Geschichte & Gedenken

Facts & Figures (436)

Juli 27th, 2022  |  Published in Facts & Figures, Geschichte & Gedenken

70% der Deutschen können keinen Ort nen­nen, der den wäh­rend der NS-Zeit er­mor­de­ten Sinti und Roma ge­wid­met ist.

(Quelle)

100. Geburtstag von Philomena Franz

Juli 21st, 2022  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher

Ein Jahrhundertleben: Philomena Franz (Foto: Domradio)Die große Sinti-Autorin und -Zeitzeugin Philomena Franz fei­ert heu­te ihren 100. Geburts­tag in Bergisch-Gladbach

Aus RomAr­chive: Philomena Franz, geboren 1922 in Biberach, Deutsch­land, war die erste Frau unter Roma und Sinti, die ihre Er­fahrun­gen in den Kon­zentra­tions­lagern des Dritten Reichs zu Papier brachte. Als Kind einer Sinti-Familie von Musi­ker_innen und Schau­spie­ler_innen mit lang­jähri­gen Wurzeln in Deutschland, sang und tanzte Franz be­reits als junges Mäd­chen in ihrer Familien­truppe. Sie er­innert sich gerne an Höhe­punkte dieser Zeit, zum Bei­spiel die Auf­tritte im Lido in Paris und im Wintergarten in Berlin.

Philomena Franz, späte 1940er Jahre

Dieses Leben der Kreativität und Freiheit endete in den späten 1930er Jahren, als ihrer Familie zu­erst die Pässe ent­zogen und dann ihre Instru­mente kon­fisziert wurden. 1943 wurde Franz nach Auschwitz de­portiert. Nach einem ge­scheiter­ten Flucht­versuch aus Ravensbrück floh Franz 1945 erfolg­reich aus einem Lager bei Wittenberge und ret­tete ihr Leben mit­hilfe eines deut­schen Bauern, der sie ver­steckte. Nach Kriegs­ende stellte sie fest, dass ein Groß­teil ihrer Fa­milie in den Lagern er­mordet wor­den war. Für die über­leben­den Sinti und Roma war Hilfe nicht ohne weiteres ver­fügbar, sodass Philo­mena Franz zu­sammen mit ande­ren Sinti-Mu­siker_innen eine Band grün­dete, die durch das Land tourte, um für die alli­ierten Truppen zu spielen.

Während dieser Zeit lernte sie Oskar Franz kennen, sie heirateten und hatten fünf Kinder. In den folgen­den Jahren litt sie unter schweren De­pres­sionen, ständigen Alb­träumen und einem un­erbittlich wieder­keh­renden Gefühl der Gefangen­schaft. Sie kämpfte auch mit der man­gelnden offi­ziellen An­erken­nung der Viktimi­sierung von Sinti und Roma im Holocaust und der feh­lenden Resti­tution. Als in den 1970er Jahren einer ihrer Söhne in der Schule als »Zigeuner« ver­spottet wurde, sah sich Philo­mena Franz ge­zwungen, mit den dor­tigen Schüler_in­nen und Lehrer_in­nen über den Holo­caust zu sprechen. So be­gann sie, ihre Erin­nerun­gen an die Kon­zentra­tions­lager dem Publi­kum mit­zu­teilen und in Er­zählun­gen zu fassen.

Philomena Franz veröffentlichte ihre Märchen für Kinder 1982 in der Sammlung »Zigeuner­märchen«, und 1985 hielt sie ihre Erin­nerun­gen an das Leben und die Familie, die sie im Holo­caust ver­loren hatte, sowie ihre Erfahrungen mit der Gefangen­schaft in Auschwitz in ihrer Auto­biografie »Zwi­schen Liebe und Hass: Ein Zigeuner­leben« fest. Read the rest of this entry »

Facts & Figures (435)

Juli 18th, 2022  |  Published in Facts & Figures, Geschichte & Gedenken, Politik

1979 reiste die EU-Par­la­ments­prä­si­den­tin Simone Veil, selbst jü­di­sche NS-Über­le­bende, zur Ge­denk­kund­ge­bung der Ro­ma und Sin­ti in Ber­gen-Bel­sen.

(Quelle)

Abriss von Schweinefarm auf KZ-Areal

Juli 12th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken

Schweinefarm auf dem KZ-Gelände von Lety (Foto: Romea.cz)Tschechien: Termin für Abriss der Schweine­farm in Lety, an de­ren Stelle Mahn­mal für Roma-Holo­caust ent­ste­hen soll

Im südböhmischen Lety werden am 22. Juli die Abriss­arbeiten des ehe­maligen Schweine­zucht­betriebs be­ginnen. An des­sen Stelle wird dann ein Mahnmal zur Erin­nerung an den Holocaust an den Sinti und Roma er­richtet. Die Abriss­kosten sollten maxi­mal 110 Millio­nen Kronen (4,5 Millio­nen Euro) betra­gen und werden vom Staat über­nommen. Dies teilte eine Spre­cherin des Museums für Roma-Kul­tur (Muzeum romské kultury) am Diens­tag der Presse­agen­tur ČTK mit.

