Digitale Quellenedition zum NS-Völkermord

August 29th, 2026  |  Published in Einrichtungen, Geschichte & Gedenken, Internet & Blogothek, Wissenschaft

Sammlung der Forschungsstelle Antiziganismus: Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, und Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, Theresia Bauer, besichtigen Exponate der Sammlung, Juli 2022 (Foto: Forschungsstelle Antiziganismus)Forschungsstelle Antiziganismus ediert Quellen zum NS-Völ­ker­mord an den Sinti und Roma in Europa. Die Arbeiten zum neun­jäh­ri­gen Pro­jekt wur­den zu Jahres­beginn auf­­ge­­nommen.

Eine groß angelegte digitale Edition führt Quellen zum national­sozialis­tischen Völkermord an den Sinti und Roma in Europa zusam­men und macht sie für Forschung und Öffent­lich­keit zugäng­lich. Publi­ziert werden sollen rund 1.200 Doku­mente – Schrift­stücke aus dem Ver­waltungs- und Ver­folgungs­apparat, ergänzt um Quellen aus der Per­spektive der Opfer. Angesiedelt ist das von der Deutschen Forschungs­gemeinschaft geförderte Projekt an der Forschungs­stelle Anti­ziganis­mus der Univer­sität Heidelberg. Für die Gesamt­laufzeit von neun Jahren stehen Förder­mittel in Höhe von rund 4,5 Millionen Euro zur Verfügung. Das Vorhaben basiert maßgeblich auf der digitalen „Enzyklopädie des NS-Völker­mordes an den Sinti und Roma in Europa“, die seit Juli 2020 eben­falls an der For­schungs­stelle entsteht.

„Der NS-Völkermord an den Sinti und Roma wurde nicht nur gesell­schaft­lich und politisch jahrzehnte­lang ignoriert, sondern auch in der Forschung kaum beachtet“, erläutert die Histori­kerin Dr. Karola Fings, wissen­schaftliche Leiterin der beiden Projekte. Ziel ist es, mit der „Edition zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma in Europa“ alle Ver­folgungs­prozesse von der rassistischen Stig­matise­rung bis hin zum Mord in den Vernichtungs­lagern ab­zu­bilden. Geo­grafisch umfasst die Edition sämt­liche Länder, in denen Sinti und Roma unter deutscher Vor­herr­schaft oder durch mit Deutschland ver­bündete Staaten verfolgt wurden. Darüber hinaus werden auch neutrale Staaten sowie die westlichen Kriegs­gegner des Deutschen Reiches ein­bezogen. Die Edition vereint erstmals alle für die ver­schie­denen Tatkomplexe des Völker­mordes relevan­ten Schriftstücke aus dem Ver­waltungs- und Verfolgungs­apparat. „Dieses Schrifttum“, so Dr. Fings, „wird kon­sequent durch Quellen aus der Per­spektive der Opfer ergänzt, um ihre Individualität und Selbst­behauptung sichtbar zu machen und den antiz­iganisti­schen Deutungs­mustern der Tät­erin­­nen und Täter eine eigen­ständige Über­lieferung entgegen­zustellen.“

„Die Edition leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Erweiterung der kulturellen Gedächtnisse Europas und schafft einen langfristig an­gelegten Wissensspeicher für die Zukunft, der nicht zuletzt mit Blick auf den gegenwärtigen Antiziganismus hochrelevant ist“, betont Dr. Frank Reuter, wissen­schaftli­cher Geschäfts­führer der Forschungs­stelle Antiziganismus. In ihrer Funktion als kuratiertes Archiv soll die Edition vielfältige Anstöße geben und Ausgangspunkt für weitere Forschungsprojekte sein. „Auch mit Blick auf die Bedeutung des ost- und südost­europäi­schen Tat­raumes für den Völkermord an den Sinti und Roma wird das Vorhaben weitere Erkenntnisse ermög­lichen“, so Prof. Dr. Tanja Penter, Osteuropahistorikerin und wissenschaftliche Leiterin der For­schungs­stelle Antiziganismus. Als Antrag­steller werden Dr. Fings, Dr. Reuter und Prof. Penter sowie Dr. Brigitte Grote, Leiterin des Bereichs Digitale Forschungs­infra­struktu­ren an der Freien Univer­sität Berlin, das Projekt gemeinsam mit der Heidelberger Wirtschafts- und Sozial­histori­kerin Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern leiten. Die Arbeiten wurden zu Beginn dieses Jahres auf­ge­nommen.

Die Edition stützt sich inhaltlich auf die digitale „Enzyklopädie des NS-Völker­mordes an den Sinti und Roma in Europa“, die mit Förderung durch das Aus­wärtige Amt an der For­schungs­stelle Antiziganismus entsteht. Sie führt das weit verstreute, oft schwer zugäng­liche historische Wissen zum Völker­mord und seinen Ursachen, Struk­turen und seinem Verlauf zusam­men und leistet damit eine wesent­liche Vorarbeit für die digitale Quellen­edition. Begleitet wird das Vorhaben, das sich auf ein Netzwerk von mehr als 100 Expertin­nen und Experten aus 26 Ländern stützt, durch einen internationalen wissen­schaft­li­chen Beirat.

Die Forschungsstelle Antiziganismus wurde als europaweit erste und bislang einzige akade­mische Insti­tution mit diesem inhaltli­chen Schwerpunkt am Historischen Seminar der Univer­sität Heidelberg etabliert. Seit 2017 wird dort zu Ursachen, Formen und Folgen des Anti­ziganismus in den euro­päischen Gesell­schaften vom Mittelalter bis in die Gegen­wart ge­forscht.

(Text: Universität Heidelberg/Pressemitteilung Nr. 13/2026)

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