Arnold Weiß/Jakob Michelsen/Moritz Terfloth/Boris Weinrich: Zwei Welten. Sinti und Roma – Schritte zur Anerkennung als NS-Verfolgte und antiziganistische Kontinuität, hrsg. vom Landesverein der Sinti in Hamburg e. V., Metropol Verlag: Berlin 2022, 280 S.
Zur Arbeit des Landesvereins der Sinti in Hamburg als Interessenvertretung und Anlaufstelle für die Sorgen und Nöte der Menschen gehört es auch, Ursachen und Grundlagen der fortwährenden Diskriminierung und Ausgrenzung unserer Minderheit zu erforschen. „Zwei Welten“ ist der Versuch einer Gegenüberstellung. Einerseits sollen die wahrnehmbaren Fortschritte in der gesellschaftlichen Anerkennung der Sinti als im Nationalsozialismus verfolgte Minderheit in den letzten 70 Jahren gezeigt werden. Dem gegenüber steht die andauernde und systematische Aus- und Beforschung über 1945 hinaus. Für diese Kontinuität steht beispielhaft der Arzt und Professor Hermann Arnold (1912–2005). Er trat das geistige Erbe von Robert Ritters Rassenhygienischer Forschungsstelle an, deren Mitarbeiter:innen während der NS-Zeit, unter anderem in Hamburg, Sinti und Roma beforscht und gequält haben und deren Forschungen die Grundlage für die anschließend erfolgten Deportationen bildeten. Als Wissenschaftler, Amts- und Gefängnisarzt führte Arnold die systematische Erfassung und rassistische Kategorisierung der Sinti und Roma weiter. Anhand ausgewählter Dokumente aus seinem Nachlass im Bundesarchiv werden Arnolds Netzwerke und die Kontinuität der NS-„Zigeunerforschung“ in der Bundesrepublik aufgezeigt.
Die Prüfung der Wiedergutmachungsberechtigung der Zigeuner und Zigeuner-Mischlinge […] hat zu dem Ergebnis geführt, daß der genannte Personenkreis überwiegend nicht aus rassischen Gründen, sondern wegen seiner asozialen und kriminellen Haltung verfolgt und inhaftiert worden ist.“ Das Wiedergutmachungsamt von Württemberg-Baden, 1950; siehe S. 145.
„1 Pers.; leichter Zigeunereinschlag; besser nichts anbieten!“ Vermerk einer norddeutschen Wohnungsgenossenschaft, 2019; siehe S. 197.
Rassismus gegen Sinti und Roma hat Tradition in Deutschland – auch in der Wissenschaft. Sie zeichnete bisher ein stereotypes Bild. Jetzt wollen Forschende, die der Minderheit angehören, ihre eigene Perspektive einbringen.
I erschti Roma strategija le anaveha bisch bisch, dujeseri taj dscheujek kesdintscha taj o pharipeskere punktscha sina atschipe, sikadipe, sastipe taj butjakeri politik. So, taj sar ada kerdo ulo taj so dschijakana ari alo, akan ando projekto SENSIRO, jek schtudija le institutiske la socijalogijake, la universitetatar Betsch, upre dim ulo ar te butschalinel. Schtar schel dschene la flogoskera grupnatar le Romendar mindenfelitike phutschajitscha usi schtudija uschtidine. I projektiskeri grupn ando farajn Roma-Service pumen talinde pedar i schtudija te vakerel. Trin grupn kerde ule, save pumenge falati la schtudijatar aun te diken taj pedar poroti tschito te ol. Paloda o arajipe le khetan beschipestar ande jek pisinipeskero lil ande te fojnel. Soske aja schtudija la flogoskera grupnake schaj barikano hi dschanel o profesori Chrtistoph Reinprecht. O arajipe la schtudijatar taj o angletschalajiptscha le dschenendar, save use aja schtudija butschalinde ando schtarto oktoberi ando bundakero birovtschago Betschiste presentirim te ol.
SENSIRO ist ein Projekt, das die nationale Strategie zur Erhöhung der sozialen Inklusion der Rom*nja, die 2011 verabschiedet und deren Fortsetzung vor kurzem beschlossen wurde, unabhängig evaluiert. Ziel der Evaluierung ist es, herauszufinden, ob und inwiefern die vom Bundeskanzleramt definierten Wirkungsziele erreicht wurden. Read the rest of this entry »
Katrin Kühnert (2020): „Holocaust-Autobiografien von Roma. Darstellungsformen der Verfolgung und Vernichtung während des Nationalsozialismus“
Masterarbeit, Universität Wien (Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät), 108 S.
