Fachgespräch (21.2.) und Konferenz (22./23.2.) zu „Antiziganismus und Film“ in Berlin
Das Thema „Antiziganismus und Film“ ist hochaktuell und eine tiefergehende Auseinandersetzung und Debatte dazu steht bislang aus. In den letzten Monaten gab es größere öffentliche Aufmerksamkeit und kritische Debatten zu gleich drei aktuellen Kinoproduktionen. Zum einen die inhaltliche Ausrichtung des Kinder- und Jugendfilms „Nellys Abenteuer“ (hier und hier) wie auch seine Produktionsbedingungen, die auf Einladung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma bei einem Fachgespräch in Berlin kontrovers diskutiert wurden. Zum anderen der französische Film „À bras ouverts“ („Hereinspaziert“), der bereits Anfang des Jahres in Frankreich eine Debatte über Rassismus im Kino auslöste und nun auch in Deutschland und Österreich stark kritisiert wird. Auch die Besetzung einer männlichen Hauptrolle in der geplanten Verfilmung von Mikey Walshs Memoiren „Gypsy Boy“ mit Benedict Cumberbatch hat in Großbritannien eine Diskussion über „Whitewashing“ im Kino angefacht.
Bereits seit Jahren ist das Thema „Roma“ und damit in vielfältiger Weise auch das Thema „Antiziganismus“ in der Filmbranche präsent. Filme wie „Epizoda u životu berača željeza“ („Aus dem Leben eines Schrottsammlers“), „Csak a szél“ („Just the wind“) oder „Aferim!“ erlangten Preise auf den großen Filmfestspielen. Aufwendige Kinoproduktionen wie „Sherlock Holmes: A Game of Shadows“ („Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“) oder „Chocolat“ („Chocolat – Ein kleiner Biss genügt“) bemühen antiziganistische Stereotype und verschiedenste Fernsehproduktionen der letzten Jahre und Jahrzehnte setzen sich gewollt oder ungewollt mit diesem Themenfeld auseinander. Erinnert sei nur an die kontroversen Diskussionen zu den Tatort-Folgen „Armer Nanosh“ (1989) und „Brandmal“ (2008). Filme, die explizit aus einer Romani-Perspektive produziert und erzählt werden, schaffen es hingegen selten über den Status des ‚Nischenfilms’ hinaus.
Ein Film von Didi, Jashko, Rikardo, Ferida, Elita, Melissa, Julia, Stefan, Nicola
Regie/Kamera/Schnitt: Leonore Kasper
Deutsch/Romanes/Serbisch, 11:14 Min.
ROMANO SUMNAL ist ein Portrait Leipziger Jugendlicher aus der Roma-Community. Sie sprechen über ihr Leben und ihre Zukunft. Aber auch über das „Wie Weiter?“ und die eigene Sicherheit in Zeiten von Abschiebungen. Alle sind sie bei Romano Sumnal – Verein für Roma in Sachsen aktiv.
Der Film ist Teil von RomaRespekt unter dem Dach von Weiterdenken und wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Leonore Kasper studierte bis 2013 Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und lebt in Leipzig. Sie ist als Mentorin und künstlerische Leitung für soziokulturelle Filmprojekte tätig und entwickelt eigene Filmarbeiten.
