Im Gespräch: Tony Gatlif
März 28th, 2010 | Published in Film & Theater, Geschichte & Gedenken
Was ist Freiheit, Monsieur Gatlif?
Interview mit Hansgeorg Hermann, FAZ vom 27.3.2010
Tony Gatlif wird als Michel Dahmani am 10. September 1948 in Algier geboren. Als Kind einer Familie aus Kabylen und Roma entwickelt er früh Interesse für beide Kulturen. Als Zwölfjähriger wandert Gatlif 1960 nach Frankreich aus. Von 1966 an nimmt er Schauspielunterricht. Sein Debütfilm als Regisseur ist 1975 „La Tête en ruine“. Den internationalen Durchbruch erlebt er aber erst 1997 mit „Gadjo Dilo“. Auf den Filmfestspielen von Cannes gewinnt er 2004 mit „Exils“ den Preis für die beste Regie. Sein jüngster Film, „Liberté“, kommt Ende Februar 2010 in die französischen Kinos und löst eine Debatte über den Umgang mit „Zigeunern“ aus.
FAZ: Als Ihr Film „Liberté“ abgelaufen war und das Licht hier im „Mémorial de la Shoah“ wieder anging, rief jemand aus dem Publikum: „Auf diesen Film haben wir vierzig Jahre gewartet!“ An diesem speziellen Ort die Frage: Sind Roma und Juden Schicksalsgenossen?
Tony Gatlif: In ganz besonderer Weise. Beide Gesellschaftsgruppen wurden über Jahrhunderte diskriminiert und verfolgt. Vor siebzig Jahren bedeutete die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen, mitten in Frankreich, fast automatisch den Tod. Die „Zigeuner-Politik“ in Deutschland und Frankreich hatte seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts den Genozid angekündigt, sie war eine Art Testlauf für die Staatsbürokratien Europas, ein Modell, das man danach in Deutschland und im Vichy-Regime für die Ausgrenzung und vor allem die Deklarierung dieser Bevölkerungsgruppen übernommen hat. Eine jüdische Historikerin und Roma-Expertin, die mich bei den Dreharbeiten beriet, sagte zu mir: Meine Leute wurden von den Nazis nicht ermordet, weil sie Juden waren, sondern weil man sie als Juden deklariert hat. Das heißt, die deutschen Juden waren Deutsche, die tsiganes in Frankreich waren Franzosen – seit dem Mittelalter. Für mich als französicher Regisseur war der Film ein Risiko, denn er rührt an Dinge, die keiner hören oder gar sehen mag. Und er stellt zwangsläufig Parallelen zur Gegenwart her. Read the rest of this entry »