Diagonale: Brüder der Nacht

März 11th, 2016  |  Published in Film & Theater

Brüder der Nacht (Filmstill; )Dokumentarfilm, AT 2016, 88 min, OmdU
Buch & Regie: Patric Chiha

Wenn es dunkel wird über der Donau: eine Welt des Scheins, der Künst­lich­keit, der Illusio­nen. Herun­ter­ge­kom­mene Bars ver­wan­deln sich in sur­real sti­li­sierte Bühnen­räume, in denen junge Männer ihre schönen, fra­gi­len Körper aus­stel­len. Sie lun­gern herum, posen, rau­chen, trin­ken, reden, tanzen. Und sie ver­kau­fen ihre Körper – an andere Män­ner. Die Sze­ne­rie ist eben­so theatra­lisch wie die dar­ge­bo­te­nen Ver­kör­pe­run­gen homo­eroti­scher Phan­tas­ma­go­rien und Ikono­gra­fien: Der rebel­li­sche Wilde in schwar­zer Leder­jacke, die eroti­sche Licht­gestalt des Matro­sen, der TransvestitPosen, Ele­ganz, Glanz. Patric Chihas scho­nungs­loser, träu­me­ri­scher und ästhe­ti­sier­ter Doku­men­tar­film taucht in die Lebens­rea­li­tät bul­ga­ri­scher Roma ein, die sich in Wien als Stricher ver­din­gen. Kein Film, der so­zia­le Ver­hält­nis­se er­klä­ren will oder gar einen mit­leidi­gen Blick auf das Milieu wirft – „Brüder der Nacht feiert seine Prota­go­nis­ten in all ihrer Schön­heit und Größe.

Patric Chiha bie­tet seinen Helden an ir­real gestal­te­ten, durch Gustav Mahlers schmerz­lich-sehn­süch­tige Sinfo­nien theatra­li­sier­ten „Nicht-Orten“ eine Bühne – eine, auf de­nen sie Gangster oder Ver­füh­rer spie­len, auf der sie über­trei­ben, ihre Ge­schichte und sich selbst insze­nie­ren kön­nen, ohne dass Authen­ti­zi­tät und Spiel, Wahr­heit und Lüge klar zu defi­nie­ren sind. Wie bei den mehr­heit­lich hetero­sexuel­len jun­gen Män­nern die Grenzen der Selbst­defi­ni­tion durch Rollen­spiel und schwulen Sex bis­wei­len ver­schwim­men, wird auch die Grenze zwischen Doku­men­ta­ri­schem und Fiktio­na­lem fluid. Ihr Beruf und der Film teilen das Perfor­ma­tive: Künst­lich­keit, Ober­flä­chen, Bewe­gun­gen, Schein – in der Rea­li­tät der Stricher und des Mediums. Spie­gel, Rahmen, Ver­frem­dung. Jede Kadrage eine Kom­po­si­tion. Zur Beto­nung des Schein­charak­ters der Kulis­sen und Figuren sind die Hand­lungs­räume in inten­si­ves komple­men­tä­res Licht, in gelb-orange-ro­ten und blau-grü­nen Schim­mer ge­taucht. Eine ästhe­ti­sche Hommage auf das cinéma du look, frühe Techni­color-Mu­sicals, Gangster­filme und die Figuren Genets, Fassbinders, Angers und Pasolinis. Trotz aller Künst­lich­keit – oder gera­de durch sie – über­trägt sich doch Wahr­heit: ein Gefühl von Gemein­schaft, in der die Stricher für einen Mo­ment jung, schön und frei im Hier und Jetzt leben kön­nen. Die Brüder der Nacht werden hier als bunte Schat­ten des Tages, des everyday life sicht­bar – in einem zärt­li­chen Blick, an dem wir teil­haben, bis es wieder hell wird.

(Text: Diagonale 2016, Katalogtext, mk)

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