Zum zweiten Mal wird dieses Jahr in Deutschland der Amadeu-Antonio-Preis für kreatives Engagement für Menschenrechte – gegen Rassismus und Diskriminierung verliehen. Von der Amadeu-Antonio-Stiftung und der Stadt Eberswalde vergeben, würdigt der Preis kreatives künstlerisches Engagement für Menschenrechte. Zugleich erinnern wir mit dem Preis an den gewaltsamen Tod von Amadeu Antonio vor 27 Jahren und an die vielen weivteren Opfer rassistischer Gewalt seither. Insgesamt drei Preise werden am 28. November 2017 vergeben. Aus 60 Einreichungen der verschiedensten Genres wählte die unabhängige Jury nun die sieben Nominierten. Unter diesen das Theaterprojekt „Schluchten – Neue Nachbarn“ (entstanden in Kooperation von Nyx e.V. und dem Regionalverband deutscher Sinti und Roma Augsburg). Das Webmagazin Belltower.News stellt das nominierte Projekt vor:
„Es gehört bestimmt mehr Mut dazu, einem Fremden zu vertrauen, als seine Andersartigkeit abzulehnen.“ In Dorothea Schroeders Theaterprojekt „Schluchten – Neue Nachbarn“ geht es um Vorurteile und Vorbehalte gegen Sinti und Roma. In den Jahren 2015 und 2016 wurde es von Nyx e.V. in Zusammenarbeit mit dem Regionalverband deutscher Sinti und Roma Augsburg umgesetzt. Schauspieler, Sinti und Roma erzählten authentische Geschichten bei ihren Führungen durch das Augsburger Fischerholz. Alexander Adler, selbst Sinto, war einer von ihnen. Mit ihm sprach Fiona Katharina Flieder.
Wie ist das Projekt entstanden?
Alexander Adler: Ich vermute, dass anfangs das Ziel von Dorothea Schroeder war, einen Einblick in die vermeintlich abgeschottete Welt der Sinti und Roma zu gewähren. Ehemalige Wohnorte, Campingplätze sollten gezeigt, auf Missstände hingewiesen werden. Es sollte beleuchtet werden, woher das Misstrauen auf beiden Seiten kommt und wo die größten Defizite sind. Eine Tragödie, für die beide Seiten nichts können. Nach und nach zeigte sich jedoch anscheinend, dass es so einfach nicht ist. Das Projekt entwickelte sich weiter. Read the rest of this entry »
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erneuert Vorwurf des Antiziganismus gegen den Film „Nellys Abenteuer“. SWR zeigt sich uneinsichtig gegen berechtigte Kritik
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erneuert seine Kritik gegen den Kinderfilm „Nellys Abenteuer“ (wir berichteten), den der SWR jetzt vorgezogen ausstrahlen will. Der Zentralrat hatte am 14. September 2017 ein Fachgespräch in Berlin veranstaltet, an dem Vertreter der Filmindustrie, der Filmförderung sowie Wissenschaftler und Journalisten teilgenommen hatten. Vertreter des SWR sowie die Autoren und Beteiligten der Filmproduktion waren der Einladung nicht gefolgt. Auf der Grundlage des vom Zentralrat in Auftrag gegebenen Gutachtens von Pavel Brunßen, Technische Universität Berlin, teilten die Teilnehmer der Gesprächsrunde im Wesentlichen die Vorwürfe des Zentralrates. Der Film gebe Anlass, sowohl in den Gremien der staatlichen Filmförderung als auch beiden Filmschaffenden selbst über die Ethik des Filmemachens über Sinti und Roma nachzudenken. Dass die Reproduktion von antiziganistischen Stereotypen, wie sie in Nellys Abenteuer erfolgt, auch noch mit nahezu einer Million Euro Steuergelder finanziert wurde und jetzt auch noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wiederum finanziert aus öffentlichen Geldern, gesendet werden soll, sei kaum nachvollziehbar, resümierte Romani Rose für den Zentralrat.
Während dieses Fachgesprächs wurde von den Teilnehmern bis in die Details der Kameraführung hinein aufgezeigt, wie die antiziganistischen Bilder umgesetzt wurden: z.B. dokumentarische Kamera / Handkamera, wenn Roma gezeigt werden, versus Spielfilmkamera / Stativkamera, wenn Nelly oder ihre Familie auftreten. Gerade die Behauptung der Filmemacher, es sei doch ein Spielfilm, der künstlerische Freiheit reklamieren könne, wird durch den gleichzeitigen Anspruch auf dokumentarische Authentizität konterkariert. Während die Figur der Nelly durchaus eine Entwicklung durchläuft, bleiben die Roma-Figuren statisch, auch am Ende des Films bleiben sie als Kriminelle stehen.
