Literatur & Bücher

Stephan Steiner: Combating the Hydra

Mai 1st, 2023  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Wissenschaft

Combating the Hydra (2023)Stephan Steiner: Combating the Hydra. Violence and Resistance in the Habsburg Empire, 1500–1900 (= Central European Studies, 3), Purdue University Press: West Lafayette 2023.

→zum Download, Open Access (CC-BY-NC)

„Combating the Hydra“ untersucht sowohl die strukturelle als auch die anlass­be­zogene staatliche Gewalt des früh­neu­zeitli­chen Habsburger­reiches. Das Buch schildert und analy­siert Angriffe auf mar­ginali­sierte, „un­an­gepasste“ Men­schen aller Art, Frauen „von schlech­tem Rufs“, „ketze­rische“ Pro­testan­ten und „Zigeuner“. Bislang nicht er­fasste Archiv­quellen ent­hüllen den Einsatz von will­kürlicher In­haftie­rung, Zwangs­arbeit und Depor­tation. Die vor­ge­stellten Fall­studien geben Einblicke in die Ursprünge mo­derner staatlicher Macht aus viel­fältigen Techniken der Be­völke­rungs­kontrolle, sind aber auch eine Unter­suchung des Widerstands gegen Unter­drückung, Ver­folgung und lebens­bedroh­liche Über­griffe. Das Spektrum der Kämpfe gegen die Ent­würdigung ist ein be­rühren­des Zeugnis der Mensch­lich­keit der Ausgestoßenen; es reicht von geistiger und emo­tio­naler Ausdauer bis hin zur Gegen­gewalt. Ein Gespräch mit dem be­deuten­den Historiker Carlo Ginzburg schließt diese Samm­lung mit der Frage nach der Be­deutung des Er­innerns an die Schrecken der Ver­gangen­heit ab.

“Combating the Hydra” explores structural as well as occasion-specific state violence committed by the early modern Habsburg Empire. The book depicts and analyzes attacks on mar­gina­lized people “mal­adjusted” of all sorts, women “of ill repute,” “heretic” Protes­tants, and “Gypsies.” Pre­viously uncharted archival records reveal the use of arbitrary im­prison­ment, coerced labor, and depor­tation. The case studies presented provide insights into the origins of modern state power from varied techniques of popu­lation control, but are also an inves­tigation of resistance against oppression, per­se­cution, and life-threa­te­ning assaults. Read the rest of this entry »

Marius Weigl: Internierung und Militärdienst

April 22nd, 2023  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Wissenschaft

Cover_Weigl_Internierung-MilitaerdienstMarius Weigl: Internierung und Militärdienst. Die ‚Lö­sung der Zigeu­ner­frage‘ in Öster­reich-Un­garn im Ers­ten Welt­krieg (=Sozial- und wirt­schafts­his­to­ri­sche Stu­dien, Bd. 40), Böhlau: Wien u.a. 2022 (Dez.), 560 S.

→Zum Download (CC-BY-4.0 Int.)

Das Wiener Innenministerium der Republik Österreich ging 1918 davon aus, dass die ‚Zigeunerfrage‘ im Zuge des Ersten Welt­kriegs gelöst worden sei. Die Krimi­na­lisie­rung von Armut und die An­nahme, dass Mittel­lose eine Ge­fährdung für die öffent­liche Ordnung und Sicherheit dar­stellen würden, nahmen im Ersten Weltkrieg eine neue Di­men­sion an, als über eine Mil­lion Flücht­linge aus den Kriegs­­gebieten in den Westen Österreich-Un­garns kamen oder von den Militär­behörden eva­kuiert wurden. In­folge der Inter­nie­rung von Flücht­lingen sowie von ‚politisch ver­däch­tigen‘ Zivilisten und Zivi­listin­nen wurde das ‚Zigeuner­lager‘ in Hainburg an der Donau er­richtet.

In 1918 according to the interior ministry in Vienna of the Republic of Austria there was no ‘Gypsy mischief’ any­more. The crimi­na­lization of poverty and the assump­tion about des­titute persons would en­danger the public order and security climaxed a new dimen­sion in World War One, when more than one million re­fugees from the war zones arrived in the wes­tern regions of Austria-Hun­gary or were eva­cuated by the military forces. Fol­lowing the intern­ment camps for refugees and ‘political sus­picious’ civilians, a ‘Gypsies camp’ was built in Hainburg an der Donau.

(Text: Verlagsinfo)

Siehe auch:
E-Theses: „Für die öffentliche Sicherheit“ (2012)

Buch: Die Diversität der Ausbeutung

März 14th, 2023  |  Published in Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Kritik des herrschenden Antirassismus - Buchcover 2023 (Verlag Dietz Berlin)Eleonora Roldán Mendívil & Bafta Sarbo (Hrsg.): Die Diversität der Aus­beu­tung. Zur Kritik des herr­schen­den Anti­rassis­mus, 3. Aufl., Berlin 2023, 200 S. [→Karl Dietz Ver­lag Berlin]

In Deutschland wird von Antidiskriminierungsstellen bis zur radikalen Linken ein liberaler Rassismus­begriff ver­treten, der vor allem auf Re­prä­sentation, Inklusion und Diver­sität setzt. Wie Klasse und Rasse zu­sammen­hängen, wird aktuell so gut wie nicht dis­kutiert. Dabei gibt es durchaus eine kri­tisch-mar­xis­ti­sche Tradition der Rassismus­forschung. Der Band will diesen Fundus heben. Hierzu werden histo­rische und aktu­elle Dis­kussio­nen aus dem englisch­spra­chi­gen Raum rezipiert sowie aus deutsch­sprachi­gen marxis­tischen Wissens­archiven aktua­lisiert. Gleich­zeitig bietet das Buch eine poli­tische Inter­vention in die aktuelle Debatte um struk­turellen und institu­tio­nellen Rassismus – ob auf dem Arbeits­markt oder bei der Polizei – und prä­sentiert Alter­nativen zum liberalen Anti­rassismus, indem ein marxis­ti­scher Rassismus­begriff in Theorie und Praxis vor­gestellt wird.

