Wissenschaft

Neuerscheinung: Zwei Welten

August 8th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Wissenschaft

CoverZweiWeltenArnold Weiß/Jakob Michelsen/Moritz Terfloth/Boris Weinrich: Zwei Welten. Sinti und Roma – Schritte zur Anerkennung als NS-Verfolgte und antiziganistische Kontinuität, hrsg. vom Landesverein der Sinti in Hamburg e. V., Metropol Verlag: Berlin 2022, 280 S.

Zur Arbeit des Landesvereins der Sinti in Hamburg als Interessen­ver­tretung und Anlauf­stelle für die Sorgen und Nöte der Men­schen gehört es auch, Ursachen und Grund­lagen der fort­währen­den Dis­kriminie­rung und Aus­grenzung unserer Minderheit zu er­forschen. „Zwei Welten“ ist der Versuch einer Gegen­über­stellung. Einer­seits sollen die wahr­nehmbaren Fortschritte in der gesell­schaftli­chen Anerkennung der Sinti als im National­sozialismus ver­folgte Minderheit in den letzten 70 Jahren gezeigt werden. Dem gegen­über steht die an­dauernde und systema­tische Aus- und Beforschung über 1945 hinaus. Für diese Kontinuität steht beispiel­haft der Arzt und Professor Hermann Arnold (1912–2005). Er trat das geistige Erbe von Robert Ritters Rassen­hygienischer Forschungs­stelle an, deren Mit­arbeiter:innen während der NS-Zeit, unter an­derem in Hamburg, Sinti und Roma be­forscht und ge­quält haben und deren Forschungen die Grund­lage für die an­schlie­ßend er­folgten Deporta­tionen bildeten. Als Wissen­schaftler, Amts- und Ge­fängnis­arzt führte Arnold die syste­ma­tische Erfassung und rassistische Kate­gorisie­rung der Sinti und Roma weiter. An­hand aus­ge­wählter Dokumente aus seinem Nachlass im Bundesarchiv werden Arnolds Netzwerke und die Konti­nui­tät der NS-„Zigeuner­forschung“ in der Bundes­republik auf­ge­zeigt.

(Text: metropol-verlag.de)

Die Prüfung der Wiedergutmachungsberechtigung der Zigeuner und Zigeu­ner-Misch­linge […] hat zu dem Ergebnis geführt, daß der ge­nannte Personen­kreis über­wiegend nicht aus rassischen Gründen, son­dern wegen seiner asozialen und kriminellen Haltung ver­folgt und in­haftiert worden ist.“
Das Wiedergutmachungsamt von Württemberg-Baden, 1950; siehe S. 145.

„1 Pers.; leichter Zigeunereinschlag; besser nichts anbieten!“
Vermerk einer norddeutschen Wohnungsgenossenschaft, 2019; siehe S. 197.

(Zit. in: zentralrat.sintiundroma.de)

Facts & Figures (434)

Juli 11th, 2022  |  Published in Facts & Figures, Wissenschaft

Im Mai 2018 erschien die ers­te Aus­gabe der neu­en in­ter­dis­zipli­nä­ren Fach­zeit­schrift Critical Romani Studies.

(Quelle)

Tief verwurzelt auch in der Forschung

Mai 30th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Radio, Podcast & TV, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Deutschlandfunk Kultur: Rassismus gegen Sinti und Roma

Zeitfragen. Feature, 5.5.2022 (35 min)
Sendung von Christian Bernd

Rassismus gegen Sinti und Roma hat Tradition in Deutschland – auch in der Wissen­schaft. Sie zeich­nete bisher ein stereo­types Bild. Jetzt wollen Forschende, die der Min­der­heit an­ge­hören, ihre eige­ne Perspektive ein­bringen.

(Text und Beitrag: Deutschlandfunk Kultur)

SENSIRO: Schtudija usi Roma strategija

Mai 9th, 2022  |  Published in Politik, Radijo/TV Erba (Tschibtscha), Wissenschaft

Radijo ErbaRadijo Erba & TV Erba

Tschibtscha | 9.5.2022 | 9:23 min

Strategie zur Inklusion der Rom*nja in Österreich

I erschti Roma strategija le anaveha bisch bisch, dujeseri taj dscheujek kes­dintscha taj o phari­pes­kere punktscha sina atschipe, sika­dipe, sastipe taj butjake­ri politik. So, taj sar ada kerdo ulo taj so dschi­jakana ari alo, akan ando pro­jekto SENSIRO, jek schtudija le institu­tiske la socijalogijake, la uni­ver­site­tatar Betsch, upre dim ulo ar te butscha­linel. Schtar schel dschene la flogos­kera grupnatar le Romen­dar min­den­felitike phutscha­jitscha usi schtu­dija uschtidine. I pro­jektis­keri grupn ando farajn Roma-Service pumen talinde pedar i schtu­dija te vakerel. Trin grupn kerde ule, save pumenge falati la schtu­di­jatar aun te diken taj pedar poroti tschito te ol. Paloda o arajipe le khetan be­schi­pestar ande jek pisi­nipes­kero lil ande te fojnel. Soske aja schtudija la flogos­kera grupnake schaj barikano hi dschanel o profesori Chrtistoph Reinprecht. O arajipe la schtudi­jatar taj o angletscha­lajiptscha le dschenendar, save use aja schtudija butscha­linde ando schtarto okto­beri ando bunda­kero birovtscha­go Betschiste pre­sentirim te ol.

SENSIRO ist ein Projekt, das die natio­nale Stra­tegie zur Er­höhung der sozialen Inklusion der Rom*nja, die 2011 ver­ab­schiedet und deren Fort­setzung vor kurzem be­schlos­sen wurde, un­ab­hängig eva­luiert. Ziel der Evaluie­rung ist es, heraus­zu­finden, ob und in­wiefern die vom Bundeskanzleramt definierten Wirkungsziele erreicht wurden. Read the rest of this entry »

Holocaust-Autobiografien von Roma (2020)

Mai 3rd, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Wissenschaft

Universität Wien Katrin Kühnert (2020): „Holocaust-Auto­bio­gra­fien von Roma. Dar­stel­lungs­formen der Ver­fol­gung und Ver­nich­tung wäh­rend des Natio­nal­sozia­lis­mus“

Masterarbeit, Universität Wien (Philo­lo­gisch-Kultur­wis­sen­schaft­li­che Fa­kultät), 108 S.

