Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erneuert Vorwurf des Antiziganismus gegen den Film „Nellys Abenteuer“. SWR zeigt sich uneinsichtig gegen berechtigte Kritik
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erneuert seine Kritik gegen den Kinderfilm „Nellys Abenteuer“ (wir berichteten), den der SWR jetzt vorgezogen ausstrahlen will. Der Zentralrat hatte am 14. September 2017 ein Fachgespräch in Berlin veranstaltet, an dem Vertreter der Filmindustrie, der Filmförderung sowie Wissenschaftler und Journalisten teilgenommen hatten. Vertreter des SWR sowie die Autoren und Beteiligten der Filmproduktion waren der Einladung nicht gefolgt. Auf der Grundlage des vom Zentralrat in Auftrag gegebenen Gutachtens von Pavel Brunßen, Technische Universität Berlin, teilten die Teilnehmer der Gesprächsrunde im Wesentlichen die Vorwürfe des Zentralrates. Der Film gebe Anlass, sowohl in den Gremien der staatlichen Filmförderung als auch beiden Filmschaffenden selbst über die Ethik des Filmemachens über Sinti und Roma nachzudenken. Dass die Reproduktion von antiziganistischen Stereotypen, wie sie in Nellys Abenteuer erfolgt, auch noch mit nahezu einer Million Euro Steuergelder finanziert wurde und jetzt auch noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wiederum finanziert aus öffentlichen Geldern, gesendet werden soll, sei kaum nachvollziehbar, resümierte Romani Rose für den Zentralrat.
Während dieses Fachgesprächs wurde von den Teilnehmern bis in die Details der Kameraführung hinein aufgezeigt, wie die antiziganistischen Bilder umgesetzt wurden: z.B. dokumentarische Kamera / Handkamera, wenn Roma gezeigt werden, versus Spielfilmkamera / Stativkamera, wenn Nelly oder ihre Familie auftreten. Gerade die Behauptung der Filmemacher, es sei doch ein Spielfilm, der künstlerische Freiheit reklamieren könne, wird durch den gleichzeitigen Anspruch auf dokumentarische Authentizität konterkariert. Während die Figur der Nelly durchaus eine Entwicklung durchläuft, bleiben die Roma-Figuren statisch, auch am Ende des Films bleiben sie als Kriminelle stehen.
Nellys Abenteuer stigmatisiert Roma als Kriminelle und Diebe. Im „Pädagogischen Begleitmaterial“ für Schulen werden die beiden wichtigsten Roma-Figuren, Roxana und Tibi, jeweils als kriminell vorgestellt : „Roxana ist 15 Jahre alt … Sie verdient ihr Geld mit ihrem Bruder durch Taschendiebstahl. … In einem Jahr soll sie verheiratet werden – mit dem Sohn von Hokus.“ Read the rest of this entry »
Radio RomaRespekt #15:De La Negra – Romano-Hip-Hop in Tschechien
Sendung vom 4.3.2017: Die tschechische Romano-Hip-Hop-Band De La Negra war im April 2016 zu Gast im Festspielhaus Hellerau in Dresden. Neben einem Konzert war die Band zu einem Interview durch Dresdner Jugendliche eingeladen. Sie stellten ihnen Fragen, hinterfragten ihr Bild von den Roma, beschäftigten sich intensiv mit Antiromaismus. Dazu gibt es Hintergrundinformationen zur Band. Außerdem hört Ihr einige Tracks von dem Konzert, das De la Negra dort gegeben haben. (Bandfoto: ecoleusti.wordpress.com)
Antiziganismus gehört zu den am weitesten verbreiteten und gesellschaftlich am tiefsten verankerten Formen rassistischer Vorurteile in Deutschland. Sinti und Roma sind in besonderem Maße dem Risiko von Diskriminierungen ausgesetzt. Besondere Probleme bestehen im Bereich der Polizeiarbeit. „Racial Profiling“ durch Polizeibeamte/innen gehört zu den am häufigsten wiederkehrenden Diskriminierungserfahrungen für Angehörige der Minderheit. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hat zu diesem Thema eine Studie mit dem Titel „Antiziganismus in der Polizei –Formen ethnischer Kategorisierung von Sinti und Roma durch Polizei und andere Exekutivbehörden des Bundes und der Länder“ in Auftrag gegeben. Gemeinsam mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat der Zentralrat am 17. Oktober 2017 in Berlin die Ergebnisse der von Dr. Markus End erstellten Expertise der Öffentlichkeit vorgestellt und über Lösungsstrategien diskutiert.