Mit Beiträgen von: Celia Bouali, Sebastian Friedrich, Fabian Georgi, Eleo­no­ra Rol­dán Men­dívil, Lea Pilone, Bafta Sarbo, Hannah Vögele und einem Vor­wort von Christian Frings

Zu den Herausgeberinnen:

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The ‘White’ Mask and the ‘Gypsy’ Mask in Film

Februar 21st, 2023  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

White Mask (Buchcover)Radmila Mladenova: The ‘White’ Mask and the ‘Gypsy’ Mask in Film (=Anti­ziganis­mus­for­schung inter­dis­zipli­när – Schriften­reihe der For­schungs­stelle Anti­ziga­nis­mus, Band 3), Heidel­berg University Publishing, Heidel­berg 2022. [CC BY-SA 4.0]

→Download (pdf)

Die Studie widmet sich einem in der Filmwissenschaft bis­lang ver­nach­lässig­ten Thema: dem ‚Zigeu­ner‘-Phan­tasma auf der Kino­leinwand. Sie ver­bindet die Re­konstruk­tion der Ge­schichte der ‚Zigeu­ner‘-Dar­stel­lun­gen im Film seit den An­fängen des Mediums mit einer sys­te­mati­schen film­theo­re­tischen Ver­ortung ihrer ästhe­tischen und gesell­schaft­li­chen Funktion. Auf der Grund­lage von über 150 Werken aus dem euro­päischen und US-ame­ri­kani­schen Kino wird auf­ge­zeigt, dass den ,Zigeuner‘-Spiel­film­produk­tio­nen un­ab­hängig von Ort und Zeit ihrer Ent­stehung das Grund­gerüst einer ,ethno-ras­si­schen‘ Mas­kerade ge­mein­sam ist. Read the rest of this entry »

„Facetten des Vagabundierens in Wien“

Februar 9th, 2023  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Buch "Vagabondage" (Verlag Sonderzahl)Andreas Pavlic und Eva Schörkhuber (Hg.): Vagabondage. Histori­sche und zeit­genös­sische Fa­cet­ten des Va­ga­bun­die­rens in Wien, Sonder­zahl: Wien 2022.

[In­halts­ver­zeich­nis (PDF)]

Va · ga · bon · da · ge: Der – laut Duden – spezifisch österreichi­sche Ausdruck benennt die Lebens­form einer Gruppe sozial be­stimm­ter Figuren, oder kurz: Land­streicherei, Herum­treiberei. Im vor­liegen­den Band fokus­siert der Begriff vor allem die künst­lerischen und politischen Aspekte jener Bewe­gungen, die sich in den 1920er Jahren mit großem Selbst­bewusst­sein for­mierten und sogar »Vagabunden­kongresse« ab­hielten. Ein solcher war, nach einer ersten Ver­anstal­tung in Stuttgart 1929, für das Jahr 1930 auch in Wien ge­plant, wurde allerdings nicht reali­siert. Wien, als eines der Gra­vitations­zentren der Land­strei­chen­den, bildet den Aus­gangs­punkt und den Schauplatz einer ein­gehen­den Unter­suchung von Vaga­bund*in­nen­bewe­gungen. Dabei werden historische und kultur­wissen­schaft­liche Per­spektiven mit zeit­genössi­schen Analysen, Stellung­nahmen und Berichten ver­schränkt: Auf diese Weise werden Brüche und Kon­tinuitäten hin­sichtlich sozialer Mechanis­men, künst­lerischer Aus­drucks­formen und politi­scher Orga­ni­sations­formen ausgelotet und zur Sprache gebracht. Der Band stellt dabei sowohl einen Grund­lagen­beitrag als auch eine zur weite­ren Forschung an­regende Anthologie dar.

Wie facettenreich und vielschichtig jene Bevölkerungs­gruppen sind, die als Vaga­bund*in­nen, als ›Nicht-Sesshafte‹ und/oder Wandernde titu­liert werden bzw. sich selbst als solche be­zeichnen, zeigt sich in den historischen und kultur­wissen­schaft­lichen Aus­einander­setzungen ebenso wie in dem Kaleidoskop zeit­genös­sischer Initia­tiven, Be­wegungen, Forschungs- und Kunst­projekten, die sich mit Systemen sozialer Be­ziehun­gen be­fassen, die außer­halb einer etablierten gesell­schaft­lichen Ordnung an­ge­siedelt werden.

Mit Beiträgen von: Averklub Collective, Lisa Bolyos, Ljubomir Bratić, Natalie Deewan, Enesi M., Georg Fingerlos, Peter Haumer, Anna Leder, Alexander Machatschke, Elena Messner, Andreas Pavlic, Maren Rahmann, Georg Rosenitsch, Eva Schörkhuber und Christa Stippinger.

(Text: Verlagsinfo Sonderzahl)

Khetanperipe ando Advent

November 22nd, 2022  |  Published in Brauchtum & Tradition, Literatur & Bücher, Musik, Veranstaltungen & Ausstellungen

Roma-Advent 2022Roma-Advent in Oberwart: Lesung & Konzert

Samstag, 3. De­zem­ber 2022, um 19.00 Uhr im Of­fe­nen Haus Ober­wart (OHO). Ein­tritt frei!

Der traditionelle Roma-Advent wird schon seit vie­len Jah­ren ver­an­stal­tet, um den Stel­len­wert der Kul­tur der Volks­grup­pe der Roma zu stär­ken und in der Öf­fent­lich­keit er­leb­bar zu ma­chen.

Lesung der Roma-Autorin Sladjana Mirkovic und des Ro­ma-Au­tors Samuel Mago.

Im Rahmen der Veranstaltung wer­den auch die jüngs­ten Ver­tre­ter der Volks­grup­pe der Ro­ma vom Musik­pro­jekt „Terne Roma – Junge Roma“ ihr Kön­nen dem Pub­li­kum preis­geben. An­schlie­ßend fin­det ein Konzert mit den burgenländi­schen Ro­ma-Musik­grup­pen Romano Rath und der Leon Berger Band statt. Weiters laden wir die Gäste auf eine kuli­na­ri­sche Reise durch die „Roma-Küche 2.0 – Romano Habe“ ein.