→Download der UB Wien (pdf)

Abstract:

Der Holocaust spielt als geteilte Leidenserfahrung nicht nur für die kollektive Gruppen­identität der Roma eine bedeu­tende Rolle, son­dern ist auch bis heute das domi­nierende Thema ihres Schreibens. Die Literatur dieser größ­ten ethnischen Minder­heit Europas ist dabei häufig autobiografisch be­ein­flusst, im deutsch­sprachigen Raum stellt die Autobiografie gar die domi­nierende Äuße­rungs­form dar. Während Juden und Jüdin­nen bereits während des NS-Massen­mordes begin­nen, ihre Ver­folgungs­erfahrungen auf­zu­zeichnen, und somit beim späteren Schreib­beginn der Roma schon etablier­te Standards be­stehen, folgt ihr Erzählen diesen nicht durch­gängig, sondern es ent­steht ein eigenes Narrativ, über den NS-Genozid zu berichten. Die vor­liegende Arbeit iden­tifiziert mittels qua­litativer Text­analyse typolo­gische Analogien auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene in fünf Auto­biografien von Holo­caust-Über­lebenden. Der Text­korpus setzt sich aus Ilona Lackovás A false dawn (1997, Slowa­kei/Tschechien), Otto Rosenbergs Das Brennglas (1998, Deutschland), Mongo Stojkas Papierene Kinder (2000, Österreich), Edward Dębickis Totenvogel (2004, Polen) und Zoni Weisz’ Der vergessene Holocaust (2016, Nieder­lande) zusammen. Read the rest of this entry »

Online-Vortragsreihe: Freizügigkeit für alle?

Januar 30th, 2022  |  Published in Internet & Blogothek, Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

Freizügigkeit für alle?Im Februar und März 2022 veranstaltet das Insti­tut für Di­dak­tik der Demo­kra­tie der Leibniz-Uni­ver­sität in Ko­ope­ra­tion mit dem Bil­dungs­forum gegen Anti­ziganis­mus, der Hoch­schule Hannover und der Kom­mu­na­len Hoch­schule für Ver­wal­tung in Nieder­sachsen die On­line-Vor­trags­reihe „Frei­zügig­keit für alle? Inst­itu­tio­nel­ler Ras­sis­mus und EU-Migra­tion“.

Freizügigkeit für alle? Diese Frage bewegt seit der sogenannten EU-Ost­erwei­terung nicht nur die mediale Öffent­lich­keit, son­dern sie be­unruhigt darüber hinaus auch Politik und Be­hörden. Als Gegen­bewegung zum Abbau der Grenzen inner­halb der EU hat sich europa­weit ein neuer Rassismus heraus­ge­bildet, der sich in Deutschland in ers­ter Linie gegen eine als „Armuts­zu­wan­derung“ stig­mati­sierte EU-Migra­tion aus Rumänien und Bulgarien rich­tet. Rassis­mus besteht nicht nur darin, un­erwünsch­te An­dere als minder­wertig zu stig­mati­sieren. Er be­gründet weiter­gehend auch institu­tio­nelle Strate­gien ihres gesell­schaft­li­chen Ein- und Aus­schlusses und dient in letzter Kon­sequenz somit dazu, sie als recht­los zu de­finieren.

In der Vortragsreihe „Freizügigkeit für alle?“ beleuchten wir im Aus­tausch von Wissen­schaft und Praxis die Mechanis­men und Wir­kungs­weisen des Rassismus im EU-Bin­nen­grenz­regime: Warum werden die Kom­munen zu ent­scheiden­den migrations­politi­schen Akteuren in der er­weiter­ten Union? Weshalb ent­wickelt sich in diesem Kon­text das Sozialr­echt zu einem Instru­ment des Aus­schlusses und der Migrations­kontrolle? Und inwie­fern struktu­rieren rassisti­sche Deutungs­muster institutio­nelle Prak­tiken des Ein- und Aus­schlusses von Unions­bür­ger*innen?

Die Vortragsreihe im Überblick:

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Getrennte Erfahrung, geteilte Erinnerung

Januar 26th, 2022  |  Published in Geschichte & Gedenken, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

Ari Joskowicz (Foto: Vanderbilt University)Eine Beziehungsgeschichte von Jüdin­nen/Juden und Rom­ni­ja/Roma von der NS-Zeit bis heute. Vortrag von Ari JOSKOWICZ, Histori­ker an der Van­der­bilt Uni­ver­sity und Senior Fel­low am Wie­ner Wie­sen­thal-Ins­ti­tut für Holo­caust-Stu­dien (VWI)

Datum: 27.1.2022, 15:00 bis 17:00 Uhr
Ort: Haus der Geschichte Österreich, Neue Burg
Heldenplatz, 1010 Wien

Vor den 1930er Jahren hatten Jüdinnen/Juden und Rom­ni­ja/Ro­ma fast über­all in Europa wenig enge Kon­takte. Dennoch fanden sie sich als Opfer von NS-Ver­nich­tungs­politi­ken neben­einander, wur­den Zeug/in­nen der Ver­fol­gung und Er­mordung der jeweils an­deren Gruppe und hat­ten nach 1945 ähn­liche geschichts­politi­sche For­derun­gen. Das Resultat ist eine Geschichte der dis­tan­zierten Ver­wick­lungen, die dieser Vortrag nach­zeichnet. Er analy­siert die Ent­wicklung der ge­trennten, aber ähn­lichen Erfahrung, die ihren Anfang nimmt in Ghettos wie Lodz und Warschau oder in Lagern wie Auschwitz-Bir­kenau. Nach dem Krieg fanden sich Über­lebende beider Grup­pen zu­nehmend über die Archiv­politik ver­bunden. So waren jüdische Institu­tio­nen, Histo­ri­ker/in­nen, Anwälte früher als andere an der Wissens­produk­tion und am Publik­machen des Roma-Holo­caust be­teiligt. Dennoch blieb es lange Zeit eine un­gleiche Be­ziehung: fast über­all wo Roma/Rom­nija sich für Gedenk­tafeln, Denkmäler, Forschungs­stätten und Archive zu ihrer Ver­gangen­heit ein­g­setzt hatten, gab es schon ein jüdisches Pen­dant. Letzt­lich wurden jüdische Archive auch zu den zentra­len Auf­bewah­rungs­orten von Romani-Zeit­zeug/in­nen­berich­ten.