Der Holocaust spielt als geteilte Leidenserfahrung nicht nur für die kollektive Gruppenidentität der Roma eine bedeutende Rolle, sondern ist auch bis heute das dominierende Thema ihres Schreibens. Die Literatur dieser größten ethnischen Minderheit Europas ist dabei häufig autobiografisch beeinflusst, im deutschsprachigen Raum stellt die Autobiografie gar die dominierende Äußerungsform dar. Während Juden und Jüdinnen bereits während des NS-Massenmordes beginnen, ihre Verfolgungserfahrungen aufzuzeichnen, und somit beim späteren Schreibbeginn der Roma schon etablierte Standards bestehen, folgt ihr Erzählen diesen nicht durchgängig, sondern es entsteht ein eigenes Narrativ, über den NS-Genozid zu berichten. Die vorliegende Arbeit identifiziert mittels qualitativer Textanalyse typologische Analogien auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene in fünf Autobiografien von Holocaust-Überlebenden. Der Textkorpus setzt sich aus Ilona LackovásA false dawn (1997, Slowakei/Tschechien), Otto RosenbergsDas Brennglas (1998, Deutschland), Mongo StojkasPapierene Kinder (2000, Österreich), Edward DębickisTotenvogel (2004, Polen) und Zoni Weisz’Der vergessene Holocaust (2016, Niederlande) zusammen. Read the rest of this entry »
Im Februar und März 2022 veranstaltet das Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz-Universität in Kooperation mit dem Bildungsforum gegen Antiziganismus, der Hochschule Hannover und der Kommunalen Hochschule für Verwaltung in Niedersachsen die Online-Vortragsreihe „Freizügigkeit für alle? Institutioneller Rassismus und EU-Migration“.
Freizügigkeit für alle? Diese Frage bewegt seit der sogenannten EU-Osterweiterung nicht nur die mediale Öffentlichkeit, sondern sie beunruhigt darüber hinaus auch Politik und Behörden. Als Gegenbewegung zum Abbau der Grenzen innerhalb der EU hat sich europaweit ein neuer Rassismus herausgebildet, der sich in Deutschland in erster Linie gegen eine als „Armutszuwanderung“ stigmatisierte EU-Migration aus Rumänien und Bulgarien richtet. Rassismus besteht nicht nur darin, unerwünschte Andere als minderwertig zu stigmatisieren. Er begründet weitergehend auch institutionelle Strategien ihres gesellschaftlichen Ein- und Ausschlusses und dient in letzter Konsequenz somit dazu, sie als rechtlos zu definieren.
In der Vortragsreihe „Freizügigkeit für alle?“ beleuchten wir im Austausch von Wissenschaft und Praxis die Mechanismen und Wirkungsweisen des Rassismus im EU-Binnengrenzregime: Warum werden die Kommunen zu entscheidenden migrationspolitischen Akteuren in der erweiterten Union? Weshalb entwickelt sich in diesem Kontext das Sozialrecht zu einem Instrument des Ausschlusses und der Migrationskontrolle? Und inwiefern strukturieren rassistische Deutungsmuster institutionelle Praktiken des Ein- und Ausschlusses von Unionsbürger*innen?
Eine Beziehungsgeschichte von Jüdinnen/Juden und Romnija/Roma von der NS-Zeit bis heute. Vortrag von Ari JOSKOWICZ, Historiker an der Vanderbilt University und Senior Fellow am Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien (VWI)
Datum: 27.1.2022, 15:00 bis 17:00 Uhr
Ort: Haus der Geschichte Österreich, Neue Burg
Heldenplatz, 1010 Wien
Vor den 1930er Jahren hatten Jüdinnen/Juden und Romnija/Roma fast überall in Europa wenig enge Kontakte. Dennoch fanden sie sich als Opfer von NS-Vernichtungspolitiken nebeneinander, wurden Zeug/innen der Verfolgung und Ermordung der jeweils anderen Gruppe und hatten nach 1945 ähnliche geschichtspolitische Forderungen. Das Resultat ist eine Geschichte der distanzierten Verwicklungen, die dieser Vortrag nachzeichnet. Er analysiert die Entwicklung der getrennten, aber ähnlichen Erfahrung, die ihren Anfang nimmt in Ghettos wie Lodz und Warschau oder in Lagern wie Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg fanden sich Überlebende beider Gruppen zunehmend über die Archivpolitik verbunden. So waren jüdische Institutionen, Historiker/innen, Anwälte früher als andere an der Wissensproduktion und am Publikmachen des Roma-Holocaust beteiligt. Dennoch blieb es lange Zeit eine ungleiche Beziehung: fast überall wo Roma/Romnija sich für Gedenktafeln, Denkmäler, Forschungsstätten und Archive zu ihrer Vergangenheit eingsetzt hatten, gab es schon ein jüdisches Pendant. Letztlich wurden jüdische Archive auch zu den zentralen Aufbewahrungsorten von Romani-Zeitzeug/innenberichten.
