Wolfgang Wippermann (1945–2021)

Januar 19th, 2021  |  Published in Ehrungen & Nachrufe, Geschichte & Gedenken, Wissenschaft

Wolfgang Wippermann (Foto. Friedrich-Meinecke-Institut)Der deutsche Historiker Wolfgang Wippermann war eine der wich­tigsten wissen­schaft­li­chen Stim­men, die den Anti­ziganis­mus und den NS-Ge­nozid an den Roma und Sinti – nach Jahr­zehn­ten des Schwei­gens – ins Be­wusst­sein der deutsch­spra­chi­gen Ge­schichts­forschung brach­te. Er ver­starb am 3. Jän­ner in Berlin. Le­sen Sie im Fo­lgen­den den Nachruf des Fried­rich-Mei­necke-Insti­tuts.

Am 3. Januar 2021 starb Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte am Fried­rich-Mei­necke-Ins­ti­tut, im Alter von 75 Jahren in Berlin. Wolf­gang Wipper­mann prägte das akade­mische Leben am Fried­rich-Mei­necke-Ins­ti­tut über viele Jahr­zehnte; er war ein leiden­schaft­lich Leh­render, ein pro­filierter Histo­riker und ein streit­barer Zeit­ge­nosse. Einer breiten Öffentl­ich­keit wurde er durch eine Stellung­nahme für Daniel Gold­hagen in der Goldha­gen-Kontro­verse der 1990er Jahre und durch die kritische Aus­einan­der­setzung mit Totalitaris­mus- und Extre­mismus­theorien bekannt. Mit dem Tod von Wolfgang Wipper­mann verliert das Fried­rich-Mei­necke-Ins­titut eine markante Forscher­persön­lichkeit und einen en­ga­gierten His­toriker.

1945 in Wesermünde geboren, studierte Wolfgang Wipper­mann in Göttingen und Marburg Ge­schichte, Germanistik und Politik­wissenschaft und kam 1973 an die Freie Univer­sität Berlin. Zwei Jahre später wurde er bei Ernst Nolte mit einer Studie zur Ideolo­gi­sierung des Deutschen Ordens in Geschichts­schrei­bung und Publizistik pro­moviert. 1978 folgte die Habilitation, wie­derum bei Ernst Nolte, die sich mit der Bona­partis­mus­theorie von Marx und Engels be­schäftigte und 1982 in der renom­mierten Reihe Geschichte und Theorie der Politik im Klett-Cotta Verlag erschien. 1983 wurde Wolfgang Wipper­mann zu­nächst außer­plan­mäßiger Professor am FMI, um ein Jahr später zum C2-Pro­fessor auf Zeit ernannt zu werden. Der Ruf auf eine Professur mit dem Schwer­punkt Faschismus­forschung wurde 1988 vom zustän­digen Berliner Senator nicht erteilt; dieser folgte nicht der Empfeh­lung des Präsidiums und der Be­rufungs­kommis­sion, die Wippermann in ihrer Besten­aus­lese auf Platz 1 der Liste ge­setzt hatten. Auch wenn Wolfgang Wipper­mann damit eine Struktur­professur auf Lebens­zeit am Fried­rich-Mei­necke ver­wehrt blieb, zählte er zu den Professor*innen des Instituts, die eigene Forschungs­themen signifikant weiter­ent­wickelten, den akade­mischen und politischen Diskurs mit­prägten und eine breite Öffent­lich­keits­wirkung hatten. Inter­national wurde ihm die Profes­soren­würde vielfach an­getragen: Von 1987 bis 1992 nahm er mehrere Gast­professuren in den USA und in China wahr, u.a. an der Duke University, der Indiana Univer­sity Bloomington, der Univer­sity of Minnesota sowie der Capital Normal Univer­sity in Peking.

Wolfgang Wippermann war ein vielseitiger und produktiver Historiker. Bis zu seinem Tode publizierte er annähernd 40 Mono­graphien, einige davon als Co-Autor, fünf Sammel­bände und rund 200 Aufsätze, Handbuch- und Lexikon­artikel. Neben Ver­öffent­lichun­gen wie zur Geschichte der Corps und Burschen­schaften oder zur Geschichte der Hunde waren und blieben seine lebens­langen wissen­schaftli­chen Schwer­punkt­themen die Auseinan­der­setzung mit Faschismus, National­sozialismus, Totalitaris­mus, Antisemitismus und Antiziganismus. Die Faschismus­forschung betrieb Wolfgang Wipper­mann in West­deutschland bereits zu einer Zeit, als diese sich zunächst vor allem in den Vereinig­ten Staaten, in Großbritannien und Frankreich ent­wickelte. Aus dieser wissen­schaft­lichen Auseinan­der­setzung erwuchs die Studie über die Faschismus­theorien, die als Grundlagen­werk gilt. Erstmals 1972 publiziert, erschien sie bis 1997 in sieben Auflagen. Inter­nationales Renom­mee er­langte Wippermann mit seiner Ver­öffentli­chung über den Racial State. Germany 1933-1945, die er gemeinsam mit dem Historiker Michael Burleigh 1991 vor­legte und die in der Folge auch in italienischer und japanischer Über­setzung erschien. Wippermann und Burleigh prägten darin den Begriff des „Rassenstaates“ und legten damit eine ideo­logi­sche Deutung der national­sozialis­tischen Rassen­ideologie vor. Weg­weisend wirkte Wippermann darüber hinaus in der Antiziganismus-For­schung. Als einer der Ersten arbeitete er zur Geschichte der Ver­folgung von Sinti und Roma vom Spät­mittelalter bis in den National­sozialis­mus und analy­sierte die Parallelen zum Antisemitismus. Ein wei­teres Forschungs­feld Wippermanns war Deutschland und der euro­päische Osten, ein Thema, das Wipper­mann aus beiden Perspek­tiven be­arbeitete und damit auch den ost­europäi­schen Blick auf dieses Verhältnis darstellte. Über­wiegend der Ideen­geschichte verpflichtet, wendete er ver­einzelt auch einen alltags­geschicht­lichen Zugriff auf die Geschichte an wie in der „Fallstudie zur Alltags­ge­schichte der Juden vom 18. Jahr­hundert bis zur NS-Zeit“, die 1985 erschien.

