Mariella Mehr (1947–2022)
September 7th, 2022 | Published in Ehrungen & Nachrufe, Literatur & Bücher
Mariella Mehr ist tot. Sie gilt als die Stimme der Fahrenden und der Sprachlosen. Nun ist die Schweizer Autorin Mariella Mehr mit 74 Jahren gestorben. Hier ein →Nachruf auf ref.ch.
RomArchive über Mariella Mehr:
In ihrem Selbstverständnis sah sich Mariella Mehr klar als Roma-Schriftstellerin, obwohl sie der Volksgruppe der Jenischen angehörte. Auf ihre maßgebliche Initiative hin wurde 2002 die International Romani Writers Association in Helsinki gegründet, der sie zeitweise als Vizepräsidentin vorstand und die bis 2008 existierte. [...]
Mariella Mehr wurde am 27. Dezember 1947 in Zürich (Schweiz) geboren. Als Angehörige der Jenischen war sie seit ihrer frühesten Kindheit von der Aktion »Kinder der Landstrasse« betroffen. Dieses von der Schweizerischen Eidgenossenschaft mitfinanzierte und von der Stiftung Pro Juventute geleitete »Hilfswerk« nahm zwischen 1926 und 1973 rund 600 jenische Kinder ihren Eltern systematisch weg, stellte sie unter Vormundschaft und platzierte sie in Pflegefamilien, Heimen und Anstalten. Das Ziel der Aktion war es, die »Kinder der Landstrasse« zu »brauchbaren Gliedern der Gesellschaft« zu erziehen, wie es Pro Juventute formulierte, und so die nicht-sesshafte Lebensweise zu beseitigen. Nach Einstellung des Projektes 1973 setzte ein zäher Kampf um die Rehabilitierung ein.
Mariella Mehr wurde früh von ihrer Mutter getrennt und unter Vormundschaft gestellt. Sie wuchs als Zögling der Pro Juventute in verschiedenen Heimen, bei Pflegeeltern und in psychiatrischen Anstalten auf. Als sie im Alter von 18 Jahren schwanger wurde, wurde sie für 19 Monate im Frauengefängnis Hindelbank sogenannt »administrativ versorgt«. Sie gehört zur mittleren von drei Generationen ihrer Familie, die Opfer des »Hilfswerks« wurden. Bereits ihre Mutter sowie ihr 1967 geborener Sohn wurden zwangsweise fremdplatziert.
Nach einigen Jahren Fabrikarbeit begann die Autodidaktin Mariella Mehr 1975 ihre journalistische, gesellschaftspolitische und schriftstellerische Tätigkeit. Sie veröffentlichte zunächst Reportagen, Artikel und Kolumnen im Magazin des »Tages-Anzeigers« (Zürich), in »Die Wochenzeitung« (Zürich), in der »Berner Zeitung« sowie in der überregionalen Zeitung »Die Tat« und in anderen Zeitungen. Zeitweilig schloss sie sich einer Gruppe von Fahrenden an und setzte sich so bewusst mit ihrer Herkunft auseinander. Sie engagierte sich maßgeblich bei der Kampagne zur Aufdeckung und Aufarbeitung des Projektes »Kinder der Landstrasse« und spielte 1975 eine wichtige Rolle bei der Gründung der Interessengemeinschaft der Fahrenden in der Schweiz, der »Radgenossenschaft der Landstrasse« deren erste Sekretärin sie wurde. Als Journalistin beschäftigte sie sich intensiv mit der Problematik der Fahrenden und mit weiteren gesellschaftspolitischen Themen.
In ihrem Selbstverständnis sieht sich Mariella Mehr klar als Roma-Schriftstellerin, obwohl sie der Volksgruppe der Jenischen angehört. Auf ihre maßgebliche Initiative hin wurde 2002 die International Romani Writers Association in Helsinki (Finnland) gegründet, der sie zeitweise als Vizepräsidentin vorstand und die bis 2008 existierte.
Mariella Mehr lebte einige Jahre in Bern, später in Tomils, Graubünden. Nachdem sie wiederholt angefeindet und auch tätlich angegriffen worden war, wanderte sie 1997 nach Italien in die Toskana aus. 2014 kehrte sie in die Schweiz zurück und lebte seither in Zürich. Ihr Archiv befindet sich seit 1997 im Schweizerischen Literaturarchiv der Nationalbibliothek in Bern. (Nina Debrunner, RomArchive)
Bibliografie:
Steinzeit. Roman. Zytglogge Verlag, Gümligen 1981
In diesen Traum schlendert ein roter Findling. Gedichte. Zytglogge, Gümligen 1983
Das Licht der Frau. Bericht über Spanien und die Stierkämpferinnen. Zytglogge, Gümligen 1984
Silvia Z. Drama, uraufgeführt im Stadttheater Chur 1986
Kinder der Landstrasse. Drama, uraufgeführt im Theater 1230, Bern 1986
Kinder der Landstrasse. Ein Hilfswerk, ein Theater und die Folgen. Zytglogge, Gümligen 1987 (dokumentiertes Buch zur Aufführung)
Anni B. Drama. Aufführung im Theater Gessnerallee, Zürich 1989 (von der Autorin abgelehnte Aufführung)
Rückblitze. Zytglogge, Gümligen 1990 (Sammlung von Texten aus den Jahren 1976–1990)
Zeus oder der Zwillingston. Roman. R+F Verlag, Zürich 1994
Daskind. Roman. Nagel & Kimche Verlag, Zürich 1995
Brandzauber. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 1998
Nachrichten aus dem Exil. Gedichte, zweisprachig (deutsch & romani). Übersetzung von Rajko Djuric. Drava Verlag, Klagenfurt 1998
Widerwelten. Gedichte, teilweise zweisprachig (deutsch & romani). Übersetzung von Miso Nikolic. Drava, Klagenfurt 2001
Angeklagt. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 2002
Im Sternbild des Wolfes. Gedichte. Drava, Klagenfurt 2003
Daskind – Brandzauber – Angeklagt. Romantrilogie. Limmat, Zürich 2017
Widerworte. Geschichten, Gedichte, Reden, Reportagen. Herausgegeben von Nina Debrunner, Christa Baumberger. Mit Texten von Anna Ruchat, Martin Zingg, Fredi Lerch, Limmat, Zürich 2017
Von Mäusen und Menschen: Von Wissenschaft, Gutachtern und ihren Akten, Limmat, Zürich, erscheint Oktober 2022
(zusammengestellt vom Limmat-Verlag, Zürich)