Radio RomaRespekt #13: zur Situation der Roma und Romnja in Tschechien
Sendung vom 3.12.2016: In dieser Sendung hört Ihr mehrere Beiträge, die im April und Mai 2014 entstanden sind. Sie beschreiben die Situation der Roma und Romnja in Tschechien innerhalb etwa der letzten 15 Jahre. Diese Situation hat sich seit 2014 leider nicht wesentlich geändert. Ihr hört einiges zur Diskriminierung der Roma in Tschechien: Alltagsdiskriminierung, strukturelle Diskriminierung und institutionellen Rassismus, zur Diskriminierung speziell im Bildungssystem, zur medialen Berichterstattung über Roma und Romnja in Tschechien, zu den Aktivitäten rechtsradikaler Mobs und wie sie den Rassismus der Mehrheitstschechen/innen gegenüber Roma befeuern, zur schwierigen Wohnsituation und zur Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Aber es gibt auch ein Interview zum Roma-Aktivismus und zur Emanzipation der tschechischen Roma und Romnja.
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma (Hg.): 45 Jahre Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti und Roma/45 years of civil rights work of German Sinti and Roma, Katalog zur Ausstellung, Heidelberg 2017, 92 S.
Der Katalog kann online heruntergeladen oder aber über das Büro des Zentralrats bestellt werden.
Bereits in den 1950er Jahren versuchte eine Gruppe deutscher Sinti, die Hauptverantwortlichen des Völkermordes an Sinti und Roma in Europa vor Gericht zu bringen – leider erfolglos. Es gab im Nachkriegsdeutschland keine einzige gesellschaftliche oder politische Institution, die Sinti und Roma nach dem Holocaust unterstützt hätte. Heute, im Jahr 2017, ist der Völkermord anerkannt. In Berlin steht das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas direkt neben Reichstag und Brandenburger Tor. Sinti und Roma sind als nationale Minderheit anerkannt.
Jeder einzelne Erfolg der Bürgerrechtsarbeit musste gegen massive Widerstände in Politik, Verwaltung und Gesellschaft in zum Teil jahrzehntelanger Auseinandersetzung durchgesetzt werden. Ohne die Unterstützung vieler einzelner Persönlichkeiten, ohne die Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Organisationen und insbesondere der Medien wäre der Erfolg der Bürgerrechtsarbeit nicht möglich gewesen.
Unsere Ausstellung ist deshalb all den Sinti und Roma gewidmet, die sich nach dem Ende des NS-Regimes in Deutschland und in Europa für die Rechte unserer Minderheit eingesetzt haben und ebenso all den Freunden und Unterstützern, ohne die unsere Bürgerrechtsarbeit nicht die Anerkennung gefunden hätte, die heute erreicht worden ist. Diese Ausstellung ist ebenso den jungen Menschen gewidmet, die diesen Weg, der noch lange nicht abgeschlossen ist, weiter gehen werden.
Verena Meier: Gutachten zum Forschungsstand zum Thema „Protestantismus und Antiziganismus“. Gutachten im Auftrag des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 2017.
Die Rolle von Kirchen – insbesondere der evangelischen Kirchen und ihrer Vertreter und Vertreterinnen – stellt ein großes Desiderat in der Antiziganismusforschung und den Romani Studies dar. Dieses wissenschaftliche Gutachten gibt einen Überblick über bereits vorliegende Zugänge und Studien. Ergebnisse und weitere Forschungslücken werden dabei in Bezug auf „Protestantismus und Antiziganismus“ in Deutschland aufgezeigt. Der Überblick erfolgt in chronologischer Abfolge, beginnend mit der Reformation bis hin zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem erinnerungskulturellen Umgang mit der Vergangenheit. Derzeit fehlt es an übergreifenden und systematischen Studien. Dennoch geben die bereits vorliegenden Untersuchungen zu bestimmten geografischen und zeitlichen Kontexten bereits einen Eindruck von den übergreifenden Verflechtungen zwischen Vertretern der evangelischen Kirche und antiziganistischen Tendenzen.