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich vor Ort ein Kon­zentrations­lager, in dem in den Jahren 1942 und 1943 ins­gesamt 327 Sinti und Roma star­ben. Seit den 1970er Jahren stand an der Stelle ein Schweine­zucht­betrieb. Diesen kauf­te der tsch­echi­sche Staat 2018 auf, um die Errich­tung einer Gedenk­stätte zu er­mög­lichen.

(Text: Radio.cz, 12.7.2022)

Aus unserem Archiv:
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Österreich: 2. August wird Roma-Gedenktag

Juli 10th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik

2. August: künftig offizieller Roma-Holocaust-Gedenktag in Österreich? (Bild: RAN)Der 2. August soll nationaler Gedenktag für die im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus er­mor­de­ten Roma und Sinti wer­den. ÖVP und Grüne brach­ten im Natio­nal­rat einen ent­spre­chen­den An­trag ein

„Es ist ein Anliegen der Volksgruppe der Roma den 2. August als nationalen Tag des Ge­denkens an die Opfer des Völker­mords an den Roma und Sinti während des National­sozialis­mus ein­zu­richten. Wir unter­stützen dieses An­liegen und haben aus diesem Grund einen ent­spre­chenden Antrag im Parlament ein­gebracht,“ so ÖVP-Volks­gruppen­sprecher National­rats­abg. Nikolaus Berlakovich.

Schätzungen zufolge wurden während des National­sozialis­mus rund 500.000 Männer, Frauen und Kinder aus der Roma- und Sinti-Ge­mein­schaft in Europa ermordet. 2015 wurde der Völkermord an den Roma im Zweiten Weltkrieg vom Euro­päi­schen Parlament als his­tori­sche Tatsache an­erkannt. Nun soll es in Österreich einen natio­na­len Gedenktag geben.

Der 2. August wurde bewusst als europäischer Holocaust-Gedenktag gewählt: In einer ein­zigen Nacht wurden von 2. auf 3. August 1944 min­destens 3.000 Roma und Romnja, Sinti und Sintizze im Kon­zentra­tions­lager Auschwitz-Bir­kenau er­mor­det [neuen For­schun­gen zu­folge sind es sogar zwi­­schen 4.200 und 4300, Anm. d. dROMa-Red.]. Von den knapp 11.000 österreichi­schen Roma und Romnja sowie Sinti und Sintizze über­lebte nur knapp jeder Zehnte den Roma-Holocaust (auf Ro­mani „Porajmos“).

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Aktionswoche für NS-Überlebende in der Ukraine

Juni 17th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen

Aktionswoche des HilfnetzwerksIn Deutschland beginnt die Aktions­woche des Hilfs­netz­werk für Über­le­bende der NS-Ver­fol­gung in der Ukraine. Etwa 42.000 NS-Über­le­ben­de, darun­ter Roma, le­ben noch in der Ukraine.

Mit einer Aktionswoche möchte das Hilfsnetzwerk für Über­lebende der NS-Ver­folgung in der Ukraine deren Unter­stützung in den Fokus rücken. Die Ver­anstal­tun­gen be­ginnen rund um den 19. Juni und enden am 29. Juni. Viele der mittler­weile 48 im Netzwerk en­gagier­ten Gedenk­stätten, Museen, Vereine und Initia­ti­ven bieten Führun­gen, Filme, Fort­bildungen sowie eine Fach­tagung.

Die Gedenkstätte Poppenbüttel in Hamburg blickt am 22. Juni mit einem Rund­gang und einem Ge­spräch zu­sammen mit der Autorin Margot Löhr zum Bei­spiel auf „Die ver­gessenen Kinder der Zwangs­arbeiterin­nen“. Das Doku­men­tations­zentrum NS-Zwangs­arbeit zeigt am gleichen Tag im Berliner Kino Delphi Lux in An­wesen­heit der Re­gisseu­rin Lana Delaroche den Film „The Sunday in Strasbourg“ über ukraini­sche Zwangs­arbei­terinnen.

In der Aktionswoche soll es auch um die Dimensionen des Zweiten Weltkriegs und des russi­schen Angriffs­kriegs sowie um Kontinui­täten gehen. Die Gedenk­stätte Bergen-Belsen bietet am 23. Juni eine Fort­bildung zu Sinti:ze und Rom:nja im KZ und das Fort­wirken von Anti­ziganismus bis in die Gegen­wart. Das Kreis­museum Wewelsburg lädt am 26. Juni zur Themen­führung „Der deutsche Überfall auf die Sowjet­union im Juni 1941“. Das Bil­dungs­forum Antiziganismus und der Zentralrat der Sinti und Roma sind am 28. Juni mit der Online-Ver­anstal­tung „Zur Situa­tion der Rom:nja in und aus der Ukraine“ Teil der Aktions­woche. Alle Ver­anstaltun­gen sind im Kalender auf der Website des Hilfs­netz­werks zu finden.