Nellys Abenteuer stigmatisiert Roma als Kriminelle und Diebe. Im „Pädagogischen Begleitmaterial“ für Schulen werden die beiden wichtigsten Roma-Figuren, Roxana und Tibi, jeweils als kriminell vorgestellt : „Roxana ist 15 Jahre alt … Sie verdient ihr Geld mit ihrem Bruder durch Taschendiebstahl. … In einem Jahr soll sie verheiratet werden – mit dem Sohn von Hokus.“ Read the rest of this entry »
Radio RomaRespekt #14: Journey/Drom – Das Theater ist der Raum, den man sich nimmt
Sendung vom 7.1.2017: Das Stück „Journey/Drom“ (wir berichteten) funktioniert wie eine Fernsehshow, die unter Anwesenheit des Publikums aufgezeichnet wird. Es enthält Mixed-media-Elemente und ist in Englisch. Es wurde kollaborativ von allen Beteiligten produziert, die aus unterschiedlichen Ländern kommen. Wie in jeder Fernsehshow gibt es auch in Journey/Drom eine Showmasterin. Auf dieser Ebene führt die Showmasterin Brina Stinehelfer inszenierte Interviews mit den Schauspieler/innen, die den Umgang von Journalisten/innen mit Roma und Romnja in den Medien karikieren. Weitere Elemente der Show sind die True Stories – Schauspielszenen, in denen die Schauspieler/innen Akte einer fortlaufenden Geschichte spielen. Es geht um die Flucht einer Roma-Familie aus Serbien nach Deutschland, um die Abschiebung des Vaters, um seine Ankunft in Serbien, um Überlebensstrategien von Mutter und Kind in Deutschland und um die Rückkehr des Vaters nach Deutschland. Es handelt sich dabei um Geschichten, die unterschiedlichen realen Personen tatsächlich so passiert sind. Diese werden im Stück zu einer stringenten Geschichte verknüpft. Die Musik in der Sendung stammt von der ungarischen Band M&M, die auch in Journey/Drom live spielt, mit Ausnahme des „Pregnancy Rap“, der ist von Kristof Horvat und Mihaela Dragan.
Radio RomaRespekt #12: Giuvlipen – feministisches Roma-Theater aus Bukarest
Sendung vom 4.11.2016: Die feministische Theatergruppe Giuvlipen aus Bukarest hinterfragt rassistische, antiromaistische Stereotype. Ihre Stücke erzählen aber besonders von Erfahrungen mit Sexismus – egal, ob diese von Roma kommen oder aus der Mehrheitsgesellschaft. Mit ihren Stücken gehen sie in die Roma-Communities und regen Diskussionen an. Gleichzeitig richten sich ihre Stücke an Nicht-Roma/-Romnja, die mehr über Roma und Romnja wissen wollen. Giuvlipen produzieren Roma-Kultur ohne Kulturalismus.
Playlist: Ion din Dorobanți: Bambina / Fata de pe plaia / Regina tristetii Bogdan Artistu: Sunt femeie libere
Vom 19. bis zum 22. Oktober 2017 findet das erste Roma-Filmfestival AKE DIKHEA? in Berlin statt. Die Festivalfilme fokussieren sich auf das Leben von Roma in Europa – und setzen sich dabei kritisch mit der europäischen Gesellschaft auseinander.
Der Name ist Programm: Das Festival stellt die Frage „Ake dikhea?“ – übersetzt: „Na, siehst Du?“ Dabei wird gegen die Blindheit gegenüber der vielfältigen, komplexen Realität angekämpft, die den weit verbreiteten, stereotypen Vorstellungen über Roma und Sinti nicht entspricht. Die Schirmherrschaft der ersten Edition übernimmt Dr. Klaus Lederer, Senator für Europa und Kultur des Landes Berlin.
AKE DIKHEA? hebt Filme hervor, die antiziganistische Klischees kritisch reflektieren und bewusst dekonstruieren. Die in erster Reihe von Menschen handeln, und erst in zweiter Reihe von Roma. Damit setzt das Festival Maßstäbe.(Dr. Klaus Lederer)
Das Filmfestival, welches anlässlich des fünften Jahrestages der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Deutschlands stattfindet, stellt an die ausgewählten Filme drei Ansprüche: Authentizität, Individualität und gesellschaftliche Relevanz. Hamze Bytyci, künstlerischer Leiter des Festivals, betont, dass sich in der Filmlandschaft endlich eine neue, authentische Bildersprache durchsetzen müsse. Aus diesem Grund wurden Vorschläge für Festivalfilme von Roma aus ganz Europa angenommen, auch die Festivaljury wurde mehrheitlich mit Roma-Filmemacher/innen besetzt.