Zentralrat begrüßt Beginn der Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte des Bayerischen Landeskriminalamts durch die Behörde
Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, hat auf der Pressekonferenz des Bayerischen Landeskriminalamts in München die historische Arbeit von Kriminalhauptkommissarin Eveline Diener kritisch beleuchtet, die dort der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte und personellen Kontinuitäten der beim BLKA angesiedelten „Landfahrerstelle“ bis zu deren Auflösung im Jahr 1965. Rose fordert weiterführende Untersuchungen der Kontinuität auch über 1965 hinaus durch unabhängige Historiker.
Romani Rose lobte auf der Pressekonferenz, an der neben der Autorin auch der Präsident des Bayerischen LKA Harald Pickert teilnahm, die Forschungsarbeit von Eveline Diener und das BLKA dafür, dass es sich nun diesem Teil seiner Geschichte stellt:
Eveline Diener hat in ihrer Arbeit eine Vielzahl an Quellen, die der Forschung bisher in weiten Teilen unzugänglich waren, erschlossen, durchgearbeitet und analysiert. Sie kann damit den bisher äußerst lückenhaften Kenntnisstand zur frühen Bayerischen ‚Landfahrerstelle‘ enorm erweitern und empirisch unterfüttern. Beispielsweise war 1963 mit 11.092 Familienakten mit ca. 55.000 erfassten Personen bei der ‚Landfahrerstelle‘ ein enormer Datenbestand angelegt. Das BLKA hat mit dieser nun vorgelegten Forschungsarbeit die Forderung des Zentralrats an die Polizeibehörden der Länder umgesetzt und begonnen, ihre Geschichte in den Gründungsjahren der Bundesrepublik Deutschland aufzuarbeiten. Da mit der Auflösung der „Landfahrerstelle“ im Jahr 1965 die rassistische Sondererfassung von Sinti und Roma auch nicht im BLKA geendet hat, kann die heute vorgestellte Arbeit nur ein Anfang sein. Aus unserer Sicht muss es nun auch eine weiterführende Untersuchung der Kontinuität nach 1965 durch unabhängige Historiker folgen.
Ausstellung in Göttingen: Ignorierter Völkermord. Der Genozid an den Roma in Belarus 1941–1944
Mit dem Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren begann auch die Vernichtung der sowjetischen Roma. Der Genozid der deutschen Besatzer an den Roma ist dabei weder im kollektiven Gedächtnis der belarussischen noch der deutschen Bevölkerung verankert. Die Ausstellung „Ignorierter Völkermord“ spiegelt die Erinnerung der Zeitzeug/innen an die Verbrechen, die ihnen von den Besatzern angetan wurden, enthält historische Überblickstexte zum Ablauf des Völkermords, seiner Aufarbeitung und zum Thema Rassismus gegen Roma. Thematisiert werden Überlebensstrategien und Widerstand, Reaktionen der Mehrheitsbevölkerung und Erinnerungspolitik.
Die Ausstellung ist vom 16.12.2021 bis 27.1.2022 im Foyer des Neuen Rathauses in Göttingen, Hiroshimaplatz 1–4, während seiner Öffnungszeiten zu sehen. Read the rest of this entry »
„Sinti und Roma sind seit Jahrhunderten ein Teil Europas und damit ein Teil von uns“, schreibt die Anthropologin Elisabeth Tauber in einer dieser Minderheit gewidmeten gebundenen Ausgabe der Arunda/Löwenzahn. Und weiter: „Viele Sinti und Roma haben keinen Wert darauf gelegt, Monumente und Dokumente, das heißt für alle sichtbare und zugängliche Erinnerung zu hinterlassen. Sie haben sich in diese Welt eingefügt, ohne sich ihr aufzudrängen. Nun liegt es an uns, ihre Präsenz mit der notwendigen Achtsamkeit der Spurensuche auszuloten.“
Elisabeth Tauber ist Kulturanthropologin. Sie lehrt und forscht an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen. In ihrer ersten von drei Radiovorlesungen führt sie uns in die Wissenschaft der Anthropologie ein und lehrt uns, die verschiedenen spezifischen Disziplinen innerhalb dieser zu unterscheiden. Elisabeth Tauber spricht in ihrer zweiten Radiovorlesung über die anthropologische Forschung zu Sinti und Roma. Heute ist diese Forschung eine etablierte Disziplin, aber lange Zeit spielten theoretische Arbeiten zu Sinti und Roma keine Rolle in der Anthropologie. Die Forscherin hat für ihre eigenen anthropologischen Studien zu Sinti und Roma im italienischen Staatsarchiv und im Südtiroler Landesarchiv geforscht und ist auf wertvolles Material der österreichisch-ungarischen Gendarmerie gestoßen: Read the rest of this entry »
Imke Rath und Riem Spielhaus:
Schulbücher und Antiziganismus
Zur Darstellung von Sinti und Roma in aktuellen deutschen Lehrplänen und Schulbüchern (=Eckert. Dossiers, vol. 3/2021), hrsg. vom Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung, [Braunschweig] 2021. [CC BY 3.0]
Das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung hat im Auftrag der Unabhängigen Kommission Antiziganismus eine Expertise über die Darstellung von Sinti und Roma in deutschen Schulbüchern erstellt. Diese ist ab sofort online verfügbar.