Abstract: Research Report on the State of Research on the Topic of “Protestantism and Antigypsyism”
The role of churches – Protestant churches and their representatives in particular – in antigypsyist tendencies is a major desideratum in research on antigypsyism and Romani studies. The following research report gives an overview of existing research approaches and studies. Their findings and further research gaps are highlighted in relation to “Protestantism and Antigypsyism” in Germany. Read the rest of this entry »
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma appelliert an KIKA und SWR: antiziganistischen Kinderfilm „Nellys Abenteuer“ nicht senden
Der Film enthält nach Auffassung des Zentralrats massive antiziganistische Klischees und Stereotype, die ihn völlig ungeeignet für die Zielgruppe von Kindern machen. Die pädagogische Altersempfehlung empfiehlt den Film für Kinder von neun Jahren an und für die dritten Schulklassen. Bei der Fachtagung „Antiziganismus und staatliche Filmförderung“ in Berlin am 14. September stellte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma das Gutachten von Pavel Brunßen, Technische Universität Berlin, vor. Im Ergebnis der detaillierten Filmanalyse heißt es:
In Nellys Abenteuer werden Roma durchgehend als fremd und anders dargestellt. Dies ist konzeptionelle Grundlage des Films: Es soll ein scharfer Kontrast zwischen den ‚eckig‘ denkenden Deutschen und den ‚freiheitsliebenden‘ Roma hergestellt werden. Die Handlungen und Eigenschaften der Roma im Film erfolgen entlang einschlägiger antiziganistischer Topoi: Roma erscheinen demnach als Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Bettler, beim Aufführen ‚traditioneller‘ Tänze, als Kindesentführer usw. Roma in anderen Lebenssituationen, wie etwa in ‚regulären‘ Berufen oder als Studierende, werden im Film nicht gezeigt. […] Hängen bleibt jedoch das Bild von den kriminellen, unzivilisierten, disziplinlosen und triebgesteuerten Roma, die keine Moral kennen. Vor diesem Hintergrund ist es als besonders kritisch zu bewerten, dass der Film im Fernseh- oder Kinoprogramm aufgenommen wird und als Bildungsmaterial für Kinder und Jugendliche verwendet wervden soll. Die stereotypen Darstellungen des Films setzen sich im begleitenden Bildungsmaterial fort und provozieren pauschalisierende und essentialisierende Aussagen über Roma. (S. 19)
Prof. Urs Heftrich von der Universität Heidelberg konstatierte in seinen Anmerkungen zum Film, dass antiziganistische Klischees nicht aufgelöst, sondern im Gegenteil zementiert würden:
Nellys Abenteuer präsentieren die Roma, über ihre Charakterisierung als notorische Taschendiebe hinaus, als Handlanger zu einem Verbrechen, das nach § 239a StGB mit ‚Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft‘ wird: ‚Erpresserischer Menschenraub‘. Dass der Mastermind hinter diesem Plot kein Rom ist, dass dieser Mastermind (so Prof. Becker in seinem Statement) die Erwartung, Roma neigten zur Kindesentführung, in seinen Plot einkalkuliert und dass Nelly zuletzt mit Hilfe eines jungen Rom gerettet wird – all dies ändert nichts an der Tatsache, dass Roma (speziell Romamänner) im Film diejenigen sind, die das Verbrechen real durchführen. Read the rest of this entry »
Vor zehn Jahren 2.000 Mal (aus)verkauft. Jetzt online:
Semra Idic: Wenn nicht sogar sehr
Meine Geschichte unserer verhinderten Abschiebung
Vor zehn Jahren kam Semra Idic zu einem Praktikum in die Redaktion der Düsseldorfer Straßenzeitung fiftyfifty. Die junge Romni und ihre Familie sollten in ein Elendsdorf nach Südserbien abgeschoben werden. Dabei haben die 17-jährige Semra und ihre drei Geschwister dieses Dorf nie gesehen. Sie waren vorbildlich integrierte Kinder vorbildlicher Eltern. fiftyfifty hat zusammen mit einem breiten Bündnis die Abschiebung verhindert sowie die Flüchtlingshilfe „STAY!“ mitgegründet. Und Semra hat ein Buch geschrieben, das schnell vergriffen war und nun online zu lesen ist.
Günter Grass, der sich mit einer eigenen Stiftung und einem Buch („Ohne Stimme – Reden zugunsten des Volkes des Roma“) zeitlebens sehr für Roma eingesetzt hat, steuerte das Vorwort zu Semras Buch bei – eine kleine Sensation, die half, den Titel 2.000-mal zu verkaufen.