Mein Leben: ein Tanz (La Chana)
Dokumentarfilm von Lucija Stojevic, Spanien 2016, 83 Min.
Österreichischer Kinostart: 6. Okt. 2017
Musik, Leidenschaft, Tanz – das ist Flamenco. Die Kastagnetten, der unverwechselbare Beat, der Hüftschwung: „La Chana“ alias Antonia Santiago Amador inkorporiert all das, sie IST Flamenco. In den 1960er- und 1970er-Jahren war La Chana der Star des Flamenco, der Ruf eilte ihr bis nach Hollywood voraus. Doch dann, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, verschwand sie plötzlich von der Bühne. Was war geschehen? Über Archivmaterial und die mitreißenden Erzählungen der Tänzerin, die zum Drehzeitpunkt Ende 60 war, rekonstruiert LA CHANA ein Leben mit Höhen und Tiefen – und gibt, zuallererst, einer unglaublich charismatischen Frau die Bühne, die sie verdient. Ihre Füße sind heute noch die schnellsten auf dem Pakett – „La Chana“ lässt die Leinwand vibrierren. (Julia Teichmann)
Radijo Erba & TV Erba
Medienworkshop von Roma-Service & Karika
Ein Beitrag von Jennifer Papai
Khelipe khetan phandel
Erika Horvath, 61-jährige Romni aus Unterwart, erzählt im Interview, wie sie zum Tanzen und Schauspielern gekommen ist. Angefangen hat alles im Offenen Haus Oberwart (OHO). Schon immer bewunderte sie die alljährlich stattfindenden Tanztage, die von der bekannten Choreografin Liz King veranstaltet werden. Eines Tages nahm Erika ihren ganzen Mut zusammen und meldete sich für die Tanztage an. Dort präsentierte sie, gemeinsam mit anderen Roma-Tänzer/innen, in einer eigens dafür zusammengestellten Show die Kultur der Roma.
Erika Horvath, 61 berschengeri Romni Tenuerbatar, phukal ando vakeripe, sar oj uso khelipe taj uso schauschpil ali. Sa ando Pradimo Kher Erba (OHO) kesdintscha. Lake imar mindig o sako berscheskere khelipeskere divesa tecinahai, save la prindscharda korejografkijatar Liz King, kerde on. Read the rest of this entry »
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma appelliert an KIKA und SWR: antiziganistischen Kinderfilm „Nellys Abenteuer“ nicht senden
Der Film enthält nach Auffassung des Zentralrats massive antiziganistische Klischees und Stereotype, die ihn völlig ungeeignet für die Zielgruppe von Kindern machen. Die pädagogische Altersempfehlung empfiehlt den Film für Kinder von neun Jahren an und für die dritten Schulklassen. Bei der Fachtagung „Antiziganismus und staatliche Filmförderung“ in Berlin am 14. September stellte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma das Gutachten von Pavel Brunßen, Technische Universität Berlin, vor. Im Ergebnis der detaillierten Filmanalyse heißt es:
In Nellys Abenteuer werden Roma durchgehend als fremd und anders dargestellt. Dies ist konzeptionelle Grundlage des Films: Es soll ein scharfer Kontrast zwischen den ‚eckig‘ denkenden Deutschen und den ‚freiheitsliebenden‘ Roma hergestellt werden. Die Handlungen und Eigenschaften der Roma im Film erfolgen entlang einschlägiger antiziganistischer Topoi: Roma erscheinen demnach als Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Bettler, beim Aufführen ‚traditioneller‘ Tänze, als Kindesentführer usw. Roma in anderen Lebenssituationen, wie etwa in ‚regulären‘ Berufen oder als Studierende, werden im Film nicht gezeigt. […] Hängen bleibt jedoch das Bild von den kriminellen, unzivilisierten, disziplinlosen und triebgesteuerten Roma, die keine Moral kennen. Vor diesem Hintergrund ist es als besonders kritisch zu bewerten, dass der Film im Fernseh- oder Kinoprogramm aufgenommen wird und als Bildungsmaterial für Kinder und Jugendliche verwendet wervden soll. Die stereotypen Darstellungen des Films setzen sich im begleitenden Bildungsmaterial fort und provozieren pauschalisierende und essentialisierende Aussagen über Roma. (S. 19)