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Leipziger Autoritarismus-Studie 2022

November 10th, 2022  |  Published in Dokumente & Berichte, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Die jüngsten Ergebnisse der Leipziger Studie sind soeben auch in Buchform erschienenNeue Leipziger Autoritarismus-Studie in Berlin prä­sen­tiert: Deut­sche sind zu­frie­de­ner mit der Staats­form De­mo­kratie. Hass auf ‚Ande­re‘ tritt in den Vor­der­grund. Mas­si­ve Ab­leh­nung von Sinti und Roma sowie Mus­li­men vor al­lem in Ost­deutsch­land.

Die Zufriedenheit der Bürger:innen mit der Demokratie in Deutschland ist in den ver­gange­nen zwei Jahren ge­stiegen, die rechts­extremen Ein­stellungen sind zum Teil deut­lich zurück­ge­gangen. Gleich­zeitig an­ge­stiegen und weit ver­breitet ist der Hass auf Migrant:in­nen, Frauen, Mus­lim:innen und ande­re Gruppen in Deutschland. Zu­dem lassen sich in Folge der Pan­demie ver­stärkte Wünsche nach Autorität fest­stellen. Das sind zentrale Er­geb­nisse der re­prä­sen­tativen „Leip­ziger Auto­rita­ris­mus-Studie“.

Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kom­pe­tenz­zentrum für Rechts­extre­mismus- und De­mo­kratie­for­schung der Univer­sität Leipzig prä­sen­tierten die Studien­ergeb­nisse am 9. Novem­ber in der Bundes­presse­kon­ferenz in Berlin. Die Studie, in der auch Ein­stellungen zu politischen Ent­scheidungen im Hinblick auf die COVID-19-Pan­de­mie und den Krieg gegen die Ukraine the­matisiert werden, ent­stand in Ko­operation mit der Hein­rich-Böll- und der Otto-Bren­ner-Stiftung.

Laut Studie zeigen nur noch 2 Prozent der Ostdeutschen ein geschlos­senes rechts­extremes Weltbild. 2020 waren es noch rund 10 Pro­zent. „Die Zu­stimmung zu rechts­extremen Aus­sagen nimmt nicht nur im gesam­ten Bundes­gebiet ab, sondern ins­beson­dere in Ost­deutschland. Das ist eine gute Nachricht, aber nur das halbe Bild“, sagt Studien­leiter Pro­fessor Oliver Decker. „Wäh­rend Ele­mente einer Neo-NS-Ideo­lo­gie selte­ner sind, haben die Res­sen­timents gegen jene, die als ‚anders‘ em­pfunden werden, sogar zu­ge­nommen“, ergänzt der zweite Studien­leiter Pro­fessor Elmar Brähler. Der Pro­zent­satz der laut Studie „manifest aus­län­der­feind­lich Ein­gestell­ten“ ist im Ver­gleich zu 2020 in Ost­deutschland von 27,8 Prozent auf 31 Pro­zent ge­stiegen, während sie in West­deutschland von 13,7 Prozent auf 12,6 Prozent ge­sunken ist. 40 Prozent der Ost­deutschen geben an, Deutsch­land sei aus ihrer Sicht „durch die vielen Ausländer überfremdet“, auch 23 Pro­zent der West­deutschen stim­men dieser Aussage zu.

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Von, mit oder über Sinti und Roma?

November 1st, 2022  |  Published in Film & Theater, Jugend & Bildung, Literatur & Bücher

Cover Überlegungen zum Themenfeld Antiziganismus und Film. Eine Handreichung für Multiplikator*innen aus Film und Bildungsarbeit

→Hier bestellen (E-Mail) | →Download (pdf)

Welche Filme fallen Ihnen ein, in denen es um Sinti und Roma geht? In wel­chen dieser Filme sind die Roma-Figuren An­wält*in­nen, Lehrer*in­nen oder Buch­händler*in­nen? Und in wie vielen der Filme spielt der Holocaust an Sinti und Roma eine Rolle?

Im europäischen wie im deutschen (Spiel-)Film gibt es wenig Raum für Ge­schich­ten, die einen differen­zierten und inno­vativen Blick auf das Leben der größten Minder­heit Europas werfen. Allzu oft werden statt­dessen Klischees re­pro­duziert, häufig durch eine Fokus­sierung auf Armut, Kriminalität, ver­meint­lich Exoti­sches oder ‚Außen­seitertum‘. Das ist wenig über­ra­schend, denn in Deutschland wie in Europa gehört Anti­ziganismus zur gesell­schaft­li­chen und damit auch zur filmisch wieder­ge­ge­benen Normalität. Die Repro­duktion von aus­gren­zenden und dis­kriminie­renden Stereo­typen in Film und Fernsehen ver­stärkt und legitimiert den gesell­schaft­lichen Aus­schluss einmal mehr. Eine öffentliche Aus­einander­setzung mit der Dis­krimi­nierung von Sinti und Roma und den zu­grunde­lie­genden Ideologien und Strukturen findet kaum statt. Dieses man­gelnde Bewusst­sein über Aus­prägungen und Reich­weite von Anti­ziganismus erschwert, dass sich die Gesell­schaft, und eben auch Film­schaffende, mit dem Thema (selbst-)kri­tisch aus­einan­der­setzen können.

Hier setzt diese Broschüre an: In drei Abschnitten werden antiziganis­tische Bilder im (Spiel-)Film, gän­gige Erzähl­muster und die struk­tu­rellen Hinder­nisse für eine kritische Be­schäf­tigung mit diesen Themen in der Film­land­schaft be­leuchtet. Read the rest of this entry »

Sinti und Roma – Literatur in Deutschland

Oktober 13th, 2022  |  Published in Literatur & Bücher, Radio, Podcast & TV

Bayern 2/RadioWissen: Sinti und Roma – Literatur in Deutschland

Jahrhundertelang wurden die Erzählungen der Sinti und Roma mündlich über­liefert, doch seit dem 20. Jahr­hun­dert blüht über­all in Europa auch eine schrift­liche litera­ri­sche Tra­di­tion auf: in Deutsch­land vor allem nach dem Zweiten Welt­krieg, als die Über­leben­den der Kon­zentravtions­lager zur Feder greifen, um sich Gehör zu ver­schaffen in einer Gesell­schaft, die sie bis heute an den Rand drängt.