Imke Rath und Riem Spielhaus analysieren in der Expertise Schulbücher aus den Fächern Geschichte, Politische Bildung und Erdkunde, die 2019 in weiterführendeb Schulen der 16 deutschen Bundesländer Teil der Lehrpläne waren. Die Wissenschaftlerinnen untersuchten die in den Lehrplänen vorgeschlagenen Themen sowie den Kontext, in dem Schulbücher Sinti*zze und Rom*nja erwähnen. Ein besonderes Augenmerk der qualitativen Schulbuchanalyse liegt auf dem Verhältnis zwischen passiven und aktiven Darstellungen von Sinti und Roma. Aber auch auf dominanten Mustern ihrer Darstellung, wie der Repräsentation als Gruppe von Außenseitern oder als passive Opfer ohne die Fähigkeit zu handeln oder sich gegen Verfolgung zu wehren. Untersucht wurde auch der Umgang mit abwertenden Begriffen in Schulbüchern, einschließlich solcher, die abwertende Bezeichnungen explizit thematisieren und als Ausdruck von Herrschafts- und Ausgrenzungspraktiken einordnen.
Die Expertise dokumentiert markante Darstellungen von Sinti und Roma in den Schulbüchern, um auf Potenziale zur diskriminierungssensiblen bzw. rassismuskritischen Repräsentation zu verweisen. Die Bestandsaufnahme diente der Unabhängigen Kommission Antiziganismus als Grundlage für Empfehlungen für die weitere Entwicklung von Lehrplänen und Schulbüchern, die im Juni 2021 dem Deutschen Bundestag in einem Bericht vorgelegt wurden. Read the rest of this entry »
Antiziganismus und Antisemitismus online – Forschungsergebnisse des Projekts Re-ACT (Remember and Act!)
Hass, Gewalt und Ausgrenzung: Beide Gruppen, jüdische Menschen und Roma, werden als eine „Bedrohung“ in und für die Gesellschaft wahrgenommen. Seit dem Mittelalter bis heute sind Roma und Juden traditionelle Sündenböcke. Diese und andere Erkenntnisse präsentieren die analytischen und vergleichenden Studien, die im Rahmen des internationalen Projekts Remember and ACT! (Re-ACT) erstellt wurden, welches sich auf die Ervforschung „alter“ Hasskonzepte in ihren modernen Formen konzentriert.
Das Projekt wird von der Organisation ROMEA zusammen mit dem Internationalen Netzwerk gegen Cyber-Hass (INACH), der französischen NGO LICRA und dem österreichischen Forschungsunternehmen SYNYO durchgeführt.
Die von INACH für Kontinentaleuropa erstellte Analyse von hasserfüllten Online-Posts hat gezeigt, dass starke Verbindungen zwischen aktuellen Hassreden im Internet und den Praktiken, welche üblich für Nazi-Propaganda waren, bestehen. Ziel der im Rahmen des Re-ACT-Projekts erstellten Studien ist es, die Mechanismen zu beleuchten, mit denen alte Stereotypen, Halbwahrheiten und Mythen über Juden und Roma wiederverwertet werden. Die Studien zielen darauf ab, die Prinzipien zu erläutern, die dem Wiederaufleben dieser tief verwurzelten antijüdischen oder Anti-Roma-Einstellungen zugrunde liegen, und zu zeigen, wie diese neuen Formen derselben sich wiederholenden fremdenfeindlichen Ideen online in modernen Formen existieren, insbesondere in den sozialen Medien.
