Von der Filmkulisse ins KZ: Das Schicksal der Gefangenen im ‚Zigeunerlager’ Maxglan[→Schattenorte: Podcast der Salzburger Nachrichten]
Im Podcast „Schattenorte“ beleuchten die SN-Redakteurinnen Anna Boschner und Simona Pinwinkler die dunkle Geschichte in Stadt und Land Salzburg. Die aktuelle Folge behandelt das Salzburger NS-Zwangslager Maxglan: „Mehr als 200 Roma und Sinti waren während der NS-Zeit in Leopoldskron-Moos in einem Anhaltelager inhaftiert. Darunter Männer, Frauen und Kinder. Nur wenige überlebten“, heißt es in der Ankündigung zum Podcast vom 30. Jänner:
Aus der Sendungsankündigung:
„[...] Im als ‚Zigeunerlager Maxglan‘ bezeichneten Zwangslager waren bis zu 250 Frauen, Männer und Kinder inhaftiert. Es herrschte Arbeitszwang. Einige von ihnen wurden für den Film ‚Tiefland’ von Leni Riefenstahl als Komparsen eingesetzt. Bis zuletzt behauptete die deutsche Regisseurin, die Nazi-Propagandafilme drehte, nichts von dem Schicksal der Menschen gewusst zu haben. Der Historiker Roland Cerny-Werner„ hat sich mit der Aufarbeitung des Films beschäftigt und erklärt im Podcast, warum die Unwissenheit Riefenstahls unglaubwürdig erscheint. Wie hat die Salzburger Bevölkerung auf die Entrechtung der Roma und Sinti reagiert? Und was geschah mit den Insassen? Darüber sprechen Historikerin Erika Thurner und Historiker Gert Kerschbaumer in dieser Podcastfolge.“
Im Februar und März 2022 veranstaltet das Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz-Universität in Kooperation mit dem Bildungsforum gegen Antiziganismus, der Hochschule Hannover und der Kommunalen Hochschule für Verwaltung in Niedersachsen die Online-Vortragsreihe „Freizügigkeit für alle? Institutioneller Rassismus und EU-Migration“.
Freizügigkeit für alle? Diese Frage bewegt seit der sogenannten EU-Osterweiterung nicht nur die mediale Öffentlichkeit, sondern sie beunruhigt darüber hinaus auch Politik und Behörden. Als Gegenbewegung zum Abbau der Grenzen innerhalb der EU hat sich europaweit ein neuer Rassismus herausgebildet, der sich in Deutschland in erster Linie gegen eine als „Armutszuwanderung“ stigmatisierte EU-Migration aus Rumänien und Bulgarien richtet. Rassismus besteht nicht nur darin, unerwünschte Andere als minderwertig zu stigmatisieren. Er begründet weitergehend auch institutionelle Strategien ihres gesellschaftlichen Ein- und Ausschlusses und dient in letzter Konsequenz somit dazu, sie als rechtlos zu definieren.
In der Vortragsreihe „Freizügigkeit für alle?“ beleuchten wir im Austausch von Wissenschaft und Praxis die Mechanismen und Wirkungsweisen des Rassismus im EU-Binnengrenzregime: Warum werden die Kommunen zu entscheidenden migrationspolitischen Akteuren in der erweiterten Union? Weshalb entwickelt sich in diesem Kontext das Sozialrecht zu einem Instrument des Ausschlusses und der Migrationskontrolle? Und inwiefern strukturieren rassistische Deutungsmuster institutionelle Praktiken des Ein- und Ausschlusses von Unionsbürger*innen?
Gemeinsame Erklärung von Staats- und Regierungsspitze, Opposition, IKG und Vertretern der Roma und Sinti
Am Gedenktag anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz lud die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) Vertreter der Republik, die Staats- und Regierungsspitze, Parlamentsparteien und Volksgruppenverteter der Sinti und Roma am 27.1.2022 zu einer Gedenkzeremonie in der Shoah-Namensmauern-Gedenkstätte im Wiener Ostarrichipark. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verabschiedeten untenstehende Erklärung unisono. Als Ehrengast war der israelische Außenminister Yair Lapid als Zeichen der Verbundenheit zwischen Österreich und Israel anwesend.