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Bayern: Polizei erforschte „Landfahrerstelle“

Dezember 15th, 2021  |  Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Präsentation der Forschungsarbeit von Eveline Diener in München (Foto: Bayerisches Landeskriminalamt)Zentralrat begrüßt Beginn der Auf­ar­bei­tung der Nach­kriegs­ge­schich­te des Bayeri­schen Lan­des­kri­mi­nal­amts durch die Be­hörde

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, hat auf der Presse­kon­ferenz des Bayeri­schen Landes­kriminal­amts in München die histo­rische Arbeit von Kriminal­haupt­kom­mis­sarin Eveline Diener kritisch be­leuch­tet, die dort der Öffent­lich­keit vor­gestellt wurde. Die Arbeit be­schäftigt sich mit der Geschichte und perso­nellen Kon­ti­nui­tä­ten der beim BLKA an­ge­siedel­ten „Landfahrerstelle“ bis zu deren Auf­lösung im Jahr 1965. Rose for­dert weiter­füh­rende Unter­suchun­gen der Kontinuität auch über 1965 hinaus durch un­ab­hän­gi­ge Historiker.

Romani Rose lobte auf der Pressekonferenz, an der neben der Autorin auch der Prä­si­dent des Bayeri­schen LKA Harald Pickert teil­nahm, die Forschungs­arbeit von Eveline Diener und das BLKA dafür, dass es sich nun diesem Teil seiner Ge­schich­te stellt:

Eveline Diener hat in ihrer Arbeit eine Vielzahl an Quellen, die der For­schung bisher in weiten Teilen un­zu­gäng­lich waren, er­schlossen, durch­gearbeitet und analy­siert. Sie kann damit den bisher äu­ßerst lücken­haften Kenntnis­stand zur frühen Bayeri­schen ‚Landfahrer­stelle‘ enorm er­weitern und em­pirisch unter­füttern. Bei­spiels­weise war 1963 mit 11.092 Fa­milien­akten mit ca. 55.000 er­fass­ten Per­so­nen bei der ‚Landfahrerstelle‘ ein enor­mer Daten­bestand an­ge­legt. Das BLKA hat mit dieser nun vor­ge­legten For­schungs­arbeit die Forde­rung des Zentralrats an die Polizei­behörden der Länder um­gesetzt und be­gonnen, ihre Geschichte in den Grün­dungs­jahren der Bundes­republik Deutschland auf­zu­arbeiten. Da mit der Auf­lösung der „Land­fahrer­stelle“ im Jahr 1965 die rassisti­sche Sonder­erfassung von Sinti und Roma auch nicht im BLKA ge­endet hat, kann die heute vor­gestellte Arbeit nur ein Anfang sein. Aus un­serer Sicht muss es nun auch eine weiter­führende Unter­suchung der Kon­tinui­tät nach 1965 durch un­ab­hän­gige Historiker folgen.

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Ignorierter Völkermord: Belarus 1941–1944

Dezember 8th, 2021  |  Published in Geschichte & Gedenken, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

Deutschland: Ausstellung über den NS-Genozid in BelarusAusstellung in Göttingen: Ignorierter Völkermord. Der Genozid an den Roma in Belarus 1941–1944

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren be­gann auch die Ver­nichtung der sowje­tischen Roma. Der Genozid der deutschen Besatzer an den Roma ist dabei weder im kollek­ti­ven Gedächtnis der bela­russischen noch der deutschen Be­völkerung ver­ankert. Die Aus­stellung „Igno­rierter Völker­mord“ spiegelt die Erin­nerung der Zeit­zeug/in­nen an die Verbrechen, die ihnen von den Besatzern an­getan wurden, enthält histo­rische Überblicks­texte zum Ablauf des Völker­mords, seiner Auf­arbeitung und zum Thema Rassismus gegen Roma. Thema­tisiert werden Über­lebens­strate­gien und Widerstand, Re­aktio­nen der Mehr­heits­bevöl­kerung und Er­inne­rungs­politik.

Die Ausstellung ist vom 16.12.2021 bis 27.1.2022 im Foyer des Neuen Rat­hauses in Göt­tin­gen, Hiro­shima­platz 1–4, während seiner Öff­nungs­zeiten zu se­hen. Read the rest of this entry »

Podcast: Elisabeth Tauber über Anthropologie

Oktober 13th, 2021  |  Published in Radio, Podcast & TV, Wissenschaft

Elisabeth Tauber (Foto: Freie Universität Bozen)Südtirol: Dreiteilige Vorlesungsreihe zur so­zi­a­len Anthro­po­lo­gie und die For­schun­gen zu Sinti und Roma von Eli­sa­beth Tauber

RadioUni: Podcast-Reihe von Rai Südtirol und der Freien Uni­ver­si­tät Bozen

→Teil 1, Einführung, 27.3.2021 (mp3, 22:36 min)
→Teil 2, Sendung vom 3.4.2021 (mp3, 20.:41 min)

→Teil 3, Sendung vom 10.4.2021 (mp3, 20:17 min)