Antiziganismus
Nach den Erkenntnissen der im Projekt tätigen Analysten ist es offensichtlich, dass Antiziganismus online auf dem Vormarsch ist. „Der Trend ist eine kontinuierliche Normalisierung von Hassreden gegen Roma. Solche Reden werden heute nicht nur von Mitgliedern ultra-rechter Gruppen verbreitet, sondern auch von ‘normalen’ Menschen oder Mainstream-Parteien“, sagen Selma Muhič Dizdarevič und Jitka Votavová, die Autorinnen der Studie über Antiziganismus.
„Fake News, Hoaxes und Manipulationen werden als Instrumente zur Verbreitung von Hass eingesetzt. Auch der Trend zu sogenanntem humorvollem Rassismus nimmt zu und schafft einen Cocktail aus Ironie, Spott und Erniedrigung, der vor allem für junge Menschen attraktiv ist“, so die Autoren. Read the rest of this entry »
SENSIRO – Studie zur Evaluierung der nationalen Strategie zur Inklusion der Rom*nja in Österreich
Sensiro ist ein Projekt, das die nationale Strategie zur Erhöhung der sozialen Inklusion der Rom*nja, die 2011 verabschiedet wurde, und deren Fortsetzung vor kurzem beschlossen wurde, unabhängig evaluiert. Ziel der Evaluierung ist es, herauszufinden, ob und inwiefern die vom Bundeskanzleramt definierten Wirkungsziele erreicht wurden.
Österreich hat sich zur Umsetzung der Strategie verpflichtet. Die Strategie zur Erhöhung der Inklusion besteht aus verschiedenartigen Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt, Bekämpfung von Antiziganismus, Empowerment von Romnja sowie der Rom*nja-Jugend, Stärkung der zivilgesellschaftlichen Strukturen der Rom*nja und Partizipation.
Ziel der Studie ist es, herauszufinden, welche Folgen die Maßnahmen, die seit 2011 zur Stärkung und Ermächtigung der Roma und Romnja in Österreich gesetzt wurden, hatten. Die Studie wird vom Institut für Soziologie der Universität Wien in Zusammenarbeit mit den Zielgruppen durchgeführt. Ihre Erfahrungen und Sichtweisen, die im Rahmen der Studie erhoben werden, bilden die Grundlage für eine Bewertung und Weiterentwicklung der Strategie.
Das Projekt besteht unter anderem aus einer umfassenden Befragung wesentlicher Akteur*innen (aus der Zivilgesellschaft) und Verantwortlicher und mit der Umsetzung der Strategie Betrauter. Außerdem ist eine großflächige Fragebogenerhebung mit Angehörigen der Zielgruppen in ganz Österreich geplant. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, beim Projekt mitzuwirken: einerseits durch das Führen oder Geben von Interviews für die Fragebogenerhebung, andererseits durch das Besuchen von Workshops und Veranstaltungen und in Verbindung damit das Einbringen von Anregungen und Feedback, damit eine kontinuierliche Diskussion und Weiterentwicklung des Projektes gewährleistet werden kann.
Bei Interesse an einer Mitwirkung können Sie hier klicken!
Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus fordert grundlegenden Perspektivwechsel in der Gesellschaft, eine „Wahrheitskommission“ über das Unrecht der Vergangenheit und Antiziganismus-Beauftragte in den Ländern. Tagung am 4./5. Juni.
Antiziganismus stellt ein massives gesamtgesellschaftliches Problem in Deutschland dar. So lautet das Resümee des Berichts der Unabhängigen Kommission Antiziganismus, der vom Deutschen Bundestag in Auftrag gegeben wurde. Die zentralen Inhalte des Kommissionsberichts werden am 4. und 5. Juni 2021 bei einer Online-Veranstaltung präsentiert. Der Bericht stützt sich auf 15 aktuelle, von der Kommission initiierte Studien. Sie greifen besonders die Perspektiven der Betroffenen auf. Hierfür wurden breite empirische Erhebungen durchgeführt.
Antiziganistischer Rassismus ist eine „allumfassende Alltagserfahrung für Sinti_ze und Rom_nja“, so die Kommission. Der Bericht konstatiert ein „Versagen deutscher Politik, deutscher Gesetzgebungen und deren Rechtsanwendung“. Untersucht wurde Antiziganismus beispielsweise in kommunaler Verwaltung, Schulbüchern und Polizei. Mehrere empirische Studien weisen hier institutionellen Antiziganismus nach.
