Schweiz: Roma keine „nationale Minderheit“
Juni 2nd, 2018 | Published in Politik, Rassismus & Menschenrechte, Recht & Gericht
Der Schweizer Bundesrat hat gestern entschieden, das Gesuch um Anerkennung der Roma als nationale Minderheit im Rahmen der Minderheitenkonvention des Europarates abzulehnen. Schweizer Roma-Organisationen und die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) kritisieren diesen Entscheid scharf und prüfen weitere Schritte.
Gemeinsame Medienmitteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker, Rroma Foundation, Romano Dialog, Verband Sinti und Roma Schweiz, Rroma Jam Session Art Kollektiv und Roma Visionen konkret, 1.6.2018:
Heute hat der Bundesrat das Gesuch Schweizer Roma-Organisationen um Anerkennung als nationale Minderheit abgelehnt. „Dieser Entscheid ist sehr bedauerlich“, kritisiert Stéphane Laederich, Executive Director der Rroma Foundation. „Es zeigt einmal mehr, dass Roma trotz jahrhundertelanger Anwesenheit in der Schweiz noch immer als Fremdkörper wahrgenommen werden.“ Trotz Repression, Deportation und Verfolgung sind Roma seit über 600 Jahren ein Teil der Schweizer Realität. Die erste Ankunft von Roma auf Schweizer Territorium ist in Zürich im Jahr 1418 dokumentiert. Von 1471 bis 1972 erneuerte die Schweiz immer wieder die angeordneten Einreisesperren gegen die Roma. Trotzdem sind Roma seit Jahrhunderten in der Schweiz präsent, viele davon ohne sich als Roma erkenntlich zu geben.
Minderheiten werden gegeneinander ausgespielt
2016 anerkannte der Bundesrat die Sinti (Anm. d. dROMa-Red.: und die Jenischen; damit wurde der vorherige Sammelbegriff „Fahrende“ ersetzt) unter ihrer Selbstbezeichnung als nationale Minderheit an. Sinti sind eine Teilgruppe der Roma, die – wie viele andere Gruppen (Kalderascha, Lowara und andere), ihren eigenen Gruppennamen bevorzugen. „In Anbetracht der historischen Verbindung dieser beiden Gruppen und der gemeinsamen Sprache Romanes ist es nicht nachvollziehbar, warum die Sinti, nicht aber die Roma von der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt werden“, sagt Kemal Sadulov, Präsident des Vereins Romano Dialog. „Mit dem heutigen Entscheid des Bundesrates werden einmal mehr Minderheiten gegeneinander ausgespielt. Das ist diskriminierend.“