„Sinti und Roma sind seit Jahrhunderten ein Teil Europas und damit ein Teil von uns“, schreibt die Anthro­pologin Elisabeth Tauber in einer dieser Minder­heit ge­widme­ten ge­bun­de­nen Aus­gabe der Arunda/Lö­wen­zahn. Und weiter: „Viele Sinti und Roma haben keinen Wert darauf gelegt, Monu­mente und Doku­mente, das heißt für alle sicht­bare und zugäng­liche Erinnerung zu hin­ter­lassen. Sie haben sich in diese Welt ein­gefügt, ohne sich ihr auf­zu­drängen. Nun liegt es an uns, ihre Präsenz mit der not­wendi­gen Acht­samkeit der Spuren­suche aus­zu­loten.“

Elisabeth Tauber ist Kulturanthropologin. Sie lehrt und forscht an der Fakultät für Bildungs­wis­sen­schaf­ten der Freien Universität Bozen. In ihrer ersten von drei Radio­vor­lesungen führt sie uns in die Wissen­schaft der Anthro­po­logie ein und lehrt uns, die ver­schie­denen spezi­fi­schen Disziplinen inner­halb dieser zu unter­schei­den. Elisa­beth Tauber spricht in ihrer zwei­ten Radio­vorlesung über die anthro­polo­gische For­schung zu Sinti und Roma. Heute ist diese Forschung eine etablier­te Disziplin, aber lange Zeit spielten theo­re­tische Arbeiten zu Sinti und Roma keine Rolle in der Anthropologie. Die For­scherin hat für ihre eige­nen anthro­po­lo­gi­schen Studien zu Sinti und Roma im italieni­schen Staats­archiv und im Süd­tiro­ler Landesarchiv ge­forscht und ist auf wert­volles Material der öster­rei­chisch-un­gari­schen Gendarmerie ge­stoßen: Read the rest of this entry »

Online: Schulbücher und Antiziganismus

September 28th, 2021  |  Published in Dokumente & Berichte, Jugend & Bildung, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Schulbuchforschung in Deutschland: Eckert. Dossier Bd. 3Imke Rath und Riem Spielhaus:
Schulbücher und Antiziganismus

Zur Darstellung von Sinti und Roma in aktuellen deutschen Lehrplänen und Schulbüchern (=Eckert. Dossiers, vol. 3/2021), hrsg. vom Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, [Braunschweig] 2021. [CC BY 3.0]

→zur Download-Seite | →zur Projektseite

Das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für inter­natio­nale Schul­buch­for­schung hat im Auf­trag der Un­abhän­gigen Kom­mis­sion Anti­ziganis­mus eine Expertise über die Dar­stellung von Sinti und Roma in deut­schen Schulbüchern er­stellt. Diese ist ab sofort online ver­füg­bar.

Imke Rath und Riem Spielhaus analysie­ren in der Exper­tise Schul­bücher aus den Fächern Geschichte, Politi­sche Bildung und Erdkunde, die 2019 in weiter­füh­ren­deb Schulen der 16 deut­schen Bundes­länder Teil der Lehrpläne waren. Die Wis­sen­schaft­lerin­nen unter­such­ten die in den Lehrplänen vor­ge­schla­ge­nen Themen sowie den Kontext, in dem Schulbücher Sinti*zze und Rom*nja er­wähnen. Ein beson­deres Augen­merk der qualitativen Schulbuch­analyse liegt auf dem Ver­hältnis zwi­schen passiven und aktiven Dar­stellungen von Sinti und Roma. Aber auch auf dominan­ten Mustern ihrer Darstellung, wie der Re­präsen­ta­tion als Gruppe von Außenseitern oder als passive Opfer ohne die Fähig­keit zu handeln oder sich gegen Ver­folgung zu wehren. Unter­sucht wurde auch der Umgang mit ab­werten­den Begriffen in Schul­büchern, ein­schließ­lich solcher, die abwertende Bezeich­nungen explizit thema­tisieren und als Aus­druck von Herrschafts- und Aus­grenzungs­praktiken ein­ordnen.

Die Expertise dokumentiert markante Darstellungen von Sinti und Roma in den Schulbüchern, um auf Poten­ziale zur dis­krimi­nie­rungs­sensib­len bzw. rassismus­kritischen Re­präsen­tation zu ver­weisen. Die Be­stands­aufnahme diente der Un­abhängigen Kommis­sion Anti­ziganis­mus als Grund­lage für Empfeh­lungen für die weitere Ent­wicklung von Lehr­plänen und Schulbüchern, die im Juni 2021 dem Deut­schen Bundestag in einem Bericht vor­gelegt wurden. Read the rest of this entry »

Fake News, Hoaxes, Manipulationen

September 11th, 2021  |  Published in Einrichtungen, Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Re-ACTAntiziganismus und Antisemitismus online – For­schungs­er­geb­nis­se des Pro­jekts Re-ACT (Re­mem­ber and Act!)

Hass, Gewalt und Ausgrenzung: Beide Gruppen, jüdische Menschen und Roma, wer­den als eine „Bedro­hung“ in und für die Gesell­schaft wahr­ge­nom­men. Seit dem Mittelalter bis heute sind Roma und Juden tra­ditio­nel­le Sündenböcke. Diese und an­dere Er­kennt­nisse prä­sen­tieren die analy­tischen und ver­glei­chen­den Studien, die im Rahmen des inter­natio­na­len Pro­jekts Remember and ACT! (Re-ACT) er­stellt wur­den, welches sich auf die Ervforschung „alter“ Hass­kon­zepte in ihren modernen Formen kon­zentriert.

Das Projekt wird von der Organisation ROMEA zusammen mit dem Inter­natio­na­len Netz­werk gegen Cyber-Hass (INACH), der fran­zösi­schen NGO LICRA und dem öster­reichi­schen Forschungs­unter­neh­men SYNYO durch­ge­führt.

