Formen „grup­pen­bezo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit“ (also der Abwertung be­stimm­ter Gruppen in der Gesell­schaft) er­klärt. Die Themen­flyer be­han­deln bei­spiels­weise Anti­semitismus, Ras­sis­mus und Sexismus. Die un­ter­schied­li­chen Flyer er­klä­ren jugend­gerecht das jewei­lige Phäno­men, warum es uns alle be­trifft und was man da­gegen unter­nehmen kann. In der Broschüre „Die Theo­rie in der Praxis“ kön­nen die Ent­stehungs­geschichte und das den Flyern zu­grunde­liegende Konzept nach­gelesen wer­den (S. 28-33). Die Broschüre fin­den Sie hier.

Eine der Broschü­ren be­fasst sich mit Roma­feindlich­keit (Antiziganismus) und fragt: „Was ist Ras­sis­mus ge­gen Sinti und Roma?“, „Wie er­kennen wir das?“ und „Was kön­nen wir tun?“

→Den Flyer gibt es hier zum Down­load (pdf).

Die Flyer können auch gegen eine Versand­kosten­pauschale von fünf Euro bei der Ama­deu-An­tonio-Stif­tung (E-Mail) be­zo­gen wer­den.

(dROMa)

Protestvideo der Romaband Bengas

Februar 18th, 2019  |  Published in Musik, Rassismus & Menschenrechte

Die tschechische Romaband Bengas (hier die offen­sicht­lich nicht mehr ganz aktuelle Web­site) pro­tes­tiert in diesem neuen Musik­video gegen die jüngs­ten Pogrome und rassis­ti­schen An­griffe auf die Roma-Min­der­heiten in Europa. In einem be­­glei­­ten­­den Statement schrei­ben die Musiker der 2001 ge­grün­de­ten Band (die in Tschechien u.a. auch schon als Vor­gruppe der legen­dären „Gypsy Kings“ auf­getre­ten ist):

Wir appellieren an alle demokratischen Politi­ker in Europa, sich je­der Mani­fes­ta­tion von In­tole­ranz gegen­über den Roma deut­lich ent­gegen­zu­stellen und alles in ihrer Macht Ste­hende zu tun, die Politi­ker in den betref­fen­den Staaten dazu zu be­wegen, die Lage zu kor­ri­gie­ren. Wir rufen auch alle Roma dazu auf, sich am Aktivis­mus zu be­tei­li­gen: Roma masoven! Als Künst­ler müs­sen wir unsere Mei­nung über die ak­tuelle nega­tive Politik, die sich in man­chen Staaten Bahn bricht, gegen­über den Politi­kern laut und klar zum Aus­druck brin­gen. Aus die­sem Grund haben wir uns ent­schie­den, diesen Balkan­folk-Song aus unse­rem Reper­toire auf­zu­neh­men (…). Dieser Song ist auch eine Re­aktion auf die Tat­sache, dass eines unserer Band­mit­glie­der, Vladimír Demeter, die Tsche­chi­sche Republik ver­lassen hat. Eines seiner Haupt­motive dafür war, die Sicher­heit seiner Kinder zu garan­tieren und ihnen ein demo­kra­ti­sches Um­feld für ihre Er­ziehung zu er­mög­li­chen. (…)

(via Romea.cz)

„Roma Civil Monitor“-Berichte online

Februar 14th, 2019  |  Published in Dokumente & Berichte, Internet & Blogothek, Politik, Rassismus & Menschenrechte

Roma Civil MonitorDas Romano Centro in Wien macht auf die Ver­öf­fent­li­chung der Analy­sen der Zivil­gesell­schaft zu den Roma-Stra­tegien aus 27 EU-Län­dern auf der Web­site des CEU Center for Policy Studies auf­merk­sam. Die Berich­te wur­den seit 2017 im Rah­men des „Roma Civil Mo­ni­tor“-Pro­jek­tes er­stellt. Den Be­richt zu Österreich ha­ben die Kol­leginnen und Kol­le­gen von Ro­ma­no Centro ver­fasst. „Für alle, die sich mit Inklu­sions­politik und In­tegra­tion der Roma be­schäf­tigen, sind diese Berichte eine sehr wert­volle Infor­mations­quelle ab­seits offi­ziel­ler Regie­rungs­doku­mente“, so das Romano Centro.

Der Bericht zu Österreich:
Civil society monitoring report on implementation of the national Roma integration strategy in Austria. Focu­sing on struc­tural and hori­zon­tal pre­con­di­tions for success­ful im­ple­menta­tion of the stra­tegy (pre­pared by Roma­no Centro, Sep­tem­ber 2018) →PDF-Download

(dROMa)

Fact & Figures (214)

Februar 13th, 2019  |  Published in Facts & Figures, Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte

12,2 % der euro­pä­i­schen Hass­pos­tings in So­zia­len Me­di­en rich­ten sich ge­gen Ro­ma (Mig­ran­ten: 17,0 %, Ho­mo­se­xu­el­le: 15,6 %, Mus­li­me: 13,0 %, Ju­den: 10,1%).

