Mit dem Mop ins Rampenlicht

Juni 26th, 2017  |  Published in Film & Theater

Seit 17 Jahren arbeitet Rabie Peric-Jasar im echten Leben als Muttersprachenlehrerin. (© Solmaz Khorsand)In der Komödie „Die Migrantigen“ setzt Rabie Peric-Jasar den Putz­frau­en ein Denk­mal. Eine Wür­digung.

Wiener Zeitung, 25.6.2017. Von Solmaz Khorsand

Wien. Der Besen. Damit hat Rabie Peric-Jasars Mutter immer ge­droht. Er ge­hörte zum Horror­szena­rio, das sie be­schwo­ren hat, wenn ihre Kin­der nicht ge­horcht haben: „Wenn du nicht lernst, wirst du Putzfrau. So wie ich.“ Bis zu ihrer Pen­sion hat sie Büros in Skopje ge­putzt. Sie, die An­alpha­be­tin, deren Vater sie nicht zur Schule schicken woll­te. Sie, die Roma-Frau, die prompt zur Di­rek­to­rin mar­schier­te, wenn eines ihrer fünf Kin­der von der Lehre­rin dis­kri­mi­niert wurde. Sie, die Mutter, die ihre Toch­ter durch das Sport­gymna­sium drillte, damit sie sich nicht eines Ta­ges durch das Le­ben ande­rer keh­ren muss.

Rabie Peric-Jasar lächelt. Ausgerechnet als Putzfrau macht die 58-Jährige nun Kar­riere. Und zwar auf der großen Lein­wand. In Arman T. Riahis Spielfilm­debüt „Die Migran­ti­gen“ rund um zwei Wiener, die für eine TV-Serie „echte Aus­länder“ mimen sol­len, spielt sie das Migran­ten­kli­schee schlecht­hin.

Als Putzfrau Romana unterstützt sie die zwei Pro­ta­gonis­ten bei ihrer Mis­sion. Mal serviert sie dem leicht­gläu­bi­gen Fernseh­team als miss­han­delte Alibi-Mut­ter Kaffee, mal moppt sie den zwei Möchte­gern­gangs­tern als Kom­pli­zin den Weg frei.

Improvisiert habe sie dabei, erzählt Peric-Jasar. Ihre Nervo­si­tät war nicht ge­spielt, sagt sie. Das wilde Fuchteln mit den Armen, die auf­ge­ris­se­nen Augen, die bockige Art, wie sie die Medien­schnösel im ge­bro­che­nen Deutsch zur Räson ruft, wenn sie ihr nicht den Respekt zollen, der ihr zu­steht, als sie mit dem Staub­sauger den Arbeits­rhyth­mus der ach so wich­ti­gen Medien­leute zu stören wagt.

Kein anbiederndes Solidaritätspathos

Eigensinnig ist diese Romana und laut. Und sie ist sicht­bar. Alles, was eine Putzfrau nicht sein darf. Weder im wahren noch im fik­ti­ven Leben. In beiden Wel­ten ist sie nur auf eine Rolle ge­bucht, und zwar jene der ver­schwom­me­nen stum­men Hinter­grund­kom­par­sin, die nur putzen, putzen tut. „Wir sind im­mer die Frauen, die nicht stören dür­fen. Wir müs­sen die Arbeit ma­chen, aber am besten un­sicht­bar“, kri­ti­siert Peric-Jasar.

Sie sitzt im Wohnzimmer ihrer Wohnung im 20. Bezirk und fal­tet die Hosen und T-Shirts, die sie ihrem Enkel am Vor­mit­tag ge­kauft hat. Es er­müdet sie. Denn es ist Ramadan und die gläu­bige Muslimin fastet. Es fällt ihr schwer. Auch der Dreh im Vor­jahr, fiel in die Fasten­zeit. „Das war schon an­stren­gend“, sagt sie und seufzt. Aber sie hielt durch. Ihr Typ war schließ­lich ge­fragt.

„Ich wollte zeigen, wer wir sind. Und dass man auch un­sere Arbeit respek­tie­ren muss und nicht immer nur wir Putz­frauen die Arbeit der an­deren“, sagt sie.