Die von INACH für Kontinentaleuropa erstellte Analyse von hass­erfüll­ten On­line-Posts hat gezeigt, dass starke Ver­bindungen zwi­schen aktuel­len Hassreden im Internet und den Prakti­ken, welche üb­lich für Nazi-Pro­pa­ganda waren, be­stehen. Ziel der im Rah­men des Re-ACT-Projekts er­stellten Studien ist es, die Mechanis­men zu be­leuchten, mit denen alte Stereo­typen, Halb­wahrheiten und Mythen über Juden und Roma wieder­ver­wertet werden. Die Studien zielen darauf ab, die Prinzi­pien zu erläu­tern, die dem Wieder­aufleben dieser tief ver­wurzel­ten anti­jüdischen oder An­ti-Ro­ma-Ein­stel­lungen zu­grunde liegen, und zu zeigen, wie diese neuen Formen der­selben sich wieder­holen­den fremden­feind­lichen Ideen online in mo­dernen Formen existie­ren, ins­beson­dere in den sozialen Medien.

Antiziganismus

Nach den Erkenntnissen der im Projekt tätigen Analysten ist es offensichtlich, dass Anti­ziganis­mus online auf dem Vor­marsch ist. „Der Trend ist eine kon­tinuier­liche Normalisie­rung von Hassreden gegen Roma. Solche Reden werden heute nicht nur von Mit­glie­dern ultra-rech­ter Gruppen ver­breitet, sondern auch von ‘norma­len’ Men­schen oder Main­stream-Par­teien“, sagen Selma Muhič Dizdarevič und Jitka Votavová, die Autorin­nen der Studie über Anti­ziganismus.

„Fake News, Hoaxes und Manipulationen werden als Instrumente zur Verbreitung von Hass ein­gesetzt. Auch der Trend zu so­genann­tem humor­vollem Rassismus nimmt zu und schafft einen Cocktail aus Ironie, Spott und Erniedri­gung, der vor allem für junge Men­schen attraktiv ist“, so die Autoren. Read the rest of this entry »

Roma-Strategie: Evaluierungsprojekt läuft an

Juni 16th, 2021  |  Published in Einrichtungen, Politik, Wissenschaft

Evaluierungsprojekt Sensiro angekaufenSENSIRO – Studie zur Evaluierung der nationalen Stra­te­gie zur In­klu­si­on der Rom*nja in Ös­ter­reich

Sensiro ist ein Projekt, das die nationa­le Stra­te­gie zur Er­hö­hung der sozia­len Inklu­sion der Rom*nja, die 2011 ver­ab­schie­det wur­de, und deren Fort­set­zung vor kur­zem be­schlos­sen wurde, un­abhän­gig evaluiert. Ziel der Evaluie­rung ist es, heraus­zu­finden, ob und in­wie­fern die vom Bundes­kanzler­amt defi­nierten Wir­kungs­ziele er­reicht wurden.

Österreich hat sich zur Umsetzung der Strategie verpflich­tet. Die Strategie zur Erhöhung der Inklusion be­steht aus ver­schieden­artigen Maß­nahmen in den Bereichen Bildung, Arbeits­markt, Be­kämpfung von Antiziganismus, Empower­ment von Rom­nja sowie der Rom*nja-Ju­gend, Stärkung der zivil­gesell­schaft­lichen Struktu­ren der Rom*nja und Par­tizi­pation.

Ziel der Studie ist es, herauszufinden, welche Folgen die Maß­nahmen, die seit 2011 zur Stärkung und Er­mäch­ti­gung der Roma und Romnja in Österreich ge­setzt wurden, hatten. Die Studie wird vom Institut für Soziologie der Uni­ver­sität Wien in Zu­sammen­arbeit mit den Ziel­gruppen durch­geführt. Ihre Erfah­rungen und Sicht­weisen, die im Rahmen der Studie er­hoben werden, bilden die Grund­lage für eine Bewertung und Weiter­ent­wicklung der Strategie.

Das Projekt besteht unter anderem aus einer um­fassenden Befragung wesent­licher Akteur*innen (aus der Zivil­gesellschaft) und Ver­antwort­licher und mit der Um­setzung der Strategie Be­trauter. Außer­dem ist eine groß­flä­chi­ge Fragebogen­erhe­bung mit An­gehöri­gen der Zielgruppen in ganz Österreich ge­plant. Es gibt unter­schiedliche Möglich­kei­ten, beim Pro­jekt mit­zu­wirken: einer­seits durch das Führen oder Geben von Interviews für die Frage­bogen­erhe­bung, an­derer­seits durch das Be­suchen von Workshops und Ver­anstal­tun­gen und in Ver­bindung damit das Ein­bringen von An­regun­gen und Feedback, damit eine kon­tinuier­liche Diskussion und Weiter­ent­wicklung des Pro­jektes ge­währ­leistet werden kann.

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Deutschland: Bericht fordert Perspektivwechsel

Juni 3rd, 2021  |  Published in Dokumente & Berichte, Einrichtungen, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

Konstituierung der Expertenkommission Antiziganismus, Berlin  27.3.2019 (Foto:© BMI/Bero via Zentralrat)Bericht der Un­ab­hän­gi­gen Kom­mis­si­on Anti­zi­ga­nis­mus for­dert grund­le­gen­den Perspek­tiv­wech­sel in der Ge­sell­schaft, eine „Wahr­heits­kom­mis­sion“ über das Un­recht der Ver­gan­gen­heit und An­ti­zi­ga­nis­mus-Be­auf­trag­te in den Län­dern. Tagung am 4./5. Juni.

Antiziganismus stellt ein massives gesamt­gesell­schaft­li­ches Problem in Deutsch­land dar. So lautet das Re­sümee des Berichts der Un­abhän­gigen Kom­mission Anti­ziganis­mus, der vom Deutschen Bundestag in Auf­trag ge­geben wurde. Die zentra­len Inhalte des Kommis­sions­berichts wer­den am 4. und 5. Juni 2021 bei einer Online-Ver­anstal­tung prä­sentiert. Der Bericht stützt sich auf 15 aktuel­le, von der Kom­mis­sion initi­ierte Studien. Sie greifen beson­ders die Perspek­tiven der Be­trof­fenen auf. Hierfür wurden breite empiri­sche Er­hebun­gen durch­geführt.