Prof. Urs Heftrich von der Universität Heidelberg konstatierte in seinen Anmerkungen zum Film, dass antiziganistische Klischees nicht aufgelöst, sondern im Gegenteil zementiert würden:
Nellys Abenteuer präsentieren die Roma, über ihre Charakterisierung als notorische Taschendiebe hinaus, als Handlanger zu einem Verbrechen, das nach § 239a StGB mit ‚Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft‘ wird: ‚Erpresserischer Menschenraub‘. Dass der Mastermind hinter diesem Plot kein Rom ist, dass dieser Mastermind (so Prof. Becker in seinem Statement) die Erwartung, Roma neigten zur Kindesentführung, in seinen Plot einkalkuliert und dass Nelly zuletzt mit Hilfe eines jungen Rom gerettet wird – all dies ändert nichts an der Tatsache, dass Roma (speziell Romamänner) im Film diejenigen sind, die das Verbrechen real durchführen. Read the rest of this entry »
Dokumentarfilm von Pia-Luisa Lenz
95 Min., Deutschland 2017 HEUTE: Das Erste, 30.8.2017, 23:15 Uhr
Im Spätsommer 2015 spalten drei Worte ein ganzes Land: Wir schaffen das. Millionen Bundesbürger engagieren sich für Asylbewerber. Anderswo brennen die Flüchtlingsheime, die Fremdenfeindlichkeit nimmt zu und die Regierung streitet über Obergrenzen und Sprachkurse für Geflüchtete. Willkommenskultur stand gestern im Mittelpunkt, nun geht es um Integration und die Frage, wie sie gelingen kann. Der 95-minütige Dokumentarfilm „Alles gut – Ankommen in Deutschland“ erzählt von zwei Kindern, die zu dieser Zeit mit ihren Familien nach Deutschland kamen: Djaner, 7, aus Mazedonien und Ghofran, 11, aus Syrien. Ihre Flucht endete in Hamburg, im gutbürgerlichen Stadtteil Othmarschen. Aber wie finden sich die beiden in ihrem neuen Leben zurecht?
Zwischen Hoffnung und Unsicherheit
Djaner ist mit seinem Bruder Mahmud und seiner depressiven Mutter vor Armut und Diskriminierung davongelaufen. An seinem ersten Tag an einer deutschen Grundschule geht für den Roma-Jungen ein Traum in Erfüllung. In seiner Heimat bedeutete Schule für ihn Angst vor Schlägen. Hier will Djaner dazugehören, wie Hunderttausende andere Flüchtlingskinder, die in Deutschland plötzlich beschult werden.
Dokumentarfilm von Bob Entrop und Orhan Galjus, 85 Min.
Der Radioreporter Orhan Galjus, geboren im Kosovo, reist durch Deutschland, Polen und das Kosovo. Er will wissen, warum die Sinti und Roma so lange über den Holocaust geschwiegen haben. Orhan spricht mit deutschen Sinti, die Auschwitz überlebt haben, und reist zu wenig bekannten polnischen Gedenkstätten. Mit dem Fortgang der Geschichte entfaltet sich das innere Drama des Protagonisten: Er befürchtet, dass künftige Generationen von ihren Wurzeln entfremdet werden. Was müssen sie tun, um Gehör zu finden? Warum verleugnen viele ihre Herkunft? Sieht insbesondere die junge Generation die Parallelen zwischen der historischen Verfolgung und Ausgrenzung und Diskriminierung in der Gegenwart?
