Leipziger Autoritarismus-Studie 2022

November 10th, 2022  |  Published in Dokumente & Berichte, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Die jüngsten Ergebnisse der Leipziger Studie sind soeben auch in Buchform erschienenNeue Leipziger Autoritarismus-Studie in Berlin prä­sen­tiert: Deut­sche sind zu­frie­de­ner mit der Staats­form De­mo­kratie. Hass auf ‚Ande­re‘ tritt in den Vor­der­grund. Mas­si­ve Ab­leh­nung von Sinti und Roma sowie Mus­li­men vor al­lem in Ost­deutsch­land.

Die Zufriedenheit der Bürger:innen mit der Demokratie in Deutschland ist in den ver­gange­nen zwei Jahren ge­stiegen, die rechts­extremen Ein­stellungen sind zum Teil deut­lich zurück­ge­gangen. Gleich­zeitig an­ge­stiegen und weit ver­breitet ist der Hass auf Migrant:in­nen, Frauen, Mus­lim:innen und ande­re Gruppen in Deutschland. Zu­dem lassen sich in Folge der Pan­demie ver­stärkte Wünsche nach Autorität fest­stellen. Das sind zentrale Er­geb­nisse der re­prä­sen­tativen „Leip­ziger Auto­rita­ris­mus-Studie“.

Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kom­pe­tenz­zentrum für Rechts­extre­mismus- und De­mo­kratie­for­schung der Univer­sität Leipzig prä­sen­tierten die Studien­ergeb­nisse am 9. Novem­ber in der Bundes­presse­kon­ferenz in Berlin. Die Studie, in der auch Ein­stellungen zu politischen Ent­scheidungen im Hinblick auf die COVID-19-Pan­de­mie und den Krieg gegen die Ukraine the­matisiert werden, ent­stand in Ko­operation mit der Hein­rich-Böll- und der Otto-Bren­ner-Stiftung.

Laut Studie zeigen nur noch 2 Prozent der Ostdeutschen ein geschlos­senes rechts­extremes Weltbild. 2020 waren es noch rund 10 Pro­zent. „Die Zu­stimmung zu rechts­extremen Aus­sagen nimmt nicht nur im gesam­ten Bundes­gebiet ab, sondern ins­beson­dere in Ost­deutschland. Das ist eine gute Nachricht, aber nur das halbe Bild“, sagt Studien­leiter Pro­fessor Oliver Decker. „Wäh­rend Ele­mente einer Neo-NS-Ideo­lo­gie selte­ner sind, haben die Res­sen­timents gegen jene, die als ‚anders‘ em­pfunden werden, sogar zu­ge­nommen“, ergänzt der zweite Studien­leiter Pro­fessor Elmar Brähler. Der Pro­zent­satz der laut Studie „manifest aus­län­der­feind­lich Ein­gestell­ten“ ist im Ver­gleich zu 2020 in Ost­deutschland von 27,8 Prozent auf 31 Pro­zent ge­stiegen, während sie in West­deutschland von 13,7 Prozent auf 12,6 Prozent ge­sunken ist. 40 Prozent der Ost­deutschen geben an, Deutsch­land sei aus ihrer Sicht „durch die vielen Ausländer überfremdet“, auch 23 Pro­zent der West­deutschen stim­men dieser Aussage zu.

Der Anteil der Menschen, die mit der verfassungs­mäßigen Demo­kratie zu­frieden sind, steigt in Ost­deutschland von 65 Prozent auf 90 Prozent, bundes­weit erfährt sie zu 82 Prozent Zu­stimmung. „Im Ver­gleich mit auto­ritären Systemen gewinnt die Staats­form Demokratie an Attrak­ti­vität“, kom­mentiert Oliver Decker diesen Wert. Aber: Nur gerade die Hälfte der Befragten ist mit der demo­kratischen Alltags­praxis ein­ver­standen. Die hohe Zu­frieden­heit mit der Staatsform geht offen­bar mit dem Gefühl einher, den­noch keinen politi­schen Einfluss zu haben.

Aus Sicht der beiden Wissenschaftler fügt sich dies in das Krisen-Bild wäh­rend der Pandemie und des gegen­wär­tigen Kriegs ein: Die Exekutive ist ge­stärkt, ihr Handeln findet breite Zu­stimmung, aber diese autoritäre Sicher­heit hat ihren Preis. Die Ohn­machts­gefühle und die Ein­schrän­kun­gen des eigenen Lebens werden ak­zeptiert, führen aber auch zu einer Steigerung der Aggressionen. „Deshalb hat die Neo-NS-Ideo­logie und damit Elemente rechts­extremer Ein­stellungen gegen­wärtig an Bedeutung ver­loren. Aber nun treten andere anti­demokra­tische Motive in den Vorder­grund“, erklärt Profes­sor Elmar Brähler, „es sind Vo­rurteile, der Hass auf ‚Andere‘, und der ist nicht seltener und wird ebenso von rechts­extremen Parteien be­dient“.