Sendung vom 4.6.2016: Radio RomaRespekt #7 berichtet über eine Abschiebung von Menschen aus Riesa (Sachsen), danach gibt es ein Interview von Jugendlichen des sächsischen Roma-Vereins ‚Romano Sumnal‘ mit dem Leipziger Verwaltungsbürgermeister Ulrich Hörning. Er wurde gefragt, wie die Stadt Leipzig Roma und Romnja unterstützten könnte, die von Abschiebung in „sichere Herkunftsländer“ bedroht sind.
Stellungnahme des Deutschen Instituts für Menschenrechte:
Rassistische Wahlplakate müssen abgehängt werden, NPD-Parole ist nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt.
Nach aktuellen Medienberichten hat die NPD in Ingolstadt – wie auch in anderen Städten – Wahlplakate mit der Parole „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“ aufgehängt. In den Kommunen wird nun diskutiert, ob die Plakate entfernt werden müssen. Das Institut hat in einer (…) Stellungnahme dargelegt, dass die örtlich zuständigen Behören die Wahlplakate unverzüglich abhängen müssen. Grund ist die grund- und menschenrechtliche Schutzpflicht des Staates vor rassistischen Angriffen; die NPD-Parole ist nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Zum gleichen Schluss kommt auch ein Rechtsgutachten zum Umgang mit rassistischen Wahlkampfplakaten vom Oktober 2015, dass das deutsche Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz in Auftrag gegeben hat.
Aussendung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma:
Zentralrat kritisiert Untätigkeit der Stadt Ingolstadt gegenüber rassistischer NPD-Wahlwerbung
Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, wirft der Stadt Ingolstadt vor, mit ihrer Rechtsauffassung die Angehörigen der nationalen Minderheit von Sinti und Roma pauschal aus der deutschen Rechtsgemeinschaft auszugrenzen. Die Stadt Ingolstadt lässt aktuell NPD-Plakate mit der Parole „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“ entgegen den gesetzlichen Vorgaben hängen. In einem Artikel im Blickpunkt Ingolstadt in der Ausgabe vom 1./2. September 2017 begründen der Rechts- und Baureferent der Stadt dies damit, dass keine Möglichkeit zur Entfernung der Plakate bestünde, da dieses Wahlplakat bereits gerichtlich überprüft worden sei. Mit einer derartigen Argumentation und der zugrundeliegenden Logik wäre auch der Slogan „Kauft nicht bei Juden!“ wieder zulässig, so Rose, beide Slogans würden Personengruppen pauschal und mit der gleichen zugrundeliegenden Logik aus der Rechtsgemeinschaft ausgrenzen.
Wegen der damaligen Entscheidungen der Verwaltungsgerichte hatte das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz ein 2015 Rechtsgutachten über den ‚Umgang mit rassistischen Wahlkampfplakaten der NPD‘ in Auftrag gegeben, das von Prof. Dr. Stefanie Schmahl, LL.M. (E) an der Universität Würzburg erstellt wurde. Das Gutachten führt aus, dass für die Bundesrepublik Deutschland neben dem Grundgesetz und den einschlägigen Strafgesetzen vor allen Dingen die internationalen Vorschriften aus menschenrechtlichen Übereinkommen gelten und dass an diese Vorschriften die Staatsanwaltschaften und die Gerichte gebunden sind.
Im Gutachten wird der antiziganistische und rassistische Gehalt der NPD-Wahlplakate eindeutig festgestellt. Read the rest of this entry »
Financial Times: EU-Kommission hält brisanten Bericht über Italiens Roma-Politik seit über eineinhalb Jahren unter Verschluss
Laut einem Bericht der Financial Times empfiehlt das nicht veröffentlichte EU-Papier, Strafmaßnahmen gegen Italien zu ergreifen, um gegen die anhaltende systematische Diskriminierung der Roma-Minderheit vorzugehen. Die EU-Kommission habe aufgrund der angespannten Beziehungen zur italienischen Regierung jedoch die Veröffentlichung des Berichtes wiederholt verhindert, um einen „schädigenden öffentlichen Streit“ mit dem Mitgliedsstaat zu vermeiden. Schon 2014 hatte die EU-Kommission Italien in einem Schreiben ein Vertragsverletzungsverfahren wegen der (über Jahre auf Grundlage des sogenannten „Nomaden-Plans“ betriebenen) Politik der Segregation der Roma-Bevölkerung angedroht.