Spendenbereitschaft hochhalten

Bei einer zentralen Online-Veranstaltung zu Beginn der Aktionswoche am 20. Juni will das Netzwerk, das auf Initia­tive des Berli­ner Vereins KON­TAKTE-KOH­TAKTbI ge­gründet wurde, mit inter­nationa­ler Per­spek­tive auf die humanitäre Unter­stützung in der Ukraine schauen: Read the rest of this entry »

13. Juni 1999: Vertreibung der Kosovo-Roma

Juni 13th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte

RAN: Am 13. Juni 1999 begann die syste­ma­ti­sche ethni­sche Säu­be­rung ge­gen Roma im Koso­vo unter den Augen der inter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen im Land. Der 13. Juni soll zum in­ter­na­tio­na­len Ge­denk­tag für die ver­trie­be­nen Roma aus dem Kosovo werden.

Im 14. Jahrhundert ließen sich Roma-Gruppen nachweislich auf dem Balkan nieder. Urkun­den des Zaren Dušan IV. er­wähnen erst­mals 1348 die An­kunft von Roma in Prizren. In osma­ni­scher Zeit, die bis 1912 dauerte, waren Roma ein wichtiger kultu­reller und wirt­schaft­licher Faktor der kosova­rischen Gesell­schaft. Ge­schätzt wurden ihre hand­werk­lichen Fertig­keiten, vor allem die Schmiede­kunst. Viele waren zu dieser Zeit Leib­eigene osma­nischer Grund­herren. Mit dem Aufstieg eth­nisch-na­tio­na­lis­ti­scher Bewe­gungen gerieten Roma zu­neh­mend zwi­schen die Fronten von Albanern und Serben, die je­weils abso­lute Loyalität for­der­ten. In den Balkan­kriegen 1912/1913 wurden musli­mische Albaner von serbischen Pro­pagan­disten als Unter­menschen dar­gestellt. Ziel der alba­nischen Nationa­listen war ein „ethnisch reines“ groß­albani­sches Reich. Seitdem wurden Serben, Juden und Roma sys­tema­tisch im Kosovo ver­folgt, zu­nächst durch albanische Banden, „Balli Kombetar“, und im Ver­lauf des Zweiten Weltkriegs durch die SS-Di­vi­sion „Skanderberg“, die von Himmler aus albani­schen Frei­willigen zusammen­gestellt wurde. Roma muss­ten Zwangsarbeit leis­ten und wurden in Konzentra­tions- und Todes­lager deportiert.

Viele Kosovo-Roma unterstützten die Partisanen Titos im Kampf gegen die deutschen Be­satzer. Den Familien ge­töteter Parti­sanen wurde eine Hinter­blie­benen­rente gezahlt. Sie er­hielten ein Bleibe­recht und der Staat be­zu­schusste ihren Hausbau.

Seit Anfang der 80er Jahre gibt es Berichte über die Bestrebungen kosovo-al­ba­nischer Nationalisten für die „ethni­sche Reinigung“ des Kosovo von allen nicht-al­banischen Minder­heiten. Nach 1989 spitzten sich die Konflikte zwischen Serben und Albanern weiter zu. In den 1990er Jahren ent­stand die UÇK, eine para­militärische Or­ganisa­tion, die für die Ab­spaltung des Kosovo von Jugoslawien kämpfte. Die Koso­vo-Al­baner, ebenso wie Politiker der NATO-Länder, be­haup­teten damals, die Serben plan­ten einen Genozid an den Albanern. Bis heute gibt es dafür keine B­eweise [Anm.: siehe auch hier]. Mit der Be­hauptung wurde jedoch die NATO-Bom­bar­dierung des sou­veränen Staates Jugo­slawien 1999 be­gründet, die am 24. März 1999 be­gann und 78 Tage andauerte.

Die Akademie der Wissenschaften Tirana forderte im Mai 1999: „Die Albaner brauchen ihren ethnisch-reinen Staat“. Nach dem Sieg der NATO konnte die UÇK ihr Ziel der „ethni­schen Säuberung“ des Kosovo un­gehindert um­setzen. Die UÇK be­setzte parallel zum NATO-Ein­marsch alle Orte des Kosovo, zer­störte Siedlungen von Roma und anderen Min­der­heiten und vertrieb die Men­schen. Vor allem seit dem 13. Juni 1999 wurden Roma in einem Aus­maß verfolgt, wie es Ver­gleich­bares seit der Besetzung des Balkans durch die Deut­sche Wehrmacht nicht mehr ge­geben hatte. Roma wurden Opfer zahl­loser Kriegs­verbrechen. Read the rest of this entry »

Tief verwurzelt auch in der Forschung

Mai 30th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Deutschlandfunk Kultur: Rassismus gegen Sinti und Roma

Zeitfragen. Feature, 5.5.2022 (35 min)
Sendung von Christian Bernd

Rassismus gegen Sinti und Roma hat Tradition in Deutschland – auch in der Wissen­schaft. Sie zeich­nete bisher ein stereo­types Bild. Jetzt wollen Forschende, die der Min­der­heit an­ge­hören, ihre eige­ne Perspektive ein­bringen.