Wenn sie von „Wir“ spricht, ist es kein anbiederndes Soli­da­ri­täts­pathos. Rabie Pe­ric-Ja­sar hat selbst als Putzfrau ge­arbei­tet, als sie vor 20 Jahren mit ihrem ers­ten Mann, einem Musiker, von Skopje nach Wien ge­zogen ist. „Das hat weh­getan“, sagt sie heute. Sie, die stolze Frau, die Pädagogik stu­diert hatte und als diplo­mierte Kinder­gärtnerin von Kol­legen und Direk­toren in ihrer Heimat respek­tiert wurde, muss­te sich hier in Wien von einer Haupt­schüle­rin als „Zigeunerin“ beim Putzen herum­kom­man­die­ren las­sen. „Sie konnte nur Deutsch, aber hatte sonst keine Aus­bildung“, er­zählt Peric-Jasar. Sie schüt­telt den Kopf. Bis heute ver­zeiht sie ihrer eins­ti­gen Chefin nicht das respekt­lose Ver­halten.

Respekt. Dieses Wort wiederholt Peric-Jasar oft. Heute wür­den sie alle respek­tie­ren. Ihre Kol­legen und Vor­gesetzten in den zwei Schulen im 15. Bezirk, wo sie seit 17 Jah­ren als Muttersprachen­lehrerin Serbo­kroatisch, Mazedonisch und Romanes un­ter­rich­tet. Ihre Mit­streiter im Roma-Verein Romano-Centro, wo sie als Obfrau tätig ist. Und natür­lich das Team vom Dreh. So viel Respekt hat ihr der Re­gisseur ent­gegen­ge­bracht. Und der Pro­du­zent. Und sogar ihr Kol­lege, Josef Hader, mit dem sie ge­mein­sam ge­ges­sen hat. Alle haben sie so ge­schätzt, wieder­holt sie immer wieder. „Ich ver­stehe das gar nicht“, sagt sie.

Nie hätte sie gedacht, dass sie es auf die Leinwand schafft. Ihren bis­herigen Erfolg als Laien­dar­stel­lerin hat sie dem Zufall zu ver­danken. Bei einer Theater­vor­stel­lung in ihrer Schule wurde eine Regie­assis­ten­tin auf die rup­pige Lehrerin auf­merksam. Prompt wurde sie als Groß­mut­ter für den Kinder­film „Das Pferd auf dem Balkon“ gecastet. Vor einem Jahr durf­te sie dann in Josef Haders „Wilde Maus“ mit­spie­len. Auch hier in der Rol­le der Putz­frau. Am Set lern­te sie Aleksandar Petrovic kennen, der neben Faris Rahoma, die Haupt­rolle in den „Migran­ti­gen“ spielt. Be­kniet habe sie der junge Mann, doch die Rolle der Putz­frau Ro­ma­na zu über­neh­men. Peric-Jasar fühlte sich ge­schmei­chelt und sagte zu.

Beständig durch die Kleinkariertheit

Sie ist die einzige Migrantin in den „Migrantigen“. Die an­de­ren Frauen­rollen wur­den mit autochtho­nen Öster­rei­che­rin­nen besetzt. Peric-Jasar weiß um die­sen Status. Das ulti­ma­ti­ve Stereotyp war einer Migrantin vor­be­hal­ten. Und das wuss­te sie zu brechen.

In einer Szene putzt sie in einem ORF-Schnittraum. Bestän­dig wischt sie mit ihrem Staub­wedel durch die Klein­kariert­heit und pro­vin­ziel­len Standes­dünkel der an­we­sen­den Cutter. So lange, bis sie ka­pi­tu­lie­ren und auf Kaffee­pause gehen. Das Feld ist damit ge­räumt für die zwei Pro­ta­go­nis­ten. Nun können sie ihre Mission er­füllen. Und Putz­frau Ro­ma­na schaut ihnen lä­chelnd über die Schul­ter. Mit dem Blick fest in die Kamera. Wenn auch nur wenige Se­kun­den. Die Bot­schaft ist an­ge­kom­men: Die ver­schwom­me­ne Hinter­grund­kompar­sin hat sich er­folg­reich in den Vor­der­grund gemoppt.

(Text: Wiener Zeitung, 25.6.2017 | Wir danken der Autorin Solmaz Khorsand für die freund­li­che Ge­neh­mi­gung.)

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