Diagonale: Der zornige Buddha
März 12th, 2016 | Published in Film & Theater, Jugend & Bildung, Religion
Dokumentarfilm, AT/DE 2016, 98 min.
Buch & Regie: Stefan Ludwig
„Der zornige Buddha“ zeichnet liebevolle und ungeschminkte Porträts der Roma-Jugendlichen, die in einer Welt voller Elend und Vorurteil mit Witz und Lebensenergie ihren Weg suchen. Es sind keine auffrisierten Erfolgsstorys. Sondern Schicksale, die deutlich machen, wie weit der Weg von der Roma-Siedlung auf die Uni wirklich ist. (Produktionsnotiz)
„Eine Zweite-Chance-Schule für die, die nie eine erste Chance hatten“ – Um marginalisierten Roma-Jugendlichen eine Perspektive für ihre Zukunft zu bieten, gründete János Orsós, selbst Rom, in einem ungarischen Dorf das buddhistische Ambedkar-Gymnasium. „Der zornige Buddha“ erzählt von den kräftezehrenden Bemühungen des Lehrers und seines Mitstreiters Tibor Derdák, den verarmten Jugendlichen durch Bildung und Spiritualität zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen und sie im Kampf gegen gesellschaftliche Ausgrenzung zu stärken. Vorbild der Mentoren ist der durch den Sozialreformer Bhimrao Ramji Ambedkar inspirierte Aufbruch der Dalits, der als „Unberührbare“ gebrandmarkten Bevölkerungsgruppe in Indien, dem Ursprungsland der Roma und des Buddhismus. In ihrem Kampf stoßen Orsós und Derdák immer wieder auf Widerstände: Ablehnung und Anfeindungen seitens der ungarischen Dorfgemeinschaft, eine erstarkende nationalistisch-rassistische Politik, Finanzkürzungen und Schließungen von Schulen und nicht zuletzt resignierende Roma-Eltern und -Schüler/innen. Über einen Zeitraum von fast drei Jahren besuchte Regisseur Stefan Ludwig regelmäßig die Schule in Ungarn. Dabei erweist er sich als sensibler, zurückhaltender und genauer Beobachter, der insistierend freilegt, wie sich Ungleichheit reproduzierende Strukturen auf die Jugendlichen auswirken. Weder experimentell verschachtelt noch effekthascherisch geht Ludwig mit konzentrierten filmischen Mitteln einen Bund mit den Protagonist/innen ein – und erzählt in nuancierten Zwischentönen von deren Zukunftsaussichten, die nur selten von solchen sozialen Projekten befördert werden. In einer der eindrücklichsten Szenen belauscht die Kamera eine Gesprächsrunde von vier Teenagern: Witze über Menstruation, gegenseitiges Necken. Es ist ein Moment jugendlicher Lebensrealität, der sich jeder moralischen Aufladung widersetzt. Ein Bild der Normalität und Intimität, wie es in wahlverwandten Dokumentarfilmen oft ausgespart bleibt. Und vielleicht gerade deswegen das beste Statement gegen jegliche Form nationalistisch motivierter Repression.
(Text: Diagonale 2016, Katalog, mk)