Genetische Studien an Romnja und Roma

April 16th, 2021  |  Published in Internet & Blogothek, Rassismus & Menschenrechte, Veranstaltungen & Ausstellungen, Wissenschaft

Vortrag und Diskussion: Genetische Studien an Rom­nja und Roma (Bild: Pixabay)Online-Vortrag und -Diskussion mit Prof. Veronika Lipphardt (Frei­burg) und Dr. Mihai Surdu (Hei­del­berg): Ge­ne­ti­sche Stu­di­en an Romnja und Roma. Eine kri­ti­sche Be­stands­auf­nahme zu ihrer Ent­ste­hung und Nut­zung

16. April 2021, 18 bis 19.30 Uhr
Moderation: Anja Reuss (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma)
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Genetische Untersuchungen an Roma haben eine über 100 Jahre alte For­schungs­ge­schichte. An­hand von ca. 440 Studien, d. h. popu­la­tions-, me­dizin- und foren­sisch-ge­ne­tischen Unter­suchun­gen an Romnja und Roma, zei­gen wir, dass viele dieser Publika­tio­nen so­wohl metho­dische und kon­zeptio­nelle Maß­stäbe der Re­präsen­tati­vität als auch ethische Standards ver­nach­läs­sigen. Dies gilt auch für DNA-Studien, die seit 1990 er­schie­nen sind. Auf der epistemi­schen Ebene hinter­fragen wir die Dar­stellung von Roma als „genetisches Isolat“ und die ihr zu­grunde­liegen­den Kon­zepte, wobei wir ins­besondere die Strate­gien der Daten­erhebungen in den Blick neh­men. Auf der ethischen Ebene zeigen wir, dass vor allem foren­sische Studien und Datensätze selten ethische An­for­derun­gen er­füllen. Außer­dem verdeutlichen wir, dass das außer­gewöhnlich starke Interes­se der foren­si­schen Genetik an Roma dazu bei­trägt, sie als „suspect population“ zu stig­mati­sieren. Wir stellen einen all­gemeinen Mangel an Trans­parenz und ethischer Sen­sibilität für DNA-Daten von Roma in geneti­schen Studien und vor allem in foren­sisch-ge­neti­schen Fors­chungs­kon­texten fest. Für mehrere Studien werden Ko-Autor/in­nen auf­geführt, die mit Er­mittlungs­behörden oder dem Militär in Ver­bindung stehen. Für einige Daten wurde die Zu­stimmung der Pro­band/in­nen möglicher­weise für ande­re als forensi­sche Zwecke ein­geholt. Auch medizin- und popu­lations­geneti­sche Stu­dien über Roma er­füllen nicht immer die ethischen An­forderun­gen. In einigen Fällen verbergen Praktiken der gemein­samen Daten­nutzung und eine in­trans­parente Bericht­erstat­tung mög­licher­weise das, was wir „Datenwäsche“ nennen.

Wir diskutieren unsere Ergebnisse vor dem Hintergrund der opti­misti­schen Prog­nose Roger Brubakers, dass die „neue Genetik“ helfen könnte, essentialis­tische Vor­stellun­gen von Gruppen zu über­winden. Darüber hinaus zei­gen wir auf, wie diese Studien auf vielen Ebe­nen zur Rassifizierung von Romnja und Roma bei­tragen.

Das Gespräch wird mit der Software Zoom durch­geführt und findet zweis­pra­chig auf Deutsch und Englisch statt. Für die Teil­nahme melden Sie sich bitte per E-Mail unter berlin@sintiundroma.de an. Zu­sätzlich wird die Ver­anstal­tung auf der Face­book-Seite des Bil­dungs­forums gegen Anti­ziganis­mus ge­streamt.

Die Referent/innen:

Veronika Lipphardt ist Professorin für Wissenschafts- und Technik­for­schung am Univer­sity College Freiburg. Sie ist aus­ge­bildete Biologin und Historikerin und hat in Wissenschafts­geschichte pro­mo­viert. Ihre Forschungs­schwer­punkte sind die Geschichte und Gegen­wart der Populations­genetik und foren­sischen Genetik. Ge­mein­sam mit Kol­le­gin­nen und Kol­legen aus unter­schied­li­chen Dis­zip­linen hat sie die For­schungs­initia­tive „WIE-DNA“ ge­gründet und mit inter­dis­zipli­nären Ko-Au­torIn­nen­teams For­schungs­beiträge in Zeit­schriften aus den Lebens- sowie den Sozial- und Geistes­wissenschaften ver­öf­fent­licht.

Dr. Mihai Surdu ist Soziologe und derzeit Inhaber des Roma­ni-Rose-Fel­low­ships. Seine aktuel­le Forschung kon­zentriert sich auf Genetik und Gesell­schaft. Zuvor hat er sich kritisch mit der Politik der Wissens­pro­duktion über Roma aus­einan­der­gesetzt, wobei er sich auf Ver­fahren der Daten­erhebung, Pro­zesse der Stigmati­sierung und Minorisierung so­wie soziale Folgen der eth­nischen Katego­ri­sierung in ver­schie­denen Be­reichen kon­zentrierte. Seine For­schung wurde von ver­schie­denen Organi­sationen unter­stützt: Deutsche Forschungs­gemein­schaft (DFG), Freiburg Insti­tute of Ad­vanced Studies (FRIAS), das Insti­tute of Ad­vanced Study der Central Euro­pean Uni­versity, das Max-Planck-Insti­tut für Wissenschafts­geschichte und die Open So­ciety Foun­dations.

Eine Veranstaltung der Gesellschaft für Antiziganismusforschung in Kooperation mit dem
Bildungsforum gegen Antiziganismus.

(Text: gegen-antiziganismus.de)

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