Das Seemannsgrab

Januar 6th, 2022  |  Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, dROMa (Magazin)  |  1 Comment

Der alte Seemann und der junge Archäologe: Patrick Thomas und John Henry Phillips (Foto: Go Button Media)Was die Suche nach einem Schiffswrack über Roma erzählt


In einem Dokumentarfilm und einem Buch be­rich­tet der Eng­län­der John Henry Phillips von einer un­gewöhn­li­chen Freund­schaft und dem letz­ten Wunsch eines See­manns. Aber eigent­lich er­zählt er viel mehr.

Nichts lässt hier an Roma denken: Ein junger Mann hilft einem engli­schen Marine­vete­ra­nen (94), mit seinem Kriegs­trauma ins Reine zu kom­men. Bei der Lan­dung in der Normandie 1944 war des­sen Boot auf eine Mine auf­ge­laufen und mit­samt seinen Kamera­den in den Fluten ver­sunken. Ein Trauma, das den pfif­fi­gen Alten, der zwar kaum noch alleine gehen kann, doch für die Damen stets einen char­man­ten Scherz parat hat, ein Leben lang be­gleitet.

Sein Freund John Henry Phillips will den verscholle­nen See­männern einen Gedenk­stein errich­ten und macht sich auf, das Schiffs­wrack im Ärmel­kanal zu suchen. Er mobi­lisiert Historiker und Meeres­archäolo­gen, fährt in die Nor­man­die und lernt sogar tauchen – stets be­gleitet von einer Kamera.

Der Dokumentarfilm No Roses on a Sailor’s Grave (Regie: Daniel Oron), der daraus ent­standen ist, wird der­zeit erfol­greich auf Festivals gezeigt, zu­letzt bei der Roma-Film­woche „Ake dikhea?“ in Berlin. Doch in­zwi­schen hat John den Stoff auch für eine Buch­ver­öffentli­chung adaptiert: The Search er­scheint dem­nächst bei Robinson in London.

Unter der Oberfläche
Auf den ersten Blick verrät nichts an dieser Geschichte – nicht das Sujet, nicht der Ort, nicht die Prota­go­nisten –, dass hier zu­gleich auch die Ge­schichte einer Min­der­heit ver­handelt wird. Mit keinem Wort er­fährt man, dass der junge Mann der englischen Roma-Min­der­heit an­ge­hört.

Unter der Oberfläche enthält die Erzählung aber Motive, die selt­sam be­kannt an­muten. Denn alles hier kreist um das Trauma der Welt­kriegs­jahre und um den Versuch, einem ver­ges­senen Schicksal Gehör zu ver­schaffen. Es geht um An­erken­nung und ein würdi­ges Gedenken: Wenn John beim Bürger­meister eines fran­zö­si­schen Küsten­städt­chens vor­stellig wird, um eine Gedenk­feier für die britischen Soldaten vor­zu­schlagen, erinnert das frap­pierend an Szenen im slowa­ki­schen Film Wie ich Partisanin wurde (siehe dROMa 62) – mit dem Unter­schied, dass John bei dem Franzo­sen offene Türen ein­rennt.

Auch das titelgebende Seemannsgrab hat seine Entspre­chung in den Er­fahrun­gen der Roma: Über Jahr­hun­derte waren Fahrende ge­zwungen, ihre Ver­stor­benen fern voneinan­der, an ver­streuten Orten zu bestatten. Auch Ver­treibung, Ver­folgung und Völker­mord führten dazu, dass viele ohne Grab­stätte blieben. Bis heute haben die Fa­milien oft keine Ge­wiss­heit, wo genau ihre An­gehörigen er­mordet und ver­scharrt wurden. „Meine Vor­fahren haben keine Grä­ber/nie­mand erin­nert sich daran/wo sie liegen“, heißt es in einem Gedicht von Mircea Lacatus.

Blumen im Meer
Auch Johns eigene Familie zählt zu den „Romani Tra­vel­lers“; seine Mutter kam auf einem Halte­platz zur Welt. Als studier­ter Archäo­loge hat John kürzlich ein Forschungs­projekt auf Schiene ge­bracht, das diese histori­schen Lager­plätze, so­genannte „Hatchin Tans“, do­ku­men­tieren soll. Im Internet pos­tet er Bilder von „Gypsy Graves“, die schon vor Generatio­nen an den eins­tigen Halte­plätzen ent­standen sein sollen. Auf einem alten Familien­foto sieht man seine Mutter, wie sie auf einer Wiese bei einem dieser namen­losen Gräber kniet. Und John stellt sich die Frage, wie er als Archä­o­lo­ge mit solchen Plätzen ver­fahren soll.

Gegen Ende des Films, nach dem Gedenkakt für die um­ge­kom­me­nen See­männer, streuen die An­wesen­den rote Rosen ins Meer. Auch das eine Roma-Re­ferenz: Denn seit der 4. Welt­kongress der Roma 1990 den Inter­natio­na­len Roma-Tag be­grün­dete, legen Akti­visten rote Blumen in Flüsse, Seen und Meere: eine Geste des Ge­den­kens, die unter Roma auf der gan­zen Welt rasch Nach­ah­mer fand.

Unter der patriotischen Deckerzählung vom Kriegs­veteranen er­zählt uns John Henry Phillips also ins­geheim – und viel­leicht ohne be­wusste Absicht – noch eine zweite Ge­schichte: die der kollekti­ven Er­fahrung der Roma. Dass es bei seinem rühren­den Engage­ment für den alten Mann nicht zuletzt auch um die eigene Familien­geschichte geht, zeigt sich jeden­falls in einer kurzen Se­quenz, in der John seinen ver­storbenen Groß­vater er­wähnt. Mit ihm habe er nie über die Schrecken des Krieges ge­sprochen. Und jetzt sei es zu spät.

Von Roman Urbaner

No Roses on a Sailor’s Grave, Dokumentar­film, Regie: Daniel Oron, 83 min (2020)

John Henry Phillips: The Search – The true story of a D-Day survivor, an unlikely friend­ship and a lost shipwreck off Normandy, London: Robin­son/LBBG (2022)

Aus: dROMa 64, Winter/Dschend 2021
(→Themenheft/temakeri heftli­na Bücher 2 / Kenvi 2)

Responses

  1. dROMa-Blog | Weblog zu Roma-Themen | No Roses on a Sailor’s Grave (Trailer) says:

    Januar 16th, 2022 at 11:00 (#)

    [...] See­manns. Aber eigent­lich erzählt er viel mehr. Was das al­les mit Roma zu tun hat, lesen Sie in der neuen Aus­gabe unse­res Ma­ga­zins [...]