Von Brigitte Kohn | 23 Min. | 27.9.2022

(Sendung und Text: BR/RadioWissen)

Wie ein Rom seit 50 Jahren die Welt erschreibt

September 17th, 2022  |  Published in Interview, Literatur & Bücher

Jovan Nikolic (Foto: RomArchive)„Das Exil hat mich auf jeden Fall ge­prägt“ – Das Roma Anti­dis­cri­mi­na­tion Net­work (RAN) sprach mit dem Autor Jovan Nikolić

Jovan Nikolić ist ein in Köln lebender Roma-Schrift­steller. Er stammt aus einer Mu­siker:in­nen-Fa­milie und hat eine Aus­bildung zum Maschi­nen­bau­techni­ker ab­solviert. Jedoch ist es die Literatur, die ihn ein Leben lang be­gleitet. Schon in seiner Jugend be­gann er, Gedichte und Prosa zu ver­fassen. Seither hat er sein Re­pertoire um Kolum­nen, Kabarett und Theater sowie um Musik­texte er­weitert. Bereits in seiner Heimat Jugoslawien wurde er mehr­fach für seine Lite­ratur aus­ge­zeichnet, was sich auch nach seiner Nieder­las­sung in Deutschland fort­setzte. Ende 2021 erschien der Sammel­band „Der Gast nir­gend­woher“ im Drava-Verlag.

Lieber Herr Nikolić, erst einmal vielen Dank für das Interview. Sie sind 1955 in Jugo­slawien ge­bo­ren. Als Rom und Serbe haben Sie ge­misch­te Wurzeln – wie er­leben Sie das?

Ich betrachte mich selbst als „Hybrid-Rom“, also das, was gemein­hin als „Meles“ be­zeich­net wird. Meine Mutter war Serbin aus Belgrad, mein Vater war Rom und Direk­tor der alten Post in Belgrad. Meine Mutter hat als Ama­teurin in Musik­clubs ge­sungen, wo sie auch meinen Vater ge­troffen hat. Ihre Heirat war ein Skandal auf bei­den Seiten der Familie, doch sie bekamen Unter­stützung von den beiden Schwes­tern und der Mutter, die sie in Schutz nahmen. Ich selbst bin dann auch in Belgrad ge­boren. Bis zu meinem 11. Lebens­jahr haben meine Schwester und ich mit unseren Eltern in Hotels gewohnt, weil wir mit der Musik in ganz Jugo­slawien umher­ge­zogen sind. Erst als ich elf Jahre alt war, ist meine Familie in eine Roma-Siedlung um­ge­zogen, in einem Ort namens Čačak, 160 km von Bel­grad entfernt. In der Schule war es deshalb sehr schwierig, sozial anzukommen, auch mit anderen Kindern aus Roma-Familien gab es Proble­me. Zwischen den Stühlen auf­zu­wachsen, so­zu­sagen „ohne Flagge“, hat sich angefühlt wie keine richtige Identität zu ha­ben. Ich hatte nicht wirk­lich die Mög­lich­keit, Freund­schaften zu for­men, und Privat­sphäre hatte ich auch lange keine, weil wir nur ein Zimmer für die ganze Fa­milie hatten.

Manchmal sind wir aber zusammen mit anderen Familien aus dem gleichen großen Orchester in das­selbe Hotel ge­zogen, die waren dann für mich die guten Freunde. In Deutsch­land habe ich keine sol­chen Probleme erfahren. Ich fühlte mich auf­ge­hoben zwi­schen den anderen Künst­ler:innen. Es war ein multi­kulturelles Umfeld, in dem ich keinen Anti­ziganis­mus am eigenen Leib er­fahren habe. Damit will ich nicht sagen, dass es diesen als gesell­schaft­li­ches Problem in Deutschland nicht gäbe, sondern ledig­lich, dass ich davon ver­schont geblieben bin. Read the rest of this entry »

Mariella Mehr (1947–2022)

September 7th, 2022  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Literatur & Bücher

Mariella Mehr (Foto: Schwei­zeri­sches Lite­ratur­archiv)Mariella Mehr ist tot. Sie gilt als die Stim­me der Fah­ren­den und der Sprach­losen. Nun ist die Schwei­zer Auto­rin Mariella Mehr mit 74 Jah­ren ge­stor­ben. Hier ein →Nach­ruf auf ref.ch.

RomArchive über Mariella Mehr:

In ihrem Selbstverständnis sah sich Mariella Mehr klar als Roma-Schrift­stel­lerin, ob­wohl sie der Volks­gruppe der Jenischen an­gehörte. Auf ihre maß­geb­liche Initia­tive hin wurde 2002 die Inter­national Romani Writers Association in Helsinki ge­gründet, der sie zeit­weise als Vize­präsidentin vorstand und die bis 2008 exis­tierte. [...]


Mariella Mehr wurde am 27. Dezember 1947 in Zürich (Schweiz) geboren. Als Angehö­rige der Jenischen war sie seit ihrer frühes­ten Kind­heit von der Aktion »Kinder der Land­strasse« be­troffen. Dieses von der Schwei­zeri­schen Eid­genossen­schaft mit­finanzierte und von der Stiftung Pro Juven­tute ge­leitete »Hilfswerk« nahm zwi­schen 1926 und 1973 rund 600 jenische Kinder ihren Eltern sys­tema­tisch weg, stellte sie unter Vor­mund­schaft und platzier­te sie in Pflege­familien, Heimen und Anstalten. Das Ziel der Aktion war es, die »Kinder der Landstrasse« zu »brauch­baren Glie­dern der Gesell­schaft« zu erziehen, wie es Pro Juventute for­mu­lierte, und so die nicht-sess­hafte Lebens­weise zu be­seitigen. Nach Ein­stellung des Pro­jektes 1973 setzte ein zäher Kampf um die Re­habili­tierung ein.