(Text und Beitrag: Deutschlandfunk Kultur)

Der lange Weg der Sinti und Roma

Mai 23rd, 2022  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Interview, Radio, Podcast & TV

Dokumentarfilm von Adrian Oeser, 44:56 min
Hessischer Rundfunk/Fernsehen | Erstausstrahlung: 7.4.2022

Jùlie Halilic ist stolz, wenn sie an ihren Großvater denkt. Wallani Georg er­kämpfte gemein­sam mit an­deren Bürgerrechtlern, dass der Massen­mord an den Sinti und Roma 1982 als Völkermord an­erkannt wurde.

Mit persönlichen Lebenswegen zeichnet der Film emotio­nal und eindrucks­voll die Geschichte von Deutschlands größ­ter natio­naler Min­derheit nach und macht bisher un­erzählte Per­spektiven sicht­bar. Indi­viduelle Geschichten und bisher kaum ge­zeigtes Archiv­material nehmen mit in eine Zeit, in der Sinti und Roma weiter dis­kriminiert wurden und in der sie sich schließ­lich zur Wehr setzten. Unter den histo­rischen Auf­nahmen aus den ARD-Archiven fand Filmautor Adrian Oeser viele Szenen, die deutlich machen, wie stark der Rassis­mus gegen Sinti und Roma nach 1945 fort­dauerte – und auch im öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk immer wieder be­feuert wurde. Die Doku­mentation „Der lange Weg der Sinti und Roma“ ist damit auch eine kritische Aus­einander­setzung der ARD mit ihrer eige­nen Geschichte.

Der Film zeigt darüber hinaus, dass eine Aufarbeitung in vielen gesell­schaft­lichen Be­reichen bis heute not­wendig ist. Bis in die 1980er Jahre ar­beiteten Landes­kriminal­ämter und Forscher in ganz Deutsch­land mit den Akten der Rassen­hygieniker aus der Nazi­zeit weiter, um Sinti und Roma syste­matisch zu erfassen. Erst die Bürger­rechtler konnten diese Akten­bestände in den 1980er Jahren frei­pressen. Read the rest of this entry »

Holocaust-Autobiografien von Roma (2020)

Mai 3rd, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Wissenschaft

Universität Wien Katrin Kühnert (2020): „Holocaust-Auto­bio­gra­fien von Roma. Dar­stel­lungs­formen der Ver­fol­gung und Ver­nich­tung wäh­rend des Natio­nal­sozia­lis­mus“

Masterarbeit, Universität Wien (Philo­lo­gisch-Kultur­wis­sen­schaft­li­che Fa­kultät), 108 S.

→Download der UB Wien (pdf)

Abstract:

Der Holocaust spielt als geteilte Leidenserfahrung nicht nur für die kollektive Gruppen­identität der Roma eine bedeu­tende Rolle, son­dern ist auch bis heute das domi­nierende Thema ihres Schreibens. Die Literatur dieser größ­ten ethnischen Minder­heit Europas ist dabei häufig autobiografisch be­ein­flusst, im deutsch­sprachigen Raum stellt die Autobiografie gar die domi­nierende Äuße­rungs­form dar. Während Juden und Jüdin­nen bereits während des NS-Massen­mordes begin­nen, ihre Ver­folgungs­erfahrungen auf­zu­zeichnen, und somit beim späteren Schreib­beginn der Roma schon etablier­te Standards be­stehen, folgt ihr Erzählen diesen nicht durch­gängig, sondern es ent­steht ein eigenes Narrativ, über den NS-Genozid zu berichten. Die vor­liegende Arbeit iden­tifiziert mittels qua­litativer Text­analyse typolo­gische Analogien auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene in fünf Auto­biografien von Holo­caust-Über­lebenden. Der Text­korpus setzt sich aus Ilona Lackovás A false dawn (1997, Slowa­kei/Tschechien), Otto Rosenbergs Das Brennglas (1998, Deutschland), Mongo Stojkas Papierene Kinder (2000, Österreich), Edward Dębickis Totenvogel (2004, Polen) und Zoni Weisz’ Der vergessene Holocaust (2016, Nieder­lande) zusammen. Read the rest of this entry »

Fact & Figures (425)

April 28th, 2022  |  Published in Facts & Figures, Geschichte & Gedenken

2005 verabschiedete das ukrai­ni­sche Par­la­ment eine Re­so­lu­tion, die die ört­li­chen Be­hörden an­wies, Ro­ma-Mas­sen­gräber aus dem 2. Welt­krieg zu lo­ka­li­sie­ren.

(Quelle)

Tschechien: Urteil nach Holocaustleugnung

April 25th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik, Recht & Gericht

Miloslav Rozner (Foto: Pirátská strana/Wikimedia CC)„Nicht exis­tie­rendes Pseu­do-Kon­zentrations­lager“: Be­wäh­rungs­strafe für tsche­chi­schen Ex-Ab­ge­ord­ne­ten we­gen Leugnung des Roma-Holocaust

Radio Praha: Weil er den Völkermord an den Roma leugnete, ist ein ehe­maliger tsche­chischer Ab­geordneter zu einem hal­ben Jahr Ge­fängnis auf Be­währung ver­urteilt worden. Miloslav Rozner von der Rechts­außen­partei „Freiheit und direkte Demo­kratie“ (Svoboda a přímá demo­kracie, SPD) hatte 2017 das Roma-Kon­zentrations­lager in Lety als „nicht exis­tie­rendes Pseu­do-Kon­zentrations­lager“ be­zeichnet (wir berichteten). Ein Amt­gericht in Prag be­wertete dies als Leugnung des Völker­mordes an den Sinti und Roma. Das Urteil ist aller­dings noch nicht rechtskräftig.