Gemeinsame Erklärung, am 27. Jänner 2022
„Heute vor 77 Jahren befreiten Soldaten der sowjetischen Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Mehr als eine Million Menschen hatten die Nationalsozialisten dort ermordet. Doch der Holocaust, die Shoah, der Porajmos, waren damit noch nicht beendet. Das Morden ging weiter. Auch auf österreichischem Boden, etwa im Konzentrationslager Mauthausen.
Im Rahmen der Initiative #WeRemember gedenken wir aller Opfer, die aus antisemitischen, rassistischen, homophoben, politischen und anderen Gründen verfolgt, gequält und ermordet wurden. Aus der Erinnerung erwächst die Verantwortung, uns immerwährend und aktiv gegen Antisemitismus, Romafeindlichkeit, Fremdenfeindlichkeit und jegliche Form der Diskriminierung zu stellen. Dies ist ein Auftrag an die gesamte Republik Österreich; an alle Menschen, die hier leben.
Wir alle sind gefordert, Zivilcourage zu zeigen, zu widersprechen, wenn antisemitische, romafeindliche oder fremdenfeindliche Worte fallen. So nehmen wir die Verantwortung, die sich aus dem Gedenken ableitet, tatsächlich wahr; im Interesse einer lebendigen und vielfältigen Demokratie und aller nachkommenden Generationen.“
Unterzeichnet von: Bundespräsident Alexander Van der Bellen
Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka
Bundeskanzler Karl Nehammer
Vizekanzler Werner Kogler Read the rest of this entry »
Gedenken für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas am Denkmal in Berlin – Romani Rose erinnert bei virtueller Gedenkveranstaltung des Europarats mit Blick auf den Holocaust daran, dass die Gefahr des Antiziganismus auch heute eine Gefahr für die Angehörigen der Minderheit ist.
Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens der Opfer des Holocaust und des 77. Jahrestages der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 gedenken der Zentralrat und das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma bei zwei Veranstaltungen an die 500.000 ermordeten Sinti und Roma Europas und an alle Menschen, die der nationalsozialistischen Willkürherrschaft zum Opfer fielen. In Berlin wird gemeinsam mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ein virtuelles Gedenken am Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas organisiert. Der Vorsitzende des Zentralrats Romani Rose nimmt auf Einladung von Generalsekretärin Marija Pejčinović Burić mit einer Videobotschaft an der virtuellen Gedenkveranstaltung des Europarats teil.
Die virtuelle Gedenkveranstaltung des Europarats in Brüssel ist am 27.1. ab 14.00 Uhr auf der Homepage des Europarats abrufbar: www.coe.int
Eine Beziehungsgeschichte von Jüdinnen/Juden und Romnija/Roma von der NS-Zeit bis heute. Vortrag von Ari JOSKOWICZ, Historiker an der Vanderbilt University und Senior Fellow am Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien (VWI)
Datum: 27.1.2022, 15:00 bis 17:00 Uhr
Ort: Haus der Geschichte Österreich, Neue Burg
Heldenplatz, 1010 Wien
Vor den 1930er Jahren hatten Jüdinnen/Juden und Romnija/Roma fast überall in Europa wenig enge Kontakte. Dennoch fanden sie sich als Opfer von NS-Vernichtungspolitiken nebeneinander, wurden Zeug/innen der Verfolgung und Ermordung der jeweils anderen Gruppe und hatten nach 1945 ähnliche geschichtspolitische Forderungen. Das Resultat ist eine Geschichte der distanzierten Verwicklungen, die dieser Vortrag nachzeichnet. Er analysiert die Entwicklung der getrennten, aber ähnlichen Erfahrung, die ihren Anfang nimmt in Ghettos wie Lodz und Warschau oder in Lagern wie Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg fanden sich Überlebende beider Gruppen zunehmend über die Archivpolitik verbunden. So waren jüdische Institutionen, Historiker/innen, Anwälte früher als andere an der Wissensproduktion und am Publikmachen des Roma-Holocaust beteiligt. Dennoch blieb es lange Zeit eine ungleiche Beziehung: fast überall wo Roma/Romnija sich für Gedenktafeln, Denkmäler, Forschungsstätten und Archive zu ihrer Vergangenheit eingsetzt hatten, gab es schon ein jüdisches Pendant. Letztlich wurden jüdische Archive auch zu den zentralen Aufbewahrungsorten von Romani-Zeitzeug/innenberichten.