Der bereits seit Jahresbeginn 2016 zurückbehaltene Bericht befasst sich mit der Diskriminierung von Roma in der Wohnungspolitik. Tausende Roma leben in Italien in Container-Siedlungen und Behelfsunterkünften; immer wieder kommt es zu Zwangsräumungen, vielfach ohne die Betroffenen zu konsultieren und ihnen Ersatzunterkünfte anzubieten. Schon seit Langem fordert Amnesty International daher die Einleitung eines EU-Verfahrens gegen Italien wegen des Verstoßes gegen die Gleichbehandlungsrichtlinien. Read the rest of this entry »
Angebliches rassistisches E-Mail von AfD-Frontfrau Weidel aufgetaucht
Der deutsche Bundestagswahlkampf hat seinen Rassismusskandal. Die Spitzenkandidatin der nationalistischen Partei „Alternative für Deutschland“, Alice Weidel (38), soll in einem privaten E-Mail Araber und Sinti und Roma als „kulturfremde Völker“, von denen „wir“ „überschwemmt“ würden, bezeichnet haben. Zudem habe die AfD-Politikerin in dem Schreiben Angela Merkels Regierung als „Schweine“ und „Marionetten der Siegermächte“ des Zweiten Weltkriegs verunglimpft. Diese hätten „die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen“, heißt es im Originalwortlaut.
Publik gemacht hat das brisante E-Mail die Zeitung „Welt am Sonntag“, weil es „rassistische Bemerkungen und die Demokratie verachtende Thesen“ enthalte. Laut Angaben der Zeitung sei das Schreiben mit 24. Februar 2013 datiert und stamme dem ehemaligen Bekanntenkreis der nunmehrigen AfD-Politikerin in Frankfurt am Main. Das E-Mail sei somit zu einer Zeit verfasst worden, als sich Weidel für den AfD-Vorläufer „Wahlalternative 2013“ zu engagieren begann.
Die AfD bestreitet die Vorwürfe und bezeichnet das Schreiben als „Fälschung“. Laut „Welt am Sonntag“ versuchte Weidel, die Veröffentlichung des rassistischen E-Mails zu stoppen, und schaltete ihre Anwälte ein.
Die Bettellobby Dresden kritisiert die Debatte als autoritär und diskriminierend gegenüber Armen und insbesondere Roma. Derzeit steht das Verbot von Betteln mit und durch Kinder zur Debatte. Offenbar ist aber den Akteuren, die sich für ein Verbot aussprechen, wie etwa Ordnungsbürgermeister Sittel, nicht vordergründig am Kindeswohl gelegen, sondern vielmehr werden bettelnde Menschen als störend empfunden. Nicht anders lässt sich das Interview interpretieren, das Sittel der Sächsischen Zeitung gab, in dem er ganz offen seine Hoffnung formulierte, mit dem Verbot eine „örtliche Verdrängung in andere Städte“ zu erreichen.
Die Bettellobby hingegen hat sich zum Ziel gesetzt, Bettelverbote in Dresden zu verhindern. Das Netzwerk solidarisiert sich mit Menschen, die betteln müssen, und betont, dass Betteln zu können, die eigene Not zu äußern, ein Menschenrecht darstellt. Um das Menschenrecht dennoch einschränken zu können, greifen Stadtverwaltungen zum Instrument der Polizeiverordnung. In der neuen Verordnung, die dem Dresdner Stadtrat am 19. September zur Diskussion vorgelegt werden soll, heißt es: „Wer in Begleitung eines Kindes bettelt oder Kinder betteln lässt“, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Dafür drohen bis zu 1.000 Euro Bußgeld.“
Die gruppe polar weist in ihrem Statement auf die Zwänge hin, denen zugewanderte Roma und Romnja, andere Südosteuropäer/innen und deren Kinder unterliegen. „Sie haben ohne Meldeadresse keinen Anspruch auf Schule und Kita. Ohne Arbeitsvertrag können sie keine Wohnung mieten – und haben folglich keine Meldeadresse. Aufgrund der Diskriminierung erhalten Roma und Romnja keine Arbeit mit Sozialversicherung, mit Arbeitsrechten und Arbeitsschutz. Nun stehen Bettler/innen da und haben ihre Kinder dabei. Aber wo sollen die Kinder denn sonst bleiben?“
