„Eine wahnsinnig komplexe Angelegenheit“
Oktober 15th, 2016 | Published in Film & Theater, Interview, Jugend & Bildung
Interview der Budapester Zeitung mit Stefan Ludwig, Regisseur des Dokumentarfilms „Der zornige Buddha“ (mehr hier und hier)
Herr Ludwig, wie kommt ein Dokumentarfilmmacher aus Deutschland, der in Österreich lebt, dazu, einen Film über eine buddhistische Schule für Roma in Ostungarn zu drehen? Wie sind Sie zu dem exotischen Thema gekommen?
St. L.: Ich finde es gar nicht exotisch. Ich denke, es ist ein universelles Thema und die Situation in Sajókaza steht beispielhaft für jede Situation, in der Menschen von Bildung ausgeschlossen sind. Allerdings hatte ich mich zuvor nur wenig mit Ungarn beschäftigt. 2011 wurde ich durch die Ereignisse in Gyöngyöspata auf die Situation der ungarischen Roma aufmerksam. Dort marschierten paramilitärische Truppen in Romasiedlungen auf und sorgten tagelang für Angst. Ich habe mich damals gefragt: ‚Was ist da eigentlich los?‘ und habe begonnen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich bin dann auf einen Artikel von János Orsós gestoßen. Er beschreibt darin, wie er als Rom seinen Weg zu Bildung gefunden hat und dass er selbst nach dem Diplom noch das Gefühl hatte, sich beweisen zu müssen. Er ist sein Leben lang auf der Suche und findet erst in Indien das Positivbeispiel, das ihm die Hoffnung gibt, dass auch seine eigenen Leute ihre Lage verbessern können. Das fand ich eine große, spannende Geschichte. Ich habe mit ihm Kontakt aufgenommen und bin dann bald das erste Mal hingefahren, um zu recherchieren.
Wie ging es dann weiter?
Ich durfte wochenlang bei ihnen Gast sein und hatte meine eigene Matratze im buddhistischen Gemeindezentrum, wo sie auch schlafen. Man gab mir überraschend viel Zugang zur Schule, ich konnte sogar im Unterricht ein- und ausgehen. Die Schüler sind nicht schüchtern, wenn es darum geht, ins Gespräch zu kommen – im Gegenteil, sie fangen sogar schnell an, einen aufs Korn zu nehmen, sagen einem zum Beispiel unanständige Wörter und freuen sich, wenn man sie nachspricht. Doch sie sind auch unglaublich kamerascheu und gerade, wenn es darum geht, ernsthaft zu werden und darüber zu reden, wer sie sind, was für Träume sie haben und was sie sich vom Leben erwarten, sind sie sehr zurückhaltend. Read the rest of this entry »