Jahrhundertprojekt zu 100 Jahre Burgenland: Land und Volksgruppen stellen Weichen für „Haus der Volksgruppen“ in Oberwart. Landeshauptmann Doskozil, burgenländische Volksgruppenvertreter und Bürgermeister Georg Rosner unterzeichneten „Letter of Intent“
Ein Meilenstein in der Volksgruppenpolitik des Burgenlandes wurde am Freitag mit der gemeinsamen Unterzeichnung eines Letter of Intent besiegelt: Das Land Burgenland wird gemeinsam mit Vertretern aller Volksgruppenorganisationen ein „Haus der Volksgruppen“ im früheren Städtischen Internat von Oberwart errichten. Damit soll der Beitrag der Volksgruppen zur Identität, Geschichte und Gegenwart des Burgenlands gewürdigt und ein neues Kapitel in der Volksgruppenpolitik aufgeschlagen werden, betonte Landeshauptmann Hans Peter Doskozil. „Wir realisieren gemeinsam ein Jahrhundert-Projekt zum 100-jährigen Jubiläum des Burgenlands. Im Jubiläumsjahr haben wir das Miteinander in das Zentrum unserer Feierlichkeiten gestellt. Gleichzeitig haben wir in konstruktiven Gesprächen dieses wichtige Vorhaben vorbereitet, das jetzt in die Umsetzung gehen kann. Das ‚Haus der Volksgruppen‘ wird ein einzigartiger Ort der kulturellen Vielfalt und Begegnung sein.“
Neben der Ausrichtung von Veranstaltungen und Festen innerhalb und mit den Volksgruppen soll im neuen Zentrum verstärkt auf intensive Jugendarbeit und Integration gesetzt werden. „Dieses Haus wird einerseits koordinierende Stelle innerhalb der Volksgruppen sein, andererseits ist es nach außen ein sichtbares Zeichen der Wertschätzung und des Miteinanders. Daher wird es auch öffentlich zugänglich sein und Platz für Information, Schulungen, Workshops und Feste bieten“, so der Landeshauptmann.
Das Haus der Volksgruppen wird den Burgenländisch-Ungarischen Kulturverein, den Kroatischen Kulturverein im Burgenland, das Roma-Service, das hkdc – Kroatisches Kultur- und Dokumentationszentrum sowie die VHS der Roma und die VHS der Ungarn beheimaten. Durch die gemeinsame Örtlichkeit wird die Entstehung neuer Projekte erleichtert. Read the rest of this entry »
24.1.2022: Ausstellungseröffnung im Kulturhaus der Sinti und Roma in Mannheim
„… vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig …“ – Die Verfolgung mitteldeutscher Sinti und Roma im Nationalsozialismus
Kulturhaus RomnoKher, B 7, 16, 68159 Mannheim
24.1.2022 bis 28.2.2022
Das Kulturhaus RomnoKher zeigt einzigartige Fotografien von Männern, Frauen und Kindern, die wenige Jahre später beinahe alle dem Völkermord an den Sinti und Roma Europas zum Opfer fielen. Doch diese Bilder zeugen von gegenseitigem Respekt zwischen den Fotografierten und dem Fotografen. Sie sind völlig anders als die gleichzeitigen Darstellungen in der nationalsozialistischen Propaganda.
Zwischen 1932 und 1939 fotografierte Hanns Weltzel mitteldeutsche Sinti und Roma in Dessau-Roßlau. Der in Roßlau lebende Fotojournalist pflegte freundschaftliche Beziehungen zu den Familien. Bis 1938 konnte er Artikel über Sinti und Roma in der Anhaltischen Presse veröffentlichen. Zudem stand er mit der „Gypsy Lore Society“, deren Sitz sich in Liverpool befand, im Kontakt und schrieb Artikel für deren Journal. So gelangten schon damals erste Fotografien nach Liverpool. Der gesamte Bestand von ca. 200 Fotografien befindet sich heute in der Bibliothek der Universität Liverpool.
Anfang 1938 wurden Sinti und Roma aus Dessau-Roßlau und ganz Anhalt in das „Zigeunerlager am Holzweg“ in Magdeburg gezwungen. Dieses Internierungslager hatte die Stadt Magdeburg 1935 am Stadtrand errichtet. Im Juni 1938 wurden zahlreiche Männer und männliche Jugendliche in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Damit begann das Auseinanderreißen der Familien, die Hanns Weltzel fotografiert hatte. Bald trafen erste Todesnachrichten aus Konzentrationslagern in Magdeburg ein. Mit der Verhaftung aller Menschen mit romanessprachigen Hintergrund in Magdeburg am 1. März 1943 und deren Deportation nach Auschwitz einen Tag später wurde das Lager am Holzweg aufgelöst.