Maxim Gorki Theater, Berlin:
Uraufführung am 14.9.2017
Weitere Termine: 15., 16., 17.9.2017 (Vorverkauf)
Die Geschichte der Roma ist eine der Verfolgung, Ausgrenzung und Diskriminierung. Die Anerkennung des Völkermords während des Nationalsozialismus erfolgte spät. Auch heute werden Roma Opfer von Hassverbrechen in Ungarn, Tschechien oder Deutschland. Antiziganistische Bilder werden in den Medien reproduziert und ein Diskurs über vermeintliche Armutsmigrant/innen schürt Ressentiments. Das Maxim Gorki Theater Berlin will in diese rassistischen Projektionen der Mehrheitsgesellschaft intervenieren und Roma in künstlerischen Werken sichtbarer machen. „Roma Armee“ ist Manifest, Theaterstück, Selbstermächtigung und Angriff. Die Idee des Stücks geht auf die Schwestern Simonida und Sandra Selimović zurück. Die beiden Romnija aus Serbien leben in Österreich und orientieren sich in ihren Aktionen an der Wiener Gruppe, sie arbeiten situationistisch und aktionistisch. Gemeinsam mit der israelischen Regisseurin Yael Ronen sowie weiteren Roma-Schauspieler/innen entwickeln sie das Stück. Nach Recherchen wie dem Besuch historischer Orte oder von Gerichtssälen, in denen über die Abschiebung von Roma-Familien befunden wird, entsteht im kollektiven Arbeitsprozess nach und nach die „Roma Armee“.
Künstlerische Leitung und Regie: Yael Ronen (IL)
Malerei / Artwork: Damian Le Bas, Delaine Le Bas
Mit Mehmet Ateşçi, Hamze Bytyci, Mihaela Drăgan, Riah May Knight, Lindy Larsson, Orit Nahmias, Sandra Selimović, Simonida Selimović
In einer Gegenwart, in der Europa droht in Neofaschismen abzudriften, beansprucht eine Gruppe von Schauspieler*innen eine Roma-Armee zu Selbstverteidigungszwecken. Eine schnelle Eingreiftruppe zum Kampf gegen strukturelle Diskriminierung, Rassismus und Antiziganismus, aber auch als Emanzipation aus einer internalisierten Opferrolle. Read the rest of this entry »
Großstadt-Zigeuner, Stummfilm, D 1932
Regie/Kamera/Schnitt: László Moholy-Nagy (1895-1946)
„Als László Moholy-Nagy 1932 seinen knapp zwölfminütigen Experimentalfilm in Berlin drehte, bestätigte er zwar das verbreitete Bild der Sinti und Roma, die sich als Wahrsagerinnen, Musiker und Bärenvorführende betätigten; doch zeigte er sie gleichzeitig als fröhliche und selbstbewusste Gemeinschaft. Moholy-Nagy konnte nicht ahnen, dass Sinti und Roma schon wenige Jahre später ebenso wie die europäischen Juden im Fadenkreuz der NS-Vernichtungspolitik stehen sollten.“ (Goethe-Institut)
„In seinem Film ,Großstadtzigeuner‘ aus dem Jahr 1932 porträtiert der ungarische Künstler, Medientheoretiker und Filmemacher László Moholy-Nagy die Mitglieder einer Roma-Gemeinschaft in Berlin. Er zeigt Männer beim Kartenspiel, Mädchen, die einander die Haare kämmen, streitende Frauen, ekstatische Musiker, ausgelassen tanzende Zuhörer. Immer näher lässt der Filmemacher seine Kamera an diese Menschen herangleiten, mehr und mehr bleibt sie dabei an Details hängen: an Händen, Füßen oder Gesichtern. Sie greift den Rhythmus der Bewegungen auf, wird so zum Teil des Geschehens. Aus den seltsamsten Blickwinkeln hat Moholy-Nagy seine Protagonisten gefilmt, oft von unten oder von schräg oben. Mal bewegen sie sich aus der Unschärfe in die Schärfe, mal aus dem Licht in den Schatten und umgekehrt. Read the rest of this entry »
