Bettelverbot: Schweiz vom EGMR verurteilt
Januar 25th, 2021 | Published in Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Urteil gegen die Schweiz: Haftstrafe wegen „stillen Bettelns“ war menschenrechtswidrig
In seinem Urteil vom 19. Jänner (Lăcătuş gegen Schweiz [Appl. no. 14065/15]; Pressemitteilung, Legal Summary) hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) der Beschwerde einer rumänischen Romni (28) Recht gegeben, die in der Schweiz wegen „stillen Bettelns“ bestraft wurde. Die Frau hatte seit 2011 im öffentlichen Raum in Genf trotz bestehenden Verbots gebettelt. Sie berief gegen die wiederholten Strafverfügungen der Polizei. Anfang 2014 wurde sie vom Genfer Polizeigericht daraufhin zu einer Geldstrafe von 500 Franken verurteilt; eine kleinere Summe, die ihr bei einer Polizeikontrolle abgenommen wurde, wurde einbehalten. Weil die mittellose Frau die Strafsumme nicht zahlen konnte, wurde sie im März 2015 fünf Tage lang ersatzweise in Haft genommen.
Die Straßburger Richter urteilten nun, dass diese Strafmaßnahmen nicht verhältnismäßig seien und somit die Grundrechte der bettelnden Frau verletzten: ”The Court observed that this was a severe sanction. A measure of this kind had to be justified by sound reasons in the public interest, which had not been present in this case.“ Die Schweiz ist nun verpflichtet, der jungen Frau umgerechnet rund 920 Euro an Schadenersatz zu zahlen.
Recht, ihrer Not öffentlich Ausdruck zu verleihen
Die Richter folgten somit nicht der Rechtsauffassung des Schweizer Bundesgerichts, dass weniger restriktive Maßnahmen nicht ausreichend effektiv seien. Angesichts ihrer prekären Lebenssituation, so der EGMR, habe die Frau aufgrund ihrer Menschenwürde das Recht, ihrer Not öffentlich Ausdruck zu verleihen und zu versuchen, ihre existenziellen Bedürfnisse durch Betteln zu decken:
Begging constituted a means of survival for her. The Court considered that, being in a clearly vulnerable situation, the applicant had had the right, inherent in human dignity, to be able to convey her plight and attempt to meet her basic needs by begging.
Insbesondere rügte das Urteil die pauschale Kriminalisierung des Bettelns: Read the rest of this entry »