Eve Rosenhaft, Professorin an der Universität Liverpool, und Jana Müller vom Alternativen Jugendzentrum Dessau sind der Geschichte dieser einzigartigen Fotos nachgegangen – zunächst unabhängig voneinander, dann gemeinsam. Im Gedenken an die Opfer des Völkermords und in engem Austausch mit den Überlebenden und ihren Nachfahren ist eine Wanderausstellung entstanden.
„… vergiss die Photos nicht, das ist sehr wichtig …“ – Die Verfolgung mitteldeutscher Sinti und Roma im Nationalsozialismus dokumentiert die Lebens- und Leidenswege der Familien Laubinger, Lauenburger, Thormann, Stein, Steinbach und Ansin. Auch über Erna Lauenburger, das Vorbild für die bekannte Romanfigur Unku, die Hanns Weltzel mehrfach in Dessau-Roßlau ablichtete, berichtet die Ausstellung. Read the rest of this entry »
Falsche Gerüchten über Roma, die Kinder stehlen würden, um deren Organe zu verkaufen, führten 2019 in Frankreich zu über 30 Angriffen auf Roma.
No Roses on a Sailor’s Grave
Dokumentarfilm von Daniel Oron (Regie) und John Henry Phillips
Go Button Media, UK 2020, 83 Min.
In einem Dokumentarfilm und einem Buch berichtet der Engländer John Henry Phillips von einer ungewöhnlichen Freundvschaft und dem letzten Wunsch eines Seemanns. Aber eigentlich erzählt er viel mehr. Was das alles mit Roma zu tun hat, lesen Sie in der neuen Ausgabe unseres Magazins dROMa.
So o rodipe pal jek phagerdo hajo pedar o Roma phukal
Ande jek dokumentacijakero film taj ande jek kenva phukal o britanitiko John Henry Phillips jeke barikane pajtaschtschagostar taj le lejcti kivanipestar jeke hajaschistar. Tschatschikan, ov ham buteder phukal.
Nisaj koja, adaj upro Roma te gondolinel mukel: Jek terno mursch pomoschinel jeke britanitike marinejakere veteraniske (94) leskere haburiskere traumaha ando tschatschipe te al. Uso aunavipe andi Normandija 1944 leskero hajo upre jek mina upre naschtscha taj le pajtaschenca tel gelo. Jek trauma, savo le phure, savo bojd korkore buter te dschal na dschanel, ham le dschuvlenge mindig jek vodschikano probo hi, leskero cilo dschivipe vodinel.
Leskero pajtaschi John Henry Phillips kamla le na lakle hajaschtschenge jek gondolipeskero bar te kerel taj vaschoda upro drom pe kerel, o phagerdo hajo ando Ärmelkanal te rodel. Ov historikertschen taj bare pajiskere archejologtschen mobilisirinel, andi Normandija ladel taj muguli te tauchinel siklol – mindig vodim jeka kameratar.
O dokumentacijakero film No Roses on a Sailor’s Grave (reschi: Daniel Oron), savo andral kerdo ulo, akan jerim upro festivaltscha sikado ol, lejctivar uso filmiskero kurko „Ake dikhea?“ ande Berlin. Ham andi maschkarutni cajt o John o materijal te jeka kenvake prik butschalintscha: The Search akan bojd use Robinson ande London ari al. Read the rest of this entry »
Was die Suche nach einem Schiffswrack über Roma erzählt
In einem Dokumentarfilm und einem Buch berichtet der Engländer John Henry Phillips von einer ungewöhnlichen Freundschaft und dem letzten Wunsch eines Seemanns. Aber eigentlich erzählt er viel mehr.
Nichts lässt hier an Roma denken: Ein junger Mann hilft einem englischen Marineveteranen (94), mit seinem Kriegstrauma ins Reine zu kommen. Bei der Landung in der Normandie 1944 war dessen Boot auf eine Mine aufgelaufen und mitsamt seinen Kameraden in den Fluten versunken. Ein Trauma, das den pfiffigen Alten, der zwar kaum noch alleine gehen kann, doch für die Damen stets einen charmanten Scherz parat hat, ein Leben lang begleitet.