Die Kommission fordert eine umfassende Strategie gegen Antiziganismus. „Wir brauchen einen grundlegenden Perspektivwechsel in der deutschen Gesellschaft, der die strukturellen Ursachen des Problems in den Blick nimmt.“ Entscheidend sei in diesem Kontext auch eine „Politik der nachholenden Gerechtigkeit“, „die das seit 1945 begangene Unrecht gegenüber Überlebenden und deren Nachkommen ausgleicht“. Zudem fordert die Kommission, „effektive und nachhaltige Partizipationsstrukturen für die Communitys der Sinti_ze und Rom_nja auf allen Ebenen zu schaffen“. Diese müssten verbindlich und auf Dauer angelegt sein. Die Unabhängige Kommission Antiziganismus empfiehlt Bund und Ländern, Beauftragte gegen Antiziganismus zu berufen und eine ständige Bund-Länder-Kommission zu schaffen, um die Arbeit gegen Antiziganismus auf höchster Ebene politisch zu verankern.
Eine weitere Forderung der Kommission lautet: „Die zahlreichen Defizite bei der ‚Wiedergutmachung‘ des Unrechts gegenüber Sinti_ze und Rom_nja müssen umgehend kompensiert und den Überlebenden ein Leben in Würde ermöglicht werden.“ Darüber hinaus solle ein umfassender Prozess der Aufarbeitung der sogenannten Zweiten Verfolgung nach 1945 durch eine von Perspektiven von Sinti_ze und Rom_nja geprägte Wahrheitskommission eingeleitet werden. Read the rest of this entry »
Online-Vortrag und -Diskussion mit Prof. Veronika Lipphardt (Freiburg) und Dr. Mihai Surdu (Heidelberg): Genetische Studien an Romnja und Roma. Eine kritische Bestandsaufnahme zu ihrer Entstehung und Nutzung
16. April 2021, 18 bis 19.30 Uhr
Moderation: Anja Reuss (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma) →Live-Streaming
Genetische Untersuchungen an Roma haben eine über 100 Jahre alte Forschungsgeschichte. Anhand von ca. 440 Studien, d. h. populations-, medizin- und forensisch-genetischen Untersuchungen an Romnja und Roma, zeigen wir, dass viele dieser Publikationen sowohl methodische und konzeptionelle Maßstäbe der Repräsentativität als auch ethische Standards vernachlässigen. Dies gilt auch für DNA-Studien, die seit 1990 erschienen sind. Auf der epistemischen Ebene hinterfragen wir die Darstellung von Roma als „genetisches Isolat“ und die ihr zugrundeliegenden Konzepte, wobei wir insbesondere die Strategien der Datenerhebungen in den Blick nehmen. Auf der ethischen Ebene zeigen wir, dass vor allem forensische Studien und Datensätze selten ethische Anforderungen erfüllen. Außerdem verdeutlichen wir, dass das außergewöhnlich starke Interesse der forensischen Genetik an Roma dazu beiträgt, sie als „suspect population“ zu stigmatisieren. Wir stellen einen allgemeinen Mangel an Transparenz und ethischer Sensibilität für DNA-Daten von Roma in genetischen Studien und vor allem in forensisch-genetischen Forschungskontexten fest. Für mehrere Studien werden Ko-Autor/innen aufgeführt, die mit Ermittlungsbehörden oder dem Militär in Verbindung stehen. Für einige Daten wurde die Zustimmung der Proband/innen möglicherweise für andere als forensische Zwecke eingeholt. Auch medizin- und populationsgenetische Studien über Roma erfüllen nicht immer die ethischen Anforderungen. Read the rest of this entry »
Der deutsche Historiker Wolfgang Wippermann war eine der wichtigsten wissenschaftlichen Stimmen, die den Antiziganismus und den NS-Genozid an den Roma und Sinti – nach Jahrzehnten des Schweigens – ins Bewusstsein der deutschsprachigen Geschichtsforschung brachte. Er verstarb am 3. Jänner in Berlin. Lesen Sie im Folgenden den Nachruf des Friedrich-Meinecke-Instituts.
Am 3. Januar 2021 starb Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut, im Alter von 75 Jahren in Berlin. Wolfgang Wippermann prägte das akademische Leben am Friedrich-Meinecke-Institut über viele Jahrzehnte; er war ein leidenschaftlich Lehrender, ein profilierter Historiker und ein streitbarer Zeitgenosse. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er durch eine Stellungnahme für Daniel Goldhagen in der Goldhagen-Kontroverse der 1990er Jahre und durch die kritische Auseinandersetzung mit Totalitarismus- und Extremismustheorien bekannt. Mit dem Tod von Wolfgang Wippermann verliert das Friedrich-Meinecke-Institut eine markante Forscherpersönlichkeit und einen engagierten Historiker.