Der ehemalige Parlamentarier lehnte bei der Gerichts­ver­handlung die Anklage ab. Seinen Aus­sagen nach wollte er mit seinen Worten nur eine Ent­scheidung der dama­ligen Re­gierung zum frü­heren KZ Lety kriti­sieren. Dieses ent­schied damals, die Schweine­mast an dem Gedenk­ort mit staat­li­chen Geldern auf­zuk­aufen.

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NS-Gedenkstätte Langental: Ort der Begegnung

April 22nd, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radijo/TV Erba (Tschibtscha)

Radijo ErbaRadijo Erba & TV Erba

Tschibtscha | 20.4.2022 | 14:10 min

Sentilinipe le gondolipeskere thanestar uso pal­gon­do­lipe upro opfertscha le Romen­dar andar Langental: Than le tala­li­nipes­tar

Ande Langental Hetvinate jek gondolipeskero than le opferen­ge, save le nacijendar ando bersch 1938 dschi 1945 mur­darde ule, prado ulo. Pasche le schovar desch taj enja Romen­ge, save le naci­jendar mur­darde ule te le manu­schenge, save vasch o politi­schi vider­schtaund vaj nasvalip­tscha vaj teschtune aria­karde sina taj la NS-me­dicinake opfertscha ule, gon­dolim ol. Pal jek, jeke hangos­kere gemajn­dakere arke­ripe ando bersch duj eseri de­schuofto o ande Großwarersdorf dschiv­do kinstleri, Peter Kedl le keripeha le gondo­li­pes­kere thanestar upre dim ulo. O gendo eftarvar desch taj trin kasch­tengere seleti tschak ojs thanes­kere like­riptscha dininen. On duach srastu­nen­gere schtroafn andi glajchi dimen­si­jona arparude on. O gendo le deschuefta taj trin kasch­tungere seletendar upro doku­mentirti murdarde opfertscha ando min­den­felitike logertscha upre te sikal. O gondo­lipeskero than ande Langental i historija le Romendar te sikal taj te ma­ninel ham te andi cukunft upro latscho khetan dschivipe le min­den­felitike flo­goskere grupnen­dar upre te sikal.

Einweihung der Erinnerungsstätte für die Opfer des NS-Dik­ta­tur aus der Groß­ge­mein­de Großwarasdorf

In Erinnerung an die Frauen, Männer und Kinder aus der Gemeinde Groß­waras­dorf/Ve­liki Borištof, die von 1938 bis 1945 Opfer des National­sozialis­mus wurden, wurde am Oster­montag, dem 18. April 2022, um 15:00 Uhr die Ent­hüllung und Ein­weihung des Er­inne­rungs­denkmals und der Be­gegnungs­stätte in Langen­tal/Longitolj vor­genommen. Neben den 69 nament­lich an­geführ­ten Romnija und Roma, die wäh­rend der national­sozialis­tischen Gewalt­herr­schaft ermordet wurden, ge­denken wir auch jener vier Men­schen, die wegen ihres politi­schen Wider­standes er­mordet wurden oder denen auf Grund von Er­krankun­gen oder Be­hinderun­gen das Lebens­recht ab­gespro­chen wurde und die der NS-Medizin zum Opfer fielen. Von weite­ren hun­dert An­gehöri­gen der Langen­taler Roma-Fa­milien gibt es nach 1945 kein Lebens­zeichen mehr, ihr Schicksal ist un­bekannt. Read the rest of this entry »

Ein Roma-Mahnmal für Österreich

April 16th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken

Hohes Haus: Übergabe des Positionspapiers der Roma-Volksgruppenverrteter:innen an Nationalratspräsident Sobotka (re.),  in der Mitte der Vorsitzende des Roma-Volksgruppenbeirats Emmerich Gärtner-Horvath vom Verein Roma-Service (Foto: Grüner Parlamentsclub)Genozid-Mahnmal für Roma und Sinti soll in Wien er­rich­tet wer­den: „Es gibt mitt­ler­weile bei allen po­liti­schen Par­tei­en ein Be­kennt­nis zum Mahnmal

DerStandard.at: Ein Mahnmal für den Porajmos, den Genozid an Roma und Sinti in der NS-Zeit, soll end­lich re­ali­siert wer­den. Roma- und Sin­ti-Ver­treter brach­ten am 7. April ihre For­de­rung ins Hohe Haus

[Tausende] Roma und Sinti wurden in Öster­reich während der NS-Dik­tatur er­mordet. Einen würdi­gen Ort des Gedenkens für sie gibt es aber 77 Jahre nach dem Ende des Nazi­terrors [in Wien, Anm. der Red.] immer noch nicht. Das soll sich nun end­lich ändern. Am Don­ners­tag, am Vor­abend des inter­natio­na­len Tages der Roma, wurde bei einer Feier im Par­lament ein in den letz­ten Mo­naten er­arbei­teter For­derungs­katalog ver­schiede­ner öster­reichi­scher Roma- und Sin­ti-Grup­pen über­geben.