Rike Reinigers „Zigeuner-Boxer“ basiert auf der Lebensgeschichte des sinto-deutschen Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann und zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie in Zeiten von Unterdrückung und Terror persönlicher Mut und verlässliche Freundschaft zum Tragen kommen können. Erzählt wird das Schicksal des Boxers aus Sicht seines Freundes Hans, der vom Kölner Schauspieler Andreas Kunz gespielt wird. Er erinnert sich an Rukelis spektakuläre Auftritte und seine großen Erfolge. 1933 war er Deutscher Meister geworden, doch der Titel wurde ihm wenige Tage später mit der Begründung aberkannt, sein tänzelnder und ausweichender Boxstil sei „undeutsch“. Aus Protest färbte sich Rukeli vor seinem nächsten Kampf die Haare blond und kalkte sich die Haut weiß. So stieg er als Karikatur eines Ariers in den Ring, um die Schläge seines Gegners deckungslos hinzunehmen, bis er zu Boden ging. In Rückblicken erzählt Hans den letztlich aussichtslosen Kampf seines Freundes um seine Karriere und sein Leben (Anm. d. Red.: Trollmann wurde 1944 in einem Außenlager des KZ Neuengamme ermordet),
Das speziell für ein jugendliches Publikum konzipierte Theaterstück ermöglicht einen sehr emotional angelegten Zugang in die Zeit des Nationalsozialismus und zeigt anhand einer historisch verbrieften Lebensgeschichte, wie staatlicher Willkür und Gewalt jedes Recht auf ein menschenwürdiges Dasein zum Opfer fällt.
Das „Deutsche Sport- & Olympia-Museum“ bietet spezielle Aufführungen für Schulklassen in gleichsam authentischem Ambiente, nämlich in seinem Box-Ring, an. Hier beleuchten auch einige ausgewählte Exponate die Geschichte von Johann „Rukeli“ Trollmann.
ARTE: Di., 18. Juli 2017, 21.45 Uhr Online: 18. Juli bis 25. Juli 2017
Reportage von Samuel Lajus, 91 Min., F/2017
Das schlechte Image von Roma ist dominant in ganz Europa und existiert seit Jahrhunderten. Warum begegnet die Mehrheitsbevölkerung gerade dieser Minderheit mit so viel Hass und Misstrauen? Die Filmemacher gehen in ganz Europa der Frage nach, weshalb sich Klischees und Vorurteile gegen Roma bis heute hartnäckig halten.
„Die Lage der Roma in den EU-Staaten ist heute schlimmer als im Kommunismus“, erklärt Georges Soros, US-amerikanischer Milliardär ungarischer Herkunft. Trotz der Milliardeninvestitionen der EU in Eingliederungsmaßnahmen hat sich also nichts geändert. Im Gegenteil: Seit dem Mauerfall scheint sich die Situation stetig zu verschärfen. Wie konnten die europäischen Institutionen so kläglich scheitern? Warum verließen nach dem Sturz von Nicolae Ceausescu über 15 Prozent aller Rumänen ihre Heimat? 2014 strengte die EU-Kommission ein Verfahren gegen die Tschechische Republik an, um Roma-Kindern besseren Zugang zu Bildung zu verschaffen. Warum besucht dort ein Viertel aller Roma-Kinder Schulen für Menschen mit geistigen Behinderungen, was zu ihrer sozialen Ausgrenzung führt? Im ungarischen Miskolc gewann die Partei Fidesz – Ungarischer Bürgerbund, der Premierminister Viktor Orbán vorsteht, die Wähler mit dem klaren Versprechen, „das Roma-Ghetto aufzulösen, um die Stadt lebenswerter zu machen“. Doch die Roma wurden nicht umgesiedelt, sondern einfach verjagt. Der zweifelhafte Umgang mit der Roma-Minderheit ist kein osteuropäisches Phänomen. Auch in Italien, Frankreich und Schweden sind Räumungen von Roma-Lagern, Diskriminierung und Ausgrenzung an der Tagesordnung. Nur in Berlin, wo die Roma so zahlreich sind wie in ganz Frankreich, scheinen sie ihren gesellschaftlichen Platz gefunden zu haben. Was lief hier anders als bei den europäischen Nachbarn?