Antiziganistischer Rassismus ist eine „all­um­fassende Alltags­erfah­rung für Sin­ti_ze und Rom_nja“, so die Kom­mission. Der Bericht kons­ta­tiert ein „Versagen deut­scher Politik, deut­scher Gesetz­gebun­gen und deren Rechts­anwendung“. Unter­sucht wurde Anti­ziganis­mus bei­spiels­weise in kom­muna­ler Ver­wal­tung, Schul­büchern und Polizei. Meh­rere empi­rische Studien weisen hier insti­tu­tio­nel­len Anti­ziganis­mus nach.

Die Kommission fordert eine umfassende Strategie gegen Anti­ziganis­mus. „Wir brauchen einen grund­le­genden Perspek­tiv­wechsel in der deutschen Ge­sell­schaft, der die struk­turel­len Ursachen des Problems in den Blick nimmt.“ Ent­schei­dend sei in diesem Kontext auch eine „Politik der nach­ho­len­den Gerech­tig­keit“, „die das seit 1945 be­gan­gene Unrecht gegen­über Über­lebenden und deren Nach­kommen aus­gleicht“. Zudem for­dert die Kom­mis­sion, „effek­tive und nach­haltige Par­tizipa­tions­struktu­ren für die Com­munitys der Sin­ti_ze und Rom_nja auf allen Ebenen zu schaffen“. Diese müss­ten ver­bind­lich und auf Dauer an­gelegt sein. Die Unabhängige Kommission Antiziganismus empfiehlt Bund und Ländern, Be­auf­trag­te gegen Anti­ziganis­mus zu be­rufen und eine stän­dige Bund-Län­der-Kom­mis­si­on zu schaffen, um die Arbeit ge­gen Antiziganismus auf höchs­ter Ebene politisch zu ver­ankern.

Eine weitere Forderung der Kommission lautet: „Die zahl­reichen Defizite bei der ‚Wieder­gut­machung‘ des Unrechts gegen­über Sinti_ze und Rom_nja müssen um­gehend kom­pen­siert und den Über­lebenden ein Leben in Würde er­mög­licht wer­den.“ Darüber hinaus solle ein um­fas­sender Prozess der Auf­arbeitung der so­ge­nann­ten Zweiten Ver­folgung nach 1945 durch eine von Perspek­tiven von Sinti_ze und Rom_nja geprägte Wahrheits­kommission eingeleitet werden. Read the rest of this entry »

Genetische Studien an Romnja und Roma

April 16th, 2021  |  Published in Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

Vortrag und Diskussion: Genetische Studien an Rom­nja und Roma (Bild: Pixabay)Online-Vortrag und -Diskussion mit Prof. Veronika Lipphardt (Frei­burg) und Dr. Mihai Surdu (Hei­del­berg): Ge­ne­ti­sche Stu­di­en an Romnja und Roma. Eine kri­ti­sche Be­stands­auf­nahme zu ihrer Ent­ste­hung und Nut­zung

16. April 2021, 18 bis 19.30 Uhr
Moderation: Anja Reuss (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)
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Genetische Untersuchungen an Roma haben eine über 100 Jahre alte For­schungs­ge­schichte. An­hand von ca. 440 Studien, d. h. popu­la­tions-, me­dizin- und foren­sisch-ge­ne­tischen Unter­suchun­gen an Romnja und Roma, zei­gen wir, dass viele dieser Publika­tio­nen so­wohl metho­dische und kon­zeptio­nelle Maß­stäbe der Re­präsen­tati­vität als auch ethische Standards ver­nach­läs­sigen. Dies gilt auch für DNA-Studien, die seit 1990 er­schie­nen sind. Auf der epistemi­schen Ebene hinter­fragen wir die Dar­stellung von Roma als „genetisches Isolat“ und die ihr zu­grunde­liegen­den Kon­zepte, wobei wir ins­besondere die Strate­gien der Daten­erhebungen in den Blick neh­men. Auf der ethischen Ebene zeigen wir, dass vor allem foren­sische Studien und Datensätze selten ethische An­for­derun­gen er­füllen. Außer­dem verdeutlichen wir, dass das außer­gewöhnlich starke Interes­se der foren­si­schen Genetik an Roma dazu bei­trägt, sie als „suspect population“ zu stig­mati­sieren. Wir stellen einen all­gemeinen Mangel an Trans­parenz und ethischer Sen­sibilität für DNA-Daten von Roma in geneti­schen Studien und vor allem in foren­sisch-ge­neti­schen Fors­chungs­kon­texten fest. Für mehrere Studien werden Ko-Autor/in­nen auf­geführt, die mit Er­mittlungs­behörden oder dem Militär in Ver­bindung stehen. Für einige Daten wurde die Zu­stimmung der Pro­band/in­nen möglicher­weise für ande­re als forensi­sche Zwecke ein­geholt. Auch medizin- und popu­lations­geneti­sche Stu­dien über Roma er­füllen nicht immer die ethischen An­forderun­gen. Read the rest of this entry »

Wolfgang Wippermann (1945–2021)

Januar 19th, 2021  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Geschichte & Gedenken, Wissenschaft

Wolfgang Wippermann (Foto. Friedrich-Meinecke-Institut)Der deutsche Historiker Wolfgang Wippermann war eine der wich­tigsten wissen­schaft­li­chen Stim­men, die den Anti­ziganis­mus und den NS-Ge­nozid an den Roma und Sinti – nach Jahr­zehn­ten des Schwei­gens – ins Be­wusst­sein der deutsch­spra­chi­gen Ge­schichts­forschung brach­te. Er ver­starb am 3. Jän­ner in Berlin. Le­sen Sie im Fo­lgen­den den Nachruf des Fried­rich-Mei­necke-Insti­tuts.