Die grüne Stadträtin Tina Siebeneicher, Sprecherin für Asyl, Migration und Jugendpolitik, fordert, dass bei der Debatte um ein mögliches Bettel-Verbot im Mittelpunkt stehen sollte, ob damit den betroffenen Kindern tatsächlich geholfen wird. Read the rest of this entry »
Radio RomaRespekt #4: Literatur mit Haltung – „Meine 7.000 Nachbarn“
Sendung vom 4.2.2016: Eva Ruth Wemme ist Lektorin, preisgekrönte Autorin und Übersetzerin aus dem Rumänischen. Sie arbeitet außerdem seit mehreren Jahren als Sprach- und Kulturmittlerin in Berlin. In dieser Funktion dolmetscht und berät sie Migrant/innen aus Rumänien, die sehr oft Roma und Romnja sind. So ist sie sehr nah an ihren Sorgen und Nöten dran, bekommt die ganze Bandbreite ihrer Diskriminierung mit. Sie schrieb ihre Erlebnisse in kurzen Geschichten auf, die im Buch „Meine 7.000 Nachbarn“ zusammengestellt sind. Erklärt ihr Buch, wer oder wie die Roma und Romnja sind? Eva Ruth Wemme sagt dazu in der Einleitung: „Ich fragte mich also: Wer sind die Roma? Bis sich kurz darauf herausstellte, dass die Antwort auf diese Frage sowohl unauffindbar als auch so gut wie irrelevant für das Zusammenleben ist.“
Ihr hört in der Sendung die Lesung von Eva Ruth Wemme zu ihrem Buch „Meine 7.000 Nachbarn“ (Weblog). Sie liest mehrere ihrer kurzen Geschichten, in denen sie ihre Zusammenarbeit mit Berliner Roma und Romnja beschreibt. Danach sind einige Beiträge aus der Diskussion zu hören. Die Lesung fand am 23. September 2015 im Festspielhaus Hellerau in Dresden während der Herbstschule gegen Antiromaismus statt.
Radio RomaRespekt #2: Wissenschaft gegen Antiromaismus
Sendung vom 2.12.2015: Die Wissenschaftler Hristo Kyuchukov (Psycholinguist, besonders für Romanes, Erziehungswissenschaftler) und Jan Selling (Historiker und Autor des Forschungsnetzwerks Antiziganism, Schweden) sprechen über Antiromaismus und Selbstermächtigung von Roma und Romnja in der Bildung.
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erhebt schwere Vorwürfe: Polizei schürt am ‚Tag der offenen Tür‘ im deutschen Bundesministerium des Innern Vorurteile gegen Sinti und Roma
Als unerträglich und gleichzeitig als einen Spiegel des noch immer tief verwurzelten antiziganistischen Denkens in einigen deutschen Polizeibehörden bezeichnet es der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, dass im Bundesministerium des Innern während des ‚Tags der offenen Tür‘ am 26. und 27. August dieses Jahres ein massiv antiziganistischer Vortrag direkt neben dem gemeinsamen Stand des Minderheitenrates stattfand. Auf Einladung des Beauftragten für die nationalen Minderheiten, Hartmut Koschyk, und des Bundesinnenministeriums hatte zuvor Romani Rose ein zentrales Statement auf dem ‚Tag der offenen Tür‘ abgegeben. Dabei hatte Romani Rose ausdrücklich auf die positive Entwicklung der Minderheitenrechte in Deutschland hingewiesen.
Unter dem Titel „Vorsicht Langfinger! Wie Taschendiebe tricksen und Sie Ihnen die kriminelle Tour erfolgreich vermiesen können!“ wurde von der Berliner Direktion der Bundespolizei durch Sven Lichtenberg vorgetragen, dass Roma als „Verbrecher-Clans organisiert“ seien und als „kriminelle Großfamilien durch Europa ziehen“. Der Vertreter der Bundespolizei führte in seinen Ausführungen außerdem aus, dass jede Ethnie, Nordafrikaner oder Polen, „ihre eigene kriminelle Methode“ habe.
Ein derart rassistischer Vortrag im Bundesministerium des Innern beschädige nicht nur die Polizei in Deutschland, sondern auch das Ansehen des Bundesministeriums des Innern als demokratischer Behörde, die den Prinzipien unseres Rechtsstaats verpflichtet sind, erklärte dazu heute Romani Rose.
