100. Geburtstag von Philomena Franz

Juli 21st, 2022  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher

Ein Jahrhundertleben: Philomena Franz (Foto: Domradio)Die große Sinti-Autorin und -Zeitzeugin Philomena Franz fei­ert heu­te ihren 100. Geburts­tag in Bergisch-Gladbach

Aus RomAr­chive: Philomena Franz, geboren 1922 in Biberach, Deutsch­land, war die erste Frau unter Roma und Sinti, die ihre Er­fahrun­gen in den Kon­zentra­tions­lagern des Dritten Reichs zu Papier brachte. Als Kind einer Sinti-Familie von Musi­ker_innen und Schau­spie­ler_innen mit lang­jähri­gen Wurzeln in Deutschland, sang und tanzte Franz be­reits als junges Mäd­chen in ihrer Familien­truppe. Sie er­innert sich gerne an Höhe­punkte dieser Zeit, zum Bei­spiel die Auf­tritte im Lido in Paris und im Wintergarten in Berlin.

Philomena Franz, späte 1940er Jahre

Dieses Leben der Kreativität und Freiheit endete in den späten 1930er Jahren, als ihrer Familie zu­erst die Pässe ent­zogen und dann ihre Instru­mente kon­fisziert wurden. 1943 wurde Franz nach Auschwitz de­portiert. Nach einem ge­scheiter­ten Flucht­versuch aus Ravensbrück floh Franz 1945 erfolg­reich aus einem Lager bei Wittenberge und ret­tete ihr Leben mit­hilfe eines deut­schen Bauern, der sie ver­steckte. Nach Kriegs­ende stellte sie fest, dass ein Groß­teil ihrer Fa­milie in den Lagern er­mordet wor­den war. Für die über­leben­den Sinti und Roma war Hilfe nicht ohne weiteres ver­fügbar, sodass Philo­mena Franz zu­sammen mit ande­ren Sinti-Mu­siker_innen eine Band grün­dete, die durch das Land tourte, um für die alli­ierten Truppen zu spielen.

Während dieser Zeit lernte sie Oskar Franz kennen, sie heirateten und hatten fünf Kinder. In den folgen­den Jahren litt sie unter schweren De­pres­sionen, ständigen Alb­träumen und einem un­erbittlich wieder­keh­renden Gefühl der Gefangen­schaft. Sie kämpfte auch mit der man­gelnden offi­ziellen An­erken­nung der Viktimi­sierung von Sinti und Roma im Holocaust und der feh­lenden Resti­tution. Als in den 1970er Jahren einer ihrer Söhne in der Schule als »Zigeuner« ver­spottet wurde, sah sich Philo­mena Franz ge­zwungen, mit den dor­tigen Schüler_in­nen und Lehrer_in­nen über den Holo­caust zu sprechen. So be­gann sie, ihre Erin­nerun­gen an die Kon­zentra­tions­lager dem Publi­kum mit­zu­teilen und in Er­zählun­gen zu fassen.

Philomena Franz veröffentlichte ihre Märchen für Kinder 1982 in der Sammlung »Zigeuner­märchen«, und 1985 hielt sie ihre Erin­nerun­gen an das Leben und die Familie, die sie im Holo­caust ver­loren hatte, sowie ihre Erfahrungen mit der Gefangen­schaft in Auschwitz in ihrer Auto­biografie »Zwi­schen Liebe und Hass: Ein Zigeuner­leben« fest. 1995 wurde sie mit dem »Bundes­ver­dienst­kreuz am Bande« aus­ge­zeich­net und 2001 vom zivil­gesell­schaft­li­chen Netz­werk »Euro­päische Be­wegung Deutsch­lands« zur »Frau Europas 2001« er­nannt.

Bibliografie
Franz, Philomena. 1982. Zigeunermärchen. Bonn: Europa-Union-Verlag
Franz, Philomena. 1985. [Zwischen Liebe und Hass: Ein Zigeunerleben Freiburg: Herder. ISBN: 3451203987 / 3-451-20398-7
Franz, Philomena. 2001. Zwischen Liebe und Hass: Ein Zigeunerleben. Köln: Books on Demand.
Franz, Philomena. 2016. Stichworte. Norderstedt: Books on Demand.

Weiterführende Literatur
Milton, Sybil. 1998. Persecuting the Survivors. In: Susan Tebbutt (ed.), Sinti and Roma. Gypsies in German-Speaking Society and Literature. New York, Oxford: Berghahn, 35–47.
Zimmermann, Michael. 1996. Rassenutopie und Genozid. Die Nationalsozialistische Lösung der Zigeunerfrage. Hamburg: Christians.

(Text: Marian­ne Zwi­cker/RomAr­chive, 2017)

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