Am 3. Januar 2021 starb Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte am Fried­rich-Mei­necke-Ins­ti­tut, im Alter von 75 Jahren in Berlin. Wolf­gang Wipper­mann prägte das akade­mische Leben am Fried­rich-Mei­necke-Ins­ti­tut über viele Jahr­zehnte; er war ein leiden­schaft­lich Leh­render, ein pro­filierter Histo­riker und ein streit­barer Zeit­ge­nosse. Einer breiten Öffentl­ich­keit wurde er durch eine Stellung­nahme für Daniel Gold­hagen in der Goldha­gen-Kontro­verse der 1990er Jahre und durch die kritische Aus­einan­der­setzung mit Totalitaris­mus- und Extre­mismus­theorien bekannt. Mit dem Tod von Wolfgang Wipper­mann verliert das Fried­rich-Mei­necke-Ins­titut eine markante Forscher­persön­lichkeit und einen en­ga­gierten His­toriker.

1945 in Wesermünde geboren, studierte Wolfgang Wipper­mann in Göttingen und Marburg Ge­schichte, Germanistik und Politik­wissenschaft und kam 1973 an die Freie Univer­sität Berlin. Zwei Jahre später wurde er bei Ernst Nolte mit einer Studie zur Ideolo­gi­sierung des Deutschen Ordens in Geschichts­schrei­bung und Publizistik pro­moviert. 1978 folgte die Habilitation, wie­derum bei Ernst Nolte, die sich mit der Bona­partis­mus­theorie von Marx und Engels be­schäftigte und 1982 in der renom­mierten Reihe Geschichte und Theorie der Politik im Klett-Cotta Verlag erschien. 1983 wurde Wolfgang Wipper­mann zu­nächst außer­plan­mäßiger Professor am FMI, um ein Jahr später zum C2-Pro­fessor auf Zeit ernannt zu werden. Der Ruf auf eine Professur mit dem Schwer­punkt Faschismus­forschung wurde 1988 vom zustän­digen Berliner Senator nicht erteilt; dieser folgte nicht der Empfeh­lung des Präsidiums und der Be­rufungs­kommis­sion, die Wippermann in ihrer Besten­aus­lese auf Platz 1 der Liste ge­setzt hatten. Auch wenn Wolfgang Wipper­mann damit eine Struktur­professur auf Lebens­zeit am Fried­rich-Mei­necke ver­wehrt blieb, zählte er zu den Professor*innen des Instituts, die eigene Forschungs­themen signifikant weiter­ent­wickelten, den akade­mischen und politischen Diskurs mit­prägten und eine breite Öffent­lich­keits­wirkung hatten. Inter­national wurde ihm die Profes­soren­würde vielfach an­getragen: Von 1987 bis 1992 nahm er mehrere Gast­professuren in den USA und in China wahr, u.a. an der Duke University, der Indiana Univer­sity Bloomington, der Univer­sity of Minnesota sowie der Capital Normal Univer­sity in Peking.

Wolfgang Wippermann war ein vielseitiger und produktiver Historiker. Bis zu seinem Tode publizierte er annähernd 40 Mono­graphien, einige davon als Co-Autor, fünf Sammel­bände und rund 200 Aufsätze, Handbuch- und Lexikon­artikel. Neben Ver­öffent­lichun­gen wie zur Geschichte der Corps und Burschen­schaften oder zur Geschichte der Hunde waren und blieben seine lebens­langen wissen­schaftli­chen Schwer­punkt­themen die Auseinan­der­setzung mit Faschismus, National­sozialismus, Totalitaris­mus, Antisemitismus und Antiziganismus. Read the rest of this entry »

Tagungsband „Antiziganismus und Film“

Dezember 8th, 2020  |  Published in Film & Theater, Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Wissenschaft

Antigypsyism and FilmRadmila Mladenova et al. (Hrsg.): Antigypsyism and Film / Antiziganismus und Film, Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2020.

Der von Radmila Mladenova, Tobias von Borcke, Pavel Brunssen, Markus End und Anja Reuss heraus­ge­ge­be­ne Band „Antigypsyism and Film / Anti­ziga­nis­mus und Film“ ist im Buch­handel er­schie­nen und auch on­line als pdf er­hältlich und kann als html-Ver­si­on ge­lesen wer­den: →zum Buch

Der Band dokumentiert die internationale Fachtagung, die der Zentral­rat Deutscher Sinti und Roma in Ko­opera­tion mit der Gesell­schaft für Anti­ziga­nis­mus­forschung vor der Berlinale im Febru­ar 2018 in Berlin durch­ge­führt hatte (wir berichteten). Un­mittel­barer Anlass war die Aus­strah­lung des Films „Nellys Abenteuer“, den der Zentral­rat als mas­siv anti­ziga­nis­tisch kriti­siert hatte, der aber gleich­wohl von KIKA und SWR ge­sendet wurde (mehr hier und hier).

Zum Tagungsband: Antiziganismus ist für das europäische Auge so nor­mal, dass kaum jemand auf die Idee ge­kom­men ist zu fragen, warum ‚Zigeu­ner‘ im Film immer, meta­pho­risch oder nicht so me­ta­pho­risch, als ,schwarz‘ dar­gestellt wer­den sollten. Zigeuner­feind­lich­keit ist für die Leinwand so selbst­ver­ständ­lich, dass Filme­macher nicht zögern, ihre Wahl mit drama­tur­gischen Ar­gu­men­ten zu recht­fer­tigen. Read the rest of this entry »

Analyse: der Angriff in Erbach-Dellmensingen

November 29th, 2020  |  Published in Literatur & Bücher, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht, Wissenschaft

Romafeindlicher Angriff in Erbach-Dellmensingen (Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg)Der antiziganistische Angriff in Erbach-Dell­men­sin­gen – Ana­lyse in der neu­en Leip­zi­ger Auto­ri­ta­ris­mus-Studie

Chana Dischereit: Antiziganismus im Ländle: Ein Bericht aus dem laufenden Prozess am Landgericht Ulm, in: Oliver Decker/Elmar Brähler (Hg.): Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie 2020, Gießen 2020, S. 353–378.