Mariella Mehr wurde früh von ihrer Mutter getrennt und unter Vor­mund­schaft ge­stellt. Sie wuchs als Zögling der Pro Juven­tute in ver­schie­denen Heimen, bei Pflege­eltern und in psychiatri­schen An­stalten auf. Als sie im Alter von 18 Jahren schwan­ger wurde, wurde sie für 19 Monate im Frauen­gefäng­nis Hindelbank so­genannt »ad­ministrativ versorgt«. Sie gehört zur mitt­leren von drei Genera­tio­nen ihrer Familie, die Opfer des »Hilfswerks« wur­den. Bereits ihre Mutter sowie ihr 1967 ge­borener Sohn wurden zwangs­weise fremd­platziert.

Nach einigen Jahren Fabrikarbeit begann die Autodidaktin Mariella Mehr 1975 ihre journalis­tische, gesell­schafts­politi­sche und schrift­stelleri­sche Tätig­keit. Read the rest of this entry »

Neuerscheinung: Zwei Welten

August 8th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Wissenschaft

CoverZweiWeltenArnold Weiß/Jakob Michelsen/Moritz Terfloth/Boris Weinrich: Zwei Welten. Sinti und Roma – Schritte zur Anerkennung als NS-Verfolgte und antiziganistische Kontinuität, hrsg. vom Landesverein der Sinti in Hamburg e. V., Metropol Verlag: Berlin 2022, 280 S.

Zur Arbeit des Landesvereins der Sinti in Hamburg als Interessen­ver­tretung und Anlauf­stelle für die Sorgen und Nöte der Men­schen gehört es auch, Ursachen und Grund­lagen der fort­währen­den Dis­kriminie­rung und Aus­grenzung unserer Minderheit zu er­forschen. „Zwei Welten“ ist der Versuch einer Gegen­über­stellung. Einer­seits sollen die wahr­nehmbaren Fortschritte in der gesell­schaftli­chen Anerkennung der Sinti als im National­sozialismus ver­folgte Minderheit in den letzten 70 Jahren gezeigt werden. Dem gegen­über steht die an­dauernde und systema­tische Aus- und Beforschung über 1945 hinaus. Für diese Kontinuität steht beispiel­haft der Arzt und Professor Hermann Arnold (1912–2005). Er trat das geistige Erbe von Robert Ritters Rassen­hygienischer Forschungs­stelle an, deren Mit­arbeiter:innen während der NS-Zeit, unter an­derem in Hamburg, Sinti und Roma be­forscht und ge­quält haben und deren Forschungen die Grund­lage für die an­schlie­ßend er­folgten Deporta­tionen bildeten. Als Wissen­schaftler, Amts- und Ge­fängnis­arzt führte Arnold die syste­ma­tische Erfassung und rassistische Kate­gorisie­rung der Sinti und Roma weiter. An­hand aus­ge­wählter Dokumente aus seinem Nachlass im Bundesarchiv werden Arnolds Netzwerke und die Konti­nui­tät der NS-„Zigeuner­forschung“ in der Bundes­republik auf­ge­zeigt.

(Text: metropol-verlag.de)

Die Prüfung der Wiedergutmachungsberechtigung der Zigeuner und Zigeu­ner-Misch­linge […] hat zu dem Ergebnis geführt, daß der ge­nannte Personen­kreis über­wiegend nicht aus rassischen Gründen, son­dern wegen seiner asozialen und kriminellen Haltung ver­folgt und in­haftiert worden ist.“
Das Wiedergutmachungsamt von Württemberg-Baden, 1950; siehe S. 145.

„1 Pers.; leichter Zigeunereinschlag; besser nichts anbieten!“
Vermerk einer norddeutschen Wohnungsgenossenschaft, 2019; siehe S. 197.

(Zit. in: zentralrat.sintiundroma.de)

100. Geburtstag von Philomena Franz

Juli 21st, 2022  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher

Ein Jahrhundertleben: Philomena Franz (Foto: Domradio)Die große Sinti-Autorin und -Zeitzeugin Philomena Franz fei­ert heu­te ihren 100. Geburts­tag in Bergisch-Gladbach

Aus RomAr­chive: Philomena Franz, geboren 1922 in Biberach, Deutsch­land, war die erste Frau unter Roma und Sinti, die ihre Er­fahrun­gen in den Kon­zentra­tions­lagern des Dritten Reichs zu Papier brachte. Als Kind einer Sinti-Familie von Musi­ker_innen und Schau­spie­ler_innen mit lang­jähri­gen Wurzeln in Deutschland, sang und tanzte Franz be­reits als junges Mäd­chen in ihrer Familien­truppe. Sie er­innert sich gerne an Höhe­punkte dieser Zeit, zum Bei­spiel die Auf­tritte im Lido in Paris und im Wintergarten in Berlin.

Philomena Franz, späte 1940er Jahre

Dieses Leben der Kreativität und Freiheit endete in den späten 1930er Jahren, als ihrer Familie zu­erst die Pässe ent­zogen und dann ihre Instru­mente kon­fisziert wurden. 1943 wurde Franz nach Auschwitz de­portiert. Nach einem ge­scheiter­ten Flucht­versuch aus Ravensbrück floh Franz 1945 erfolg­reich aus einem Lager bei Wittenberge und ret­tete ihr Leben mit­hilfe eines deut­schen Bauern, der sie ver­steckte. Nach Kriegs­ende stellte sie fest, dass ein Groß­teil ihrer Fa­milie in den Lagern er­mordet wor­den war. Für die über­leben­den Sinti und Roma war Hilfe nicht ohne weiteres ver­fügbar, sodass Philo­mena Franz zu­sammen mit ande­ren Sinti-Mu­siker_innen eine Band grün­dete, die durch das Land tourte, um für die alli­ierten Truppen zu spielen.

Während dieser Zeit lernte sie Oskar Franz kennen, sie heirateten und hatten fünf Kinder. In den folgen­den Jahren litt sie unter schweren De­pres­sionen, ständigen Alb­träumen und einem un­erbittlich wieder­keh­renden Gefühl der Gefangen­schaft. Sie kämpfte auch mit der man­gelnden offi­ziellen An­erken­nung der Viktimi­sierung von Sinti und Roma im Holocaust und der feh­lenden Resti­tution. Als in den 1970er Jahren einer ihrer Söhne in der Schule als »Zigeuner« ver­spottet wurde, sah sich Philo­mena Franz ge­zwungen, mit den dor­tigen Schüler_in­nen und Lehrer_in­nen über den Holo­caust zu sprechen. So be­gann sie, ihre Erin­nerun­gen an die Kon­zentra­tions­lager dem Publi­kum mit­zu­teilen und in Er­zählun­gen zu fassen.