In einem Jahr, am 8. April 2023, soll der Welt-Roma-Tag bereits bei einem be­stehen­den Mahnmal mitten in Wien statt­finden. Jeden­falls wenn es nach der Na­tional­rats­ab­geord­neten der Grünen und Gedenk­poli­tik-Spre­cherin Eva Blimlinger geht. „Es ist jetzt zu einer Eini­gung zwischen allen Grup­pen ge­kommen, was auch den Studieren­den, die das in die Hand ge­nommen haben, zu ver­danken ist“, sagt Blimlin­ger im Ge­spräch mit dem STANDARD. Konkret habe die Volks­hoch­schule Burgenland mit Gilda Horvath we­sentlich zum Gelingen bei­getragen, sagt Andreas Lehner, der die Forderun­gen für die Volks­gruppen über­geben hat, dem STANDARD. Auch die Hoch­schüler­schaft Öster­reichi­scher Roma und Romnja (HÖR) unter­stützt das Vorhaben. [Anm.: Dieses Positions­papier wurde schließ­lich im Parla­ment vom Vor­sitzen­den des Volks­gruppen­beirats Em­merich Gärt­ner-Horvath überreicht.]

Wichtig war allen Beteiligten, dass es ein zentraler Ort in der Bundes­haupt­stadt ist, im Gespräch waren etwa der Platz der Menschen­rechte oder der Ceija-Stoj­ka-Platz im sie­ben­ten, der Dr.-Karl-Lu­eger-Platz im ersten und das Alte AKH im neunten Bezirk. Read the rest of this entry »

Mandl und Schieder für Gedenktag am 2. August

April 8th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik

2. August: künftig offizieller Roma-Holocaust-Gedenktag in Österreich? (Bild: RAN)Am 8. April wird in Europa der Inter­na­tio­nale Tag der Roma be­gan­gen. Die beiden Europa­abge­ord­ne­ten Lukas Mandl (ÖVP) und Andreas Schieder (SPÖ) empfeh­len, auch in Öster­reich den 2. August zum Gedenk­tag für im Natio­nal­sozia­lis­mus er­mor­dete Roma und Sinti zu er­klä­ren, wie das auf euro­päischer Ebene und in vielen Staa­ten bereits ge­tan wurde.

„Mit einer aufgeklärten und liberalen Demokratie ist untrennbar der Schutz von Minder­heiten ver­bunden. Das heutige, mo­derne Europa sowie die kultu­relle und sprach­liche Vielfalt, die damit ein­her­gehen, sind nur durch das fried­volle Zu­sammen­leben von Minder­heiten mög­lich. Dafür soll auch der Inter­nationale Tag der Roma und Sinti am 8. April sen­sibili­sieren. Minder­heiten haben Anspruch auf Erhalt und Förderung ihrer Sprachen in un­se­ren Gesell­schaf­ten“, so Lukas Mandl, Mit­glied des Aus­schusses für Justiz und Freiheits­rechte im Europa­parlament, der ergänzt: „Auf euro­päischer Ebene und in vielen Staaten ist der 2. August der offiziel­le Gedenktag für jene Roma und Sinti, die den NS-Ver­brechen zum Opfer ge­fallen sind, rund 3.000 [neuen Forschungen zufolge sogar zwischen 4.200 und 4300, Anm. d. dROMa-Red.] von ihnen im Ver­nich­tungs­lager Auschwitz an eben jenem 2. August im Jahr 1944. Ich empfehle auch heuer wieder, auch in Österreich den 2. August zum Gedenk­tag für die im national­sozialis­ti­schen Ver­brecher­staat er­mordeten Roma und Sinti zu erklären.“

Andreas Schieder ist Delegationsleiter der SPÖ im EU-Par­lament, er sagt: „Das Geden­ken an die industriel­le Ver­nichtung von Millio­nen Jüdin­nen und Juden, Roma und Sinti, Homo­sexuel­len und Anders­den­kenden durch die National­sozialis­ten ist für uns in Österreich ein beson­derer Auftrag zu erinnern, kollek­tiv Ver­antwortung zu über­nehmen und Demokratie und Rechtsstaat zu schützen. Der Porajmos, der natio­nal­sozialis­tische Völkermord an den euro­päi­schen Roma und Sinti, war ein Ver­such der kollektiven Ver­nichtung, ist im histori­schen Gedenken aber nach wie vor unter­reprä­sentiert. Daneben ist die Geschichte der Roma und Sinti in Europa auch nach Ende des Krieges eine Ge­schichte von Aus­grenzung, Dis­kriminie­rung und Armut, auch in Öster­reich. Read the rest of this entry »

Einweihung der NS-Gedenkstätte in Kemeten

April 4th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radijo/TV Erba (Tschibtscha)