Der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landes­verband Ba­den-Württem­berg (VDSR-BW) hat an der ge­rade er­schie­ne­nen „Leipziger Auto­rita­ris­mus-Studie 2020“ (→pdf-Download) mit­ge­wirkt. Teil der Studie ist eine um­fang­reiche Analyse des anti­ziganis­ti­schen An­schlags in Er­bach-Dell­men­sin­gen in der Nähe von Ulm. Der Pro­zess vor dem Land­gericht Ulm ist Ende Sep­tem­ber 2020 zu Ende ge­gangen. Die fünf An­ge­klagten wur­den in 45 Fällen zu ge­mein­samer schwerer Nötigung nach dem Jugend­strafgesetz ver­ur­teilt. Der Staatsanwalt hat­te eine Ver­urteilung wegen ver­suchten Mordes ge­fordert. Es war eines der ers­ten Straf­verfahren in Deutschland über­haupt wegen Vertreibung. Die Analy­se der VDSR-BW-Mit­arbeiterin Chana Dischereit zeigt den all­täg­lichen Anti­ziganismus in der Mitte der Gesell­schaft auf. Diese Ein­stellung kann in Gewalt um­schlagen. In Erbach-Dell­mensin­gen fühlten sich junge Men­schen da­durch zu ihrer Tat legitimiert.

Die „Leipziger Autoritarismus-Studie 2020“ unter Leitung von Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kom­petenz­zentrum für Rechts­extre­mis­mus- und Demo­kratie­forschung der Uni­ver­sität Leipzig nimmt die Ver­breitung von gruppen­bezogener Menschen­feind­lich­keit in der deut­schen Gesell­schaft in den Blick. Dazu gehört auch Anti­ziganismus, der gegen Sinti und Roma ge­rich­tete Rassismus.

Die Zahlen zum Antiziganismus entsprechen dem all­gemei­nen Trend der Studie – leich­ter Rück­gang bei weiter­hin hohem Niveau anti­ziganistischer und anderer men­schen­feind­licher Ein­stel­lungen. 52,9% der Be­fragten sind der Ansicht, dass Sinti und Roma zu Kriminalität nei­gen wür­den. Read the rest of this entry »

Buch über NS-Geschichte von Gols

Oktober 31st, 2020  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Wissenschaft

Roma aus Gols (Foto: ORF)In seinem Buch „NICHT SYSTEMKONFORM. Men­schen und Schicksale 1938–1945“ (mehr hier) ar­beitet der Hobby­historiker und Golser Fritz Radlspäck die Ge­schichte seiner bur­gen­ländi­schen Heimat­gemeinde Gols wäh­rend des Na­tional­sozialis­mus auf und er­in­nert an die Opfer­gruppen.

Schon früh wurde das Interesse von Fritz Radlspäck am National­sozialismus ge­weckt: Die Spuren­suche be­gann mit der Aus­einan­derset­zung mit der eige­nen Familien- und Orts­geschichte. Ge­rade in seiner Heimat­gemeinde gab es viele Opfer: Juden, Roma, Eutha­na­sie-Opfer, Wider­stands­kämpfer, poli­tisch Verfolgte und Deserteure. Die jah­re­lan­gen Recherchen und das Sam­meln von Quellen mün­deten letz­tlich in einem Buch.

Elf Romafamilien wurden deportiert

Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten leb­ten elf Roma-Fa­milien in Gols. Sie alle wur­den deportiert und in ver­schie­dene Kon­zentra­tions­lager ver­schleppt – keine von ih­nen kehrte nach dem Krieg nach Gols zu­rück.

Ein Schicksal ist dem Autor besonders in Erinnerung geblie­ben: Die Ge­schichte des Golser Roms Michael Stojka, die stell­ver­tre­tend für so viele in jener Zeit steht. „Kurz nach­dem ein Kon­zentra­tions­lager ge­räumt wer­den musste, weil die Alliierten be­reits im An­rücken waren, sind sie noch einmal mit einem Zug de­portiert worden. Es hat den An­schein, dass dieser Herr Stojka dann auch ein Opfer wurde, vom so­ge­nann­ten Mas­sa­ker von Gardelegen (Anm.: in Sach­sen-An­halt, mehr hier). Da wur­den (u.a.) Roma in eine Scheune ge­sperrt und bei lebendi­gem Leib von der SA, der Hitler­jugend und der Schutzstaffel ver­brannt. Also das ist etwas, das mich ganz extrem mit­ge­nom­men hat“, so Radlspäck.

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Verschwundene Roma-Siedlungen im Burgenland

Oktober 24th, 2020  |  Published in Geschichte & Gedenken, Literatur & Bücher, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

„Einfach weg!“: Verschwundene Roma-Siedlungen im Burgenland. Eine Veranstaltung des Vereins GEDENKDIENST im Rahmen der Reihe „Geh Denken!“ im Republikanischen Club in Wien. Buchpräsentation und Vortrag von Gerhard Baumgartner, Historiker und wis­sen­schaft­li­cher Leiter des Doku­men­tations­archivs des öster­rei­chi­schen Widerstands (DÖW); Moderation: Sarah Knoll (Verein GEDENKDIENST).

Bis zu ihrer Zerstörung durch das NS-Regime bestan­den auf dem Gebiet des Burgen­lan­des etwa 120 Siedlungen von Roma und Romnja. Ihre histo­ri­schen Wurzeln reich­ten in zahl­rei­chen Fällen bis ins 18. Jahr­hundert zurück. Nur einige wenige dieser Sied­lun­gen sind heute noch existent. Im 2020 bei New Academic Press er­schie­ne­nen Buch von Gerhard Baumgartner und Herbert Brettl wurden zahl­reiche histo­rische Bild­doku­mente und archivari­sche Quellen zu­sam­men­getra­gen, um die Gründung und Existenz dieser Siedlungen, das Schick­sal ihrer Be­woh­nerIn­nen, die Ver­folgung und Zer­störung zwi­schen 1938 und 1945 sowie die Situa­tion in der Nachkriegszeit zu do­ku­men­tie­ren. Read the rest of this entry »