Philomena Franz veröffentlichte ihre Märchen für Kinder 1982 in der Sammlung »Zigeuner­märchen«, und 1985 hielt sie ihre Erin­nerun­gen an das Leben und die Familie, die sie im Holo­caust ver­loren hatte, sowie ihre Erfahrungen mit der Gefangen­schaft in Auschwitz in ihrer Auto­biografie »Zwi­schen Liebe und Hass: Ein Zigeuner­leben« fest. Read the rest of this entry »

Der Gast nirgendwoher

Juni 1st, 2022  |  Published in Literatur & Bücher

Der Gast nirgendwoher (2021)Jovan Nikolić: Der Gast nirgendwoher
Gesammelte Lyrik

Drava: Klagenfurt/Celovec 2021 | Aus dem Serbischen übers. von Cornelia Marks | →Bestellen

Jovan Nikolić (1955), Autor von 20 Gedicht- und Prosabänden, Librettos und Theater­stücken – ver­öffent­licht seit 1977 Lyrik. Und lebt seit 1999 lebt in Köln. Die Lyrik­sammlung Der Gast nirgend­woher stellt eine Aus­wahl seines 40-jäh­rigen dich­teri­schen Schaffens dar. Die ge­trof­fene Aus­wahl wird die LeserIn­nen an seinen frühen Band Zimmer mit Rad erinnern, und zahl­reiche Verse wurden bereits in Literatur­zeit­schriften und Antho­logien Europas ab­gedruckt, aber es sind auch neue, un­veröffentlichte Gedichte ent­halten. Nikolić neigt zu Oneirismus und surrealen Bildern in sei­nen Gedichten, welche durch sprach­liche Subtilität und seman­tische Tiefe be­zaubern. Er­schaffen auf der Basis Liebe–Träume–Tod – Reali­täts­über­treibung, Selbstironie, ist diese Lyrik ein span­nendes Zeugnis der Zeit, der kulturellen und sozio­lo­gischen Ver­änderun­gen, der Zwie­sprache mit dem Alter und sich selbst, aber auch der un­ge­zügel­ten dichterischen Existenz auf der Suche nach einem ver­borgenen Sinn.

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Holocaust-Autobiografien von Roma (2020)

Mai 3rd, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Wissenschaft

Universität Wien Katrin Kühnert (2020): „Holocaust-Auto­bio­gra­fien von Roma. Dar­stel­lungs­formen der Ver­fol­gung und Ver­nich­tung wäh­rend des Natio­nal­sozia­lis­mus“

Masterarbeit, Universität Wien (Philo­lo­gisch-Kultur­wis­sen­schaft­li­che Fa­kultät), 108 S.

→Download der UB Wien (pdf)

Abstract:

Der Holocaust spielt als geteilte Leidenserfahrung nicht nur für die kollektive Gruppen­identität der Roma eine bedeu­tende Rolle, son­dern ist auch bis heute das domi­nierende Thema ihres Schreibens. Die Literatur dieser größ­ten ethnischen Minder­heit Europas ist dabei häufig autobiografisch be­ein­flusst, im deutsch­sprachigen Raum stellt die Autobiografie gar die domi­nierende Äuße­rungs­form dar. Während Juden und Jüdin­nen bereits während des NS-Massen­mordes begin­nen, ihre Ver­folgungs­erfahrungen auf­zu­zeichnen, und somit beim späteren Schreib­beginn der Roma schon etablier­te Standards be­stehen, folgt ihr Erzählen diesen nicht durch­gängig, sondern es ent­steht ein eigenes Narrativ, über den NS-Genozid zu berichten. Die vor­liegende Arbeit iden­tifiziert mittels qua­litativer Text­analyse typolo­gische Analogien auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene in fünf Auto­biografien von Holo­caust-Über­lebenden. Der Text­korpus setzt sich aus Ilona Lackovás A false dawn (1997, Slowa­kei/Tschechien), Otto Rosenbergs Das Brennglas (1998, Deutschland), Mongo Stojkas Papierene Kinder (2000, Österreich), Edward Dębickis Totenvogel (2004, Polen) und Zoni Weisz’ Der vergessene Holocaust (2016, Nieder­lande) zusammen. Read the rest of this entry »

Tamás Jónás: Geröll

April 17th, 2022  |  Published in Literatur & Bücher

GeröllAusgewählte Gedichte (1994–2016)
Aus dem Ungarischen von Anne-Marie Kenessey, KLAK-Verlag: Berlin 2021

„Ich begann zu schreiben, weil ich nicht verstand, was ich tat.“

Wie niemandem im Ungarn seiner Genera­tion ge­lingt es Tamás Jónás, mit großer Tiefe und Liebe zur viel­fälti­gen Form, Licht auf soziale Ver­hält­nisse und das Schick­sal der Men­schen am Rande zu werfen. Seine Er­fahrun­gen haben sein Bewusst­sein geformt und ihn nie los­gelassen. Tamás Jónás steht unter den Ein­flüssen und in der Tradition der un­gari­schen und euro­päi­schen Literatur. Als Rom wegen seiner Herkunft als Min­der­heiten­schrift­steller ge­lesen zu werden, wird ihm nicht gerecht und lehnt er ab. Dieser Gedicht­band il­lustriert dies auf ein­drückliche Weise. Er vereint, aus­gewählt von Anne-Ma­rie Ke­nes­sey, erst­malig Gedichte aus allen acht bis­lang in Ungarn ver­öffent­lich­ten Bänden aus den Jahren 1994–2016.