Radijo ErbaRadijo Erba & TV Erba

Tschibtscha | 4.4.2022 | 8.08 min

Sentelinipe le palgondolipeskere tha­nes­tar le opfe­ren­ge la NS-dik­ta­tu­ratar Ke­metate

Upro gondolipe le dschuvlenge, murschenge taj tscha­ven­ge Kemetatar, save andar o bersch des­chuenja tranda taj ofto dschi deschu­enja schtar­vardesch taj pantsch opfertscha le naci­jo­nal­soci­jalis­musis­tar ule, adi ando teme­tischi Kemetate gon­dolim ulo. Opfertscha sina Romnja taj Roma, dschi­dovkiji taj dschio­dovtscha, manu­scha; save politischi vider­schtaund kerde taj manuscha, save nas­vale sina taj savenge o dschivi­peskero tschatschipe lim ulo taj afka on la NS-medi­cinjatar opfertscha ule. Interesirti dschenen o schajipe odoj hi, o histo­rischi infor­ma­ciji pedar o Kemeten­gere opfe­rengere grupn jeke QR-Code-iha tel te vrischtscha­nel. Le mula­tintscha­goha le Keme­takere opferen­ge gondolim te ol taj afka jek than le pal­gon­doli­peske taj gon­doli­peske dim te ol.

In Erinnerung an die Frauen, Männer und Kinder aus Keme­ten (Be­zirk Oberwart), die von 1938 bis 1945 Opfer des Natio­nal­sozialis­mus wurden, wurde heute im Fried­hof in Kemeten ge­dacht. Zu den Opfern zählten Romni­ja und Roma, Jüdinnen und Juden, Men­schen, die politi­schen Wider­stand leiste­ten, und Menschen, denen auf Grund von Erkran­kungen oder Behin­derungen das Lebens­recht ab­gespro­chen wurde und die der NS-Medizin zum Opfer fielen. Read the rest of this entry »

Heute vor 40 Jahren

März 17th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Politik

Aussendung des Zentralrats anlässlich des geschichtsträchtigen Treffens im Bonner Kanzleramt 1982 (Foto: Zentralrat)Exakt heute vor vierzig Jahren, am 17. März 1982, kam es zu einem denk­würdi­gen Treffen einer von Romani Rose geführ­ten Dele­gation des neu gegrün­deten Zentral­rats Deutscher Sinti und Roma mit dem deut­schen Bundes­kanzler Helmut Schmidt (SPD). Zwei Tage nach dem Treffen folgte ein Ge­spräch mit dem dama­ligen Oppo­sitions­führer Helmut Kohl. Im Zu­sammen­hang mit der Unter­redung im Bonner Kanzler­amt wurde der Völker­mord an den Sinti und Roma erst­mals – 37 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur – offiziell an­erkannt. Dabei betonte Helmut Schmidt u.a. die öffent­lich lange beharr­lich bestrit­tene Tatsache, dass Ver­folgung und Genozid an der Minder­heit nicht bloße Aus­wüchse staatlicher Krimi­nalitäts­bekämpfung und -prä­vention, son­dern das Resultat der national­sozialisti­schen Rassen­doktrin waren.

In einem aktuellen Interview mit der RNZ erinnert sich Zentral­rats­vor­sitzen­der Romani Rose an das „ent­spannte und konstruk­tive Gespräch“: „Es war das erste Mal, dass uns ein Bundes­kanzler über­haupt empfing und bereit war, auf unsere For­de­rungen ein­zu­gehen. Willy Brandt, sein Vor­gänger, hatte das noch ab­gelehnt. Wie ernsthaft das Gespräch war, ist ja aus der weit­reichen­den Erklärung von Helmut Schmidt er­kennbar, die er un­mittelbar nach dem Treffen ab­gab und in der er das Verbrechen der Nazis an der Min­der­heit als das be­zeich­nete, was es ja war: Völkermord.“ Für die Minder­heit be­deutete dies nicht weni­ger als eine historische Zäsur, denn bis zu diesem Zeit­punkt „wurde den Über­lebenden die moralische Anerkennung als Opfer der natio­nal­sozia­listi­schen ‚Rassen­politik‘ und ihre An­sprüche auf Ent­schädigung ver­weigert“.

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Im Gespräch: Adolf Sarközi ando vakeripe

März 15th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Interview, Radijo/TV Erba (Tschibtscha)

Radijo ErbaRadijo Erba & TV Erba

Tschibtscha | Adolf Gussak | 14.3.2022 | 25.33 min

Ande amaro adiveskero vakeripe sina o Adolf Sarközi kherodaschi ando farajn Roma-Ser­vice. Ov pedar pro terdschi­vipe ojs flogos­kero grup­nen­gero dscheno le Romen­dar amen­ca vaker­tscha.

In unserem heutigen Gespräch war Adolf Sarközi zu Gast im Verein Roma-Ser­vice, um mit uns seine Erfah­rungen und Erleb­nisse als Volks­grup­pen­ange­höri­ger zu teilen. Der heute 63-Jäh­rige stolze Großvater zweier Enkel, wuchs im Romagraben in Stegersbach (Bez. Güssing, Burgenland) auf. Adolfs Mutter starb in seiner frühen Kind­heit. Ab diesem Zeit­punkt ging es auch mit der Familie berg­ab. Sein Vater, der vom KZ schwer trauma­tisiert war, küm­merte sich nicht viel um die Familie. Die Kinder mussten schon sehr früh selbst­ständig sein und die älteren Ge­schwister küm­merten sich um die Jüngeren.