So ist die Ablehnung von Muslimen in Ostdeutschland im Ver­gleich zu 2020 ge­stiegen, 46,6 Prozent stimm­ten der Aussage „Mus­limen sollte die Zu­wan­derung nach Deutsch­land unter­sagt werden“ zu, in West­deutsch­land sind es 23,6 Pro­zent. Sinti und Roma erfahren eben­falls eine Ab­lehnung durch 54,9 Pro­zent der Ost­deutschen und 23,6 Pro­zent der West­deutschen. Wäh­rend­dessen bleibt der Schuld­abwehr­anti­semitis­mus die meist­ver­breitete Ausdrucks­mög­lich­keit für den Anti­semitis­mus in ganz Deutschland, knapp die Hälfte der Be­fragten stimmte ent­sprechen­den Aussagen zu. Seit 2020 ist auch die Zu­stimmung zu anti­feministi­schen Aus­sagen gestiegen. 27 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Frauen, „die mit ihren For­derungen zu weit gehen, sich nicht wundern müssen, wenn sie wieder in ihre Schranken ge­wiesen werden.“.

Der gleichzeitige Anstieg des Antifeminismus, von Schuld­abwehr­antisemitis­mus und auch des Hasses auf Muslime, Sinti und Roma zeigt eine Ver­schiebung der Motive anti­demo­kratischer Ein­stellung an, nicht eine Stärkung der Demokratie“, meint Pro­fes­sor Oliver Decker. „Neben der Aus­länder­feind­lich­keit haben Rechts­extreme heute viel mehr Mög­lich­keiten, in der Mitte der Gesell­schaft An­schluss zu finden, nicht weniger“.

Zudem ist die Gesellschaft immer noch durch die Pandemie polarisiert. Eine positive Ent­wicklung ist zwar, dass der Anteil der Be­fragten mit einer Ver­schwö­rungs­men­talität seit 2020 deutlich zurück­gegangen ist, von 38,4 Prozent im Jahr 2020 auf 25 Prozent im Jahr 2022. „Nicht zuletzt durch das Internet wird der politi­sche Diskurs von zwei Gruppen do­miniert: einer ver­festigten Gruppe von 13 Prozent Impfgegnern stehen 19 Pro­zent gegen­über, die starke Ressen­ti­ments wiederum gegen Impf­gegner haben“, sagt Pro­fessor Oliver Decker. „In beiden Gruppen sind die Ressen­timents nicht nur gegen­einander, sondern auch gegen viele ‚Andere‘ gleicher­maßen stark aus­geprägt.“

Eine ähnliche Fragmentierung der Gesellschaft beobachten Decker und Brähler zum Teil auch in den Re­aktionen auf den Ukrai­ne-Krieg. Aus­drück­liche Bellizisten, also Be­für­worter des Krieges, finden sich nicht, aber die Unter­stützer:in­nen von Waffen­lieferun­gen an die Ukraine auf der einen Seite und die Russland­sym­pathi­sant:innen auf der anderen eint eben­falls eine generell höhere Neigung zu autori­tären Aggres­sionen. „Auch hier zeigt sich, dass das autoritäre Mobili­sierungs­po­tenzial weiter­hin besteht, es kann aber derzeit mit gesell­schaft­lich konformen Zielen befriedigt werden“, so Profes­sor Elmar Brähler.

Über die Leipziger Autoritarismus-Studie

Seit 2002 beobachten die beiden Wissenschaftler der Universität Leipzig die Entwick­lung autoritärer und rechts­extremer Ein­stellun­gen in Deutsch­land. Von 2006 bis 2012 ent­standen Studien in Ko­operation mit der Fried­rich-Ebert-Stif­tung, bekannt als „Mitte-Stu­dien“. Seit 2016 erfolgt die Ver­öffent­lichung der Leipziger Studien in Ko­operation mit der Hein­rich-Böll-Stif­tung und der Otto-Bren­ner-Stif­tung.

In der nunmehr elften Welle wurden zwischen Anfang März und Ende Mai 2022 im Auf­trag der Univer­sität Leipzig bundes­weit im Paper-Pen­cil-Ver­fahren 2.522 Menschen vom Mei­nungs­for­schungs­institut USUMA befragt. Um die Ein­stellung zum Krieg in der Ukraine analy­sieren zu können, wurde nach Beginn der repräsen­ta­tiven Er­hebung eine Online-Be­fragung mit 4.000 Pro­banden beim Mei­nungs­forschungs­ins­titut Bilendi & res­pondi in Auftrag ge­geben.

Alle Ergebnisse der aktuellen Autoritarismus-Studie sind soeben im Buch „Autoritäre Dynamiken in unsicheren Zeiten. Neue Heraus­forderun­gen – alte Re­aktionen?“ im Psy­cho­sozial-Ver­lag er­schienen.

(Text: Universität Leipzig)

Weitere Informationen:
http://uni-l.de/autoritarismus

http://www.kredo.uni-leipzig.de
http://uni-l.de/autoritarismus-faq

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