Tamás Jónás ist voller Geschichten über die Armut, das Aus­ge­liefert­sein, über Schmerz, Liebe, über den Körper, über Reich­tum, Glück und da capo: über die Armut, er ist voller Ge­schich­ten und vol­ler Talent.
Péter Esterházy, ungarischer Schriftsteller und Essayist (1950–2016)

Tamás Jónás schont sich nicht, schont niemanden. Er schöpft aus dem nack­ten, pral­len, schmerz­vol­len Leben.
Anne-Marie Kenessey, Übersetzerin

Tamás Jónás, wurde 1973 im nordungarischen Ózd geboren und lebt heute in Szombathely. Er arbeitet als Pro­gram­mierer und Journalist. Bisher ver­öffent­lich­te er acht Gedicht­bände in ungari­scher Sprache. Read the rest of this entry »

O hajaschiskero grobo

Januar 8th, 2022  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, dROMa (Magazin)

Der alte Seemann und der junge Archäologe: Patrick Thomas und John Henry Phillips (Foto: Go Button Media)So o rodipe pal jek phagerdo hajo pe­dar o Ro­ma phu­kal

Ande jek dokumentacijakero film taj an­de jek ken­va phu­kal o brita­ni­tiko John Henry Phillips jeke bari­ka­ne paj­tasch­tscha­gos­tar taj le lejc­ti kiva­ni­pestar jeke haja­schis­tar. Tscha­tschi­kan, ov ham bu­te­der phu­kal.

Nisaj koja, adaj upro Roma te gondolinel mukel: Jek terno mursch pomo­schi­nel jeke brita­niti­ke marine­ja­kere vetera­niske (94) leskere haburis­kere trau­maha ando tscha­tschipe te al. Uso auna­vipe andi Norman­dija 1944 les­kero hajo upre jek mina upre nasch­tscha taj le pajta­schenca tel gelo. ­Jek trauma, savo le phure, savo bojd kor­kore buter te dschal na dscha­nel, ham le dschuv­lenge mindig jek vodschi­kano probo hi, les­kero cilo dschi­vipe vodinel.

Leskero pajtaschi John Henry Phillips kamla le na lakle hajasch­tschen­ge jek gon­do­li­pes­kero bar te kerel taj vascho­da upro drom pe kerel, o phager­do hajo ando Ärmel­kanal te rodel. Ov histo­ri­ker­tschen taj bare pajis­kere arche­jo­logtschen mobi­li­siri­nel, andi Nor­man­dija ladel taj muguli te tauchi­nel siklol – mindig vodim jeka ka­meratar.

O dokumentacijakero film No Roses on a Sailor’s Grave (reschi: Daniel Oron), savo andral kerdo ulo, akan jerim upro festival­tscha sika­do ol, lejc­tivar uso filmis­kero kurko „Ake dikhea?“ ande Berlin. Ham andi masch­karutni cajt o John o materijal te jeka ken­vake prik butscha­lintscha: The Search akan bojd use Robinson ande London ari al. Read the rest of this entry »

Das Seemannsgrab

Januar 6th, 2022  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, dROMa (Magazin)

Der alte Seemann und der junge Archäologe: Patrick Thomas und John Henry Phillips (Foto: Go Button Media)Was die Suche nach einem Schiffswrack über Roma erzählt


In einem Dokumentarfilm und einem Buch be­rich­tet der Eng­län­der John Henry Phillips von einer un­gewöhn­li­chen Freund­schaft und dem letz­ten Wunsch eines See­manns. Aber eigent­lich er­zählt er viel mehr.

Nichts lässt hier an Roma denken: Ein junger Mann hilft einem engli­schen Marine­vete­ra­nen (94), mit seinem Kriegs­trauma ins Reine zu kom­men. Bei der Lan­dung in der Normandie 1944 war des­sen Boot auf eine Mine auf­ge­laufen und mit­samt seinen Kamera­den in den Fluten ver­sunken. Ein Trauma, das den pfif­fi­gen Alten, der zwar kaum noch alleine gehen kann, doch für die Damen stets einen char­man­ten Scherz parat hat, ein Leben lang be­gleitet.

Sein Freund John Henry Phillips will den verscholle­nen See­männern einen Gedenk­stein errich­ten und macht sich auf, das Schiffs­wrack im Ärmel­kanal zu suchen. Er mobi­lisiert Historiker und Meeres­archäolo­gen, fährt in die Nor­man­die und lernt sogar tauchen – stets be­gleitet von einer Kamera.

Der Dokumentarfilm No Roses on a Sailor’s Grave (Regie: Daniel Oron), der daraus ent­standen ist, wird der­zeit erfol­greich auf Festivals gezeigt, zu­letzt bei der Roma-Film­woche „Ake dikhea?“ in Berlin. Doch in­zwi­schen hat John den Stoff auch für eine Buch­ver­öffentli­chung adaptiert: The Search er­scheint dem­nächst bei Robinson in London.

Unter der Oberfläche
Auf den ersten Blick verrät nichts an dieser Geschichte – nicht das Sujet, nicht der Ort, nicht die Prota­go­nisten –, dass hier zu­gleich auch die Ge­schichte einer Min­der­heit ver­handelt wird. Mit keinem Wort er­fährt man, dass der junge Mann der englischen Roma-Min­der­heit an­ge­hört.

Unter der Oberfläche enthält die Erzählung aber Motive, die selt­sam be­kannt an­muten. Denn alles hier kreist um das Trauma der Welt­kriegs­jahre und um den Versuch, einem ver­ges­senen Schicksal Gehör zu ver­schaffen. Es geht um An­erken­nung und ein würdi­ges Gedenken: Wenn John beim Bürger­meister eines fran­zö­si­schen Küsten­städt­chens vor­stellig wird, um eine Gedenk­feier für die britischen Soldaten vor­zu­schlagen, erinnert das frap­pierend an Szenen im slowa­ki­schen Film Wie ich Partisanin wurde (siehe dROMa 62) – mit dem Unter­schied, dass John bei dem Franzo­sen offene Türen ein­rennt.

Auch das titelgebende Seemannsgrab hat seine Entspre­chung in den Er­fahrun­gen der Roma: Read the rest of this entry »

Aktivi schveditike

Dezember 30th, 2021  |  Published in Einrichtungen, Jugend & Bildung, Literatur & Bücher, Romani, dROMa (Magazin)

Roma-Bibliotheken in Malmö und Bukarest (Foto: Pixabay)Romengere-biblijotektscha ande Malmö taj Bukarest


Ande Malmö jek nevi Romen­geri-bibli­jo­teka kerdi ol. Ando foro akor mindschart duj Ro­men­gere-bib­li­jotek­tscha pasche terdscho­na. Taj te jek Ro­men­geri-tscha­ven­ge­ri bibli­joteka, savi sajt pantsch berscha an­de Bukarest del, pro kes­dipe an­di Schvedija lija.