Sein Freund John Henry Phillips will den verschollenen Seemännern einen Gedenkstein errichten und macht sich auf, das Schiffswrack im Ärmelkanal zu suchen. Er mobilisiert Historiker und Meeresarchäologen, fährt in die Normandie und lernt sogar tauchen – stets begleitet von einer Kamera.
Der Dokumentarfilm No Roses on a Sailor’s Grave (Regie: Daniel Oron), der daraus entstanden ist, wird derzeit erfolgreich auf Festivals gezeigt, zuletzt bei der Roma-Filmwoche „Ake dikhea?“ in Berlin. Doch inzwischen hat John den Stoff auch für eine Buchveröffentlichung adaptiert: The Search erscheint demnächst bei Robinson in London.
Unter der Oberfläche
Auf den ersten Blick verrät nichts an dieser Geschichte – nicht das Sujet, nicht der Ort, nicht die Protagonisten –, dass hier zugleich auch die Geschichte einer Minderheit verhandelt wird. Mit keinem Wort erfährt man, dass der junge Mann der englischen Roma-Minderheit angehört.
Unter der Oberfläche enthält die Erzählung aber Motive, die seltsam bekannt anmuten. Denn alles hier kreist um das Trauma der Weltkriegsjahre und um den Versuch, einem vergessenen Schicksal Gehör zu verschaffen. Es geht um Anerkennung und ein würdiges Gedenken: Wenn John beim Bürgermeister eines französischen Küstenstädtchens vorstellig wird, um eine Gedenkfeier für die britischen Soldaten vorzuschlagen, erinnert das frappierend an Szenen im slowakischen Film Wie ich Partisanin wurde (siehe dROMa 62) – mit dem Unterschied, dass John bei dem Franzosen offene Türen einrennt.
Auch das titelgebende Seemannsgrab hat seine Entsprechung in den Erfahrungen der Roma: Read the rest of this entry »
Esther Reinhardt-Bendel über stereotype und antiziganistische Darstellungen in den Medien
Esther Reinhardt-Bendel ist politische Medienaktivistin und Mitbegründerin der Initiative Sinti-Roma Pride. Sie setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Sinti und Roma ein und ist Vorsitzende der Bundesvereinigung deutscher Sinti und Roma, die sich 2021 als Zusammenschluss und Dachverband verschiedener Vereine gegründet hat.
Deutschland: Rassismusvorwürfe gegen Hessischen Rundfunk
Wir geben im Folgenden eine Aussendung des Fördervereins Roma in Frankfurt am Main wieder:
In einem Beitrag von „hr“-Fernsehen vom 21.12.2021 zum Thema „Bettelmafia“ instrumentalisiert die Hessenschau Unterstellungen und Vorurteile in einer Sendung, die ohne das Wort „Roma“ zu nennen, zielgerichtet den Hass gegenüber der Minderheit schürt.
Trotz Informationen über die Gründe zu betteln, nämlich Elend, mangelhafte Versorgung und Ausgrenzung, kolportiert das Magazin genau platzierte Bilder, in denen Behauptungen über eine sogenannte Bettelmafia stets mit der schemenhaften Darstellung, die Roma-Frauen erkennen lassen, verbunden werden. Selbst die Ausführungen einer Mitarbeiterin des Landeskriminalamtes und des Leiters einer innerstädtischen Hilfeeinrichtung, die beide den Begriff negieren, Ursachen beschreiben und erklären, dass es keine Anhaltspunkte für eine „Bettelmafia“ gibt, haben keine korrektive Wirkung.
Maßgabe für den rassistischen Beitrag ist allein die dominierende Betrachtungsweise der Redaktion, die sich auf die Eigenschaften osteuropäisch, dunkle Hautfarbe, lange Röcke beschränkt und zur Bestätigung eine beschwerdeführende Bettlerin und einen aufmerksamen Flaschensammler anführen, die genau im Gegensatz zu dem konstruierten Bild stehen. Die Widersprüche können nicht offensichtlicher sein: einerseits die Assoziation Roma, Migranten, kriminell und andererseits deutsch, ehrlich und hilfsbedürftig. Eine Anschauung, die aus dem Giftschrank der Menschenverachtung stammt.
Der Förderverein Roma hat in der Vergangenheit wiederholt (wir berichteten) auf die diskriminierende Berichterstattung der Hessenschau hingewiesen und ein Gespräch mit dem ehemaligen Chefredakteur Theisen geführt. Änderungen hatte das nicht zur Folge. Read the rest of this entry »