In der Komödie „Die Migrantigen“ setzt Rabie Peric-Jasar den Putzfrauen ein Denkmal. Eine Würdigung.
Wiener Zeitung, 25.6.2017. Von Solmaz Khorsand
Wien. Der Besen. Damit hat Rabie Peric-Jasars Mutter immer gedroht. Er gehörte zum Horrorszenario, das sie beschworen hat, wenn ihre Kinder nicht gehorcht haben: „Wenn du nicht lernst, wirst du Putzfrau. So wie ich.“ Bis zu ihrer Pension hat sie Büros in Skopje geputzt. Sie, die Analphabetin, deren Vater sie nicht zur Schule schicken wollte. Sie, die Roma-Frau, die prompt zur Direktorin marschierte, wenn eines ihrer fünf Kinder von der Lehrerin diskriminiert wurde. Sie, die Mutter, die ihre Tochter durch das Sportgymnasium drillte, damit sie sich nicht eines Tages durch das Leben anderer kehren muss.
Rabie Peric-Jasar lächelt. Ausgerechnet als Putzfrau macht die 58-Jährige nun Karriere. Und zwar auf der großen Leinwand. In Arman T. Riahis Spielfilmdebüt „Die Migrantigen“ rund um zwei Wiener, die für eine TV-Serie „echte Ausländer“ mimen sollen, spielt sie das Migrantenklischee schlechthin.
rbb/Presseaussendung – In Berlin haben die Dreharbeiten zu „Eine Braut kommt selten allein“ unter der Regie von Buket Alakus („Einmal Hans mit scharfer Soße“) nach einem Drehbuch von Laila Steiler („Die Opfer – Vergesst mich nicht“, 2. Teil der NSU-Trilogie im Ersten) begonnen. Es ist der erste deutsche Fernsehfilm, in dem die Lebenswirklichkeit der Roma im Mittelpunkt steht. Unverstellt, wertfrei und ohne Scheu vor unangenehmen Wahrheiten erzählt der Film, wie die Romni Sophia (Michelle Barthel) dem vom Leben enttäuschten Johnny (Paul „Sido“ Würdig) zuerst den Kopf verdreht und dann ihre 16-köpfige Großfamilie bei ihm einquartiert.
Zum Inhalt:
Eines Tages sitzt sie vor seiner Tür. In ihrem roten Hochzeitskleid und den abgelatschten Turnschuhen. Sie spricht nicht seine Sprache, sie ist ihm eigentlich zu jung, sie entstammt einer vollkommen anderen Welt, sie liebt auch anders als er – und doch werden die beiden ein Paar. Johnny, gescheiterter Clubbesitzer, und Sophia, die Romni. Ob sie wirklich von ihrer Hochzeit abgehauen ist, tatsächlich direkt aus Belgrad kommt, ihn wahrhaftig so liebt, wie sie behauptet? Johnny weiß es nicht. Und irgendwann ist es ihm auch egal. Er ist sogar bereit, ihre Eltern einzuladen, als Sophia Heimweh hat. Aber damit gerät sein ohnehin kompliziertes Leben völlig aus den Fugen, denn es kommen nicht nur Mama und Papa zu Besuch … In einer Mischung aus Märchen und Reportage nimmt die Komödie Klischees und Vorurteile aufs Korn, erzählt von Lüge, Wahrheit, Überforderung und der Kraft der Liebe.
Über die Produktion:
„Eine Braut kommt selten allein“ ist eine Produktion von Bavaria Fernsehproduktion Berlin im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg für Das Erste. Das Drehbuch stammt von Laila Stieler. Die Bildgestaltung übernimmt Andreas Höfer. Die Redaktion verantwortet Cooky Ziesche. Für Hauptdarsteller Paul „Sido“ Würdig ist es aufgrund seiner Sinti-Wurzeln (mehr hier und hier) eine Herzensangelegenheit, bei diesem Film mitzuwirken. Read the rest of this entry »