Schvedija jek pradimi Romengeri-biblijoteka uschtidel. I nevi biblijoteka ojs integrali falato la foros­kera bibli­jo­tekatar andar Malmö, o triti bareder foro le tha­nestar, kerdi ol. Imar ando arto terno dschend i bibli­joteka pradi te ol. „Ada jek vusko cajta­kero plan hi“, phenel o foros­kero bibli­jotekari Torbjörn Nilsson, mind pharo ovla, Romen­geri-lite­ra­tura te lakel. Kaj ada schofim te ol, iste amen dur pedar i tha­nes­keri granica ari dschas taj avre bibli­jo­te­kenca taj Romen­ca ande but gava khetan iste butscha­linas.“

Andi biblijoteka publikaciji ande mindenfelitike Romengere-dijalekti, pisimi litera­tura Ro­mendar taj kenvi pedar i Ro­men­geri-kultura dela. I literatura ando telva­keripe fatrete­renca le Romen­gere-khe­ta­nipestar khetan terdschar­di ol. Adaj o orga­ni­sa­tortscha butvar le gaves­kere Romen­gere-bi­rov­tscha­goha (Romskt informa­tions- och kuns­kaps­center, RIKC) khetan butscha­linen, savo – sar i foros­keri bibli­joteka – uso foros­kero kultu­rakero favojti­nipe use tschito hi.

Favurclim taj fanecim
Barikano vert upre fochis­kere butschasch­tscha pasch­lardo ol: „Barika­no hi, i tschib taj o minden­felitike dija­lekti te prindscha­rel. O butschasch­tscha iste dschene on, save i Romen­geri-kul­tura prindscha­ren vaj save ande late fa­vurclim hi. On iste le Romen­ca fanecim on“, phe­nel o Torbjörn Nilsson.

„Me patijardo som, hot amen o pradipe la erschti Romen­gera-bib­li­jote­katar le thanestar pla­ninas“, phenel i kultu­rakeri foros­keri rotkija andar Malmö, Frida Trollmyr. „Ada jek jekoschno koja hi, le tscha­tschip­tschenge le Ro­mendar te pomo­schinel taj use jek feder dscha­nipe pedar i kultura taj i historija le Romen­dar use te ledschel.“

Hot vasch i erschti Romengeri-biblijoteka andi Schvedija pe hand­linel, tschak eknaj tschatscho hi. Ande bute­der fori imar schpe­cijeli bibli­joteka­kere falati Romenge­ra-lite­ra­turake del. Taj ande Malmö jeke Romen­ge­re-khe­tanipe, o Romska Kultur­centret (RKC), jek ajgeni, eknaj phuri falatos­keri bibli­joteka hi. Read the rest of this entry »

Rührige Schweden

Dezember 28th, 2021  |  Published in Einrichtungen, Jugend & Bildung, Literatur & Bücher, Romani, dROMa (Magazin)

Roma-Bibliotheken in Malmö und Bukarest (Foto: Pixabay)Roma-Bibliotheken in Malmö und Bukarest


In Malmö entsteht eine neue Roma-Bi­b­lio­thek. In der Stadt wer­den dann gleich zwei Ro­ma-Bü­che­rei­en ne­ben­einan­der be­ste­hen. Und auch eine Ro­ma-Kin­der­bib­lio­thek, die seit fünf Jah­ren in Bu­ka­rest exis­tiert, nahm ihren An­fang in Schwe­den.

Schweden bekommt eine öffentliche Roma-Bibliothek. Die neue Ein­richtung ent­steht als integra­ler Bestand­teil der Stadt­biblio­thek von Malmö, der dritt­größ­ten Stadt des Landes. Schon im kom­men­den Herbst soll die Bibliothek er­öffnet werden. „Das ist ein en­ger Zeitplan“, sagt Stadt­biblio­the­kar Torbjörn Nilsson, „denn es wird schwie­rig sein, Roma-Literatur zu finden. Um dies zu er­reichen, müs­sen wir weit über die Landes­grenzen hinaus­gehen und mit ande­ren Biblio­theken und der Roma-Be­völke­rung an vielen Orten zu­sam­men­arbeiten.“

Die Bücherei wird Publikationen in verschiedenen Roma-Dialekten, von Roma ver­fass­te Literatur und Bücher über Roma-Kultur ent­halten. Die Litera­tur wird in Ab­sprache mit Ver­tretern der Roma-Ge­mein­schaft zu­sammen­gestellt. Dabei ar­beiten die Organi­satoren ins­beson­dere mit dem ört­lichen Roma-Büro (Romskt infor­ma­tions- och kunskaps­center, RIKC) zu­sam­men, das – wie die Stadt­bibliothek – der städti­schen Kultur­verwaltung an­ge­gliedert ist.

Verwurzelt und vernetzt
Besonderen Wert lege man auf fachkundige Mitarbeiter: „Es ist wichtig, die Sprache und die ver­schiedenen Dialekte zu kennen. Das Personal muss auch aus Per­sonen bestehen, die die Roma-Kultur ken­nen oder in ihr ver­wurzelt sind. Sie müs­sen mit der Roma-Be­völ­kerung ver­netzt sein“, er­klärt Torbjörn Nilsson.

„Ich bin stolz darauf, dass wir die Eröffnung der ersten Roma-Bib­lio­thek des Landes planen“, sagt Malmös Kultur­stadt­rätin Frida Trollmyr. „Das ist eine einzig­artige Ge­legen­heit, die Rechte der Roma zu fördern und zu einem bes­seren Wissen über Kultur und Ge­schichte der Roma bei­zu­tragen.“

Dass es sich um „Schwedens erste Roma-Bibliothek“ handle, stimmt aller­dings nur bedingt. In meh­reren Städten exis­tieren bereits spe­zielle Biblio­theks­abtei­lun­gen für Roma-Li­te­ratur. Und in Malmö selbst unter­hält ein Roma-Ver­band, das Romska Kulturcentret (RKC), eine eigene, etwas ver­altete Be­stands­bibliothek. Read the rest of this entry »