„Die Romakinder wurden damals in der Schule schwer diskrimi­niert und vorab in die Sonderschule ge­steckt“, erzählt Adolf Sarközi. Auch in der Jugend­zeit hat­ten die Roma aus Stegersbach kaum Zukunfts­aus­sichten oder reelle Chancen am Arbeits­markt. Da Sarközi aber etwas in seinem Leben er­reichen wollte, ging er als Hilfs­arbeiter nach Wien und war dort in der Bau­branche tätig. Nach einigen Jahren kehrte er wieder zurück nach Stegers­bach und machte sich in seinem Heimat­ort gemein­sam mit seiner Frau selbst­ständig. Read the rest of this entry »

Gedenken: Zwei Jahre Hanau

Februar 19th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte

Say their names: die Opfer von HanauGesellschaftliche Vorurteile haben tödli­che Aus­wir­kungen: Der Anschlag des 19. Februar 2020 in Hanau und seine gesell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen

Pressemitteilung des Hessischen Landes­ver­ban­des Deut­scher Sinti und Roma:

Am 19. Februar 2020 erschoss ein Täter neun Menschen aus rassisti­schen Motiven und schließ­lich seine Mutter und sich selbst. An diesem Tag ver­loren Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov ihr Le­ben, weil sie nicht in sein Welt­bild pass­ten.

Das rassistische Weltbild des Täters ist nicht allein erklär­bar mit einer Radikali­sierung in ge­schlos­senen digitalen Grup­pen. Viel­mehr wurden in den letzten Jah­ren anti­ziganistische, rassistische und anti­semitische Po­sitio­nen immer salon­fähiger. Die Anschlags­orte sind hier­bei ein Bei­spiel. In den Mona­ten bevor der Täter eine Shisha-Bar und eine Sports­bar als Anschlags­orte aussuchte, wurde bundes­weit Stimmung gemacht gegen Shisha-Bars und migrantisch geprägte Orte als ver­meint­liche Orte von Krimina­lität. In der Arena-Bar war darüber hi­naus der Not­ausgang ab­geschlos­sen. Über­lebende be­richten, dass dies bereits seit circa einem Jahr der Fall und auch offi­ziell be­kannt ge­wesen sei. Der ver­schlos­sene Notausgang hätte in der Ver­gan­gen­heit polizei­liche Razzien er­leichtert.

Kriminalität wird hier zu einer Eigenschaft von Minder­heiten ge­macht. Kriminell, das sind in der Vor­stel­lung immer ‚die Ande­ren‘. Dabei ist egal, ob diese bereits seit Jahr­hun­derten in Deutschland le­ben oder nicht“, so Adam Strauß, Vor­sitzen­der des Hessischen Landes­verbandes Deutscher Sinti und Roma. „Clan-Kri­mi­nalität, Bettel-Mafia und jüdische Ver­schwörung sind krimina­lisie­rende Bilder von Minder­heiten, die auch heute noch in der breiten Be­völ­kerung ver­ankert sind und ver­heeren­de Aus­­wir­kun­­gen haben.“

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40 Jahre Zentralrat in Deutschland

Februar 15th, 2022  |  Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Internet & Blogothek

Am 17. März 1982 empfing der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation des Zentralrats unter Leitung des Vorsitzenden Romani Rose und erkannte den Völkermord an den Sinti und Roma aus Gründen der sogenannten "Rasse" an (Foto: © Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)Am 5. und 6. Februar 1982 schlossen sich in Darmstadt neun Ver­eini­gun­gen der deutschen Sinti und Roma zum Zentralrat Deutscher Sinti und Roma zu­sam­men. An der Gründungs­ver­samm­lung nahmen über 70 Dele­gierte aus dem gesam­ten Bundes­gebiet teil. Damit be­gann eine neue Phase der Bürgerrechts­arbeit, die mit der An­erken­nung des NS-Völkermords und der An­er­ken­nung als natio­nale Minder­heit die bis heute ent­scheiden­den Grund­lagen für die gleich­berech­tigte Teilhabe bildet. Von Beginn an stand die Aus­einan­der­setzung mit Anti­ziganismus im Zentrum der Bür­­ger­rechts­arbeit.

In diesem Jahr begeht der Zentralrat das 40. Jubiläum seiner Gründung auf ganz unter­schied­lichen Kanälen. Neben einer eigens kre­ierten Jubiläums­brief­marke wird es eine Social-Me­dia-Kam­pagne geben, mit der der Zentralrat vom 6.2. bis zum Roma Day am 8.4. auf Twitter , Instagram und Facebook auf die Erfolge der ver­gange­nen 40 Jahre und auf die Heraus­forderun­gen von Gegen­wart und Zukunft der Bürgerrechts­arbeit blicken wird. Read the rest of this entry »