„Es ist ein wirklich unglaublicher Vorgang, dass am Tag der offenen Tür im Bundesministerium des Innern, an dem viele Initiativen gegen Extremismus und Rassismus auftreten und insbesondere die nationalen Minderheiten an einem gemeinsamen Stand über die Anliegen und die Beiträge der Minderheiten zur deutschen und europäischen Wertegemeinschaft informieren, gleichzeitig die Bundespolizei im Stil längst vergangen geglaubter Zeiten Klischees und Vorurteile pauschal gegen Minderheiten erheben“, so Rose.
Dieser Vorgang stellt den Dialog zwischen den nationalen Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft in Frage und untergräbt das Vertrauen in den demokratischen Rechtssaat, so Rose. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wendet sich wegen dieser Angelegenheit deshalb auch mit einem direkten Schreiben an Bundesinnenminister Thomas de Maizière.
Radio RomaRespekt #1: Rap gegen Abschiebung – Kefaet, Selamet und Hikmet Prizreni
Sendung vom 7.11.2015: In der ersten Ausgabe von Radio RomaRespekt hört Ihr ein Interview und Musik von den drei Brüdern Kefaet, Selamet und Hikmet Prizreni. Die drei sind Hip-Hop-Artists und rappen gegen Rassismus. Sie sind in Deutschland aufgewachsen. Zwei von ihnen sind in den Kosovo abgeschoben worden und nach vier Jahren zurück nach Deutschland geflüchtet. Dem dritten, Hikmet, steht dieses Schicksal vermutlich bald bevor (wir berichteten). Ihr musikalisches Schaffen stellen sie immer wieder in den Zusammenhang zu Kämpfen von Roma und Romnja für Bleiberecht und gegen Abschiebungen. Weitere Informationen: Free Hikmet (Anm.: Stand Dez. 2015)
Update, dROMa-Red.:
Selami Prizreni wurde am 16. Mai 2017 neuerlich in den Kosovo abgeschoben. Nur wenige Tage später hätte der Roma-Aktivist (Selami hat die Initiative „Roma Art Action“ mitbegründet) beim NSU-Tribunal in Köln dabei sein sollen. Read the rest of this entry »
»Every Day is Romaday!«
Konferenz zur Teilhabe von Roma und Sinti in Deutschland (Berlin, 22. November 2017)
Im Herbst 2017 jährt sich die Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas zum fünften Mal. Die deutsche Bundeskanzlerin unterstrich damals in ihrer Rede: »Sinti und Roma müssen auch heute um ihre Rechte kämpfen. Deshalb ist es eine deutsche und eine europäische Aufgabe, sie dabei zu unterstützen, wo auch immer und innerhalb welcher Staatsgrenzen auch immer sie leben.«
Antiziganistische Vorurteile sind in der deutschen Gesellschaft nach wie vor tief verankert: Zuletzt zeigte 2016 die Studie »Die enthemmte Mitte« der Universität Leipzig, dass 57,8% der Befragten ein Problem damit hätten, wenn Sinti und Roma in ihrer Nähe wohnen würden. Knapp 50% wollen Sinti und Roma aus den Innenstädten verbannen. Zur Überwindung dieser Diskriminierung wurde das Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas gegründet, das mit der Unterstützung des deutschen Bundesprogramms »Demokratie leben!« des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am Mittwoch, den 22. November 2017, in Berlin eine Konferenz veranstaltet, um die in Deutschland bisher umgesetzten Antidiskriminierungsmaßnahmen aufzuzeigen.
Unter dem Titel »Every Day is Romaday! Dialog mit Politik, Behörden und Bildungseinrichtungen in Deutschland« werden Arbeitsergebnisse präsentiert und Handlungsempfehlungen für weiterhin notwendige Veränderungen entwickelt. Landesfachtage und Schulworkshops finden hierzu bereits ab Juli in den Bundesländern statt. Die Akteure und Akteurinnen in den Kommunen und Vereinen wollen eine Abschlusserklärung mit konkreten Forderungen zur Bekämpfung des Antiziganismus entwickeln und an die neue Bundesregierung übergeben.
Erwartet werden 300 Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet. Tagungsorte sind von 12.30 bis 20.00 Uhr die Parochialkirche und das Palais Podewil in Berlin-Mitte.