Gegenüber seinem akademischen Mentor Ernst Nolte unter­hielt Wipper­mann ein komplexes Ver­hältnis. Ernst Nolte, der sich promi­nent im Historikerstreit 1986 positio­nierte, übte zunächst durch seine große Sach­kenntnis und Belesen­heit eine Fas­zination auf den jungen Wippermann aus. Auch metho­disch wirkte dieser als Anhänger einer traditio­nellen Ideen­geschichte inspi­rierend, da Wippermann hierin das Poten­tial für seine Analysen der Faschismus­theorien erkannte. Zur Distan­zierung und zum end­gültigen Bruch zwischen Lehrer und Schüler kam es nach dem Spie­gel-Ge­spräch Noltes mit Augstein. Wippermann warf ihm vor, sich nah an der Grenze der Holocaust­leugnung zu be­wegen (Zeit Online, Interview 31. Juli 2011) und distan­zierte sich in der Folge politisch und wissen­schaftlich von den rechts­konservativen und rechts­nationalen Posi­tionen seines Lehrers Nolte.

Wolfgang Wippermann war ein leidenschaftlicher und politischer Historiker. Seine wissen­schaft­lichen Thesen trug er bewusst in öffent­liche Foren und Debatten hinein. Er war niemals un­ver­bindlich, sondern vertrat ent­schieden pro­filierte Meinungen und Thesen – und über­dies in ver­schiedenen Medien. Im Fernsehen war er u.a. in der Talkshow von Johannes B. Kerner zu Gast und konfrontierte dort Eva Herrmann mit ihrer mysti­fizierenden Sicht auf Frauen und deren Mutterrolle im National­sozialismus. Als seinem Selbst­verständnis nach linker Historiker, der kein Blatt vor den Mund nahm, war er zudem bei Ver­anstaltungen linker politi­scher Gruppen gern gesehen und publi­zierte in der linken Berliner Wochen­zeit­schrift Jungle World. Zusammen mit seinem politischen, linken Engage­ment pflegte er einen gewissen Konser­vatismus: Bis zu seinem Tod blieb er als Alter Herr in einer Stu­denten­ver­bindung aktiv.

Große Verdienste erwarb sich Wolfgang Wippermann insbesondere auch in der akademischen Lehre. Wippermann, für den die Lehre nie eine Last war, lehrte mit großem Engage­ment und deut­lich mehr, als sein Deputat verl­angte. Er betreute in vier Jahr­zehnten weit über Tausend Magister-, Staats­examens-, Bachelor- und Master­arbeiten und ver­sammelte einen nam­haften Kreis an Dokto­rand*innen um sich. Darüber hinaus betreute er über viele Jahre amerikani­sche Studieren­de, die mit dem Ful­bright-Programm an die FU kamen. Seine Schü­ler*innen schätzten ihn als einen solitären, diskussions­freudigen, meinungs­starken und stets zuge­wandten akade­mischen Lehrer, der intensiv betreute, exzellent auf Prüfungen vor­bereitete und immer auch die Freiheit ließ, eigene Wege zu gehen. Das Fried­rich-Mei­necke-Ins­titut verliert mit Wolfgang Wipper­mann einen enga­gierten Kollegen, der sich und seinem wissen­schaft­lichen wie politischen Selbst­ver­ständnis bis zu seinem Tode treu blieb.

Univ.-Prof. Dr. Daniela Hacke (PhD), Geschäftsführende Direkto­rin des Fried­rich-Mei­necke-Ins­tituts

Die Beisetzung findet am Dienstag, den 26. Januar 2021, um 11.00 Uhr auf dem Wald­friedhof Zehlen­dorf in 14129 Berlin-Ni­kolassee, Pots­damer Chaussee 75 (Ein­gang Wasgen­steig), statt.

(Text: www.geschkult.fu-berlin.de)

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