Archive for Februar 12th, 2020

Gerhard Baumgartner: „Das Ende der Illusionen“

Februar 12th, 2020  |  Published in Geschichte & Gedenken

Trauer nach dem Vierfachmord in OberwartDie von Gerhard Baumgartner, dem Wis­sen­schaft­li­chen Lei­ter des DÖW, im Rah­men der Ge­denk­feier für die Opfer des Bom­ben­atten­tats von Oberwart ge­hal­te­ne Rede zum Nach­lesen, ver­öf­fent­licht auf der Web­site des Do­ku­men­ta­tions­ar­chivs des ös­ter­rei­chi­schen Wi­der­stands.

Ansprache im Rahmen der Gedenkfeier für die Opfer des Bomben­attentats von Ober­wart vor 25 Jah­ren, Ober­wart, 4. Febru­ar 2020

Das Bombenattentat von Oberwart war der erste [Anm.: innen-]politische Mord der Nach­kriegs­zeit: ein Öster­reicher tötete vier seiner Landsleute aus politi­schen Motiven. Das Attentat mar­kiert das Ende von fünf Jahr­zehnten fried­fertiger und konsen­sualer Politik in Österreich und ein Wieder­erwachen eines mörde­ri­schen, rassisti­schen Rechts­extremis­mus. Erwin Horvath, Karl Horvath, Peter Sarközi und Josef Simon wur­den Opfer einer rechts­extre­men Ideologie, die sich gegen Minder­heiten im eigenen Land und gegen Zu­wan­derer und Zu­wanderin­nen rich­tete und richtet.

Die Bombe von Oberwart war eine direkte Reaktion auf die Anerkennung der Roma als öster­rei­chi­sche Volks­gruppe. Mit ein­stim­migem Be­schluss des National­rates vom 16. Dezem­ber 1993 wurden die öster­reichi­schen Roma- und Sinti­gruppen unter der Bezeich­nung „Volksgruppe der Roma“ als sechs­te öster­reichi­sche Volksgruppe an­erkannt. Dem war ein langes und zähes Rin­gen voraus­gegan­gen. Schon seit den 1970er-Jah­ren hatten Ver­treter der österrei­chi­schen Volks­gruppen und inter­natio­nale Roma-Ak­tivis­ten immer wieder eine Anerken­nung im Sinne des Volks­gruppen­gesetzes 1976 ge­fordert. Am 15. Juli 1989 wurde hier in Oberwart der erste Ver­tretungs­verein der Volks­gruppe etabliert. Die Be­mühun­gen des Vereins unter der Leitung des ersten Prä­sidenten Ludwig Papai führten schon vier Jahre später zur offiziel­len An­erken­nung.

Mit dieser Anerkennung gelang es den österreichischen Roma und Sinti – wie es der erste Vor­sitzende des Volks­gruppen­beirates Prof. Rudolf Sarközi formulierte –, einen Schritt vom Rand der öster­reichi­schen Gesell­schaft in deren Mitte zu machen. Die An­erken­nung mar­kierte tatsächlich das Ende einer jahr­hunderte­langen institu­tio­na­lisier­ten Ver­folgungs­geschichte – auch durch die Re­publik Österreich.

In der Zwischenkriegszeit lebten rund 12.000 österreichische Roma und Sinti auf dem Gebiet des heuti­gen Österreich, die Mehr­zahl davon, rund 9.000, im Burgenland. Dem Rassen­wahn und der Ver­folgungs­politik der National­sozialisten fielen 90 Pro­zent der öster­rei­chi­schen Roma­bevöl­kerung zum Opfer. Read the rest of this entry »