(Quelle/pdf)

Hoffnung für bleivergiftete Kosovo-Roma

Februar 8th, 2019  |  Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte

Jahrelang sahen die UN tatenlos zu: schwere Erkrankungen infolge der Bleiverseuchung der UN-Flüchtlingscamps in Mitrovica (Foto: GfbV)55 Europa-Abgeordnete fordern von UN Wieder­gut­ma­chung für er­krank­te Roma, Aschkali und Balkan-Ägypter

In einem Schreiben an UN-Generalsekretär António Guterres haben 55 Euro­pa-Ab­ge­ord­ne­te Ent­schädi­gung für Roma, Asch­ka­li und Bal­kan-Ägyp­ter ge­for­dert, die nach dem Kosovo-Krieg 1999 von den Ver­ein­ten Nationen in blei­ver­seuch­ten Flücht­lings­lagern unter­gebracht wor­den waren und des­halb ernst­haft er­krankt sind. „Das Engage­ment der Par­lamen­tarier gibt den Opfern des un­ver­ant­wort­li­chen Um­gangs der UN mit diesen Flüchtlingen Hoff­nung auf Gerech­tig­keit und end­lich an­gemes­se­ne medizini­sche Hilfe“, sagte die Süd­ost­europa-Ex­pertin der Gesell­schaft für be­drohte Völker (GfbV), Jasna Causevic, in Göttingen.

Die Menschenrechtsorganisation setzt sich seit vielen Jahren für die Roma, Asch­kali und Bal­kan-Ägyp­ter ein. Schon früh hat die GfbV den Ver­dacht, dass die fünf Camps in Nord-Mitro­vi­cë/Mitrovica ganz in der Nähe einer Blei­schmelz­anlage extrem ver­seucht waren, öffent­lich ge­macht und eine Evakuie­rung der Lager ge­for­dert. Doch erst als ein Umwelt­medizi­ner im Auf­trag der GfbV Ende Okto­ber 2005 Vergiftungs­erschei­nun­gen bei den Flücht­lingen doku­men­tierte, lösten die UN die Camps all­mählich auf. Das letz­te Lager wurde erst 2013 ge­räumt. In einem 2018 ver­öffent­lich­ten Bericht hat die GfbV die de­primie­rende Lage der Erkrank­ten er­neut de­tail­liert doku­men­tiert. Stell­ver­tretend für die ins­gesamt rund 600 ehe­ma­li­gen Lager­insassen be­mühen sich 192 Roma, Aschkali und Bal­kan-Ägyp­ter auch mit Hilfe der US-amerika­ni­schen Anwältin Dianne Post seit 2008 um Wieder­gut­machung.

„Wir, Mitglieder des Europäischen Parlaments, appel­lieren drin­gend an Sie, die längst über­fälligen Schritte zu unter­nehmen, um zu gewähr­leisten, dass die Opfer der Blei­ver­giftung aus den ver­seuchten UN-Flüchtlings­lagern im Kosovo eine indi­vi­duelle Ent­schädi­gung, ent­spre­chende medi­zinische Ver­sorgung und Unter­stützung in der Bildung er­halten“, heißt es in dem Schreiben der EU-Ab­geord­neten, das die sozial­demokra­ti­schen EU-Ab­geordne­ten Kati Piri (Niederlande) und Soraya Post (Feminis­ti­sche Initia­ti­ve, Schweden) ini­ti­iert haben. Unter­zeich­net haben es auch die deut­schen EU-Ab­ge­ord­ne­ten Michael Detjen (SPD), Cornelia Ernst (Grü­ne), Rebecca Harms (Grü­ne), Knut Fleckenstein (SPD), Romeo Franz (Grü­ne), Barbara Lochbihler (Grü­ne), Norbert Neuser (SPD). [Anm. der dROMa-Red.: von den ös­ter­rei­chi­schen EU-Par­la­men­ta­ri­ern ha­ben fol­gen­de Ab­ge­ord­nete den Auf­ruf un­ter­zeich­net: Eugen Freund (SPÖ), Karoline Graswander-Hainz (SPÖ), Michel Reimon (Grüne), Monika Vana (Grüne), Thomas Waitz (Grü­ne) und Josef Weidenholzer (SPÖ).]

Bisher wollen die UN keine Wiedergutmachung zah­len, obwohl der Men­schen­rechts­ausschuss der UN-Mis­sion im Kosovo „Human Rights Ad­vi­sory Panel“ (HRAP) dies empfoh­len hatte. Die Flücht­linge führen auch eine Reihe von Todes­fällen auf Blei­ver­gif­tung zurück.

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