1945 in Wesermünde geboren, studierte Wolfgang Wippermann in Göttingen und Marburg Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft und kam 1973 an die Freie Universität Berlin. Zwei Jahre später wurde er bei Ernst Nolte mit einer Studie zur Ideologisierung des Deutschen Ordens in Geschichtsschreibung und Publizistik promoviert. 1978 folgte die Habilitation, wiederum bei Ernst Nolte, die sich mit der Bonapartismustheorie von Marx und Engels beschäftigte und 1982 in der renommierten Reihe Geschichte und Theorie der Politik im Klett-Cotta Verlag erschien. 1983 wurde Wolfgang Wippermann zunächst außerplanmäßiger Professor am FMI, um ein Jahr später zum C2-Professor auf Zeit ernannt zu werden. Der Ruf auf eine Professur mit dem Schwerpunkt Faschismusforschung wurde 1988 vom zuständigen Berliner Senator nicht erteilt; dieser folgte nicht der Empfehlung des Präsidiums und der Berufungskommission, die Wippermann in ihrer Bestenauslese auf Platz 1 der Liste gesetzt hatten. Auch wenn Wolfgang Wippermann damit eine Strukturprofessur auf Lebenszeit am Friedrich-Meinecke verwehrt blieb, zählte er zu den Professor*innen des Instituts, die eigene Forschungsthemen signifikant weiterentwickelten, den akademischen und politischen Diskurs mitprägten und eine breite Öffentlichkeitswirkung hatten. International wurde ihm die Professorenwürde vielfach angetragen: Von 1987 bis 1992 nahm er mehrere Gastprofessuren in den USA und in China wahr, u.a. an der Duke University, der Indiana University Bloomington, der University of Minnesota sowie der Capital Normal University in Peking.
Wolfgang Wippermann war ein vielseitiger und produktiver Historiker. Bis zu seinem Tode publizierte er annähernd 40 Monographien, einige davon als Co-Autor, fünf Sammelbände und rund 200 Aufsätze, Handbuch- und Lexikonartikel. Neben Veröffentlichungen wie zur Geschichte der Corps und Burschenschaften oder zur Geschichte der Hunde waren und blieben seine lebenslangen wissenschaftlichen Schwerpunktthemen die Auseinandersetzung mit Faschismus, Nationalsozialismus, Totalitarismus, Antisemitismus und Antiziganismus. Read the rest of this entry »
Radmila Mladenova et al. (Hrsg.): Antigypsyism and Film / Antiziganismus und Film, Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2020.
Der von Radmila Mladenova, Tobias von Borcke, Pavel Brunssen, Markus End und Anja Reuss herausgegebene Band „Antigypsyism and Film / Antiziganismus und Film“ ist im Buchhandel erschienen und auch online als pdf erhältlich und kann als html-Version gelesen werden: →zum Buch
Der Band dokumentiert die internationale Fachtagung, die der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Kooperation mit der Gesellschaft für Antiziganismusforschung vor der Berlinale im Februar 2018 in Berlin durchgeführt hatte (wir berichteten). Unmittelbarer Anlass war die Ausstrahlung des Films „Nellys Abenteuer“, den der Zentralrat als massiv antiziganistisch kritisiert hatte, der aber gleichwohl von KIKA und SWR gesendet wurde (mehr hier und hier).
Zum Tagungsband: Antiziganismus ist für das europäische Auge so normal, dass kaum jemand auf die Idee gekommen ist zu fragen, warum ‚Zigeuner‘ im Film immer, metaphorisch oder nicht so metaphorisch, als ,schwarz‘ dargestellt werden sollten. Zigeunerfeindlichkeit ist für die Leinwand so selbstverständlich, dass Filmemacher nicht zögern, ihre Wahl mit dramaturgischen Argumenten zu rechtfertigen. Read the rest of this entry »
Der antiziganistische Angriff in Erbach-Dellmensingen – Analyse in der neuen Leipziger Autoritarismus-Studie
Chana Dischereit: Antiziganismus im Ländle: Ein Bericht aus dem laufenden Prozess am Landgericht Ulm, in: Oliver Decker/Elmar Brähler (Hg.): Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie 2020, Gießen 2020, S. 353–378.
Der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg (VDSR-BW) hat an der gerade erschienenen „Leipziger Autoritarismus-Studie 2020“ (→pdf-Download) mitgewirkt. Teil der Studie ist eine umfangreiche Analyse des antiziganistischen Anschlags in Erbach-Dellmensingen in der Nähe von Ulm. Der Prozess vor dem Landgericht Ulm ist Ende September 2020 zu Ende gegangen. Die fünf Angeklagten wurden in 45 Fällen zu gemeinsamer schwerer Nötigung nach dem Jugendstrafgesetz verurteilt. Der Staatsanwalt hatte eine Verurteilung wegen versuchten Mordes gefordert. Es war eines der ersten Strafverfahren in Deutschland überhaupt wegen Vertreibung. Die Analyse der VDSR-BW-Mitarbeiterin Chana Dischereit zeigt den alltäglichen Antiziganismus in der Mitte der Gesellschaft auf. Diese Einstellung kann in Gewalt umschlagen. In Erbach-Dellmensingen fühlten sich junge Menschen dadurch zu ihrer Tat legitimiert.
Die „Leipziger Autoritarismus-Studie 2020“ unter Leitung von Prof. Dr. Oliver Decker und Prof. Dr. Elmar Brähler vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig nimmt die Verbreitung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft in den Blick. Dazu gehört auch Antiziganismus, der gegen Sinti und Roma gerichtete Rassismus.
Die Zahlen zum Antiziganismus entsprechen dem allgemeinen Trend der Studie – leichter Rückgang bei weiterhin hohem Niveau antiziganistischer und anderer menschenfeindlicher Einstellungen. 52,9% der Befragten sind der Ansicht, dass Sinti und Roma zu Kriminalität neigen würden. Read the rest of this entry »
In seinem Buch „NICHT SYSTEMKONFORM. Menschen und Schicksale 1938–1945“ (mehr hier) arbeitet der Hobbyhistoriker und Golser Fritz Radlspäck die Geschichte seiner burgenländischen Heimatgemeinde Gols während des Nationalsozialismus auf und erinnert an die Opfergruppen.
Schon früh wurde das Interesse von Fritz Radlspäck am Nationalsozialismus geweckt: Die Spurensuche begann mit der Auseinandersetzung mit der eigenen Familien- und Ortsgeschichte. Gerade in seiner Heimatgemeinde gab es viele Opfer: Juden, Roma, Euthanasie-Opfer, Widerstandskämpfer, politisch Verfolgte und Deserteure. Die jahrelangen Recherchen und das Sammeln von Quellen mündeten letztlich in einem Buch.
Elf Romafamilien wurden deportiert
Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebten elf Roma-Familien in Gols. Sie alle wurden deportiert und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt – keine von ihnen kehrte nach dem Krieg nach Gols zurück.
Ein Schicksal ist dem Autor besonders in Erinnerung geblieben: Die Geschichte des Golser Roms Michael Stojka, die stellvertretend für so viele in jener Zeit steht. „Kurz nachdem ein Konzentrationslager geräumt werden musste, weil die Alliierten bereits im Anrücken waren, sind sie noch einmal mit einem Zug deportiert worden. Es hat den Anschein, dass dieser Herr Stojka dann auch ein Opfer wurde, vom sogenannten Massaker von Gardelegen (Anm.: in Sachsen-Anhalt, mehr hier). Da wurden (u.a.) Roma in eine Scheune gesperrt und bei lebendigem Leib von der SA, der Hitlerjugend und der Schutzstaffel verbrannt. Also das ist etwas, das mich ganz extrem mitgenommen hat“, so Radlspäck.
„Einfach weg!“: Verschwundene Roma-Siedlungen im Burgenland. Eine Veranstaltung des Vereins GEDENKDIENST im Rahmen der Reihe „Geh Denken!“ im Republikanischen Club in Wien. Buchpräsentation und Vortrag von Gerhard Baumgartner, Historiker und wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW); Moderation: Sarah Knoll (Verein GEDENKDIENST).
Bis zu ihrer Zerstörung durch das NS-Regime bestanden auf dem Gebiet des Burgenlandes etwa 120 Siedlungen von Roma und Romnja. Ihre historischen Wurzeln reichten in zahlreichen Fällen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Nur einige wenige dieser Siedlungen sind heute noch existent. Im 2020 bei New Academic Press erschienenen Buch von Gerhard Baumgartner und Herbert Brettl wurden zahlreiche historische Bilddokumente und archivarische Quellen zusammengetragen, um die Gründung und Existenz dieser Siedlungen, das Schicksal ihrer BewohnerInnen, die Verfolgung und Zerstörung zwischen 1938 und 1945 sowie die Situation in der Nachkriegszeit zu dokumentieren. Read the rest of this entry »